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res vor Neapel. Denn man glaubte allgemein, es hätten sich Spanier von maurischer Abkunft, denen man eine besondere Fertigkeit zutrauete, mit Giften umzugehen, und Juden aus Deutschland, die den beutebeladenen Landsknechten des Gewinnstes wegen gefolgt waren, bei nächtlicher Weile aus der Stadt geschlichen, um das Wasser in der Nähe des Lagers zu vergiften *). Auch sollte ein italienischer Apotheker den französischen Rittern Gift in den Arzneien gereicht haben *). Man kann hier den Untersuchungen der Naturkundigen nicht vorgreifen – die in Bezug auf Luft und VWasser noch in keiner erheblichen Volkskrankheit von Erfolg gewesen sind – es ist indessen nicht unwahrscheinlich, dass das Grund- und Quellwasser unter ähnlichen Umständen wie die hier beschriebenen, eine ihm sonst nicht inwohnende Schädlichkeit annimmt, welche zu dem Glauben an hineingeworfenes Gift sehr natürlich Veranlassung giebt. Im Uebrigen kann jene Beschuldigung gewiss nach derselben Ansicht beurtheilt werden, die in einer früheren Untersuchung über den schwarzen Tod ausgesprochen worden ist. Aus allen diesen Umständen wird die Annahme überaus wahrscheinlich, dass in dem französischen Lager das Fleckfieber geherrscht habe, und will man noch auf zufällige Berichte von Geschichtschreibern einigen Werth legen, so möchte vielleicht noch in Anschlag kommen, dass Prudencio de Sandoval, der nach guten Quellen gearbeitet hat, die Krankheit „las Bubas“ nennt *). Dieser Name setzt zwar

1) Jovius, a. a. O. p. 115. – 2) Mezeray, p. 963.

3) Der spanische Name für die Lustseuche, den dieselbe wegen der vorherrschenden Ausschläge erhielt. Er ist dem franzöeine ziemlich abenteuerliche Verwechselung mit der Lustseuche voraus, wie denn auch von Sandoval die Krankheiten unter den französischen Heeren von 1495 und 1528 wunderlich durch einander geworfen werden, zeigt aber doch, dass sich die Erinnerung an vorherrschende Ausschläge bei der Seuche von 1528 erhielt, und somit möchte wohl diese ganze Angabe um so mehr auf Fleckfieber zu beziehen sein, da derselbe Geschichtschreiber versichert, die Franzosen hätten die Seuche nach dem Dorfe Poggio reale „les Poches“ genannt "), mit welcher Benennung man schwerlich die wohlbekannte Drüsenpest bezeichnet haben würde. Wollen wir aber glauben, dass zu gleicher Zeit verschiedene Krankheiten im französischen Heere geherrscht haben, so hat diese Annahme nicht nur das ausdrückliche Zeugniss eines Zeitgenossen *), sondern auch viele ältere und neuere Erfahrungen *) für sich, die unter ähnlichen Umständen, wie die damals obwaltenden gesammelt worden sind. Zu bedauern ist es für immer, dass kein scharfblickender Machaon im Lager vor Neapel weilte; er würde uns gewiss kernhafte Beobachtungen über die Hungersnoth. 1528.

Ver

sischen „la vérole“ und dem deutschen „französische Pocken“ ganz entsprechend. An Bubonen ist dabei nicht zu denken. Sandoval, Part II. p. 12. 14. – Vergl. Astruc, T. I. p. 4.

1) In der Madrider Ausgabe desselben Werkes, 1675. sol. L. XVII. p. 232. b.

2) „Auster namque ventus per eos dies perflare et mortiferum crassioris nebulae vaporem ex palustri ortum uligine, per castra dissipare et circumferre ita coeperat, ut aliis ex causis conceptae febres in contagiosum morbum verterentur.“ Jovius, L. XXVI. p. 127.

3) In Torgau, wo 1813 und 14 30,000 Franzosen ihr Grab fanden, herrschten zwei ganz von einander verschiedene Krankheiten, Typhus und Diarrhöe. S. Richter.

Vermischung und die Verwandtschaft des Fleckfiebers mit der Drüsenpest hinterlassen haben.

2. Trousse = galant in Frankreich. 1528 und die folgenden Jahre.

So schmerzlich die Franzosen den Verlust eines so unersetzlichen Kriegsheeres empfanden, so waren ihnen doch noch viel grössere Leiden in ihrem Vaterlande beschieden. Die finstere Macht, welche ganz Europa bedrohete, achtete keiner Entfernungen, keiner Gränzen; sie ergriff auch das französische Volk in seinem innersten Leben, während seine kriegerische Jugend vor Neapel verschmachtete. Die Kälte des Frühjahrs und die Nässe des Sommers von 1528 verdarben die Saaten * ), und so brach über ganz Frankreich eine Hungersnoth herein, durch ihre Dauer wohl noch empfindlicher, als die Zeiten des Mangels unter Ludwig XI. *). Denn der Misswachs wiederholte sich fünf Jahre hindurch, während welcher keine Ordnung der Jahreszeiten mehr zu bestehen schien. Eine feuchte Sommerwärme herrschte im Herbst und Winter, nur dann und wann kam ein eintägiger Frost zu Stande; die Sommer dagegen waren trübe, feucht und unfreundlich: Man unterschied die Monate fast nur noch an der Tageslänge. Wie das Leben der Pflanzenwelt dadurch gestört wurde, ist aus einzelnen Nachrichten noch ganz deutlich zu erkennen. Kaum hatten die Fruchtbäume im Herbst ihre Blätter fallen lassen, so begannen sie wieder von neuem auszuschlagen und vergebliche Blüthen zu treiben, kein Segen belohnte die Mühe, und die ersehnte Erntezeit täuschte immer wieder und wieder die Hoffnungen des Volkes.

1) Schwelin, S. 143. – 2) S. oben S. 13.

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Neue Krankheit.

So wurde nun schon im ersten dieser Unglücksjahre
das Elend allgemein, und der Verarmung war durch
menschliche Hülfe nicht mehr zu steuern. Schaaren
von Bettlern durchirrten das Land in kläglichem Aus-
zuge, die bürgerliche Ordnung löste sich mehr und
mehr auf, und bald fürchtete man nicht bloss Raub
und Plünderung von diesen Unglücklichen, sondern
die Ansteckung von einer Seuche, die sie, eine Aus-
geburt ihrer Noth, mit sich umhertrugen.
Diese Krankheit war ein neues Erzeugniss des
französischen Bodens, und wurde bei allgemeiner Ver-
breitung dadurch für das Land empfindlich, dass sie
vorzugsweise die jungen rüstigen Männer wegraffte,
weshalb man ihr den ganz sinnigen Namen „Trousse-
galant“ beilegte *). Sie bestand in einem sehr hitzi-
gen Fieber, das die Befallenen in ganz kurzer Zeit,
selbst innerhalb weniger Stunden tödtete, oder kamen
sie mit dem Leben davon, sie der Haare und Nägel
beraubte, und bei fortdauerndem Widerwillen gegen
alle Fleischnahrung, langdauernde Schwäche und Folge-
krankheiten zurückliess, welche die Genesung der ohne-
hin schon zerrütteten Kranken gefährdeten. Dass dies
Fieber mit grosser Entmischung der Säfte und tiefem
Erkranken der Unterleibsverrichtungen verbunden, also
faulig-gastrischer Natur gewesen sei, ergiebt sich schon
hieraus, wollen wir auch weniger die unausbleiblichen
Wirkungen des Hungers in Anschlag bringen, die nach
den Erinnerungen der Zeitgenossen mit grellen Far-
ben geschildert werden. Schon im ersten Jahre wa-
ren die Vorräthe so weit aufgezehrt, dass man aus
Eicheln Brot bereitete, und allerlei unschädliche Wur-

1) Trousser in veralteter Bedeutung: faire mourir promptement.

zeln, nur um den Hunger zu stillen, begierig aufsuchte.
Obdachlos und Leichen ähnlicher als lebenden Men-
schen irrten die Elenden umher, um endlich, verlas-
sen von menschlichem Mitleid, auf Düngerhaufen oder
in Ställen zu verschmachten. Grössere Städte ver-
schlossen ihnen die Thore – wie hätten auch ihre
Anstalten christlicher Milde in dieser furchtbaren Noth
ausreichen mögen! Nur Wenigen wurde es zu Theil,
von den sanften Händen der barmherzigen Schwestern
gepflegt zu werden. Bei den Meisten verrieth das
schmutziggelbe gedunsene Gesicht und die wassersüch-
tige Geschwulst der Glieder den siechen Zustand, in
dem sie sich umherschleppten. Man floh diese ver-
pesteten Gestalten, denn sie waren von dem Gifte der
tödtlichen Krankheit durchdrungen, und ohne Zweifel
machte man tausendfältig die Bemerkung, dass sie die-
selbe auf Gesunde übertragen konnten, ohne selbst
davon ergriffen zu sein, wie denn zuweilen Mangel
und Siechthum einen traurigen Schutz gegen Krank-
heiten dieser Art gewähren *).
Zu einem vollständigen Bilde der Trousse-galant
von 1528 fehlen die genaueren Angaben, denn die
Aerzte gingen an dieser Volkskrankheit gleichgültig
und mit derselben Kälte vorüber, deren sie leider
auch bei anderen grossen Erscheinungen anzuklagen
sind. Doch kehrte sie noch einmal in den Jahren
1545 und 46 in Savoyen und einem grossen Theile
von Frankreich wieder, und aus dieser Zeit besitzen
wir von Paré *) und Sander, einem niederländi-

1) Mezeray, T. II. p. 965, wo die Hauptangaben. 2) Er spricht von der Stadt Puy in der Auvergne, wo er die Krankheit wahrscheinlich selbst gesehen hat. Livr. XXI.

chap. 5. p. 823.

Trousse-galant, 1545. 46.

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