Die Schwärmer: Schauspiel in drei Aufzügen

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Sibyllen-Verlag, 1921 - 243 Seiten
 

Ausgewählte Seiten

Häufige Begriffe und Wortgruppen

Beliebte Passagen

Seite 158 - Wort behaupten, daß ich überfordere; am Ende, daß ich zu rigoros war. Oder umgekehrt: daß ich solch eine gewöhnliche Kompromißnatur bin? THOMAS: Ich will nur behaupten, was niemand bestreitet, daß du ein tüchtiger Mensch bist, der sich eine solide Grundlage schaffen muß! Ich will gar nichts andres behaupten. Du gehst auf einem ausgelegten Balkennetz; es gibt aber Menschen, die von den dazwischenliegenden Löchern angezogen werden hinunterzublicken.
Seite 49 - Es gibt Menschen, die immer nur wissen werden, was sein könnte, während die andren wie Detektive wissen, was ist. Die etwas Bewegliches bergen, wo die andren fest sind. Eine Ahnung von Andersseinkönnen. Ein richtungsloses Gefühl ohne Neigung und Abneigung zwischen den Erhebungen und Gewohnheiten der Welt. Ein Heimweh, aber ohne Heimat. Das macht alles möglich!
Seite 162 - Wir saßen in einem Schrank und unsre Halsadern glucksten vor Aufregung. Er unterbricht sich. Aber Unsinn, wir sind keine Kinder mehr. Auf die von Regine abgeschrittenen Muster deutend. Man kommt nie aus dem Vorgezeichneten heraus. Manchmal ist mir, als wäre alles schon in der Kindheit beschlossen gewesen. Steigend, kommt man immer wieder an den gleichen Punkten vorbei, dreht sich über dem vorgezeichneten Grundriß im Leeren. Wie eine Wendeltreppe.
Seite 49 - Als wir jung waren, wußten wir, daß das, was wirklich geschieht, ganz unwichtig ist neben dem, was geschehen könnte. Daß der ganze Fortschritt der Menschheit in dem steckt, was nicht geschieht. Sondern gedacht wird; ihre Ungewißheit, ihr Feuer. Als wir jung waren, fühlten wir : leidenschaftliche Menschen haben überhaupt kein Gefühl in sich, sondern gestaltlose, nackte Stürme von Kraft ! ! ANSELM (ebenfalls erregt) Ja; und heute weiß ich einfach, daß das falsch und jugendlich war.
Seite 87 - Sie singt ja. Es war nicht Lüge, Schmutz singt sie! Nicht Erniedrigung vor Schweinen, Mannstollheit. Nicht Schwäche, gekünstelte Ausrede, Aberglaube; Kranksein, Schlechtsein. Das kann man nur singen. In gewöhnlicher Sprache ist es das gewesen ! , FRÄULEIN MERTENS (vor Empörung und Überraschung fast wortlos) Doktor Anselm...??? ANSELM Die Männer haben ihr nie auch nur das geringste bedeutet, oh, gewiß, ich weiß ! Sie hat Johannes sterben lassen, sie hat Josef geheiratet, wie man einen Verwalter...
Seite 5 - Szene muß in der Wiedergabe ebensosehr Einbildung wie Wirklichkeit sein. Die Wände sind aus Leinen, Türen und Fenster sind darin ausgeschnitten, ihre Umrahmung gemalt; sie sind nicht starr, sondern unruhig und in engen Grenzen beweglich. Der Fußboden ist phantastisch gefärbt. Die Möbel gemahnen an Abstraktionen wie die Drahtmodelle von Kristallen; sie müssen zwar wirklich und benutzbar sein, aber wie durch jenen Kristallisationsvorgang entstanden, der zuweilen für einen Augenblick den Fluß...
Seite 139 - Kniff benützt und einiges als konstant voraussetzt. Eine Tugend als höchste. Oder Gott. Oder man liebt die Menschen. Oder man haßt sie. Man ist religiös oder modern. Leidenschaftlich oder enttäuscht. Kriegerisch oder pazifistisch. Und so weiter und so weiter, diesen ganzen geistigen Jahrmarkt entlang, der heute für jedes seelische Bedürfnis seine Buden offen hält. Man tritt bloß ein und findet sofort seine Gefühle und Überzeugungen auf Lebensdauer und für jeden denkbaren Einzelfall. Schwer...
Seite 113 - Ich werde mir Gehör zu verschaffen wissen. Ich will mir nicht vorwerfen müssen, daß ich durch Unentschlossenheit mich mitschuldig gemacht habe. Ab. THOMAS durchmißt in höchster Qual einigemal das Zimmer: Du würdest denken, solch jahrelanges Beisammensein sei etwas Geistiges. Dann kommt einer, nichts hat sich geändert, aber alles, was du tust, ist ohne Bedeutung und alles, was er tut, bedeutet etwas. Deine Worte, die vordem tief eindrangen, fallen dir unbeachtet vom Munde. Wo ist Seele, Ordnung,...
Seite 169 - REGINE lächelnd: Thomas, Thomas, du bist ein fühlloser Verstandesmensch. THOMAS: Nein nein, Regine, wenn irgendwer, so bin gerade ich ein Träumer. Und du ein Träumer. Das sind scheinbar die gefühllosen Menschen. Sie wandern, sehn zu, was die Leute machen, die sich in der Welt zu Hause fühlen. Und tragen etwas in sich, das die nicht spüren. Ein Sinken in jedem Augenblick durch alles hindurch ins Bodenlose. Ohne unterzugehn. Den Schöpfungszustand.
Seite 32 - Hast du mich da nicht gehaßt wie ein Messer, das dir immerzu im Weg liegt? MARIA schmerzlich ruhig und überzeugt: Das ist das Ende der Liebe. THOMAS jubelnd: Nein! Der wahre Anfang! So versteh doch: Liebe ist das einzige, was es zwischen Mann und Frau überhaupt nicht gibt! Als einen eigenen Zustand. Das wirkliche Erlebnis ist einfach: ein Erwachen. Lebhaft. Ich habe dich neben mir aufwachsen gesehn: brüderlich, aber natürlich nicht ganz mit der Teilnahme wie für mich selbst. Dann habe ich dich,...

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