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den, ohne alles Zuthun der Kunst *). Das englische Schweissfieber offenbart diese Regung des Organismus in ihrer höchsten bis jetzt bekannten Ausbildung. Denn es leidet wohl keinen Zweifel, dass der Schweiss in dieser Krankheit an und für sich kritisch war, in der vollsten Bedeutung des Wortes. Drittens die eigenthümlich um geänderte Grundmischung des organischen Stoffes in den rheumatischen Krankheiten, in Folge welcher flüchtige Säure im Schweisse wie im Harne, und thierische Aussonderungen von besonderem Geruche vorwalten. Der englische Schweiss zeigt auch dieses Ergebniss krankhafter Thätigkeit in so grossartiger und sprechender Entwickelung, wie keine andere Krankheit. Denn auch die beobachtete Neigung zur Fäulniss können wir nur als eine Steigerung dieses Zustandes ansehen. Viertens. Die ziehen den Schmerzen in den Gliedern, das sprechendste Merkmal der Flüsse, fehlten nicht bei der englischen Schweisssucht, ja sie kamen sogar bis zur beginnenden Lähmung entwickelt vor, und wohl nicht mit Unrecht können selbst die Zuckungen der Schweissfieberkranken aus derselben Quelle hergeleitet werden. Fünftens. Die Neigung der Flüsse bei ungünstigem Verlaufe in eigenthümliche Wass ersucht überzugehen – eine Folge der besonders gearteten Entmischung – zeigt sich bei dem Schweissfieber so bestimmt ausgeprägt, dass die Wassersucht selbst allmählich zum Tode führte. Bedarf es hiernach für die Zweifelnden noch eines Mittelgliedes der Vergleichung, so bietet sich ein

1) Auffallende Erfahrungen dieser Art hat der Verf zu Zeiten an sich selbst gemacht.

solches in dem Friesel dar, einer Krankheit von entschieden rheumatischem Wesen, doch möge man nicht die verkümmerten Frieselformen der neuern Zeit, sondern die grossen und ausgebildeten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts im Auge behalten. Hier ist ein ähnlicher Geruch des Schweisses, dieselbe Beklemmung, dieselbe unnennbare Angst mit Herzklopfen und Unruhe. Die Arme ermatten, wie von Lähmung ergriffen, Gliederreissen stellt sich ein, in den Fingern, in den Zehen das unbehagliche Prickeln – alles wie beim englischen Schweiss, nur in längerem, ungeregelten Verlaufe und in ganz anderer Entwickelung. Grund des Nach dieser Darstellung erscheint der "Äer englische Schweiss als ein Fluss fieber in seiner höchsten Ausbildung, wie nur je die Welt sie gesehen, mächtig eingreifend in das Leben des Hirns und Rückenmarkes und ihrer Nerven, ohne aber die Geflechte des Unterleibes irgendwie zu belästigen. Die übermässige Aussonderung wässeriger Flüssigkeit, welche nur in den gutartigen Fällen durch selbstständige Heilkraft geschah, in den bösartigen aber Lähmung der Gefässe und wirkliche Schmelzung erkennen liess, gewährt noch eine andere Rücksicht auf den Folgezustand der Entleerung, der höchst wahrscheinlich in einen Stillstand des Kreislaufes überging, gleichwie dieser nach jedem andern raschen Säfteverlust eintritt, sei es durch Blutfluss oder Brechdurchfall. Hierin lag die Bedingung des ungemein raschen Verlaufes der Krankheit, auch wohl zum Theil der tödtlichen Schlafsucht *), – und die 1) Diese Erscheinung kann wohl mit Recht mit dem ganz ähnlichen, nur aber länger dauernden Folgeübel der Cholera verdie Ursache der leicht verzeihlichen Verkennung des Wesens des Schweissfiebers auch in späterer Zeit. Das Folgeübel war grösser und tödtlicher, als das ursprünglich rheumatische Leiden an sich, das in den geringeren Formen seiner Verwandtschaft gutartig, und für leitendes Eingreifen leicht empfänglich ist.

Und hieraus erklärt sich denn auch der wunderbar glückliche Erfolg des altenglischen Heilverfahrens, das eben diesen Folgezustand vermeiden liess, und die ohnehin schon übermächtige Heilbestrebung anzuspornen vermied. Wir haben daher diesem weisen und wahrhaft ärztlichen Verfahren nichts weiter hinzuzufügen, als unsere vollkommene Beistimmung, denn es ist der Beruf des Arztes, in Krankheiten von selbstständiger Heilkraft diese frei walten zu lassen, und bei behutsamer Pflege nur ihre Hindernisse zu beseitigen. Sollte den Völkern das Geschick bevorstehen, einst wieder von der Krankheit des sechzehnten Jahrhunderts heimgesucht zu werden – es wäre ja nicht unmöglich, dass irgendwann ähnliche Ereignisse wiederkehrten – so wollen wir unseren Nachkommen anempfehlen, diese ewige Wahrheit, und die goldenen Worte des Wittenberger Büchleins zu beherzigen, die Heilkunst aber vor fremdartiger Beimischung zu bewahren, denn nur als Untergebene der Natur führt sie den Stempel der Vernunft, der Meisterin aller irdischen Dinge.

glichen werden. Lähmung und Anfüllung der rückführenden Gefässe gewähren in beiden dieselbe Berücksichtigung.

FÜNFTEs ERKRANKEN.
1551.

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KAYE.

1. Ausbruch.

Es waren nun wieder volle dreiundzwanzig Jahre vergangen, keine Spur der Schweisssucht hatte sich in so langer Zwischenzeit irgendwo gezeigt, und England hatte in rascher Entwickelung eine ganz andere Gestalt angenommen ! ), – als der alte Erbfeind des englischen Volkes wiederum, und zum letzten Male Shrewsbury. hervorbrach. Es war in Shrewsbury, der Hauptstadt von Shropshire *). Hier erhoben sich während des Frühjahrs dicke, undurchdringliche Nebel von den Ufern der Severn, und gaben durch ungewöhnlich übeln Geruch Nachtheiliges zu befürchten *). Es währte auch nicht lange, so brach plötzlich am 15. April das Schweissfieber aus, vielen ganz unbekannt, oder nur noch dunkel erinnerlich, denn über die Erschütterungen unter Heinrich’s Regierung hatte man die alten Leiden längst vergessen. Das Erkranken war in Shrewsbury und den benachbarten Orten so beispiellos allgemein, dass jedermann glauben musste, die Luft wäre vergiftet, denn es half keine Vorsicht, kein Verschliessen der Thüren

1) Nach Heinrichs VIII. Tode, 1547, war der neunjährige Eduard VI. († 1553) zum Throne gelangt.

2) Caius, p. 2. – 3) P. 28.

und Fenster – jede einzelne Wohnung wurde ein Krankenhaus, und nur die Kinder und Alten, die zur Pflege der Ihrigen nichts beitragen konnten, blieben von der Seuche unberührt ! ). Die Krankheit kam so unvermuthet und ohne alles Vorgefühl, wie jemals früher: bei Tische, im Schlaf, auf der Reise, bei Scherz und Spiel, zu jeder Tageszeit, und so wenig hatte sie ihre uralte Bösartigkeit abgelegt, dass sie einige ihrer Opfer selbst in kürzerer Frist, als einer Stunde tödtete, und andere in einer oder einigen Stunden aus der Zahl der Lebenden abforderte *). Vierundzwanzig Stunden, nicht mehr noch weniger, entschieden zur Genesung, es war also in keiner Art eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Als nun die Seuche ihre tückische Gewalt mehr und mehr fühlen liess, so gerieth das Volk in einen höchst elenden, verzweiflungsvollen Zustand. Die Städter flohen auf das Land, die Landleute in die Städte; einige suchten einsame Zufluchtsörter, andere verschlossen sich in ihre Häuser. Irland und Schottland nahmen Schaaren von Flüchtigen auf, andere schifften sich ein nach Frankreich oder den Niederlanden; aber Sicherheit war nirgends zu finden, und so ergab man sich endlich in das Verhängniss, das so schwer und so lange auf dem Lande lastete. Die VVeiber rannten nachlässig gekleidet wie sinnlos umher, und erfüllten die Strassen mit Klaggeschrei und lautem Gebet; alle Betriebsamkeit stockte, niemand gedachte seiner täglichen Arbeit, und zu den Leichenzügen ertönten Tag und Nacht die Sterbeglocken, als sollten alle Lebenden an ihr nahes und unvermeid

1) Godwyn, p. 142. – Stow, p. 1023.
2) Caius, p. 3.

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