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Von den genannten gehört am wenigsten hierher Walter Shandy. Bei dieser Gestalt macht Sterne nur in der Weise eine Anstrengung zu dieser Darstellung, dass er neben der Schilderung des grotesken Wesens auch auf die idealen Züge des Mannes hinweist: my father had a much more acute and quick sensibility of nature, attended with a little soreness of temper. Though this never transported him to any thing which looked like malignancy; yet in the little rubs and vexations of life, it was apt to slow itself in a drollish and witty kind of pcevishness: - He was, however, frank and generous in liis nature; at all times open to conviction; and in the little ebullitions of this subacid humour towards others, but particularly towards my uncle Toby, whom he truly loved,

he would feel more pain, ten times told ... than what le ever gave.

Vergegenwärtigen wir uns somit in jedem einzelnen Fall, wo Walier Shandy in seiner mürrischen Laune andern wehe tut, dass dies gegen sein besseres Gefühl geschieht, so müssen wir wohl über seine ihn beherrschende Reizbarkeit lächeln, aber in diese unsere Stimmung mischt sich Mitleid und Anerkennung, wenn wir bedenken, wie die von ihm geschaffene Situation ihn selbst peinigt.

Kunstvoller ist allerdings der Humor, der sich unmittelbar aus der Situation ergibt, wo Komisches und Erhabenes cine unlösliche Verbindung eingehen, wo es gewissermassen keiner Gedächtnisanstrengung des Lesers bedarf, um sich die richtige Stimmung selbst zu erzeugen. Diese Kunstform kommt kaum bei Walter Shandy, umso häufiger aber bei Uncle Toby und Corporal Trim vor. Einige Beispiclo mögen genügen: Walter Shandy zitiert einst auswendig die Betrachtungen eines antiken Autors bei Gelegenheit einer Reise in Griechenland. Da dies in der Ich-Form geschieht, meint Uncle Toby, es seien die eigenen Bemerkungen seines Bruders, und fragt darum nach dem Datum der Reise. Als nun Walter ihm zur Antwort gibt 'vierzig Jahre vor Christus', wird Uncle Toby verwirrt und, in dem Glauben, sein Bruder habe momentan den Verstand verloren, fängt er an, im stillen für ihn zu beten. — Bekannt ist die Szene, in der Uncle

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Palaestra XIII.

Toby durch eine summende Biene belästigt wird, sie fängt und dann – das Fenster öffnet und sie fliegen lässt: I'll not hurt a hair of thy head: - go, ... go, poor devil, get thee gone, why should I hurt thee? This world surely is wide enough to hold both thee and me. – Etwas weniger würdevoll, aber immer noch deutlich hunioristisch ist auch Trim geschildert, der besonders durch seine Herzenseinfalt und Weichherzigkeit in älinlicher Weise wie Sancho komisch wirkt, aber immer gleichzeitiy in einer ibn ehrenden Weise. Zum Vergleich verfolge man den Eindruck, den die von Trim vorgelesene Rede über das Gewissen auf ihn selbst macht; in dieser Rede wird auch von den Qualen gesprochen, die ein im Namen der Religion Verfolgter erdulden muss. Da Trims Bruder in Portugal ein ähnliches Schicksal erleiden musste, weil er ein jüdisches Mädchen geheiratet hat, so glaubt Trim bei der Lektüre das Bild seines Todespein erduldenden Bruders vor sich zu sehen, und von Satz zu Satz steigert sich Angst und Erregiing in ihm: er wird bleich, Tränen stürzen ihm ans den Augen, bis ihm schliesslich das Blatt aus der Hand fällt, und der von Mitleid ergriffenc Walter Shandy ihn mit den Worten beruhigt: Why, Trim, this is not a history; 't is a sermon thou art reading. Auch sonst fehlt es nicht an fein humoristischen Szenen, in denen Trim ein echtes, unverfälschtes Gemüt hinter irgend einer leicht komisch wirkenden Form verbirgt, oder besser gesagt es durch eine solche offenbart. Man kann schliesslich sagen, dass ebenso wie von Uncle Toby auch von Trim eine humoristische Stimmung auf den Leser übergeht in jeder noch so kleinen Schilderung dieser Gestalten. Man muss im einzelnen betrachten, wie sie denken, fühlen, handeln und sprechen, so überkommt den Leser ein für alle Mal dies Stimmung. Wollte man den Ursprung dieser Stimmung analysieren, so begegnen uns eine Menge rührender Herzenseigenschaften, die sich in den Gestalten mit irgend einer kleinen Komik verbinden, so dass man nicht fertig würde, im einzelnen jede humoristische Stimmung zu beschreiben. Alle idealen Einzelzüge lassen sich aber auf einen Grundkern zurückführen, nämlich auf eine vollkommene Herzensgüte und solch ein unverfälschtes kindliches Gemüt, wie es eben nur bei echt humoristischen Gestalten wie Don Quijote und Sancho zur Darstellung kommen kann, weil sich solche Eigenschaften in ihrer vollsten Lauterkeit nur zu gerne von selbst mit leichten komischen Zügen verbinden.

Der Sternesche Humor unterscheidet sich aber von dem Cervantesischen in formaler und inhaltlicher Hinsicht. Der formale Unterschied hängt mit Sternes Stil im allgemeinen zusammen und besteht darin, dass Sterne das humoristische Element seiner Gestalten selbst stark hervorhebt, gewissermassen mit dem Finger darauf deutet, damit die Leser ja nicht bei aller Komik das Erhabene ilersehen, und so kommt cr dazu, das Humoristische sozusagen zu verbätscheln. Anders verfährt Cervantes! Er lässt das Humoristische durch sich selbst wirken, weist vielleicht stärker noch auf das komischie Element hin und wird in keiner Weise sentimental. Eng damit zusammen hängt der inhaltliche Unterschied: Während der Cervantesische Held ein frischer Mensch ist, der sich seiner wirklichen Vorzüge kaum bewusst ist denn sein Selbstruhm hat andere, unberechtigte Quellen fühlen wir fast überall deutlich heraus, dass die Sterneschen Helden mehr oder weniger eine deutliche Vorstellung von ihrer Herzensgüte haben. Dies tritt schon in dem oben zitierten Beispiel hervor, wo Uncle Toby die ibn peinigende Fliege befreit; man beachte die Rede, die er dabei hält, wie er sozusagen seine eigenen Gefühle analysiert und sich ihrer freut. -- Noch deutlicher ist die folgende Szene, deren Held Trim ist; Trim hat eben die zehn Gebote aufgesagt; Walter Shandy bezweifelt, dass Trim eine klare Vorstellung von seinen eigenen Worten habe: Príthee, Trim, quoth my father, turning round to him, – what dost thou mean by “honouring thy father and thy mother?" Allowing them, an' please your honour, three half-pence a day out of my pay, when they are old.

And didst thou do that, Trim? said Yorick. - He did indeed, replied my uncle Toby. So echt humoristisch diese Szene ist, so deutlich zeigt sie doch auch das eben berührte Verfahren Sternes, wodurch sein Humor eine sentimentale Färbung erhält. Vielleicht ist auch für diese sentimentale Stiminung Sternes, die ja nicht nur aus dem Tristram Shandy bei ihm bekannt ist, ein Sanchoscher Einfluss anzunehmen, wenn wir nicht lieber sagen wollen, dass Sterne aus einer gewissen Wahlverwandtschaft sich zu Sancho hingezogen fühlte.

c) Einzelnes.

1. Diese letzerwähnte sentimental-wehmütige Stimmung blickt auch in einem Ausspruch durch, den Cervantes seinem fingierten Autor Cide Hamete in den Mund legt. Im 2. Teil, 48. Kapitel erklärt dieser angebliche arabische Verfasser, dass er den besten von seinen beiden Oberröcken, die er überhaupt besässe, hingegeben hätte, un den Don Quijote und die Dueña Rodriguez in einer komischen Szene belauschen zu können: por Mahoma que diera por ver á los dos asidos y trabados desde la puerta al lecho la mejor almalafa de dos que tenia. Diese Stelle, die Sterne möglichst noch sentimentaler interpretiert als Cervantes, hat er nicht allein selbst in seinem Life and Opinions of Tristram Shandy zitiert '), sondern er nimmt sie sich verschiedentlich zum Muster Man vergleiche folgende Stellen: Here pray, Sir, take hold of my cap: nay, take the bell along with it, and my pantoufles too. Now, Sir, they are all at your service; and I freely make you a present of 'em, on condition you give me all your attention to this chapter 2) - so ledet Sterne seinen Leser im 18. Kapitel des 3. Buches an. – In dem Nachruf an Trim wird Sterne in ähnlicher Weise sentimental: Oh Corporal! had I thee, but now, - now, that I am able to give thee a dinner and protection how would I cherishi thee! ... But alas! alas! alas! now that I can do this in spite of their reverences,

the occasion in lost, - for thou art gone"). ... Ähnlicher Art ist das grossmütige Geschenk, das Walter Shandy im Interesse von Kunst und Wissenschaft hergeben will: Heaven! thou knowest how I love them; - thou knowest the secrets of my heart, and that I would this moment give my shirt -- Thou art a fool, Shandy, said Eugenius, for thou hast but a dozen in the world; – and 't will break thy set. No matter for that, Eugenius; I would give the shirt off my back to be burnt into tinder ') ... (Buch 6, Kap. 26). What would I hare given for my uncle Toby to have whistled Lillebullero!?) (Buch 7, Kap. 40.) - Turn in hither, redet Sterne den "Gentle Spirit of sweetest humour an, I beseech tlice! behold these breeches! they are all I have in the world; that piteous rent was given them at Lyons :) (Buch 9, Kap. 24). Sogar in seinen eigenen Briefen verwendet er ähnliche Redensarten: I would have given, not my gown and cassock (for I have but one) but my topazring, to have seen the petits maîtres et maîtresses go to mass, after having spent the night in dancing (Brief CVI).

1) Works, vol. 1, S. 193. 2) ibid. vol. I, S. 202. 3) ibid. vol. II, S. 49 (Buch VI, Kap. 25).

2. In dem Brief, der die Nr. 131 trägt, schreibt Sterne: I will consider Slop's fall and my too minute description of it, but in generall I am persuaded that the happiness of Cervantic humour arises from this very thing of describing silly and trifling events with the circumstantial pomp of great ones. Die Erwähnung des Cervantes an dieser Stelle ist kein Zufall; in der Tat hatte Sterne bei der Beschreibung dieses kleinen Erlebnisses des Arztes Slop (Tristram Shandy Bach II, Kap. 9) eine ähnliche Szene im Don Quijote im Auge: Obadia', der Diener der Familie Shandy, ausgesandt um Slop zu holen, galoppiert auf den gerade heranreitenden Arzt los, gibt ihm einen Stoss, dass Slop seine Peitsche fallen lässt und, als er danach greift, den Steigbügel verliert und vom Pferde gleitet, mitten in den tiefsten Schmutz hinein.

Die Komik, in die der durchaus eingebildete Slop gerät, ist die nämliche wie in dem Abenteuer, das von Don

1) Sterne's Works, vol. II, S. 51. 2) ibid. vol. II, S. 138. 3) ibid. vol. II, S. 250.

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