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und betont seinen Dunkel (siehe wiederum Gayton). So kann es kommen, dass man ibn als einen durchaus unehrlichen Charakter hinstellt und er das Vorbild abgeben muss für Hudibras. Dann kommt die Zeit der Ruhe und des feinen gesellschaftlichen Lebens in England, die es unter dem Einfluss der französischen Kultur und Literatur verlebt. Ein anderes Ideal beherrscht die Geister, das der Mässigung der Leidenschaften und des geistigen Strebens. Nun wird Don Quijote von diesem neu gewonnenen Gesichtspunkt aus betrachtet, und man beurteilt ihn nüchtern, als den Menschen, der von Natur aus gut veranlagt, sich nicht zu mässigen verstand und in diesem Überschwung eine groteske Figur ward.

Diese Auffassung der Klassizisten wird teils dentlich ausgesprochen (S. S. 16), teils blickt sie in der Darstellung des Martinus Scriblerus durch, der nach Don Quijote gebildet ist, jenes Martinus, der ein Mann von grossem Wissen und Streben ist, der aber in seiner überschwänglichen Begeisterung zum Narren wird. - Der klassizistischen Nüchternheit mit ihren konventionellen Fesseln wird man bald müde; man ist zu lange schon vernünftig gewesen. Man sucht, den Menschen gerechter zu werden, indem man nicht einen intellektuellen, sondern moralischen Massstab zu Grunde legt. Auf diese Weise naht man sich auch denjenigen Gestalten, die, wie Don Quijote, bisher als Narren verschrien waren, und man erkennt, dass hinter deren Torleiten ctwas Wertvolles, Erhabenes verborgen ist: die unverfälschte Natur; gerade ihre Narrheiten zeigen, dass sie von keiner Kultur und keiner Konvention verdorben worden sind. In dieser Verbindung verlacht man nicht das Komische, sondern man verehrt es: es ist die Zeit der Humoristen Fielding, Smollett, Sterne.

Auch Sancho, so schwankend gerade sein Charakter im Laufe der Zeit aufgefasst wurde, konnte nicht immer verkannt bleiben. Zuerst sympathisierte man zwar mit ihm in dem Masse, wie man seinen Herrn verspottete, weil man in ihm den Vertreter des gesunden Menschenverstandes sal). Eine derartige Auffassung blickt deutlich in der Nachahmung D'Avenants (s. S. 56 ff.) durch. Als man aber anfing, in

seinem Herrn einen idealen Charakter zu sehen, da war Sancho für viele nur der selbstsüchtige, materiell denkende Bauer; sogar Fielding hat ihn wesentlich von dieser Seite aufgefasst, und erst Smollett und Sterne sahen in ihm einen echt humoristischen Helden, in dem neben komischen Momenten auch gute Gemütseigenschaften vertreten waren

Gegenüber dem starken Einfluss dieser Literaturepoche drängt sich die Frage auf, ob der Humor damit zum ersten Male in der englischen Literatur auftaucht.

Dieser Frage gegenüber muss nochmals hervorgehoben werden, dass hier unter Humor nur der objektive Humor gemeint ist, d. h. der Humor als Objekt der Darstellung; dieser Humor bedingt einen Helden, der die jedem Humor wesentlichen Elemente von Erhabenem und Komisch-Nichtigem in sich vereinigt. Nicht gemeint ist hier der subjektive Humor der Betrachtungsweise und ebensowenig der Humor der Darstellung, zwei weitere Formen des Humors, bei denen die Erhabenheit nur in dem darstellenden Subjekt zum Ausdruck kommt, das sich über ein nichtiges Moment der Wirklichkeit erhebt. Die erstere von den beiden letzteren Formen erscheint schon früher in der englischen und überhaupt europäischen Literatur; als Hauptbeispiel nenne ich vor allem Burtons Anatomy of Melancholy, der so viel Humor besitzt, sich über sich selbst lustig zu machen. Für den Humor der Darstellung wäre derselbe Autor, fast mehr noch die ganze damals in Blüte kommende Gattung der Charakterbeschreibungen, der Oberbury, Hall u. a. zu nennen, in deren Gefolge die Mitarbeiter der moralischen Wochenschriften stehen. Ja auch vorher schon könnte man an den weitgehenden Einfluss von Ariost's Rasendem Roland erinnern, ein Werk, dessen Helden auch nicht objektiv humoristisch sind, dessen Autor aber durch seine Darstellung, nämlich in der Verknüpfung der Begebenheiten, die notwendigen Bestandteile des Humors an sich in der Aussenwelt aufzudecken weiss. In diese Klasse von Humor ist auch Goldsmiths Vicar of Wakefield zu rechnen, der auch kein objektiv humoristischer Held ist, sondern nur durch seine eigene Darstellung diese Gemütsstimmung mitunter (!) erweckt. Auch der Palaestra XIII.

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objektive Humor war nicht so ganz neu in der Literatur. Weniger bestimmt und durchgreifend in der antiken Literatur vorkommend, erscheint er am deutlichsten zunächst in der religiösen Literatur des Mittelalters (diese Form des Humors ist ja sozusagen ein Stück christlicher Menschenauffassung). Ich erinnere nur an die grosse Zahl humoristischer Legenden; beispielsweise enthält der „Gaukler unsrer lieben Frau“ in der altfranzösischen Literatur einen solchen humoristischen Helden, der vor dem Bilde der Mutter Gottes, weil er ihr keine anderen Opfer darbringen kann, allerlei Tänze aufführt. - In der Profanliteratur sind die Beispiele viel seltener und unsicherer; oft könnte man die Bedingungen des objektiven Humors nachweisen, wenn nicht die Auffassung des Autors eine humoristische Stimmung ausschlösse. Vor allem aber läuft häufig eine Verwechslung der Arten des Humors unter. Man hat vor allem Shakespeare heranziehen wollen. In der Tat ist vieles in seinen Werken enge verwandt damit. Man kann an die sympathisierende Art erinnern, mit welcher er die tölpelhaften Nachtwächter in Much Ado About Nothing dargestellt hat, die gar als Werkzeug der Vorsehung fungieren können! Aber welche erhabenen Eigenschaften sprechen aus ibrer Tölpelhaftigkeit? Ein gewisser Grad von Schlichtheit und Ehrlichkeit, das ist zuzugeben. Die humoristische Stimmung wird aber nicht sowohl durch eine Verbindung ihrer erhabenen und komischen Eigenschaften erzeugt, als durch die kunstvolle Darstellung Shakespeares, der ihre Komik mit der dramatischen Handlung humoristisch-versöhnend verknüpft. Auch noch weit entfernt vom objektiven Humor stehen Figuren wie Benedick in demselben Drama, der aber doch gerade in den komischen Situationen einen echten Kern ritterlicher Charakteranlage gleichzeitig offenbart. -- Dagegen verrät schon der Hotspur in Heinrich IV. eine starke Verwandtschaft mit echt humoristischen Helden dieser Art, indem er unter einer komisch wirkenden Grobkörnigkeit eine schöne Ehrlichkeit offenbart (gerade wie etwa der Misanthrope oder der Plaindealer). Aber in welch geringer Zahl kommen solche Situationen vor! Andere Szenen, in denen er sich seiner eigenwilligen Frau widersetzt, verraten nur, dass er subjektiven Humor besitzt. Ähnlich geht es mit anderen Gestalten. In der Taming of the Shrew ist die Kate objektiv humoristisch dargestellt nur in einer Szene nämlich, als sie ihre Schwester Bianca auf die Bühne zerrt, und ungestüm in sie drängt zu erklären, welchen Anbeter sie wirklich liebe: hier ist die angebliche Zanksucht der Kate zurückgeführt auf einen erhabenen Charakterzug, nämlich eine ihr über alles gehende Ehrlichkeit. Aber in allen anderen Situationen offenbart sie nur die komische Seite ilires Wesens.

Wie man manche andere Gestalten Shakespeares unter die objektiv humoristischen hat rechnen können, ist oft unbegreiflich; z. B. Falstaff. Bei ihm sehen manche Ästhetiker das erhabene Element seines Wesens in der relativen Berechtigung, die seine sich auslebende Natur in dem allgemeinen Weltenlauf hat. Aber selbst wenn Shakespeare seinen Helden so aufgefasst haben sollte, so wäre damit doch nicht das humoristische Element in dem Charakter Falstaffs, sondern in der Betrachtungsweise des Autors zu suchen, das ganze wäre also wiederum ein Humor der Betrachtungsweise. So sehen wir zwar mancherlei Ansätze zum objektiven Humor, aber nirgends eine durchgehende Darstellung desselben. Denn das muss man auch noch bedenken, dass, so viel andere Beispiele man noch heranziehen wollte, Shakespeare doch keines seiner Werke ausschliesslich dem objektiven Humor gewidmet hat. Leider muss man dies auch von sonstigen nachshakespearischen Werken sagen, die noch in Frage kommen, so vom Spectator. Einzelne Gestalten darin, vor allem Roger de Coverley, machen einen deutlichen Anlauf zum objektiven Humor und sind in der Tat durchgängig als objektiv humoristische Charaktere aufzufassen. Aber wie wenige Situationen bleiben übrig, um als solche angesprochen zu werden! Die dem Übermass so abholde nüchterne Zeit und die vornehme Natur Addisons hinderten schon an und für sich, dass ein Werk von der übersprudelnden Lustigkeit und den tollen Einfällen wie Cervantes' Don Quijote zustande kam. So war es denn ganz natürlich, dass Cervantes' unsterbliches Werk allein in Frage kam, um in die englische Literatur eine neue Art von Heiterkeit einzuführen, als man sich an den strengen und lieblosen Formen der Ironie und der Satire nicht mehr erfreuen konnte. Und es wäre nicht schwer zu zeigen, wie von hier aus die neue Auffassung von Cervantes' Werk fruchtbar wirken musste, nicht nur auf die folgenden englischen Humoristen, wie Dickens, Thakeray u. a., sondern auch auf die kontinentale Literatur, die an Fielding, Smollett, Sterne anknüpfte: Jean Paul, Fritz Reuter usw.

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