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So entwickelte sich denn im 18. Jahrhundert der Materialismus in Frankreich mit Notwendigkeit aus den vorhandenen Systemen heraus. Der Punkt, wo er in Locke ansetzen kann, liegt auf der Hand: wenn der Geist als tabula rasa von den Eindrücken der Aussenwelt vollgeschrieben wird, diese äusseren Eindrücke aber materielle Bewegungsvorgänge sind, so muss auch der Geist materiell sein, denn auf das Immaterielle kann das Materielle nicht einwirken. Mit der Lehre von der tabula rasa wird also in Wahrheit der Geist bereits verstofflicht und der Anstoss zur materialistischen Theorie gegeben, wenn auch Locke selbst die Materialität der Seele nur ganz hypothetisch hinstellte. Den Übergang von Lockes Sensualismus zum reinen Materialismus macht die Theorie des sogenannten vereinfachten Sensualismus, welche auf Grund der Lockeschen Lehren Condillac entwickelte.

Locke hatte zwischen primären und sekundären Qualitäten unterschieden. Diesen Dualismus der zwei Arten Qualitäten hebt Condillac auf, indem er die sekundären Qualitäten auf die primären zurückführt. Die sekundären Qualitäten, d. h. unsere Sinnesempfindungen, wie Wärme, Farbe u. s. w., werden in uns bewirkt durch die Eindrücke von Seiten der materiellen Bewegungsvorgänge ausser uns. Diese subjektiven Sinnesempfindungen könnten aber nicht so verschieden und mannigfaltig in uns auftreten, wenn nicht auch die sie bewirkenden äusseren Bewegungsvorgänge selbst entsprechend verschieden und mannigfaltig wären, d. h. wenn nicht die Dinge in sich selbst in demselben Masse verschiedene Qualitäten hätten, als durch dieselben in uns verschiedene Empfindungen hervorgerufen werden. Auch die sekundären Qualitäten sind in letzter Instanz durch die objektive Verschiedenheit der äusseren materiellen Dinge bewirkt, so dass also die sekundären Qualitäten auf ebenso viele ihnen entsprechende primäre Qualitäten der Dinge selbst zurückweisen. In Wahrheit giebt es also nach Condillac nur primäre Qualitäten. Diese sind materielle Bewegungsvorgänge; dieselben wirken auf den Geist, mithin muss auch dieser materiell sein, eine Schlussfolgerung, durch welche demnach mit Notwendigkeit Lockes Sensualismus vermittelst des vereinfachten Sensualismus zum Materialismus hinübergeführt wird.

Fritz Schultze, Philosophie der Naturwissenschaft. 25

Der Materialismus des 18. Jahrhunderts strömt aber auch noch aus einer anderen Quelle hervor. Descartes war zwar Dualist; Seele und Körper waren bei ihm zwar entgegengesetzte Substanzen, aber beide wirkten doch aufeinander ein. Ja, Descartes hatte der Seele sogar einen bestimmten Sitz im Körper angewiesen; in der sogenannten Zirbeldrüse sollte sie ihre Wohnung aufgeschlagen haben, hier die Einwirkungen der in den (als hohle Röhren gedachten) Nerven hin- und herströmenden materiellen Lebensgeister empfangen und ihrerseits auf diese einwirken. Hat aber die Seele einen Sitz, so ist sie im Raume, also selbst räumlich, und wenn sie auf die materielle Zirbeldrüse und die Lebensgeister Einflüsse ausübt und solche von ihnen erfährt, so muss sie selbst materiell sein, wie könnte sonst eine Berührung stattfinden? Ist sie aber auch nur in einem Punkte materiell, so muss sie es offenbar in ihrem ganzen Wesen sein, sonst würde ja wieder die Einheit der Seele dualistisch zerklüftet werden. Wie auf der tabula rasa bei Locke, so nimmt auf dem Sitz der Seele bei Descartes unverdrängbar der Materialismus Platz, so sehr er auch als ungebetener Gast sich eiustellen mag. Und wenn ferner, wie Descartes will, die Tiere ohne Seele als blosse stoffliche Maschinen empfinden und vorstellen, warum sollte denn der Mensch sein zwar höheres, aber im Grunde doch identisches Empfinden und Vorstellen nicht auch ohne Seele als blosse stoffliche Maschine verrichten können? Auch die gerade im Interesse der immateriellen Seele erfundene Cartesianische Tierpsychologie wendet sich hier gegen ihren Urheber; auch sie führt dazu, dass der französische Arzt de la Mettrie, der sogenannte Hofatheist Friedrichs des Grossen, in seinem Werke „L'homme machine" den Materialismus in frivoler Weise verkündet.

Sogar in den Lehren Spinozas und Leibniz' liegen Anregungen zur Begründung des Materialismus; es scheint, als ob jetzt alles auf die Stofflehre hindrängte. Spinozas Formel war: Gott oder Natur. Wurde in dieser Gleichung der Gottesbegriff stärker betont, so stand man dem Materialismus femer; wurde dagegen der Naturbegriff schroffer hervorgehoben, so stand man dem Materialismus schon bedenklich nahe. Und hatte nicht gerade der Spinozismus die Tendenz, dem Naturbegriff dem Gottesbegriff gegenüber zu seinem Rechte zu verhelfen? War nicht in der starken Betonung der Natur der Übergang dazu leicht gegeben, an Stelle der Natur den blossen Stoff zu setzen? Nach Leibniz sollten die Monaden zwar beseelte Atome sein, aber sie waren doch Atome und als solche stofflich. Leicht konnte man die Beseelung für ein blosses Produkt des Stofflichen, für ein blosses Anhängsel zur Hauptsache, dem Materiellen, erklären. Sobald man vorzugsweise ihren Charakter als Atom betonte, sprang auch aus der Monade der Materialismus hervor.

Überall demnach zeigen sich die Keimpunkte für den Materialismus im 18. Jahrhundert, welcher, abgesehen von dem antiken Atomismus, der eigentliche klassische Materialismus genannt zu werden verdient; sind doch alle heutigen Auffrischungen des Materialismus nichts anderes als höchst oberflächliche, nur mit mehr naturwissenschaftlichen Kenntnissen und bei einigen mit etwas dialektischer Methode aufgeputzte Verwässerungen jener französischen Lehren, welche in Wahrheit von der Kantischen Philosophie längst kritisch überwunden waren. Ausser den genannten Condiii ac und de la Mettrie stehen als Klassiker des Materialismus Diderot und d'Alembert da; ihren vollendeten systematischen Ausdruck fand aber die Lehre in dem von einem in Paris lebenden Deutschen, dem Baron von Holbach, verfassten „Systeme de la nature."

Es giebt nur Stoff und die mit dem Stoffe naturgemäss verbundenen Bewegungen, entwickelt das „Natursystem". Diese Bewegungen sind rein mechanischer Art; etwas Planvolles, nach Zwecken Geordnetes ist durchaus nicht in ihnen; allein der Zufall der wirkenden Ursachen beherrscht sie. Nach dem Zweck der Dinge zu fragen, ist thöricht; das richtig gestellte Problem geht nicht auf das Wozu, sondern lediglich auf das Warum und Wie. Alle Bewegungen in der Materie führen sich auf drei Kräfte zurück; von den Physikern werden sie als die Kraft der Trägheit, der Anziehung und der Abstossung bezeichnet. Sie bewirken jegliche Veränderung und alles Werden, und zwar nicht bloss in der materiellen Welt, sie herrschen auch in der Sögels*

nannten moralischen und geistigen Welt . Der Trägheitskraft in der materiellen Welt entspricht in der moralischen die Selbstliebe, die Anziehungskraft dort heisst Liebe hier, die Abstossungskraft Hass. Selbstliebe, Liebe und Hass, weit entfernt, geistige Qualitäten zu sein, beruhen ganz und gar auf den materiellen Bewegungsvorgängen unserer Gehirnmoleküle.

Wie kommt aber der Mensch dazu, statt von der rein mechanischen Bewegung der Gehirnmoleküle, von einem besonderen Seelischen und Geistigen zu reden, dieses für immateriell zu erklären und in seine Sphäre alle Vorgänge des Wollens und Denkens hineinzuheben? Der Grund davon ist einfach: Die Bewegungen ausserhalb unseres Gehirnes in der Welt der Dinge nehmen wir wahr und sehen, dass sie an den Stoff gebunden sind; die Bewegungen unserer Gehirnmoleküle in unserem Inneren aber können wir mit unseren Sinnen nicht unmittelbar wahrnehmen, sie sind unsichtbar. Der naive Mensch glaubt nun, dieses Unsichtbare sei überhaupt etwas ganz anderes als das Sichtbare, es sei dem Sichtbaren qualitativ entgegengesetzt; es sei unstofflich, da jenes stofflich ist. Auf Grund dieses Irrtums hält sich der Mensch für ein Doppelwesen, und doch ist alles Fühlen, Denken und Wollen nur verschiedenartige Bewegung unserer Gehirnmoleküle. Nur durch diese wird alles menschliche Handeln verursacht und geleitet; ihre Bewegungen selbst aber finden nach festen und rein mechanischen Gesetzen statt, so dass, könnte man die Gehirnmoleküle in ihren Bewegungen genau beobachten, man nach mathematisch-mechanischen Gesetzen, wie den Lauf eines Himmelskörpers, so auch die Handlungen oder Unterlassungen eines Menschen unter gegebenen Bedingungen genau vorauszuberechnen vermöchte.

Was ist aber die Empfindung? Sie ist eine natürliche Eigenschaft des Stoffes, ohne dass es sich jedoch mit Sicherheit entscheiden Hesse, ob sie aller Materie überhaupt zukommt oder ob sie erst in der bestimmten Mischung verschiedener Stoffe entsteht. Hier wie immer ist dem Materialismus das Problem der Empfindung, die Frage, wie aus der materiellen Bewegung Empfindung werde, gefährlich und unbequem, um so rascher geht er

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deshalb darüber hinweg und behauptet nur um so nachdrücklicher, dass alles, was wir, wie Temperament, Leidenschaft, Gefühl, Talent, Genie u. s. w., als geistige Kräfte bezeichnen, nur in der Verschiedenartigkeit der stofflichen Mischung seinen Grund habe. Jemanden geistig gesund machen, heisst die richtige Stofrmischung wieder in ihm herstellen.

Wie der Mensch sich selbst zu Seele und Körper, so verdoppelt er in Konsequenz davon auch das All in Gott und Welt. Auch für den Körper der Welt wird nun eine lenkende Seele, die Gottheit, angenommen. Die Gottesidee ist ebenso sehr ein blosses Phantasiegebilde wie die Seelenidee, aber eine Phantasie, die dem Menschen unendlich geschadet und gar nicht genützt hat. Gerade durch die auf dem Gottesbegriff basierende Religion ist die blutigste Zwietracht erzeugt, und indem der Mensch alle seine Interessen und Hoffnungen einem erdichteten Jenseits zuwendete, wurde er von der richtigen Bearbeitung und planvollen Verbesserung seiner diesseitigen Zustände abgezogen und dadurch die Entwicklung seiner selbst und seiner Lebensverhältnisse immer und immer wieder gehemmt und geschädigt. Jeden günstigen Einfluss von Seiten der Religion leugnet also der Materialismus als barer Atheismus gänzlich. Statt irgend welche religiöse Phantasien im Menschen zu pflegen, sollte man vielmehr seinen Egoismus in richtiger Weise wecken und zur alleinigen Richtschnur für sein Handeln machen; denn wer sich selbst liebt, ist um seines Vorteils willen gezwungen, bis zu einem gewissen Grade auch auf die übrigen Menschen Rücksicht zu nehmen; er sieht bald ein, dass er allein im verträglichen Zusammenleben mit anderen seiner Selbstliebe die vollste Befriedigung gewähren kann, und wird somit durch den Egoismus von selbst dazu geführt, gut zu handeln.

Eine vollständige Kritik des Materialismus, die erst auf Grund der Kantischen Philosophie möglich wäre, können wir an dieser Stelle noch nicht geben; einige Hauptpunkte lassen sich indess andeutungsweise hervorheben*).

*) Eine ausführlichere Kritik des Materialismus findet sich in meinem soeben erschienenen Schriftchen (Leipzig, Ernst Günthers Verlag): „Die Grundgedanken des Materialismus und die Kritik derselben," worauf ich verweise.

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