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wie er es wahrnehme; er hat also keine Ahnung davon, dass er lediglich seine inneren Vorstellungen wahrnimmt; vielmehr hält er seine Vorstellungen für die Dinge an sich, und glaubt, die Welt sei an sich so, wie er sie vorstellt. Hinsichtlich der zweiten Klasse von Erscheinungen nun, der von ihm als innere Vorstellungen bezeichneten Erscheinungen, philosophiert der unkritische Geist folgendermassen: Von den Dingen da draussen, die ich so wahrnehme, wie sie da draussen sind, behalte ich einerseits Erinnerungsbilder, die also nur innerlich sind; andererseits bilde ich, abstrahierend von den äusseren Dingen, die empirischen, abstrakten Begriffe, die auch rein innerliche Gedankengebilde sind. Der Baum z. B., welchen ich sehe, ist da draussen so, wie ich ihn sehe; ich sehe also den äusseren Baum an sich; dagegen der Begriff Baum (wie das Erinnerungsbild) ist im Gegensatz zu diesem äusseren Dinge die innere Vorstellung. Das wahrgenommene Ding nimmt also das unkritische Bewusstsein als äusseres Ding an sich und unterscheidet davon als innerliche Vorstellungen Erinnerungsbild und Begriff. Auf dieser falschen Unterscheidung erhebt sich nun der ganze Dogmatismus, und die Arbeit des Kritizismus besteht eben darin, diese Unterscheidung als unrichtig zu erweisen.

Sehen wir nun zu, wie das unkritische Bewusstsein hinsichtlich der abstrakten Begriffe verfährt. Es besitzt einen Schatz von Begriffen, wie Pferd, Baum, Tugend, Laster u. s. w. Alle diese Begriffe sind empirische d. h. aus dem Material der anschaulichen Erfahrung gebildet, denen deshalb in der Erfahrung auch gewisse Gegenstände oder Zustände entsprechen. Nun findet das unkritische Bewusstsein in seinem Begriffsschatz auch den Begriff der „Ursache". Welche Bewandtnis hat es mit diesem Begriffe? Um ihn, sahen wir, drehte sich alles menschliche Nachdenken, alle Wissenschaft und Philosophie. Und welches Resultat hatte das philosophische Denken nach Jahrtausenden hinsichtlich dieses Begriffes ergeben? Das Resultat, dass „Kausalität" kein empirischer Begriff wie alle übrigen, ja, dass „Kausalität" überhaupt kein Begriff sei. Lange Untersuchungen haben uns gelehrt, dass, was wir „Ursächlichkeit" nennen, etwas ganz Spezifisches ist; dass „Kausalität-' durchaus nicht empirisch auf dem Wege der Abstraktion von sinnlichen Wahrnehmungen wie etwa der Begriff „Baum" oder „Pferd" entstand; dass vielmehr alle Abstraktion, ja alle Sinneswahmehmung das Vorhandensein der Kausalität im Menschengeiste schon voraussetzte; dass also Kausalität gar kein empirisch-abstrakter Begriff, sondern, wie Kant sagt, ein reiner Begriff; dass, wie wir sagen wollen, um diesen, der Verwechslung mit den Begriffen halber, missverständlichen Ausdruck ganz zu vermeiden, die Kausalität überhaupt kein Begriff, sondern das Grundbegreifende in uns ist d. h. die psychologische Grundthätigkeitsform unseres Vorstellens, welche ein konkretes psychisches Sein, nicht aber ein bloss begrifflichlogisches Denkerzeugnis ist. Das unkritische Bewusstsein hat davon aber keine Ahnung; es nimmt vielmehr naturgemäss die Kausalität als Begriff wie jeden anderen Begriff, und lässt also auch von ihr gelten, was es von jedem anderen Begriffe gelten lässt. Und was lässt es von jedem anderen Begriffe gelten?

Jedem empirisch-abstrakten Begriff im Geiste entspricht im Sinne des unkritischen Bewusstseins ein existierendes Wesen ausser ihm. Dem Begriff Baum z. B. entspricht der äussere Baum, dem Begriff Pferd das wahrnehmbare Pferd. Was von allen Begriffen gilt, gilt auch von dem Begriffe der Ursächlichkeit, der nur einer unter vielen anderen ist. Auch dem Begriff Ursächlichkeit in unserem Geiste muss eine Existenz ausser ihm entsprechen: es giebt also ausser uns ein existierendes Ursächlichkeitswesen, wie es ausser uns, dem Begriff Baum entsprechend, einen existierenden Baum giebt.

Dieser Gedankengang ist im Sinne des unkritischen Bewusstseins absolut selbstverständlich, denn wenn es einerseits innere Begriffe und ihnen entsprechende äussere Dinge unterscheidet, andererseits aber den Unterschied zwischen der Kausalität und den Begriffen noch nicht einsieht, so muss es auch zu dem Begriffe Ursächlichkeit ein existierendes Ursächlichkeitswesen, wie wir es zunächst nennen wollen, annehmen. Das unkritische Bewusstsein schliesst also von dem sogenannten Begriff Ursächlichkeit auf eine ihm entsprechende Existenz, d. h. es macht hinsichtlich der Ursächlichkeit den ontologischen Schluss; es ontologisiert oder, was dasselbe sagt, es denkt als Existenz an sich oder es hypostasiert den BegriffUrsächlichkeit. Jenes als wirklich existierend von ihm angenommene Ursächlichkeitswesen ist also hypostasierte Kausalität, d. h. von ihm mit äusserer Existenz an sich begabt gedachte Kausalität.

Welche Prädikate müssen nun dieser hypostasierten Kausalität naturgemäss beigelegt werden? Die reine Ursächlichkeit an sich, als existent gedacht, ist hervorbringende Ursache aller Dinge; sie ist also kein einziges hervorgebrachtes Ding. Sie ist also auch kein sinnliches, vielmehr ein übersinnliches Wesen. Dieses hypostasierte Kausalitätswesen ist deshalb auch nicht dieser oder jener Stoff, denn alle diese bestimmten Stoffe sind hervorgebrachte Dinge, jenes aber das unhervorgebracht Hervorbringende; die reine Ursache ist also durchaus als unstofflich oder immateriell zu denken. Alle stofflichen Dinge sind in Zeit und Raum: das reine Ursächlichkeitswesen muss also unzeitlich und unräumlich sein. Alle sinnlichen; stofflichen, zeitlichen und räumlichen Dinge unterliegen dem Wechsel des Entstehens und Vergehens; das reine Ursachwesen ist also schlechthin unwandelbar, unveränderlich, ewig, ohne Anfang und Ende.

Es zeigt sich also, dass, wenn wir die reine Ursächlichkeit existierend denken oder hypostasieren, wir ein Wesen denken müssen, welchem die Prädikate: übersinnlich, unstofflich, unzeitlich, unräumlich, unvergänglich, ewig beizulegen sind. Die hypostasierte Kausalität tritt nun aber in drei Formen auf, nämlich als Gott. Seele, Materie. Mithin gelten jene Prädikate in gleicher Weise von Gott, von der Seele, von der Materie. Dass sie von Gott und der Seele im Sinne der Metaphysik gelten, daran ist man gewöhnt. Es könnte nur die Behauptung überraschen, dass sie auch von der Materie gelten sollen. Allein man braucht z. B. bloss an den Begriff des Atoms zu denken, um die Richtigkeit der Behauptung einzusehen. Das Atom ist übersinnlich, ausser Zeit und Raum, ewig und unvergänglich, nichts von all den empirisch gegebenen Stoffen und also auch unstofflich. Eben darin lag ja ein Grundwiderspruch im Begriffe des Atoms, dass es selbst als hervorbringender Grund aller Materie und selbst doch als keine Materie gedacht werden musste.

Somit leuchtet denn ein, dass, sobald wir dem Begriffe der reinen Ursächlichkeit durch den ontologischen Schluss Existenz zuschreiben, alle die Prädikate ihm zufallen, welche die Metaphysik von der ersten Ursache oder dem Dinge an sich aussagt. Hinsichtlich der ersten Ursache der materiellen Erscheinungen entsteht dann der Gedanke der Materie; hinsichtlich der ersten Ursache der psychischen Erscheinungen der der Seele, hinsichtlich der ersten Ursache des ganzen Universums der Gottes. In allen drei Fällen haben wir es also nicht mit Objekten der erfahrungsmässigen Anschauung, also nicht mit empirischen Erscheinungen, deren Existenz durch die Anschauung in Zeit, Raum, Kausalität und Empfindung bewiesen werden kann, zu thun, soiKlern mit einem Gedanken in uns. Dieser Gedanke ist aber aus der Ontologisierung der a priori in uns seienden Kausalität entstanden. und somit können wir nun die Grundquellen aufdecken, aus denen jene Objekte der Metaphysik hervorfliessen.

1. Wäre nicht Kausalität a priori in uns, so wäre jener ganze sowohl psvchologische als im besonderen logische Prozess der Bildung jener drei metaphysischen Ideen unmöglich. Die Idee des Dinges an sich oder der ersten Ursache und in specie die Idee Gottes, der Seele und der Materie hat also ihren Ursprung in der apriorischen Kausalität.

2. Dass wir nun den Gedanken Gott, Seele, Materie zu einem ausser uns existierenden Wesen erheben, kommt daher, dass wir unkritisch die Kausalität nicht von den empirischen abstrakten Begriffen unterscheiden, vielmehr auch sie für einen solchen Begriff halten und nun meinen, wie jedem empirischen Begriffe eine äussere Existenz entspricht, so müsse auch dem Begriffe Ursächlichkeit eine äussere Existenz entsprechen, welche wir demgemäss auch als seiend annehmen, obgleich keine Anschauung oder Erfahrung in Zeit, Raum, Kausalität und Empfindung diese Annahme unterstützt. Und dass wir zu unseren Begriffen ihnen entsprechende sogenannte äussere Existenzen setzen, kommt eben

3. daher, dass wir aus Mangel ein kritischer Besinnung im Geiste der Vorstellungslehre, welche uns zeigt, dass alles, was wir kennen und vorstellen, lediglich innere Vorstellungen unseres . Geistes sind, überhaupt eine falsche Unterscheidung und Entgegensetzung zwischen einem Äusseren und einem Inneren machen; dass wir nämlich die von uns wahrgenommenen Dinge als so, wie wir sie wahrnehmen, seiende Dinge an sich betrachten, sie for das Äussere nehmen (während sie doch für uns rein innerliche Vorstellungen sind) und dann die abstrakten Begriffe als das einzig und allein Innere ihnen dualistisch entgegenstellen, während doch der Unterschied des Äusseren und Inneren in diesem Sinne zwischen unseren sinnlichen Wahrnehmungen und unseren Begrifisgebilden gar nicht existiert. Aus all diesem ergiebt sich denn, warum mit Notwendigkeit das unkritische Bewusstsein den Gedanken eines ausser ihm und ganz unabhängig von ihm existierenden Ursachwesens (erster Ursache oder Dinges an sich) bilden inuss; warum es dieses Wesen für ein erkennbares Objekt ausser ihm hält, während es doch lediglich sein eigenes Gedankenprodukt ist. Der Schein eines solchen Objektes als eines erkennbaren Objektes ist also notwendig; aber es ist auch klar, dass es ein Schein ist.

Und hier tritt endlich 4. noch Folgendes hervor: Wir haben uns überall in diesem Werke angelegen sein lassen, den ontologischen Schlussfehler hervorzuheben, in welchen das menschliche Denken immer und immer wieder verfiel und verfällt . Hier sehen wir jetzt ein, dass wir alle in jedem Moment fortgesetzt den ontologischen Schlussfehler begehen, sobald wir uns nicht kritisch reflektierend zu den Vorgängen in unserem Geiste verhalten. Die Vorstellungslehre hat uns gezeigt, dass alle unsere Vorstellungen rein innerliche sind, und doch meine ich und spreche ich stets so im täglichen Leben, dass so, wie ich den Baum schaue, er auch an sich da draussen sei. In jedem Moment unseres gewöhnlichen über das Vorstellen nicht vorstellenden Vorstellens halten wir unsere innere geistige Anschauungswelt für eine stoffliche Aussenwelt, hypostasieren also unsere Vorstellungswelt zur Welt der Dinge an sich und denken ontologisch im Bann der Gleichung, dass unser Denken gleich dem Sein an sich sei. So ist demnach, was

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