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„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!

Ins Feld, in die Freiheit gezogen.

Im Felde, da ist der Mann noch was wert,

Da wird das Herz noch gewogen.

Da tritt kein anderer für ihn ein,

Auf sich selber steht er da ganz allein.

Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,
Man sieht nur Herren und Knechte;
Die Falschheit herrschet, die Hinterlist
Bei dem feigen Menschengeschlechte.
Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
Der Soldat allein ist der freie Mann."

Seine Majestät der König hatte beabsichtigt, von Ems nächster Tage nach Koblenz herüber zu kommen, mit Ihrer Majestät der Königin, welche, wie allsommerlich, im Residenzschlosse dort weilte, einem Regimentsfeste auf der Kartause beizuwohnen. Seit Tagen hatten aus diesem Anlaß wir „Wallensteins Lager" geübt. Wie hatten wir uns gefreut, nun sollte es damit nichts sein!

Gestern erst waren die Garderobestücke und Waffen aus Berlin eingetroffen. Stube Nr. ^7 unten im Rheinanschluß bot gestern nachmittag ein Bild, das einen glauben machen konnte, im Lager vor Pilsen Anno dazumal zu sein. Da saß der lange Bösenhagen und lackierte seine Kürassierstiefel, auf dem Tische lagen Harnisch und Pallasch; Iansen nähte an seiner Hutkrempe, Arkebusiers, Kroaten und Scharfschützen saßen und standen umher und probierten und flickten an ihren Monturstücken herum, lustige Lieder singend. Schießstand und Kugelsuchen, Kompanie„kloppen" und Wache„schwitzen" waren auf Tage hinaus vergessen, wir lebten in höheren Regionen; sollten wir doch vor unserm allerhöchsten Kriegsherrn und unserm ebenso hoch verehrten wie geliebten Thef, Ihrer Majestät der Königin, in echt soldatischem Bilde in alten dramatischen Versen alles das erzählen dürfen, wovon die junge Soldatenbrust überquoll , von Treue zum Kriegsherrn und den Farben. — Es war nun nichts mit unserem Spiel, an seine Stelle trat der Ernst.

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Also wirklich! Heute traf von Berlin die telegraphische l»?o Weisung an das Regiment ein, sich in mobilen Zustand zu setzen. ^

In allen Kasernenrevieren wurde die Nachricht mit großer Begeisterung begrüßt.

„Mobil! mobil!" schallte es auf Stuben und Fluren, und um das mobile Verhältnis sofort auch nach außen kund zu thun, flog der größte Teil der Haushaltstücke, wie sie in dem Spinde des Friedenssoldaten sich präsentieren, als Tinten- und Haarölfläschchen, Kaffeetassen, Buttertöpfe u. s. w., in bunter Folge zu den Fenstern hinaus auf den Kasernenhof.

Mittags rückten wir nach dem Festungsbauhofe, wo uns Arte und Beile zum Bäumefällen im Glacis verabfolgt wurden. Koblenz wird armiert.

Fast die ganze Garnison war heute zum Räumen der Friedenspulvermagazine, Einebnen der Schießstände, Bäumefällen u. s. w. zur Arbeit.

Heute wurden alle Montierungsstücke abgeliefert und haben wir die Kriegsgarnituren erhalten. Wir erhielten auch Blechmarken, welche auf bloßer Brust um den Hals zu tragen find; dieselben tragen die Bezeichnung des Truppenteils und sind fortlaufend numeriert; die Feldwebel führen die hierauf bezüglichen Verzeichnisse. Zweck dieser Marken ist eine leichtere Rekognoszierung der Toten und Schwerverwundeten, sie werden im bevorstehenden Feldzuge zum erstenmal getragen.

Heute wurden auch die Säbel geschliffen. — Nachdem wir heute morgen in Fort Alexander im Pulvermagazin gearbeitet, waren wir nachmittags bis spät in die Nacht wieder auf Feste Franz zur Arbeit.

Die ersten Reserven trafen gestern ein. )n ihren Arbeitsanzögen, wie sie aus den Gruben befördert worden, waren die Bergleute aus dem Saarbrücker Grubenrevier herbeigeeilt.

Frankreich übergab heute die formelle Kriegserklärung an Preußen.

I^etzt, wo die Würfel gefallen, legt neben der seit den letzten Tagen allenthalben sich äußernden kriegerischen Begeisterung sich doch ein wenig wie Zagen und Bangen aufs Herz. Eine der ersten Armeen der Welt ist es, gegen welche wir zu Felde ziehen sollen. Mein Vater hatte in Paris sie gesehen, die aus der Krim, später wieder die von den Feldern von Magenta und Solferino zurückkehrenden Regimenter der napoleonischen Garden, Zuaven und afrikanischen Reiter, und seine Schilderung von den gewonnenen Eindrücken war nicht ganz wirkungslos auch auf mich geblieben. Nicht, daß an unserm endlichen Siege Zweifel aufgestiegen — keinem braven Deutschen könnte das einfallen! — denn unser Recht, deutsche Tapferkeit und Ausdauer müssen den Sieg davontragen — aber ein gewisses Bangen, ein heiliger Ernst, der über jeden sich gelagert, läßt sich nicht hinwegscheuchen.

Heute wurden uns pro Mann 80 Patronen ausgehändigt. O, daß sie doch alle träfen!

>>>? Heute früh haben wir den sogenannten eisernen Bestand

empfangen: Speck, Schiffszwieback, je ein Beutelchen Reis, Salz und Kaffee. Hierdurch ist in armen, durch Truppen überschwemmten oder durch Requisitionen bereits ausgesogenen Gegenden, bei forcierten Märschen und Stockung der Proviantzufuhren jeder Soldat im Besitze des für drei Tage nötigen Proviants. Auch ein Verbandzeug hat jeder Mann erhalten.

Nachdem die im Krankenträgerdienst ausgebildeten Mannschaften nach Berlin abgegangen sind, wurden heute wieder verschiedene Leute zu andern Dienstzweigen abkommandiert, auch mein getreuer Kasiert ging heute zur Feldbäckerei nach Frankfurt a. M. ab.

Unser 2. Bataillon gab heute die Wachen. Zum erstenmal zog die Wachtparade feldmarschmäßig auf. Auf Asterstein feierten bei einem Fäßchen Bier wir diese voraussichtlich letzte Garnisonwache.

Stündlich treffen Züge mit einbeorderten Reservisten und Landwehrmannschaften ein.

Das Leben und Treiben in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt ist nicht nur das einer Mobilmachung; es ist das eines von frecher Hand angegriffenen Volkes, welches gewillt ist, seine Interessen mit dem letzten Tropfen Blutes zu wahren. Alles begeistert durch die heilige Sache, überbietet sich an Gpferwilligkeit und Vaterlandsliebe.

Das Regiment ist heute auf volle Kriegsstärke komplettiert, 2.?. znii. die Kompanie zu 3 Offizieren, Unteroffizieren, l> Spielleuten und 230 Grenadieren. — Von Berlin ist der Oferdetransport fürs Regiment eingetroffen.

Ein Iunge, welcher seiner fugend wegen als Freiwilliger noch nicht angenommen werden konnte, hat sich nnt der Verpflichtung, der Kompanie als IVasserzuträger Dienste zu leisten, uns angeschlossen. Hauptmann von Knobelsdorf ließ ihn in eine alte Montur stecken. Fast bei allen Truppenteilen haben sich solche Hungen eingefunden. Auch dies zeugt lebhaft von dem Eifer, am Kampfe teilzunehmen, welcher alle Schichten, alle Altersklassen durchdringt.

Heute brachte man den ersten gefangene,? Franzosen in Koblenz ein. Der Kerl schnitt ein gewaltig kriegerisches Gesicht und schien es sich nicht wenig zur Ehre zu rechnen, sich von einem nach Hunderten zählenden Menschenhaufen begleitet und begafft zu sehen.

„Dienstag, den 2<>. morgens H Uhr steht das Regiment 24. zuii. auf dem Kartäuser Olateau zum Abmarsch bereit", ward auf Appell uns heute eröffnet.

Also nur noch zwei Tage, um dann vielleicht für immer von Koblenz, was durch die Erinnerungen meiner Kindheit, durch meine Eltern, Geschwister, Verwandten und Bekannten — mir teuer und heilig — zu scheiden.

Nachmittags trat im Kasernenhofe unsre Kompanie an. Es wurden uns die Kriegsartikel vorgelesen. Nachher nahm unser Hauptmann, von Knobelsdorf-Brenkenhoff, welcher zum Kommandeur der Generalstabswache ernannt ist, Abschied von seiner Kompanie. Hundert Kehlen erwiderten bewegten Herzens seinen Abschiedsgruß.

:s. Inii. exerzierten heute morgen von 8 Uhr ab feldmarsch

mäßig auf dem Plateau der Kartause im Regiment. Sämtliche Fahrzeuge waren zur Stelle. Oberst Graf von Waldersee hielt eine entsprechende Rede an das Regiment.

Auf Wunsch Ihrer Majestät der Königin, unsres hohen Thefs, sind außer einem besonderen Feldgeistlichen noch zwei katholische Krankenbrüder dem Regimente beigetreten, den Feldzug mit selbem mitzumachen.

:c.. z»ii. Halb 3 Uhr entriß ich mich den Armen meiner Eltern und Geschwister; es war hohe Zeit, die Kompanien traten bereits im Kasernenhofe an. Hier gab es noch manche erschütternde Szene, mancher Vater und manche Mutter waren gekommen, den Sohn, den sie vielleicht nicht wieder sehen sollten, zu umarmen, da hielt der Bruder den Bruder, der Freund den Freund im Arme, die verheirateten Unteroffiziere und Mannschaften sagten Frau und Kindern lebewohl und in vielen Augen perlten heiße Thränen.

Wir nahmen die Fahnen im königlichen Residenzschloß. Wie ganz anders als sonst waren beim Überbringen derselben aller Blicke heute auf unsre ruhmbedeckten Feldzeichen gerichtet, die uns führen sollten zu Kampf und Ehren, die wir schützen sollten bis zum Tode. Fester umfaßte Sergeant Langenbach, unser Fahnenträger vom zweiten Bataillon, heute die Fahne, heller erglänzte sein Auge. Und hell schmetterten die Klänge der Musik die vielbesungene „Wacht am Rhein" in den frühen Morgen. Alle Fenster der Schloßstraße und angrenzenden Löhrstraße waren besetzt, dem Augusta Regiment ein letztes Lebewohl zuzurufen.

Ein heißer Marschtag war es, der Marsch durch den Koblenzer N)ald auf der immer bergan steigenden Heerstraße nach dem Hunsrück. Am Forsthaus winkte Förster Emsbach Offizieren und Mannschaften lebewohl zu, auch in Waldesch ein letztes Adieu, gern hätte der alte Wirt Vogt einige Flaschen Wein noch gespendet — es hatte sich halt nicht thun lassen.

Furchtbar brannte die Sonne auf uns ein, schwer drückte das kriegsmarschmäßige Gepäck. Der Marsch wurde uns recht schwer. Gegen Z Uhr erst bezogen wir Quartiere. Der Regimentsstab, die l^. und 2. Kompanie lagen unten im Rheinthal

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