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für theologische Untersuchungen bekundete er schon früh durch einige Schriften. Dann begab er sich im reifern Alter nach Italien, dem damaligen Sitze der Wissenschaften, wo ihn Baptista Montanus und Vesal zu Padua in die Heilkunde einweiheten. Der Doctorhut wurde ihm in Bologna zu Theil, und 1542 las er im Verein mit Realdus Columbus über Aristoteles, mit grossem Beifall. Ein Jahr darauf durchreiste er ganz Italien, und verglich mit grossem Fleisse die Handschriften, zur Berichtigung von Galen und Celsus, hörte in Pisa die Vorlesungen von Matthaeus Curtius, und kehrte dann durch Frankreich und Deutschland in sein Vaterland zurück. In Cambridge als Doctor der Heilkunde aufgenommen, trat er mit grosser Auszeichnung in Shrewsbury und Norwich auf, wurde aber bald von Heinrich VIII. aufgefordert, den Wundärzten in London anatomische Vorlesungen zu halten. Am Hofe Eduard's VI. ehrte man ihn nicht wenig, und die Würde eines Leibarztes, die ihm dieser ertheilte, behielt er auch unter den Königinnen Maria und Elisabeth. 1547 wurde er Mitglied des Collegiums der Aerzte, in dem er späterhin sieben Jahre lang den Vorsitz führte. Er nahm die Würde dieses Vereins beständig mit grossem Eifer wahr, schrieb dessen Jahrbücher von der Gründung durch Linacre an, bis zu Ende seines Vorsitzes, und bewirkte eine Stiftung zu jährlich zwei öffentlichen Zergliederungen menschlicher Leichen, den ersten in England *). Dass er sich also schon vor 1551 in London niedergelassen, ist gewiss, doch war er während des Schweissfiebers in Shrewsbury gegenwärtig. Seine

1) Aikin, p. 103. seq.

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Flugschrift über diese Krankheit, die erste und letzte in England, erschien jedoch erst 1552, nachdem alles vorüber war. Sie ist in kräftiger Volkssprache und mit rühmlicher Freimüthigkeit geschrieben, denn Kaye tadelt darin die rohe Lebensweise seiner Landsleute ohne allen Rückhalt, und langweilt seine Leser nicht mit allzu vieler Gelehrsamkeit aus den Büchern, welche seine Zeitgenossen so wenig wie er selbst bei anderen Gelegenheiten zurückhalten können. Er behielt sich diese für die lateinische Bearbeitung seiner Flugschrift vor, die noch vier Jahre später herauskam !), und wenn sie auch, nach dem neuern Massstabe beurtheilt, ziemlich ungenügend ist, doch eine Fülle schätzbarer Angaben enthält, und ihren Verfasser als einen guten Beobachter des menschlichen Lebens erkennen lässt. Und dabei kann sich der Engländer des sechzehnten Jahrhunderts nirgends verleugnen, so viele Worte und Wendungen er auch von seinem Celsus erborgt. Seine Ansichten sind der altgriechischen Heilkunde, in welcher die damaligen Aerzte lebten und webten, durchaus angemessen, daher die Benennung „Ephemera pestilens“ *), die Vergleichung mit ähnlichen Fiebern der Alten *), und seine genaue VWürdigung der bedeutungsvollen Lehre von den Luftgeistern, auf welche er die Hauptursachen der Krankheit zurückführt, insofern die verderbte Luft (Spiritus corrupti) mit dem Blutgeiste (Spiritus san

1) 1556. Diese Ausgabe ist sehr selten, und in Deutschland wahrscheinlich nicht vorhanden. Die vom Verf besorgte Ausgabe (1833) ist nach dem ganz guten Londoner Abdruck von 1721.

2) Bei den Deutschen zuweilen „eines Tags Festilentzisches Fieber.“

3) P. 15. – II. 26öys, ruqööns, iögóöns.

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guinis) sich in den Lungen vermischt, woraus ihm zugleich erklärlich wird, warum viele Menschen zugleich, und zwar an verschiedenen Orten vom Schweifsfieber befallen werden konnten, und warum die Theile des Körpers, in denen nach altgriechischer Ansicht die Luftgeister sich entwickelten, von dieser Krankheit vorwaltend ergriffen wurden ! ). Aus der Verwandtschaft der verpesteten Luft mit den durch Völlerei verderbten Luftgeistern im Körper erscheint es ihm auch erklärlich, warum die Ausländer in England, bei denen diese Verderbniss weniger stattfand, nur in ein zelnen Ausnahmen vom Schweifsfieber befallen wurden *); anderes Theoretische nicht zu erwähnen. Ueber Luftverderbniss im Allgemeinen standen ihm, wie er denn ein aufmerksamer Naturforscher war, seine Erfahrungen in Italien und die Kenntnisse der Alten zu Gebote, auch ist seine Würdigung der untergeordneten Ursachen im Ganzen beifallswürdig, in welcher Beziehung er mit dem gleichfalls naturkundigen Agricola denselben Standpunkt einnimmt. Das unmässige Biertrinken der Engländer wurde von vielen für den Hauptgrund der Beschränkung des Schweissfiebers auf dieses Volk gehalten. Darüber spricht er sich ermüdend weitläufig aus, mit sichtbarer englischer Vorliebe für dieses Getränk, das offenbar zu der krankhaften Vollsaftigkeit des Volkes das Seinige beitrug, und eben diese erkennt er selbst als eine Hauptursache des Schweissfiebers an. Die von Erasmus und dem deutschen Arzte Hellwetter *) angeführte Schädlichkeit der Salzfische hätte er wohl nicht so geradehin verwerfen dürfen *), denn sie ver

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Biertrinken.

Feuer.

Räucherungen.

Behandlun der Ä. sucht.

ursachen, anhaltend genossen, übelriechende Schweisse,
und konnten mithin zur Vorbereitung des Schweiss-
fiebers mitwirken. Aehnliches gilt von den schmutzi-
gen Binsenfussböden in den englischen Häusern *),
und anderen untergeordneten Ursachen der Krankheit,
von denen im Verlaufe dieser Untersuchung die Rede
gewesen ist.
Als eifrigem Lobredner der Mässigkeit hätte man
ihm mehr Beifall wünschen mögen. Aber die Worte
guter Aerzte verhallen in die Lüfte, wenn es Laster
und sinnliche Angewöhnung gilt; man verlangt ein si-
cheres Schutzmittel, keine Busspredigt. Seine Vor-
schriften über Speise und Trank sind umständlich,
nach Art der Alten, und er empfiehlt so vielerlei, dass
wieder die Auswahl Kunst erfordert, während doch
nur entschiedene Einfachheit nützen konnte. Reini-
gungsfeuer, die man in Pestzeiten aller Orten an-
zündete, werden auch von ihm sehr gerühmt, wobei
wir erfahren, dass die Schmiede und Köche vom
Schweissfieber freigeblieben wären *). Räucherungen
mit wohlriechenden Stoffen aller Art, selbst den kost-
barsten indischen Gewürzen, waren in den Häusern
der Reichen überall gebräuchlich, und man ging nicht
aus ohne irgend eins von den tausend empfohlenen
Riechmitteln aus alten Pestzeiten. Die gerühmten Arz-
neien sind wieder die gewöhnlichen, unter denen auch
der Theriak, der armenische Bolus und die Perlen in
mannigfacher Verbindung vorkommen, doch sind die
meisten Schutzmittel, welche irgend einen Fehler des
Körpers beseitigen sollen, nicht allzu stürmisch.
Kaye's Behandlung des Schweissfiebers ist die
milde altenglische, sehr zweckmässig und klar ausein-

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andergesetzt. Von dem Einflusse der Schulen wusste er sich hier im Ganzen frei zu halten, und das einzige Heilmittel, das er im Nothfall billigte, war eine unschädliche und sehr beliebte Bereitung aus Perlen und wohlriechenden Stoffen, die man Manus Christi") oder in Deutschland Perlenzucker nannte. Sie stammte noch aus dem funfzehnten Jahrhundert, von Guainerus *), und es gab dazu sehr verschiedene Vorschriften *). Auch gab er wohl zuweilen Bolus oder Siegelerde zu Anfang *), denn wie hätte wohl ein Arzt des sechzehnten Jahrhunderts an der giftwidrigen Wirkung dieser überschätzten Heilmittel zweifeln können? Ungeduld des Kranken, Schwäche, zu dichte Haut und dickes Blut werden von ihm als die Haupthindernisse des kritischen Schweisses aufgeführt, die zu beseitigen er mit grosser und rühmlicher Vorsicht zu Werke geht, nach Umständen selbst warmen Wein und grössere Wärme verordnend. Zuweilen konnte er auch nicht vom Theriak und Mithridat lassen, doch hat er von diesen Mitteln wenigstens keinen ausgedehnten Gebrauch gemacht. Wassersüchtigen und Rheumatischen, die vom englischen Schweiss befallen wurden, verschrieb er einen Trank aus Guajac, auch empfiehlt er als schweisstreibend die in dieser Zeit sehr gebräuchliche Chinawurzel. Brach dann der Schweiss hervor, so untersagte er entschieden, diesen über die Gebühr zu treiben, es wurden sofort alle Arzneien beseitigt, und er verliess sich zur Abwendung der Schlafsucht allein auf den Riechessig und sanftes Rütteln, ohne grössere Qualen wie Damianus für nothwendig zu halten *).

1) P. 94. – 2) Practica, fol. 43. a., 263. a.

3) Fallop. de compos. medic. Cap. 41. p. 208. 4) P. 102. – 5) P. 106. 7.

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