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Verhältnis von Leib und Seele im Menschen? Der Mensch ist ein Komplex von Monaden, die einheitliche Verbindung dieser beseelten Atome. Wodurch werden aber diese Monaden, die sich doch im Grunde ausschliessen, gleichwohl zur Einheit Mensch zweckmässig harmonisch verbunden? Die Zentralmonade ist es, welche eine Anzahl anderer Monaden zu der Einheit zusammenschliesst, die wir Organismus nennen. Die Zentralmonade ist die eigentliche Seele im Organismus. Da springt von neuem der alte Widerspruch hervor. Wenn schon ihrem Begriff nach die einzelnen Monaden sich überhaupt nicht zum Organismus verbinden können, wie ist es sogar möglich, dass eine Monade, die Zentralmonade, die sich doch auch allen anderen gegenüber ausschliessend verhalten muss, gleichwohl über diese eine solche Macht gewinnt, dass sie sich ihrem Einfluss willenlos unterwerfen müssen? Der Begriff der Monade verlangt vollkommenes Ausschliessen jeder Wechselwirkung, und der Begriff des Organismus fordert doch diese Wechselwirkung. Aus natürlicher Kausalität ist unter diesen Voraussetzungen die Wechselwirkung von Seele und Leib offenbar nicht einzusehen. So wird denn auch hier wieder der Geist der übernatürlichen Kausalität zitiert. Gott schafft die einheitliche Übereinstimmung zwischen der Zentralmonade und den ihr untergeordneten Monaden, so dass infolge davon Seele und Körper sich in voller Harmonie befinden. Das ist die tiefere, esoterische Entwicklung und Begründung der prästabilierten Harmonie von Leib und Seele bei Leibniz.

Sowie hinsichtlich des Verhältnisses von Körper und Geist die Kluft des Dualismus sich wieder öffnet, so erscheint nun aber endlich auch Gott selbst, der doch sonst überall den Einklang herstellt, in unvereinbarem Gegensatze zur Welt, so dass nun sogar gänzlich unbegreiflich wird, wie er denn überhaupt auf die Welt und ihre Teile in der Weise der prästabilierten Harmonie habe einwirken können. Die Monaden bilden in ihrer von Gott gesetzten Stufenfolge die Welt. Gott ist die höchste Monade. In ihm ist das Geistige zur möglich höchsten Klarheit gekommen, aber immerhin ist er Monade. Er steht also auch in der Reihe der Monaden und verhält sich demnach genau wie diese, das heisst aber — ausschliessend. Also auch Gott steht in voller Abgeschlossenheit, gänzlich transcendent der Welt gegenüber. Wie kann bei diesem Gottesbegriff eine Wechselwirkung zwischen Gott und Welt stattfinden? Wie kann Gott, der als Monade doch auch keine Fenster hat, in der Welt auch nur das kleinste bewirken oder von der Welt auch nur die geringste Einwirkung empfangen? Nicht tiefer und schroffer kann die Kluft gedacht werden, und aus dem Monadenreich ersteht hier kein philosophischer Curtius, der sie zu schliessen vermöchte.

Allerdings sucht Leibniz den Widerspruch zwischen der Exklusivität der Monaden einerseits und ihrer notwendigen Wechselwirkung andererseits durch eine Lehre auszugleichen, die uns aber erst recht von jeder natürlichen Kausalerkenntnis ab and in mystische Abgründe hineinführt. Jede Monade ist ein, die eine im stärkeren, die andere im schwächeren Grade, beseeltes und also vorstellendes Wesen. Was stellt die Monade vor? Ihr eigenes Wesen und das gesamte Weltall, je nach dem Grade ihrer Beseelung in deutlicherer oder dunklerer Weise. Denn jede Monade steht zu dem Universum in dem Verhältnis des Mikrokosmos zum Makrokosmos. Als Mikrokosmos ist sie gewissermassen ein Extrakt des Makrokosmos; im kleinen enthält sie das Wesen der Welt im grossen, sie stellt dasselbe vor und richtet also auch ihr Handeln nach dieser ihrer Vorstellung von der Welt ein, d. h. aber sie handelt zweckentsprechend gegenüber allen anderen Monaden. Denn trotz ihrer Abgeschlossenheit weiss so die Monade vom Ganzen und richtet sich nach dem Ganzen und harmonisiert mit dem Ganzen, so dass also eben in diesem ihrem inneren Vorstellen des Ganzen und ihrem dadurch geleiteten Handeln die gegenseitige Wechselwirkung und der einheitliche Zusammenhang der Monaden begründet liegt. Die Vorstellung des ganzen Alls ist also jeder Monade in minderem oder höherem Grade angeboren. Nicht alle kommen zum vollen Bewusstsein dieser ihrer angeborenen Ideen. Bei den höheren Monaden entwickelt sich das Bewusstsein derselben klarer (Mensch) dunkel dämmert es bei den niedrigeren (Tier); im unbewussten bleiben diese Ideen bei den niedrigsten (Stoff), trotzdem aber sind sie auch hier innees, wenn auch nicht connues.

Von neuem also treten uns hier die angeborenen Ideen, und zwar in weitester Form, als das Angeborensein des gesamten Alls und in entschiedenem Anklang an Piatons Ideenlehre entgegen. Aber auch die Widersprüche sind hier sogleich zu bemerken.

Denn erstens ist das ideelle Angeborensein des gesamten Weltalls offenbar ein unbegreifliches Wunder. Wie kann in die fensterlose Monade gleichwohl die Vorstellung des ganzen Universums hineindringen? Gott hat es so geschaffen, aber Gott ist selbst Monade, und nun treten wieder alle bereits bekannten Widersprüche im Begriffe Gottes und der prästabilierten Harmonie uns entgegen.

Zweitens: eine wahre Einwirkung der einen Monade auf die andere findet hier doch nicht statt; denn die Monade wirkt nicht etwa wie die Platonische Idee durch ihr reines Denken auf ein anderes ein oder wie ein stofflicher Körper auf einen anderen durch den mechanischen Stoss, sondern nur weil sich in ihnen allen ein und dieselbe angeborene Weltallsvorstellung, wenn auch in verschiedenen Graden, gleichzeitig entwickelt, wirken sie in gleicher Weise mit- und nebeneinander zu gleichen Zwecken; eine wahrhafte Wechselwirkung aufeinander ist gleichwohl ausgeschlossen, denn jede Monade bleibt trotz dieses Zusammenwirkens ganz innerlich für sich, und dass sie trotzdem in dieser ihrer Blindheit dieselben Bahnen finden, ist eben nur Folge eines unbegreiflichen Wunders, nämlich ihrer von Gott von vornherein harmonisch eingerichteten Natur.

Drittens: ein wahres geistiges Erfassen eines äusseren Eindrucks ist der verschlossenen Monade natürlich nicht möglich. Jedes empirische Forschen und Lernen, jedes Gewinnen einer wirklich neuen, in der Monade nicht schon angelegten Vorstellung ist undenkbar. Somit ist hier jede Empirie und jede empirische Wissenschaft im Grunde aufgehoben: der Monade bleibt nur die Möglichkeit, sich das immer klarer zum Bewusstsein zu bringen, was bereits in ihr liegt, sich ihres ursprünglichen Besitzes nach und nach nur wiederzuerinnern. Kurz die alte Lehre der Platonischen Wiedererinnerung (dvä/J,vijaig) und der angeborenen Ideen steht in neuer Form wieder vor uns.

Und hier erscheint dann viertens endlich der Punkt, wo es deutlich einleuchtet, dass, wenn wirklich das Weltall aus Monaden mit den hier entwickelten Eigenschaften bestünde, eine Erkenntnis dieser Monaden, also die Monadologie und das Leibnizsche System, nicht existieren könnte. Leibniz setzt denn doch die Erkennbarkeit des Weltganzen voraus, sonst würde er sein System weder aufgestellt noch für wahr gehalten haben. Wie kann aber, wenn jede Monade in sich geschlossen ist und sich also auch zu anderen nicht erkennend verhalten kann, der Monadenstaat Mensch sich zu dem Weltall erkennend verhalten? Die Monaden als wirkliche Existenzen vorausgesetzt, so wäre ein Wissen von ihnen, eine Monadenphilosophie unmöglich, oder man müsste jene übernatürliche Offenbarungserkenntnis der Monaden in ihrem Innern durch die angeborenen Ideen als thatsächlich annehmen, was Sache keines Wissens und der Erfahrung, sondern lediglich des Glaubens und der Phantasie wäre.

Auf allen Stationen erweist sich somit die Lehre Leibnizens als widerspruchsvoller Dogmatismus, und dass wir es hier mit einer von der Empirie im Grunde abgewendeten philosophischen Dogmatik zu ithun haben, zeigt vor allem der Umstand, dass die Monade niemals Gegenstand der Erfahrung, sondern nur eine hypothetisch gesetzte Substanz, also im Grunde ein blosses Gedankengebilde ist. Die Monaden sind Atome, nur nicht rein materielle, sondern psychische Atome. Wir haben bereits gelegentlich der griechischen Atomistik eine genauere Kritik des Atombegriffes gegeben. Die Kritik des Atoms ist aber auch die Kritik der Monade, denn diese ist nur eine besondere Form des Atoms. Das Atom ist, zeigten wir damals, das Unendlichkleine der Materie, aus dem die ganze Materie sich zusammensetzt. In dem Atome liegen daher auch alle die Widersprüche, welche den Begriff des Unendlichkleinen umlagern. Auch die Monade ist also das Unteilbare, das Unendlichkleine, aus dem das ganze All sich zusammensetzt; wir werden also auch hier die

Fritz Scbultze, Philosophie der Naturwissenschaft. 23

selben Widersprüche finden müssen. Besonders drei Widersprüche übertragen wir von dorther auf die Monade hier.

Der erste Widerspruch: Die Monade ist unteilbar; das Unteilbare ist Nichtgrösse, denn jede Grösse ist teilbar. Wie kann aber aus Nichtgrösse Grösse werden? Wie kann aus den nichtgrossen Atomen, seien es nun die materiellen Demokrits oder die psychischen Leibnizens, das Weltall sich zusammensetzen, welches Grösse ist? Der zweite Widerspruch: Die Monade ist Nichtgrösse, denn sie ist unteilbar. Wahrnehmbar und erfahrbar sind nur Grössen. Als Nichtgrösse ist also die Monade kein Gegenstand der Wahrnehmung und Erfahrung. Dasselbe lehrt uns der dritte Widerspruch: Als Nichtgrösse ist die Monade nicht im Raume, denn alles Räumliche ist Grösse. Wahrnehmbar und erfahrbar ist aber nur das Räumliche. Mithin ist die Monade, als nichträumlich, auch nicht wahrnehmbar und erfahrbar.

Das Leibnizsche Monadensystem hat sich uns als ein sehr widerspruchsvoller Dogmatismus erwiesen, der mit den Thatsachen der Erfahrung nicht übereinstimmt, ja sogar die natürlich-kausale Erkennbarkeit der Dinge überhaupt aufhebt. Es will idealistischer Naturalismus sein, aber wenn es auch feststeht, dass dem Naturalismus das Ideal nicht fehlen darf, so ist doch nicht zu verkennen, dass der hier gebotene Idealismus mit wahrem Naturalismus nicht zusammenpasst, da dieser Idealismus den Naturalismus aufhebt und mystischen Hypernaturalismus dafür an die Stelle setzt. Trotz alledem liegen aber in dem System eine Fülle der anregendsten und bedeutsamsten Ideen, die nicht bloss auf das 18. Jahrhundert gewirkt haben, sondern auch dem ig. Jahrhundert Fleisch und Blut haben bilden helfen.

Leibniz war ein universaler Genius, der alle Wissensgebiete seiner Zeit nicht bloss in gelehrter Weise kannte, sondern sie schöpferisch beherrschte. Er ist Mathematiker, Physiker, Naturforscher, Philosoph, Theolog, Jurist, Historiker und Politiker. Wie in dem Universalismus seiner Persönlichkeit und seines Geistes alle noch so verschiedenen Wissensgebiete einheitlich verbunden liegen, so sucht er auch auf Grund dieser seiner persönlichen Beschaffenheit alle noch so verschiedenen Weltanschauungen gegen

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