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keine logische Begriffsanalyse daraus. Wir haben hier zwei ganz verschiedene Begriffe (Sonnenwärme und blühende Pflanzen), welche nicht der eine aus dem anderen folgen, weil der eine schon in dem anderen enthalten lag, sondern welche lediglich auf Grund der Erfahrung von uns in Verbindung gesetzt sind. Hier haben wir also keine logische Folgerung gleichartiger Begriffe auseinander, sondern eine auf Erfahrung gestützte reale Folgerung hinsichtlich zweier ganz verschiedener Thatsachen. Konnten wir deshalb im ersteren Falle bei graphischer Veranschaulichung des Verhältnisses ganz innerhalb der einen grossen Hauptsphäre bleiben, hier müssen wir von einer Sphäre in eine von dieser ganz getrennte andere Sphäre hinübertreten.

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Es ist also der bloss logische Grund und die logische Folge völlig zu unterscheiden von dem Realgrund und der Realfolge. Die Realfolge ist aus blosser logischer Begriffsanalyse nicht ableitbar, sie ist nur durch Erfahrung zu vollziehen, wie Hume bereits ausgeführt hatte. Was Kant in dem Versuch über die negativen Grössen beweisen will, ist eben dieses: dass auf Realgründe und Realfolgen in keiner Weise durch blosse logische Begriffszergliederung geschlossen werden könne. Nun meinte ja aber alle Metaphysik bisher, aus blossen Begriffen und der logischen Zergliederung derselben die Wirklichkeit, aus blossem Denken das Sein erschliessen zu können. Es leuchtet also ein, wie die Spitze des Versuchs gegen die dogmatische Metaphysik gerichtet ist und diese in ihrer Nichtigkeit erwiesen werden soll.

Die Kausalität kann in einer positiven und in einer negativen Form auftreten. Die positive Form sagt: Wenn B ist, so ist A, z. B. die Sonnenwärme macht die Pflanzen blühen. Die negative Form sagt: Wenn B ist, so ist A nicht, z. B. zu heftige Sonnenwärme macht die Pflanzen verwelken. Offenbar aber sind hinsichtlich der kausalen Folge beide Formen ganz identisch, insofern in beiden Fällen eine thatsächliche Wirkung ausgeübt wird von einem B aus auf ein verschiedenes A, im ersteren Falle eine setzende Wirkung, die entstehen lässt, im zweiten Falle eine aufhebende Wirkung, die vergehen lässt. Also auch in dem negativen Falle wird eine wahrhafte Kraft ausgeübt; die negative Kausalität ist nicht gleich nichts, vielmehr eine positive reale Kraft, nur dass sie vernichtet. Den Humeschen Beweis hinsichtlich der Kausalität kann man wegen dieser Identität des Charakters der positiven und negativen Form der Kausalität mithin ebenso gut an der negativen Form wie an der positiven führen, und der Unterschied zwischen Hume und Kant hinsichtlich des Problems besteht eben darin, dass Hume seiner Beweisführung den positiven Fall, Kant der seinigen den negativen Fall zu Grunde legt. So wird sich denn nun auch alsbald erklären, was bei Kant die negativen Grössen mit der Kausalität zu thun haben.

Der Kausalsatz in seiner negativen Form sagt: Wenn B ist, so ist A nicht, so wird A vernichtet oder aufgehoben. Also B ist im Verhältnis zu A ein Nicht-A, eine Negation. Jetzt fragt es sich: Ist diese Negation eine bloss logische Negation oder eine reale Negation, eine „Realentgegensetzung", wie Kant sich ausdrückt? Ist das Nicht-A eine bloss logische Verneinung oder ist es eine reale Vernichtung?

Nehmen wir den Satz: Ein Stein ist nicht Mensch (B ist nicht A). Wird durch dieses Urteil die Vorstellung Mensch irgendwie berührt? Wird von dem Stein irgend welche vernichtende Wirkung auf den Menschen ausgeübt? Offenbar nicht! Es geht überhaupt gar keine Wirkung von der Sphäre „Stein" in die Sphäre „Mensch" über, das negative Urteil bleibt vielmehr lediglich innerhalb der einen Sphäre stehen. Es wird nur ausgesagt, dass von der Sphäre ausgeschlossen sei, was nicht in sie hineingehört. Mithin da wir in dem Urteil „Stein ist nicht Mensch" ganz in der Sphäre „Stein" bleiben und diese höchstens insofern erläutern, als wir hinzufügen, was sie nicht ist, worin aber gar keine Erweiterung unserer positiven Erkenntnis vom Wesen des Steins gegeben .ist, so haben wir hier offenbar nur mit einer logischen Negation zu thun, nicht mit der realen Vernichtung eines anderen.

Ebenso verhält es sich z. B. in dem Satze: 7 ist nicht 14. Eine ganz verschiedene Sachlage tritt aber ein, sobald wir sagen: .* ist nicht =14, nämlich in der Bedeutung der negativen Grössen der Mathematik: x = — 14. Hier wird die 14 ganz ausserordentlich berührt durch das x, so sehr berührt, dass sie vernichtet wird. In dem Satze: x = —14 bleibt der ganze Vorgang nicht etwa auf die eine Sphäre x eingeschränkt, vielmehr geht von dem x eine vernichtende Wirkung auf die Sphäre 14 -über. Dieses x ist eine positive Kraft, welche soviel Macht besitzt, dass sie 14 Einheiten vernichtet, x ist nicht = nichts, es rist vielmehr die Negative von 14, d. h. eine reale Kraft, deren Wirkung in der Aufhebung von 14 Einheiten hervortritt; es ist -eine Kraft, die über seine Sphäre hinaus die Sphäre 14 angreift und in dieser den Vernichtungskampf ausführt. Die negative Grösse exemplifiziert also den negativen Fall der Kausalität, rsie ist selbst ein Fall von negativer Kausalität; sie ist daher auch keine bloss logische Negation. Denn wie in dem Satze der .bloss logischen Negation „Stein ist nicht Mensch" die Wirkung von Stein auf Mensch = nichts war, so müsste auch in dem .Satze „x = — 14", wenn wir es auch in ihm nur mit logischer Kausalität zu thun hätten, die Wirkung des x auf 14 = nichts sein, d. h. es würde überhaupt keine Wirkung auf 14 ausgeübt, -während doch die vernichtende Wirkung hier gleichkommt -einer Grösse von 14 Einheiten.

Die negative Grösse der Mathematik zeigt also deutlich, dass die negative Form der Kausalität nicht als logische Negation, vielmehr als reale Negation oder Realentgegensetzung zu begreifen ist, dass sie also auch durch blosse logische begrifflliche Zergliederung, durch blosse Analyse nicht erklärt und verstanden werden kann, sondern nur als eine Synthese, als ein synthetisches Urteil zu begreifen ist. Das eben wollte aber Kant klar machen: Dass die reale Kausalfolge aus blossen Begriffen .und ihrer logischen Zergliederung nicht abgeleitet werden könne, und dies zu erläutern, bediente er sich hier der negativen Grössen als Beispiels. Was nun von dem negativen Falle der Kausalität gilt, gilt selbstverständlich auch von dem seinem Kausalcharakter nach identischen positiven Falle der Kausalfolge, und so kommt Kant am Schlusse seiner Schrift genau zu dem Resultate Humes: es ist aus logisch - begrifflich analysierendem Denken durchaus nicht zu begreifen, wie, wenn etwas ist, darum ein anderes gesetzt wird, oder, wie, wenn etwas ist, darum ein anderes aufgehoben wird. „Dader gründlichen Philosophen, wie sie sich selbst nennen," sagt Kant gegen das Ende seiner Schrift, „täglich mehr werden, die so tief in alle Sachen einschauen, dass ihnen auch nichts verborgen bleibt, was sie nicht erklären und begreifen könnten; so sehe ich schon voraus, dass der Begriff der Realentgegensetzung, welcher im Anfang dieser Abhandlung von mir zu Grunde gelegt worden, ihnen sehr seicht und der Begriff der negativen Grössen, der darauf gebaut worden, nicht gründlich genug vorkommen werde. Ich, der ich aus der Schwäche meiner Einsicht kein Geheimnis mache, nach welcher ich gemeiniglich dasjenige am wenigsten begreife, was alle Menschen leicht zu verstehen glauben, schmeichle mir, durch mein Unvermögen ein Recht zu dem Beistande dieser grossen Geister zu haben, dass ihre hohe Weisheit die Lücke ausfüllen möge, die meine mangelhafte Einsicht hat übrig lassen müssen. — Ich verstehe sehr wohl, wie eine Folge durch einen Grund nach der Regel der Identität gesetzt werde, darum weil sie durch die Zergliederung der Begriffe in ihm enthalten befunden wird. So ist die Notwendigkeit ein Grund der Unveränderlichkeit, die Zusammensetzung ein Grund der Teilbarkeit, die Unendlichkeit ein Grund der Allwissenheit etc. etc., und diese Verknüpfung des Grundes mit der Folge kann ich deutlich einsehen, weil die Folge wirklich einerlei ist mit einem Teilbegriffe des Grundes, und indem sie schon in ihm befasst wird, durch denselben nach der Regel der Einstimmung gesetzt wird. Wie aber etwas aus etwas anderem, aber nicht nach der Regel der Identität fliesse, das ist etwas, welches ich mir gerne möchte deutlich machen lassen. Ich nenne die erstere Art eines Grundes den logischen Grund, weil

Fritz Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft. 28

seine Beziehung auf die Folge logisch, nämlich deutlich nach der Regel der Identität kann eingesehen werden, den Grund aber der zweiten Art nenne ich den Realgrund, weil diese Beziehung wohl zu meinen wahren Begriffen gehört, aber die Art derselben auf keinerlei Weise kann beurteilt werden. — Was nun diesen Realgrund und dessen Beziehung auf die Folge anlangt, so stellt sich meine Frage in dieser einfachen Gestalt dar: wie soll ich es verstehen, dass, weil Etwas ist, etwas Anderes seiP"

Nach dieser Untersuchung Kants hätten wir also die früher schon aufgefundenen Unterscheidungen hinsichtlich der Kausalität jetzt noch um die neue des logischen Grundes und des Realgrundes zu vermehren. Der logische Grund hat es lediglich mit der Zergliederung von Begriffen zu thun, und aus ihm folgt über die reale Existenz eines Dinges in der Natur gar nichts; er erläutert nur den Inhalt eines bereits vorhandenen Begriffes, ohne der Erkenntnis ein wirklich Neues hinzuzufügen. Auf die Erscheinungen der Natur dagegen beziehen sich die Realgründe; sie beziehen sich auf den Zusammenhang verschiedener Thatsachen, der nur durch Erfahrung erkannt werden kann.

Sobald Kant im Jahre 1763 sich den Humeschen Grundgedanken klar gemacht hat, geht er auch dazu über, die für die Metaphysik verhängnisvollen Konsequenzen daraus abzuleiten, und in dem Masse, als ihm der metaphysische Weg zur Erkenntnis als ein Irrweg erscheint, nähert er sich den Erfahrungsphilosophen und ihrer Erkenntnismethode an. Noch in demselben Jahre veröffentlicht er die von solchen Tendenzen durchdrungene Schrift: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration vom Dasein Gottes. Die Beweise vom Dasein Gottes spielten in der Philosophie von jeher eine grosse Rolle. Kant untersucht sie auf Grund der in Übereinstimmung mit Hume festgestellten Unterscheidung der logischen und realen Kausalität und findet, dass sie sämtlich nicht stichhaltig sind.

Die Welt ist; sie muss eine Ursache haben, einen Urheber: dies ist Gott. Also Gott ist, so schliesst der kosmologische Beweis. Die Welt ist zweckmässig geordnet; diese zweckmässige Ordnung weist auf ein zweckmässig ordnendes Wesen hin, auf

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