Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

4. Die Kinder sind in ihrem 1. Lebensjahre nicht wesentlich gefährdeter, dagegen ihre Sterblichkeit im 2. bis incl. 5. Lebensjahre doppelt so gross als im Staate Preussen, noch erheblicher in den Landgemeinden, bedingt durch Häufigkeit der Geburten und mangelnde Erziehung Seitens der Mütter.

5. Ueberwachung der Anlagen und des Betriebes der industriellen Werke, Sorge für gute Wohnungen und Strassen, reines Trinkwasser, Beseitigung des Schlafburschenunwesens, sowie bessere Volksbildung sind die nächsten Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege in den Kreisen Beuthen, Kattowitz und Zabrze, welche ihre Aufmerksamkeit ganz besonders den grossen industriellen Landgemeinden zuzuwenden hat.

Quellen.

Chr. Bernoulli, Handbuch der Populationistik. 1841.
J. E. Wappaeus, Allgemeine Bevölkerungs-Statistik. 1859.
Fr. Oesterlen, Handbuch der medicinischen Statistik. 1865.
Preussische Statistik. (Blaubücher.) Bd. X. XVI. XVII.
Felix Triest, Topographisches Handbuch von Oberschlesien, 1864.
Huyo Solger, Der Kreis Beuthen in Oberschlesien. 1860.
R. Holtze, Artikel in der Breslauer Zeitung vom 3. Juli 1870.
Rud. Virchow, Ueber die Sterblichkeits-Verhältnisse Berlins. 1873.

Die Sterblichkeit nach Todesursachen in Bayern

während der Jahre 1871 und 1872.

Von

Dr. med. Carl Majer,

Mitarbeiter am K. statistischen Bureau zu München.

Die amtliche Veröffentlichung der Sterbefälle nach Todesursachen datirt in Bayern vom Jahre 1839/40 an. Sie ist nach mehrmals abgeänderten Schematen veranlasst worden. Leider wird jedoch dieses so detaillirte Material zu einer Mortalitäts - Statistik in seinem Werthe dadurch sehr geschwächt, dass die hierbei in Anwendung gekommene Classification der Krankheiten weder in nosologischer noch in hygienischer und statistischer Beziehung den Anforderungen der Neuzeit mehr entspricht. Es wurde daher im Jahre 1866 eine Verbesserung resp. Umarbeitung des bis dahin giltigen Krankheits- Schema's vorgenommen, wobei das von der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen in Preussen verfasste Schema, mit einigen nicht wesentlichen Modificationen, zu Grunde gelegt, die bisherige Aufnahme der Todesursachen nach Geschlecht, nach Altersclassen und nach Monaten aber beibehalten wurde. Nur wurde die Einrichtung getroffen, dass die Sterbefälle des ersten Lebensjahres in weitere kürzere Perioden zu scheiden seien, nämlich unter 1 Monat, im 2. und 3. Monat, im 4. 5. und 6. Monat, im 7. bis 12. Monat. Auf diese Weise lassen sich die Ursachen der in Bayern so grossen Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre besser erkennen, als es früher der Fall war.

Dieses neue Mortalitäts-Schema kam im Jahre 1867/68 zum ersten Male in Anwendung und hat noch gegenwärtig seine volle Giltigkeit –, obwohl es zweckmässig sein dürfte, wenn bald wieder einige Abänderungen vorgenommen werden.*)

*) Dem in Bayern dermalen giltigen Mortalitäts-Schema ist hauptsächlich der (schnellere oder lang samere) Verlauf der Krankheiten als Eintheilungsprinzip zu Die Hauptbedingung, um zu einer möglichst genauen Statistik der Todesursachen zu gelangen, ist aber eine mit Umsicht und Sachkenntniss durchgeführte Leichensch an. Dieselbe wird in Bayern seit 1839 nach einer für das ganze Königreich gleichlautenden Instruction durchgeführt. Aerzte, Wundärzte, Bader und in wirklichen Nothfällen (die jedoch in Bayern selten vorkommen) andere gehörig instruirte Männer sind die Leichenschauer. In den gedruckten Leichenscheinen ist ausser den Personalien auch der Name der Krankheit und die Dauer derselben und zwar von behandelnden Aerzten selbst, wenn ein solcher beigezogen worden ist, ausserdem nach Angabe der Hinterbliebenen, einzusetzen. Keine Leiche darf ohne diesen Todtenschein begraben werden. Die von den Todtenschauern ausgestellten Todtenscheine gelangen nan durch die Pfarrämter an die Bezirksärzte, welche sodann die Mortalitäts - Tabellen alljährlich nach dem vorgeschriebenen Formular zusammenstellen und an die Kreisregierungen einsenden; von dort gelangen sie durch das Staatsministerium des Innern an das statistische Büreau, in welchem die Tabellen aus dem ganzen Königreiche zusammengestellt werden. Nun ist freilich wohl zu beachten, dass ein grosser Theil der Sterbefälle ohne vorhergegangene ärztliche Behandlung sich ereignet (etwa 45 bis 46 pCt.), dass daher die Einträge der Krankheiten in den Todtenschein mitunter willkürlich, d. h. nach der ungenauen Angabe der Hinterbliebenen gemacht werden. Dagegen ist jedoch zu erinnern, dass nicht die Todtenschauer, welche allerdings nicht immer den erforderlichen Grad ärztlicher Vorbildung besitzen, sondern die Bezirksärzte die Mortalitäts-Tabellen zusammenstellen, und wenn diese immer mit der erforderlichen Kritik verfahren, so wird es ihnen nicht schwer werden, auch solche Krankheitsbezeichnungen, welche im Schema nicht enthalten sind und deren sich die Todtenschauer, wie die Nichtärzte überhaupt, noch hie und da bedienen, richtig zu classificiren. Wünschenswerth wäre es übrigens, wenn die Leichenschau

[ocr errors]

Grunde gelegt. Es dürfte aber viel natürlicher sein und auch den Zwecken der öffentlichen Gesundheitspflege besser entsprechen, wenn die Eintheilung in allge meine und örtliche Krankheiten – letztere nach den befallenen Organen weiter specialisirt – vorgenommen würde. Ein solches Schema der Todesursachen ist schon seit vielen Jahren in der Stadt Frankfurt giltig und scheint sich dort bewährt zu haben.

nach und nach in die Hände der promovirten Aerzte gelangen würde, was freilich das Vorhandensein eines hinreichenden ärztlichen Personales einerseits und eine entsprechende Honorirung für diese Function andererseits voraussetzt. *)

Ehe wir jedoch zur Statistik der Todesursachen selbst übergehen, erscheint es zweckmässig, eine kurze Darlegung der Gesammtsterblichkeit für das Jahr 1872 im Vergleich mit dem Vorjahre vorauszuschicken:

[merged small][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][ocr errors][ocr errors][merged small][ocr errors][merged small][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][merged small][ocr errors][ocr errors][merged small]

Die Gesammtzahl der Gestorbenen hat demnach im Jabre 1872 im Vergleich mit dem Vorjabre um 12166 oder 7 pct. abgenommen. Die grosse Sterblichkeit im Jahre 1871 ist hauptsächlich dem deutsch-französischen Kriege zur Last zu legen, welcher eine grössere Mortalität an gewissen Krankheiten, wie Typhus, Ruhr, Lungentuberkulose - abgesehen von den an Ver

*) Es ist allerdings keinem Zweifel unterworfen, dass eine Beschränkung der Sterblichkeits-Statistik nach Todesursachen auf die Bevölkerung der Städte ein weit zuverlässigeres Ergebniss liefern würde, als wenn diese Statistik auch auf die ländlichen Bezirke ausgedehnt wird, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die in den Städten Gestorbenen nur selten es unterlassen haben, während ihrer letzten . Krankheit einen Arzt herbeizurufen. Nur waltet in diesem Falle das Bedenken ob, dass hieraus kein wichtiger Schluss auf die Gesam mtbevölkerung eines Landes sich ziehen lässt, weil die Bewohner der Städte und besonders der grossen Städte in ganz anderen Lebensverhältnissen sich befinden, als die Bewohner des platten Landes.

wundungen im Kriege Gestorbener – veranlasst bat. Hierzu kam noch die ausserordentlich grosse Zahl von Blattern - Sterbefällen (über 5000), deren Ursprung ebenfalls auf den Krieg zurückzuführen ist, die sich aber dann vorzugsweise auf die Bevölkerung beiderlei Geschlechts ausgebreitet haben. Dem Jahre 1872 kam wieder eine normale Sterblichkeit zu, die freilich zum Theile auch den günstigen Witterungsverhältnissen dieses Jahres (gelinder Winter und nicht sehr heisser Sommer) zuzuschreiben ist. Die höchste Sterblichkeit fällt abwechslungsweise bald auf Oberbayern bald auf Schwaben, die niedrigste bald auf Ober-, bald auf Unterfranken, bald auf die Pfalz (je nachdem die niedrigste Kindersterblichkeit auf einen dieser Regierungsbezirke fällt). Nach dem Geschlechte treffen auf 1000 weibliche Todesfälle in jedem der beiden Jahre 1084 männliche.

Was das Alter der Gestorbenen anbelangt, so trifft für das Jahr 1872. auf 10,000 Seelen jeder Altersperiode folgende Zahl von Sterbefällen und zwar sowohl in den einzelnen Regierungsbezirken (hier ohne Ausscheidung des Geschlechtes). als im ganzen Königreiche (hier mit Ausscheidung des Geschlechtes); beigefügt sind die Verbältnisszahlen für das Jahr 1871 im Ganzen *):

[graphic][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][ocr errors][subsumed][subsumed][ocr errors][subsumed][ocr errors][subsumed][ocr errors][ocr errors][ocr errors][subsumed][ocr errors][ocr errors]

In allen Altersperioden hat das Jahr 1872 eine relativ geringere Sterblichkeit aufzuweisen, als das Jahr 1871. Die höchste Sterblichkeit fällt immer auf das erste Lebensjahr und hier stehen, wie immer, Oberbayern und Schwaben obenan, während auf Oberfranken und die Pfalz nur die Hälfte dieser Verhältnisszahlen

*) Die absoluten Zahlen sind hier, wie in den nächstfolgenden Tabellen, der Raumersparniss wegen weggelassen worden.

« ZurückWeiter »