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eigene) geleitet, sondern einerseits durch Helios, andererseits durch die für sich bestehenden Ideen.

So ist es denn klar, dass die dritte Daseinsstufe, die des unbeseelten Sterblichen, von Helios, Selene und den übrigen Planeten in Verbindung mit den überhimmlischen Ideen, den Titanen nämlich, geschaffen wird, so dass also Kronos und Aphrodite die Form und den Stoff überhaupt, Kora die Idee des sterblichen Teiles des Menschen, Pan die Idee der unvernünftigen Tiere, Demeter die der Pflanzen verleiht.

Fünftes Kapitel.

Der Entwicklungsgang der Scholastik und die Authebung der Naturverachtung.

Inhalt: Die Scholastik als neues Motiv zur Aufhebung der Naturverachtung.

— Aufgabe der Scholastik. — Schauplatz, Vertreter, Zeitalter. — Ihre Methode unhistorisch. — Ihre Deduktionen willkürlich. — Metaphysische Voraussetzungen der Scholastik. — Platonisch-aristotelischer Realismus. — Der Nominalismus. — Höhepunkt und Verfallzeit der Scholastik. — Entwicklungsgang im 12. Jahrhundert. —Die Elemente im Glauben und Wissen.

— Anselm. — Abälard. — Hugo von St. Viktor. — Gilbertus Porretanus. — Die Viktoriner. — Die Summisten. — Die zwei philosophischen Ergebnisse: Skeptizismus und Mystizismus. — Entwicklungsgang im 13. Jahrhundert.

— Das Studium des Aristoteles. — Die arabischen Aristoteliker. — Aristoteles und die Kirche. -— Geistige Herrschaft des Aristoteles. — Die neue Aufgabe der Scholastik. — Thomas von Aquino. — Entwicklung der Kirchenlehre nach Aristotelischen Prinzipien. — Der thomistische Aristoteles. — Duns Scotus. — Auflösung der Verbindung von Theologie und Philosophie. — Unselbständigkeit der Philosophie. — Die „Doppelte Wahrheit". — Kritik des scholastischen Realismus. — Wilhelm Occam. — "Der Nominalismus. — Occams Kritik der Allgemeinbegriffe. Die dreifache Widerlegung des Realismus. — Die Übervemünftigkeit der Dogmen. — Verwerfung des ontologischen Schlusses.

— Occam und seine Anhänger verfolgt. — Die endliche Anerkennung des Nominalismus. — Die negative und positive Seite des Nominalismus. — Der Untergang der Scholastik und die Rückkehr zur Natur und natürlichen Wissenschaft. — Das Ende der Epoche der Naturverachtung. — Wert dieser Epoche

in Hinblick auf die universelle Entwicklung des Menschengeistes.

jjass die Naturverachtung trotz Albert und Baco doch als die herrschende Stimmung in breiter Mächtigkeit im Mitttelalter dasteht, zeigt sich am besten daran, dass das hauptsächlichste wissenschaftliche Streben des ganzen Zeitraums auf die theologische Begründung derjenigen Glaubenslehren gerichtet ist, auf deren Basis gerade die Naturverachtung entstanden war. Aber eben diese sich eifrig an den scholastischen Ausbau der Dogmatik hingebende Thätigkeit bewirkt das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigt — sie wird in letzter Instanz ein Impuls zur Erweckung der Naturverehrung und Naturerforschung, indirekt insofern nämlich, als die Scholastik, indem sie mit Eifer ihre Probleme bearbeitet, in ihren durch und durch widerspruchsvollen Schlussergebnissen endlich nolens volens den Beweis führt, dass diese Probleme unfruchtbar und widersinnig sind, eben dadurch aber den menschlichen Geist der scholastischen Spitzfindigkeit überdrüssig macht und ihn antreibt, abzulassen von trockener und erfolgloser Begriffsklauberei und sich den lebendigen Dingen der Natur und ihrer Erforschung zuzuwenden. Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir jetzt die Scholastik, die keineswegs verdient, als blosser „mittelalterlicher Wust und Unsinn" abgethan und übergangen zu werden, vielmehr als einen der für die Entwicklung der Wissenschaften wichtigen und grossen Faktoren kennen lernen, die zur Aufhebung der Naturverachtung führen.

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Nachdem die praktische Aufgabe der Christianisierung Europas etwa mit dem 10. Jahrhundert gelöst ist, und nun der Geist in der beschaulichen Stille der Klöster neue Zeit zum Nachdenken findet, da stellt sich von selbst wieder das Bedürfnis nach theoretischen Untersuchungen ein. Die einzigen theoretischen Wahrheiten , zu deren Untersuchung man sich angetrieben fühlt, sind aber die christlichen Grundwahrheiten, die dogmatischen Glaubenslehren. Wenn diese nun aber auch für absolute Wahrheiten gelten, so erscheinen sie doch, unter dem Gesichtspunkte der Logik betrachtet, auch dem Mittelalter als höchst seltsam und eigentümlich. Wie können ein Gott und doch drei verschiedene Personen in ihm, wie können ein Erlöser und doch zwei ganz entgegengesetzte Naturen in ihm logisch richtig gedacht werden? Da sie aber unzweifelhaft wahr sind, so müssen sie trotz ihrer Seltsamkeit sich dennoch durch Vernunft beweisen lassen, so muss sich trotzdem eine genaue Übereinstimmung zwischen den Forderungen des logischen Verstandes und dem Inhalt dieser Dogmen darthun lassen. Gerade diese Übereinstimmung herzustellen, ist die Aufgabe der sogenannten Scholastik des Mittelalters. Ihr Schauplatz ist nicht der Orient, dessen phantasievollem Geiste es entsprach, die Dogmen zu erzeugen, sondern die nüchterne Verstandesschärfe des Occident unternimmt es, das intuitiv Erschaute gegenüber den logischen Gesetzen zu rechtfertigen. Ihre Vertreter sind deshalb nicht mehr die patres, sondern nur die magistri oder doctores ecclesiae.

Wenn schon im 10. Jahrhundert die Scholastik beginnt, so ist doch die eigentliche Blütezeit erst das 12. und 13., die Glanzperiode das 13. Jahrhundert. Vom 14. Jahrhundert an beginnt mit dem Heraufdämmern der neuen Zeit schon der Verfall der Scholastik.

Die Scholastik will die Gründe aufzeigen, warum die Dogmen gerade so und nicht anders lauten. Auch wir haben das Warum der Hauptdogmen nachgewiesen, indem wir ihre natürliche Entstehungsgeschichte verfolgten. Aus dem logischen Verstandesfaktor der Ideenlehre, der in letzter Instanz auf dem ontologischen Fehlschluss beruhte, ging einerseits die ganz dualistisch - transcendente Auffassung des Verhältnisses zwischen Gott und Welt hervor; aus dem psychologischen Gemütsfaktor der Weltflucht andrerseits entsprang das Bedürfnis nach Erlösung, und so entstanden im natürlichen Prozess der geschichtlichen Entwicklung unter dem Einfluss der Wechselwirkung der verschiedentlichsten äusseren und inneren Momente jene christlichen Dogmen. Von diesem historischen Prozess weiss das Mittelalter nichts. Es muss also durch seine eigene Fantasie sich die Gründe bilden, warum z. B. in Christus Gott und Mensch, warum in Gott die drei Personen vereint gedacht werden müssen. Es muss mithin eine neue himmlische Prähistorie ersinnen, welche die auf Erden spielenden christlichen Glaubenshistorien verständlich macht. Seine Erklärungen müssen also im vollsten Gegensatze zu der geschichtlichen Entwicklung ganz willkürlich und wie eine neue himmlische Mythologie ausfallen.

All' diese willkürlichen Deduktionen der Scholastik stehen aber unter einer metaphysischen Voraussetzung, die wir schon früher hervorgehoben haben. In Adam sind alle Menschen gefallen, in Christus sind alle erlöst — Adam wie Christus ist also die platonische Idee der Menschheit. Wenn nun die platonische Idee nur ein Hirngespinst wäre? wenn sie nicht wirklich ein real Existierendes wäre? Dann wäre auch offenbar das ganze Fundament dieser Dogmatik ein hinfälliges. Mit vollem Bewusstsein besteht deshalb die kirchliche Scholastik darauf, dass der „allgemeine Begriff" für ein wirkliches Wesen gehalten werde, und sie drückt dieses ihr Axiom in der Formel aus: Universalia sunt realia. Dieser Satz spricht den Inhalt des mittelalterlichen sogenannten Realismus aus. Darunter ist also durchaus nicht zu verstehen, was wir heute Realismus nennen, nämlich die Lehre, welche die allgemeinen Begriffe gerade für blosse subjektiv - menschliche Abstraktionen, dagegen das konkrete, sinnliche Ding für real erklärt — dieser mittelalterliche Realismus ist vielmehr Idealismus im Sinne der platonischen respektive aristotelischen Ideenlehre.

Aber schon im 12. Jahrhundert machen sich Gegensätze gegen dieselbe bemerkbar. Es treten bereits ketzerischer Weise solche auf, welche die allgemeinen Begriffe auf ihr wahres Wesen als blosser Abstrakta, als blosser Wörter und Namen zurückführen und die entgegengesetzte Formel aufstellen: Universalia sunt nomina. Diese Richtung, in der sich bereits das Herannahen einer neuen Zeit bemerklich macht, ist deshalb Nominalismus genannt, und entspricht der Hauptsache nach Dem, was wir heute Realismus nennen.

Innerhalb des mittelalterlichen Realismus ist nun aber noch eine doppelte Fassung möglich: die des platonischen und die des aristotelischen Realismus. Piaton hatte erklärt, die Ideen sind im Jenseits diejenigen Kräfte, welche alle diesseitigen Dinge hervorbringen. Das Primäre in jeder Beziehung sind die Ideen; die Dinge sind sekundäre Erscheinungen. Nach platonischer Auffassung sind die Ideen der Zeit wie dem Range nach vor den einzelnen Dingen, z. B. die Idee des Baumes vor dem einzelnen Baume. Und so erklärt denn die Scholastik, welche sich zum platonischen Realismus bekennt: Universalia sunt realia ante rem. Wenn aber so Idee und Materie in dualistischer Trennung einander entgegengestellt wurden, so war nach Aristoteles nicht einzusehen, wie diese transcendenten Ideen auf die diesseitigen

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