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werden konnte. Deshalb habe ich für gerathen gebalten, den für das zwölfte heft des bd. II in aussicht gestellten jahresbericht vorerst noch zurückzuhalten, zumal da mir daraus eine neue arbeit bedeutenden umfangs erwachsen würde, die ich nicht wage grade jetzt auf mich zu nehmen: der bericht soll aber im laufe des j. 1871 erscheinen, sobald die chronik wir freie zeit lässt : als sie begonnen wurde, hoffte ich und wer wohl nicht? auf baldiges ende des jetzt immer grössere dimensionen einnehmenden kriegs: aber das was einmal begonnen, will ich eifrigst mir angelegen sein lassen, so gut als mir möglich zu einem für die philologie gedeihlichen ende zu führen.

Und dies leitet mich auf die bitte, mit welcher ich dies vorwort schliesse. Begonnen ist das verzeichniss der philologen, welche in dem heere der geeinigten deutschen nation gekämpft haben und jetzt noch kämpfen, ein verzeichniss, dessen aufstellung viele ungewolinte arbeit mir bringt, mehr als ich ahndete: daher ersuche ich dringend alle fachgenossen und freunde, mich freundlichst in den stand zu setzen, in der publizirung der verzeichnisse fortfahren zu können, da sie die nothwendige grundlage für ein erst in friedenszeit aufzustellendes vollständiges abgeben. Fördere jeder das unternehmen in dem gedanken, dass einem .theil derer, welche uns nicht nur vor den schrecken einer französischen invasion bewahrt, sondern auch Deutschlands einheit durch ihre ausdauer und ihr blut errungen haben, damit

freilich ja pur in geringem maasse der schuldige dank dargebracht wird, vor allem aber dass wir damit denen, welche durch den verlust theurer angehörigen so schwer geprüft sind, einen wenn auch schwachen trost bereiten. Und so mögen hier noch die worte aus Philol. Anzeig. bd. II, n. 9, p. 435 steben, mit denen ich meine frühere aufforderung geschlossen babe:

„So grossartige erfolge dieser krieg auch gehabt hat, so segensreich er auch in die weitere blüthe Deutschlands eingreifen und eine so unerschöpfliche quelle zu wahrer freude und zu gerechtem stolze er auch sein wird eiven schmerz fühlt dabei die gegenwart doch tiefer als irgend eine andre zeit, den um die grösse des an unserer jugend erlittenen verlustes. Mag auch die zahl der opfer auf der seite des feindes numerisch die grössere sein, was sind Turcos und Zuaven und Zephyre und die

des schreibens zum guten theil unkundigen französischen offiziere gegen unsre gebildete und zum theil fiir die wissenschaft zu den schönsten hoffnungen berechtigendė jugend ? unser einsatz ist mit dem Frankreichs gar nicht zu vergleichen! Dieser unserer jugend bereite man daher jede erlaubte ehre, feiere die überlebenden, traure vor allem um die todten und suche ihr gedächtniss in ehren zu erhalten. Das wollen wir hier; und so hielten es auch die alten: die Athener gruben die namen der in den kriegen für das vaterland gefallenen in marmorne tafeln ein und stellten diese zur nacheiferung für die folgenden geschlechter, zum ewigen dankbaren gedächtnisse öffentlich an geweihtem platze auf.“

Ernst von Leutsch.
Göttingen, 1. januar 1871.

2. Methodische grammatik der griechischen sprache von Rudolf Westphal. Erster theil. Formeulehre. Zweite abtheilung. Jena 1871. XI u. 297 s. 1 thir.

Diese zweite abtheilung der formenlehre behandelt das verbum. In dem kurzen vorwort bemerkt der verf., dass er ein alphabetisches verzeichniss der sogenannten unregelmässigen verba habe ausschliessen müssen. An dessen stelle sei bei dem jetzigen stande der grammatik ein selbständiges, auch die regelmässigen verba umfassendes verzeichniss der griechischen verbalwurzeln zu setzen, im allgemeinen von derselben einrichtung wie Westergaard's Radices linguae Sanscritae. Ein solches verbal-lexikon habe aber nothwendig auf die wurzeln der verwandten sprachen rücksicht zu nehmen und könne deshalb keinen integrirenden bestandtheil der vorliegenden formenlehre bilden, in welcher die sprachvergleichung für alles specielle grundsätzlich ausgeschlossen sei.

Die hier gegebene behandlung des verbums basirt auf dem im vorwort zu der ersten abtheilung ausgesprochenen satze, dass im griechischen wie im sanskrit ein fast durchgreifender gegensatz von zwei tempusklassen stattfinde, deren eine das präsens und imperfectum, deren andere die gesammten übrigen tempora umfasse.

Demgemäss bespricht der verf. nach einer übersicht der verbalflexionen (S. 201—208) zuerst die flexionen und die stammbildung des präsens und imperfectums (S. 210--274), sodann die flexionen und die stammbildung der übrigen tempora (8. 276 ff.). Man muss zugeben, dass es recht gut möglich ist, den gesammten gegenstand nach diesen beiden kategorien zu ordnen. Dennoch empfiehlt sich eine solche ordnung nicht, und zwar zunächst aus rücksicht auf den lernenden, die doch der verf. nach vorr. zu abth. I, p. xvi keineswegs auschliessen will. Denn wenn anders der unterricht dieser anordnung folgt, so muss der schüler nicht nur gleich von vorn herein die bin. devocallose flexion neben der bindevocalischen sich einprägen, sondern sich auch durch die ganze verwickelte lehre von der bildung des s. g. präsensstammes hindurcharbeiten, ehe er ein einziges verbum vollständig conjugiren lernt. Aber auch vom standpunkte der wissenschaft aus lässt sich ein einwurf erheben. Es ist nämlich klar, dass die stammbildung des präsens jüngern ursprungs ist, zum theil sich erst nach der periode der sprachtrennung entwickelt hat, indem z. b. die präsensbildung auf Oxw sich erst im lateinischen und griechischen findet; es wird also durch eine voraufstellung der stammbildung der praesentia und imperfecta die richtige einsicht in die historische entwicklung der sprache nicht gefördert. Auch practisch tritt die schwierigkeit ein, dass bei der bildung des präsensstammes der wurzelauslaut sich oft bis zur unkenntlichkeit verändert (z. b. bei den verben auf -oow und -Św) und zum verständniss der eingetretenen veränderung doch auf die wurzelform zurückgegangen werden muss, wie sie sich in andern temporibus, namentlich im aor. II erhalten hat.

Im einzelnen zeigt die auffassung und darstellung des vrf. vielfache eigenthümlichkeiten. Darunter ist manches, was gewiss beifall finden wird, aber auch nicht weniges, wogegen man verwahrung wird einlegen müssen. Dahin gehört, dass das o des aor. I und futurum als blosse wurzelerweiterung aufgefasst und die von Bopp aufgestellte ansicht, dass darin die wurzel des hülfsverbums ,,sein“ stecke, verworfen wird. gründe des vf. sind nicht stichhaltig. Gegen die zusammensetzung des aor. I mit dem augmentpräteritum (imperf.) von elui (wurzel as) wird p. 204 angeführt: 1) der formunterschied zwischen der endung des ersten aoristes und dem imperfectum von „sein“ ist nicht bloss im griechischen, sondern auch in jeder der verwandten sprachen auffällig genug ; 2) dic bedeutung

Die gegen

2. Griechische grammatik.

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Nr. 1.

wird durch diese hypothese gar nicht erklärt; denn ihr zufolge ist der erste aorist nichts mehr und nichts weniger als ein zusammengesetztes imperfectum. Die frage, wie es nun komme, dass dieses zusammengesetzte imperfectum fefa eine von dem einfachen imperfectum freyov so verschiedene zeitbedeutung habe, bleibt bei dieser hypothese unberücksichtigt. Darauf ist zu erwiedern: 1) der formunterschied läuft wesentlich darauf hinaus, dass das augment und der vocal der wurzel as in der zusammensetzung verloren geht; ersteres rechtfertigt sich durch die erwägung, dass das schon dem hauptverbum angefügte augment nicht wiederholt werden durfte, letzteres durch die analogie, welche der wegfall des wurzelvocals in mehreren formen des präsens im sanskrit und lateinischen bietet z. b. in der 3. pers. plur. santi und sunt; 2) ein bedeutungsunterschied zwischen imperfect und aorist liegt allerdings im griechischen vor, allein wenu selbst ein so feiner beobachter des sprachgebrauchs, wie R. W. Krüger, in vielen fällen bei Homer keinen erheblichen unterschied zwischen beiden zeitformen wahrnehmen kann (Gram. II, S. 52, 2, a. 1), so muss die thatsache, dass das sanskrit keinen bedeutungsunterschied zwischen aorist und imperfect kennt (Bopp vgl. gr. . 517) zu der ansicht führen, dass ein solcher bei der ersten bildung der beiden tempora gar nicht von der sprache beabsichtigt ist, sondern erst allmählich sich entwickelt hat. Genügt doch auch der deutschen sprache eine und dieselbe form für aoristischen und imperfectischen gebrauch. Für die futurendungen, meint der vf., sei die form - identität mit dem futurum von „sein“ freilich augenscheinlich, aber damit sei noch keineswegs die genesis der übrigen futura aus einer zusammensetzung des verbalstammes mit dem futurum von sein erwiesen, ebenso wenig wie die augenscheinliche bewegung der sonne, der planeten und fixsterne um die erde sich als die wirkliche bewegung erwiesen habe. Hier vergisst der vf. nur die kleinigkeit, dass die wirkliche bewegung der sonne u. 8. W. durch die schärfsten wissenschaftlichen argumente erwiesen ist, dass folglich auch er verpflichtet gewesen wäre jene augenscheinlichkeit durch gleich scharfe wissenschaftliche argumente zu entkräften. Was bedeutet denn aber nach dem vf. jenes „wurzelerweiternde o? Dasselbe, was die reduplication, nämlich „intensivität“ d. h. entweder gar nichts oder alles, was

man

aus einem so allgemeinen begriffe herausklauben kann. In zusammenhang mit der eben dargelegten meinung des vf. steht, dass er auch in dem plusquamperfectum act. eine zusammensetzung mit dem imperfect von elui nicht anerkennt (p. 279), obgleich doch hier die analogie des lateinischen so nahe liegt.

Sehr auffällig ist auch die behauptung, dass der aor. I ursprünglich ohne bindevocal flectirt worden sei mit ausnahme der drei personen sing. und 3. pers. plur. ind. act. und des optative (p. 266 f.). Formen wie έλυσμεν flir ελύσαμεν αnd έλυσμεθα fir hvoluelu sind nach ihm die ursprünglichen und baben erst in verhälı nissmässig später zeit den binderocal a angenommen. Eine kühne hypothese, die wohl einer ausführlichen begründung bedurft hätte. Indessen darauf geht der vf. nicht ein, sondern lässt nur errathen, dass seine annahme auf das vorkommen der kurzen vocale o und & in den entsprechenden conjunctivformen des aor. I bei Homer sich stützt. Allein wenn es auch in neuester zeit wahrscheinlich gemacht ist, dass z. b. die conjunctivform fouev nicht aus iuuev verkürzt, sondern durch einschiebung eines o gebildet ist, so darf doch daraus nicht die consequenz gezogen werden, dass überall wo der conjunctiv die kurzen vocale o und & zeigt, die entsprechenden indicativformen ursprünglich keinen bindevocal gehabt hätten; es muss vielmehr angenommen werden, dass das bäufige vorkommen von conjunctivformen wie ionev neben iwwer das sprachgefühl zu dem irrigen schluss verleitete, es sei hier eine verkürzung vorgenommen, welche sich auch auf andere fälle übertragen lasse.

Hinsichtlich des perfectams begegnen wir der behauptung, dass das griechische in seinen activen perfectformen schon früh grosse verluste erlitten babe, dass aber die spätere sprache die frühzeitig verlorenen perfecta zu resuscitiren bestrebt sei, p. 223 f. Dass diese behauptung unrichtig ist, lässt sich nicht beweisen ohne tieferes eingeben in den geschichtlichen aufbau des griechischen verbuns, als an diesem orte zulässig sein möchte. Nur so viel mag daber hier ausgesprochen werden, dass das perfectum eine zwar uralte, aber nicht zu durchgrei. fender entwicklung gekommene form ist. Beweis dafür ist, dass nicht nur die ältere griechische Sprache, sondern auch das sanskrit das perfectum act. genau genommen nur

alten wurzelverben bildet (für abgeleitete verba hat das sanskrit eine

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