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Vorläufer des Don Quijote in der englischen Litteratur.

Bevor Cervantes im Jahre 1605 seine Satire gegen die Ritterromane veröffentlichte, waren schon in England mehrfach Stimmen laut geworden, die sich bemühten, den Inhalt dieser Werke lächerlich zu machen.

In diesem Sinne wird jetzt allgemein Chaucer's Erzählung von Sir Topas gedeutet. Diese ist zugleich diejenige Satire, die sich in der Form am ehesten noch mit dem Werke des Cervantes vergleichen lässt. Ein Ritter mit demselben kindlichen Gemüte wie Don Quijote zieht aus, um die Feenkönigin aufzusuchen und zu freien.

Bedeutend entfernt sich schon von der Cervantesischen Form die Satire gegen die Arthurromane, betitelt Taill of Rauf Colyear (15. Jahrh.). Hier liegt die Komik darin, dass ein Köhler als Ritter auftritt und durch seine gewaltigen Thaten die alten Ritter womöglich noch übertrifft. )

Satirische Absicht scheint auch der Dichtung Squire of low Degree zu Grunde zu liegen (15. Jahrh.). Übertriebene Anforderungen, die an einen armen, verliebten Ritter gestellt werden, und realistische Momente, wie z. B., dass er 1000 Pfund zur Bestreitung der Kosten erhält, deuten sicher auf die ironische Auffassung des Dichters. 2)

Als Vorläufer kann man auch das Gedicht The Turnament of Tottenham auffassen, das 1631 zuerst von W. Bedwell, den Rektor von Tottenham, gedruckt und 1765 von Percy

1) S. im einzelnen Brandl, Mittelengl. Litteraturgeschichte (8 135 in Pauls Grundriss.

2) S. ebenda § 113. Palaestra XIII.

in seine Reliques of Ancient English Poetry aufgenommen wurde. Sein Ursprung wird in die Mitte des 15. Jahrhunderts verlegt. Sein Inhalt wendet sich nicht sowohl gegen eine bestimmte Klasse von litterarischen Werken, als gegen das Ritterwesen überhaupt, entfernt sich also noch mehr von dem Zwecke und den Mitteln des Cervantes. Das Gedicht schildert in burlesker Weise die Werbung einer Anzahl von Bauernburschen um die Tochter des Schulzen von Tottenham und das Turnier, das der Schulze für die Freier veranstaltet, um dem Sieger die Hand seiner Tochter als Preis zu geben.

Als eine direkte Satire gegen die Amadisromane, wie sie Cervantes im Auge hat, hat Todd in seiner SpenserAusgabe ) einen im Jahre 1600, also fünf Jahre vor Don Quijote, erschienenen Roman aufgefasst, dessen Titel vollständig lautet 2): The Heroicall Adventures of the Knight of the Sea, comprised in the most famous and renowned Historie of the illustrious and excellently accomplished Prince Oceander, Grand-sonne to the mightie and magnanimous Claranax Emperor of Constantinople, and the Empresse Basilia, and sonne unto the Empresse Olbiocles, Prince of Grecia, by the beautious Princesse Almidiana, daughter unto the puissant King Rubaldo of Hungaria; wherein is described his parents misfortunes and captivities, his owne losse, strange preserving, education and fostering by Kanyra, Queen of Carthage, his Knighthood, admirable exploytes, and unmatchable atchievements, graced with the most glorious conquestes over knights, gyants, monsters, enchauntments, realmes, and dominions: with his fortunate comming to the knowledge of his parents in the greatest extreamities of their captivitie, his combating, affecting and pursuites in his love towardes the rarely embellished Princesse and lady-knight Phianora, daughter unto the invincible Argamont, King of England, by the gracious Princess Clarecinda. Mit Todd sieht auch W. C. Hazlitt den Roman als eine Burleske an. Es sind von dem Werke nur zwei Exemplare noch bekannt, die mir beide unzugänglich waren; nach dem Titel zu urteilen, scheint es allerdings komisch genommen werden zu müssen. J. Payne Collier hält dies aber für zweifelhaft; in seinem Catalogue biographical and critical

p. CLXI.

1) London 1805, vol 1,

2) Nach Hazlitt's Handbook to the Britain, Lond. 1867, p. 321.

... Literature of Great

of the Library at Bridgewater House etc. sagt er Seite 158:

although the style of the performance in many places is bombastic and conceited, and the incidents unnatural and extravagant, in those respects it goes but little beyond performances of the same kind which had been translated from the French by Anthony Munday and others. The author, whoever he were, seems to have striven to imitate his predecessors, and in imitating he has sometimes exceeded them, lost in his adventures and in the language in which he has related them."

Collier macht auch auf eine Anspielung aufmerksam, die einen zweiten Teil des Werkes verheisst, der aber nie erschienen sei.

Obwohl nun Cervantes' Roman in der Tendenz verwandten Empfindungen begegnen musste, so ist doch in dieser Hinsicht sein Einfluss gering gewesen. Nur das eine oder das andere Mal haben die Schriftsteller ihn zu satirischem Zwecke gegen die Litteraturgattung der Ritterromane benutzt. Aber die Ritterromane selbst, besonders die von Cervantes vornehmlich verspotteten Amadisromane, sind gerade kurz nach Cervantes in England eifrig übersetzt und aufgenommen worden, während diese Litteraturgattung nach Cervantes in Spanien verstummt.') England wurde eben

1) Nach einigen Schriftstellern sind diese Romane besonders von den Zofen gelesen worden. So sagt schon 1613 Overbury in seinen Characters von der Chambermaid: „She reads Greene's Works over and over; but is so carried away with the “Mirror of Knighthood", she is many times resolved to run out of her self and become a lady-errant“ (S. Character Writings of the XVIIth century, ed. by Henry Morley, Lond. 1891, p. 59).

Ferner erzählt William Browne (1590—1645; s. Poems, ed. Bullen,

nicht, wie Cervantes, von künstlerischen, sondern, wie stets, von moralischen Gesichtspunkten geleitet. Man kann sich das Urteil der Durchschnittsengländer etwa ausgesprochen denken in der Bemerkung des Vicesimus Knox (1752–1821), der in einem Essay über Novel Reading 1777 von einer früheren Zeit sagt: „Romances, indeed, abounded; but they, it is supposed, were rather favourable to virtue. Their pictures of human nature were not exact, but they were flattering resemblances. By exhibiting patterns of perfection, they stimulated emulation to aim at it. They led the fancy through a beautiful wilderness of delights: and they filled the heart with pure, manly, bold, and liberal sentiments.“ 1)

Originalausgaben. Originalausgaben des D. Q. wurden in England veranstaltet in den Jahren 1701, 1706, 1738, 1781. Von besonderem Interesse sind die vom Jahre 1738 und 1781.

Die vom Jahre 1738 wurde hergestellt auf Veranlassung und Kosten des Lord Carteret von dem Buchhändler J. R. Tonson in drei Bänden mit kostbaren Kupferstichen Lord

‘Muses' Library', London 1894, p. 240) in einem Gedicht von einer Dame, die sich mit ihrer Zofe über Liebesbriefe unterhält:

Op'ning a paper then she shows her wit,
On an epistle that some fool had writ:
Then meeting with another which she likes.
Her chambermaid's great reading quickly strikes
That good opinion dead, and swears that this

Was stol'n from Palmerin or Amadis. Und in Massinger's Guardian (1633), Akt I, Sz. 2, sagt die Confidante Calipso:

In all the books of Amadis de Gaul,
The Palmerins, and that true Spanish story,
The Mirror of Knighthood, which I have read often,
Read feelingly, nay more, 1 do believe in 't,

My lady has no parallel.
(S. Massinger's Works, ed. W. Gifford, Lond. 1805, p. 140/1.)

1) British Essayists, ed. Rob. Lynam, London 1827, vol. XXII, Nr. 14.

Carteret beauftragte gleichzeitig den Spanier D. Gregorio Mayans y Siscar mit der Herstellung einer Biographie des Cervantes. Letztere erschien 1737, und 1738 dem ersten Bande der Londoner Ausgabe von 1738 vorgedruckt und Lord Carteret gewidmet. Diese Biographie ist zugleich der Anfang der Forschung über die Lebensgeschichte des Cervantes.)

Der Text der Ausgabe ist zum ersten Male ein kritischer. Einige Emendationen sind davon bis in unsere heutigen Ausgaben gelangt. Im Allgemeinen aber ist man zu energisch und ohne genügende historische Kenntnis vorgegangen.

Die Ausgabe von 1781 wurde von dem Engländer John Bowle in sechs Bänden hergestellt und erschien in London und in Salisbury. Die vier ersten Bände enthalten den kritischen Text, die übrigen Anmerkungen, Belege der in dem Romane vorkommenden Wörter, Eigennamen u. S. W., und eine Variantenzusammenstellung.

Der Text Bowle's ist nach sorgsamer Vergleichung der früheren Ausgaben hergestellt. Eine ungeheuere Anzahl der textlichen Änderungen in der Ausgabe von 1738 konnte er zu Gunsten der früheren Ausgaben unberücksichtigt lassen, und die früheren Lesarten dank seiner ungeheueren Belesenheit in alten Texten wiederherstellen. Auf die Ausgabe Pellicer's vom Jahre 1797 hat Bowle dadurch mächtigen Einfluss geübt, und ebenso verdankt ihm die bisher beste Ausgabe des Don Quijote von Clemencín ungeheuer viel, sowohl was die Gestaltung des Textes als auch den Commentar anbelangt.

Schon 1777 hatte Bowle seine Ausgabe in einem öffentlichen Briefe an Percy angekündigt: A Letter to the Rev. Dr. Percy concerning a new and classical Edition of the Historia del valeroso Cavallero D. Quixote de la Mancha, to be illustrated by Annotations and Extracts from the Historians, Poets, and Romances of Spain and Italy and other writers, ancient and modern, with a Glossary and Indexes,

1) S. Navarrete, Vida de Cervantes, Madrid 1819, § 171.

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