Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

liken. Auf Mittelfranken, dessen Einwohnerzahl vorwiegend protestantisch ist, treffen im Jahre 1872 15,2 Selbstmorde auf 100,000 Seelen, auf Niederbayern mit einer fast ausschliesslich katholischen Bevölkerung nur 2,7. – Die meisten Selbstmorde kommen im Verhältnisse zur Gesammtzahl derselben im Altersdecennium von 50 bis 60 Jahren vor im Jahre 1872 21 pct.), im Verhältniss zur Gesammtzahl der Lebenden jeder Altersclasse steigt aber die Selbstmordfrequenz bis in das höchste Alter. Im 10jährigen Durchschnitt von 1857 bis 1865 treffen auf das Erhängen 54 pct., auf den Tod im Wasser fast 21 pCt , durch Erschiessen 15 pct., so dass auf die übrigen Todesarten noch etwa 10 pct. treten. *)

13. Unglücksfälle. Hieran starben im Jahre 1872 1675, im Jahre 1871 1675, in der Durchschnittsperiode 1451 Personen. Es haben sich die Unglücksfälle in der Neuzeit vermehrt, was ohne Zweifel mit der von Jahr zu Jahr sich hebenden industriellen Thätigkeit der Bevölkerung (Fabriken, Eisenbahnen etc.) im arsächlichen Zusammenhange steht. Unglücksfälle sind immer in den Sommermonaten, besonders im Juni und Juli (wo im Jahre 1872 355 Personen oder fast 22 pct. der ganzen Zahl veranglückten) am häufigsten. Die meisten Unglücksfälle kommen alljährlich in Oberbayern vor (im Jahre 1872 45 auf 100,000 Seelen), die wenigsten in der Pfalz (nur 22). Beim männlichen Geschlechte sind die Unglücksfälle drei- bis viermal häufiger als beim weiblichen, woraus sich ergibt, dass die Frauen den Unglücksfällen relativ etwas häufiger unterliegen, als den Selbstmorden.

Wenigstens 1/3 aller Unglücksfälle trifft schon auf das Alter vom vollendeten ersten bis zum Beginn des sechsten Lebensjahres, wo namentlich auf dem Lande viele Kinder wegen vernachlässigter Aufsicht verunglücken (meist durch Eririnken). Ausserdem sind die Unglücksfälle in jedem der vier Altersdecennien fast gleich häufig, indem sie hier je 11 bis 12 pct. betragen. Aber auch nach dem 60. Jahre sind sie noch häufiger, als man erwarten sollte im Ganzen 14 bis 15 pct.), ja ihre Zahl nimmt bis ins höchste Alter zu, wenn man sie mit der gleichalterigen lebenden Bevölkerung vergleicht.

Wie schon früher erwähnt, müssen wir es uns im Hinblicke auf den uns zugemessenen Raum versagen, die Statistik der Todesursachen in Bayern noch weiter ins Einzelne zu verfolgen. Dagegen dürfte es sich empfehlen, um dem Leser einen leichteren Ueberblick über die gewonnenen Resultate zu verschaffen, die wichtigeren Todesursachen auf Alter, Geschlecht und Jahreszeit und zwar für die beiden Jahre 1871 und 1872 zusammenzufassen:

*) Die Selbstmord-Statistik in Bayern wurde im XIX. Bd. dieser Zeitschrift Seite 151 – 160 ausführlicher behandelt, worauf hier verwiesen wird.

a) Vertheilung der Todesfälle auf die einzelnen Altersclassen.

1. Alter von der Geburt bis zum vollendeten 1. Lebensjahre. Auf kein anderes Lebensalter treffen so viele Maxima der Todesfälle durch Krankheiten, wie auf diese erste Periode des Lebens. Speciell fallen hierher (ausser den Todtgeborenen und den an Lebensschwäche Gestorbenen) die Maxima der Todesfälle durch Durchfall, Schwäche und Abzehrung der Kinder, durch Keuchhusten und durch Brustentzündungen, ausserdem das zweite Maximum durch Masern. Berechnet man den Betrag der verschiedenen Krankheiten an der Gesammtsterblichkeit, d. h. an der Gesammtsumme der Todesfälle jeder Altersclasse, so ergeben sich fast dieselben Resultate; nur fällt das Maximum der Brustentzündungen in eine viel spätere Altersperiode und das Maximum des Keuchhustens auf das Alter von 2 bis 5 Jahren.

2. Alter vom 2. bis 5. Jahre. Hierher fällt das Maximuin der Sterbe· fälle am Scharlach, an den Masern und Rötheln, an Croup und Diphtheritis, sowie auch an den tödtlichen Unglücksfällen. Nach der zweiten Berechnungsweise fallen hierher bloss Masern und Keuchhusten.

3. Alter vom 6. bis 10. Jahre. Hier liefert keine einzige Krankheit oder Todesursache das Maximum ihrer Todesfälle. Relativ noch die meisten Todesfälle fallen hierher bei Scharlach (28 bis 29 pct.), Masern (11 bis 12 pct.), Croup und Diphtheritis (20 bis 21 pct.). Nach der zweiten Berechnungsweise jedoch ist die häufigste Todesursache dieser Altersclasse Scharlach und besonders Croup und Diphtheritis (mit 9 bis 15 pct., beziehungsweise mit 32 bis 38 pct. aller Todesfälle dieser Altersclasse).

4. Alter vom 11. bis 20. Jahre. Auch in diese Periode fällt das Maximum keiner einzigen Todesursache, relativ noch die meisten Todesfälle an Typbus und Tuberkulose. Wohl aber finden hier die meisten Fälle von Typhus statt (10 bis 12 pct.), wenn man sie in ein Verhältniss bringt zur Gesammtsumme der Todesfälle, welche in dieser Altersclasse überhaupt eingetreten sind.

5. Alter vom 21. bis 30. Jahre. Hierher fallen die Maxima der Sterbefälle durch Typhus und Lungentuberkulose (je 18 bis 19 pCt.). Auch nach der zweiten Berechnungsweise ist die Sterblichkeit an Lungentuberkulose hier am grössten, indem sie 28 bis 31 pct. aller Todesfälle dieser Altersclasse bewirkt; ebenso nimmt der Selbstmord hier die erste Stelle ein. Dagegen zeigt der Typhus bereits in dieser Periode eine fallende Tendenz.

6. Alter vom 31. bis 40. Jahre. Hierher fällt das Maximum der Todesfälle durch Niederkunft, Wochenbett und deren Folgen (46 bis 48 pct. der Todesfälle an diesen Krankheiten). Auch die Tuberkulose zeigt' in diesem Alter fast noch dieselbe Häufigkeit, wie in der vorhergehenden Periode. Ziemlich dasselbe Resultat ergibt sich bei Vergleichung der verschiedenen Krankheiten mit der Gesammtsumme der in der Periode von 30 bis 40 Jahren Gestorbenen; namentlich fordert die Lungentuberkulose hier noch viele Opfer (26 bis 27 pct.) und die Blattern-Sterblichkeit steigt bedeutend.

7. Alter vom 41. bis 50. Jahre. In diesem und dem folgenden Decennium erreicht der Selbstmord sein Maximum, während die Sterblichkeit an Typhus und Tuberkulose noch immer einen hohen Rang einnimmt. Die Mortalität der Blattern nimmt zu, ebenso die an Brustentzündungen, Wassersucht und Schlagfluss.

8. Alter vom 51. bis 60. Jahre. In diesem Alter erreicht die BlatternSterblichkeit ihr Maximum. An tuberkulösen Krankheiten erfolgen auch in dieser Altersclasse noch viele Todesfälle. In der Zunahme sind fortwährend die Entzündungen der Athmungsorgane, Wassersucht und Schlagfluss.

9. Alter vom 61. bis 70. Jahre. Die häufigsten Todesursachen sind hier die Brustentzündungen (18 pct. der Gesammtzahl und 11 bis 12 pct. aller Todesfälle dieses Alters), die Wassersucht (31 bis 33 pct. der Gesammtzahl und 15 pCt. der Todesfälle dieses Alters überhaupt) und der Schlagfluss (28 bis 29 pct. aller hiervon Gestorbenen und 7 bis 8 pct. aller Todesfälle dieses Alters überhaupt). Auch die Altersschwäche macht sich jetzt schon in vielen Fällen geltend.

10. Alter vom 71. bis 80. Jahrc. In dieses fällt das Maximum der Todesfälle durch Altersschwäche (48 bis 50 pct.), dann das zweite Maximum durch Schlagfluss (24 pct.) und durch Wassersucht (22 pCt.).

. 11. Alter vom 81. Jahre an. Hier bedingt die Altersschwäche nicht weniger als 75 pct. aller Todesfälle dieser Altersclasse überhaupt, während auf die Wassersucht nur 6 pct., auf den Schlagfluss nur 5 pct. treffen und alle übrigen Todesursachen mehr oder weniger vom Schauplatze abgetreten sind. b) Vertheilung der Todesfälle auf jedes der beiden Geschlechter.

1. Krankheiten und andere Todesursachen, an welchen mehr Personen männlichen als weiblichen Geschlechts sterben, sind : Todtgeborene, angeborene Lebensschwäche, Durchfall, Fraisen und Abzehrung der Kinder, Scharlach, Tuberkulose der Lungen und anderer Organe, Hirnschlagfluss', besonders aber Selbstmord und Unglücksfälle.

2. Krankheiten und andere Todesursachen, an welchen mehr Personen weiblichen als männlichen Geschlechts starben: Keuchhusten, Wassersucht und Altersschwäche, besonders aber alle Krankheiten der Geschlechtsorgane (auch mit Ausschluss der Folgen von Schwangerschalt, Niederkunft und Wochenbett), wohin namentlich der Krebs zu rechnen ist.

3. Krankheiten, an welchen so ziemlich gleich viele Personen männlichen wie weiblichen Geschlechtes sterben, so dass das Geschlecht von keinem oder doch keinem erheblichen Einflusse auf die Sterblichkeit ist: Blattern, Masern, Croup und Diphtheritis *), Typhus, Brustentzündungen.

Das männliche Geschlecht erkrankt und stirbt im Allgemeinen häufiger als das weibliche an acuten Krankheiten, das weibliche umgekehrt häufiger als das männliche an chronischen Krankheiten. Uebrigens dürfte den zufälligen Einflüssen der Lebensweise, Bildung, Erziehung, Beschäftigung u. S. w. auf die Morbilität und Mortalität eine grössere Bedeutung zuzuschreiben sein, als die Geschlechtsdifferenz an und für sich. c) Vertheilung der Todesfälle auf die verschiedenen Jahreszeiten.

1. Kältere Jahreszeit (Winter und Frühling). In diese fällt die grösste Sterblichkeit an den meisten überhaupt tödtlichen Krankheiten. Hier und speciell im Vorfrühling pflegen gerade die häufigsten und tödtlichen Krankheiten zu culminiren, vor allen Lungentuberkulose, Entzündungen der Athmungsorgane, Keuchhusten, acute Exantheme, ('roup und Diphtheritis; auch für das höhere

*) Croup, für sich betrachtet, wird wohl häufiger beim männlichen als beim weiblichen Geschlechte vorkommen; dagegen dürfte die Diphtheritis beim weiblichen Geschlechte überwiegen.

Greisenalter ist diese Jahreszeit am verderblichsten, weshalb das Maximum der Wassersucht, des Schlagflusses und besonders der Altersschwäche auf die kalten Monate fällt. Die Sterbefälle in Folge der Kindbettkatastrophe fallen gleichfalls mit grossem Uebergewichte auf die kalten Monate des Jahres, zum Beweise, dass sie meist in entzündlichen Affectionen ihren Grund haben. Dagegen tritt der Typhus in jeder Jahreszeit fast mit gleicher Intensität auf, ja er ist, wenn man die Sterblichkeit hiervon mit der in jeder Jahreszeit ohwaltenden Gesammtsterblichkeit in Vergleichung bringt, in der warmen Jahreszeit, d. h. im Sommer und Herbst, häufiger als in der kalten; ein statistisches Ergebniss, das zugleich über die Natur und das Wesen dieser Krankheit Aufklärung gibt.

2. Wärmere Jahreszeit (Sommer und Ilerbst). Hier culminiren besonders nur die Krankheiten der Verdauungsorgane, nämlich Diarrhoe, zumal der Kinder, Atrophie derselben, auch Ruhr und Brechruhr bei Erwachsenen. Selbstmord und Unglücksfälle sind gleichfalls im Sommer am häufigsten.

Wir haben in vorstehender Abhandlung das Ergebniss der in Bayern während der jüngsten Jahre an verschiedenen Krankheiten eingetretenen Sterblichkeit in kurzen Zügen mitgetheilt. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, dass den Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege am vollkommensten dadurch entsprochen würde, wenn sich die statistischen Untersuchungen nicht bloss auf die Sterblichkeits-, sondern auch auf die Erkrankungsverhältnisse eines Landes oder auch nur eines grösseren Bezirkes erstrecken würden; denn gerade in der Häufigkeit und der Qualität der Erkrankungen müssen sich die mannigfaltigen physischen und socialen Zustärde eines Landes und seiner Bewohner, wie Klima, Bodenformation, Beschäftigungsweise u. s. w. am getreuesten reflectiren. Leider wird man aber von dem Versuche, eine exacte Statistik der Morbilität zu beschaffen, vorläufig und vielleicht für immer Abstand nehmen müssen; denn eine solche Statistik müsste sämmtliche während einer bestimmten Zeit in dem betreffenden Lande oder Bezirke vorgekommenen Erkrankungen und zwar mit den richtig gestellten Diagnosen umfassen. Es liegt auf der Hand, dass die Aerzte dieses Material zu liefern absolut ausser Stande sind, da unzweifelhaft überall nur ein gewisser Bruchtheil der stattfindenden Erkrankungen zu ihrer Kenntniss gelangt. Dass dies bei leichteren und unbedeutenderen Erkrankungen als Regel gilt, darf als sicher angenommen werden. Aber auch ein sehr grosser Theil schwerer und mit dem Tode endender Krankheiten kommt gar nicht zur ärztlichen Kenntniss. Wenigstens gilt dies für Bayern, wo im Durchschnitte der letzten Jahre nach Ausweis der Todtenscheine bei 46 bis 47 pct. aller Sterbefälle während der vorausgegangenen Krankheit ein Arzt nicht beigezogen worden ist.

Es bleibt daher nur übrig, die statistischen Untersuchungen ausschliesslich auf die Mortalität zu richten. Wenn diese mit der erreichbaren Genauigkeit für ein ganzes Land und seine einzelnen Provinzen festgestellt wird, so kann sie auch als Grundlage für die Ermittelung der Sterblichkeit an den verschiedenen Krank heiten wohl dienen.

Als ein derartiger Versuch mögen vorstehende Mittheilungen gelten, die sich auf ein grösseres deutsches Gebiet erstrecken und bei deren Unvollkommenheit der Verfasser nur wünscht, dass sie mit Nachsicht von dem freundlichen Leser aufgenommen werden mögen.

Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft

für öffentliche Gesundheitspflege.

(Ordentliche Sitzung vom 23. Juni 1874.)
Vorsitzender: Herr Börner; Schriftführer: Herr Falk.

Tages - Ordnung:
Herr Oldendorff:

„Ueber die Jahresberichte der deutschen Lebens-Ver-
sicherungs-Gesellschaften und ihre Bedeutung für die
Medicinal-Statistik.“

(Der Vortrag ist bereits in der Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin, Jabrg. 1874 veröffentlicht.)

Herr Börner schlägt im Einverständniss mit dem Vortragenden vor, die wichtige Angelegenheit einer Commission für Medicinal - Statistik zu unterbreiten; zugleich macht er u. a. auf das reichhaltige, interessante, aber bislang ungenügend verwerthete Material der Renten-Versicherungen aufmerksam.

[ocr errors]

(Ordentliche Sitzung vom 24. October 1874.) Vorsitzender: Herr Börner; Schriftführer: Herr Al. Müller.

Tages - Ordnung: Hr. Börner: „Ueber die Verhandlungen des deutschen Vereins für

öffentliche Gesundheitspflege in Danzig.“

Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege bat sich, besonders in Folge seiner zweckmässigen Zusammensetzung, schon während der kurzen Zeit seines Bestehens eine nicht geringe Bedeutung erworben. Die öffentliche Gesundheitspflege ist, wie dies in dieser Gesellschaft mehr als einmal von competentester Seite hervorgehoben wurde, eine angewandte Wissenschaft. Schwerlich wird man in jhr zu den gewünschten Resultaten kommen, will man sich darauf beschränken, in theoretischen Untersuchungen die Lösung der Aufgaben zu erstreben, welche hier vorliegen. Natürlicherweise müssen solche Untersuchungen vorhergeben, damit es gelingt, die nöthige Basis zu gewinnen, zum allergrössesten Theil gehören sie aber den exacten Wissenschaften an, der Physik, der Chemie und Physiologie. Um das Gewonnene ins Leben zu führen sind andere Factoren

« ZurückWeiter »