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auf den Höhen, wo sie sich gesammelt und energisch geschlagen, sah man gefallene Feinde mit Waffen liegen. Im Stadtchen unten lag alles voll Verwundeter und immer neue Unglückliche wurden herbeigeschafft. Aus den verhängnisvollen Ambulancewagen schauten uns die bleichen Gesichter entgegen, eine stille Beschwörung um endliche Ruhe, vielleicht auch einen stummen Vorwurf im Auge gegen das Geschick, das gerade sie so schwer hatte treffen lassen. Entsetzlich war es, der Prozedur auf den Verbandplätzen, welche im Städtchen auf Misthaufen etabliert waren, zuzusehen. Das Wimmern und Iammern nach Hilfe, die auf jedem Verbandplatze, in jedem Feldlazarett zu hörende Bitte: „Schießt mich doch tot!" — alles das ist herzzerreißend und gewährt Szenen, von denen jeder sich bis ins Tiefste der Seele erschüttert abwendet. Das Innere der Kirche in Beaumont war in ein großes Schmerzenslager umgewandelt. In einen von drei Seiten geschlossenen Steinbruch, an dessen Eingang zwei Kompanien der Unsern kampirten, hatte man die gefangenen Franzosen hineingetrieben, weißverschleierte Nonnen trugen aus einem Kloster, einer Schule oder was es eben war, den Gefangenen Suppe zu.

Erst gegen 9 Uhr morgens rückten wir vom Kampfplätze ab, wir marschirten durch Beaumont über Proully. Bei Tarignan passirten wir die Rkaas. Unsre Artillerie hatte bei diesem Städtchen einen von Paris nach !Netz bestimmten Proviantzug durch einige wohlgezielte Schüsse zum Stehen gebracht. Wir beluden uns reichlich mit den für die Rketzer Armee bestimmten Broten; seit fünf Tagen das erste Brot, da wir bei den Gewaltmärschen der letzten Tage nur von Zwieback und Speck gelebt. Vor Tarignan wurden die Gewehre zusammengesetzt, wir hatten Rendezvous. Alles stürzte in die Häuser rechts und links der Straße, jeder nahm, was ihm in die Hände fiel, natürlich nur Lebensmittel und Getränke. Wir labten uns in den Restaurants und TafSs und statteten den Kellern Besuche ab, wo wir reichlich Thampagner, Rotwein, Kognak vorfanden; die Erhaltung der Kräfte bedingt es eben, zu nehmen, was man kriegt — o'sst Is. Fusrrs!

Erst gestern abend hatte Napoleon die Stadt verlassen, zwei französische Korps hatten die vorhergehende Nacht hier gelegen. Rkit den letzten abziehenden Franzosen hatten auch die meisten <Anwohner die Stadt verlassen, viele waren über die nahe belgische Grenze geflüchtet, die wenigen Bewohner, die noch da waren, irrten händeringend in den Häusern umher.

Wir brachen von Tarignan auf, marschirten südlich an Autreville vorbei, kamen dann wieder in waldiges Terrain zwischen Bois de moulins und Bois de blanc campagne, passirten Vaux und kamen nach gewaltigem Marsche abends gegen ^0 Uhr in dem Dorfe Messincourt an, wo wir Alarmquartiere bezogen. Überall auf unsern Wegen hatten wir heute die Spuren hastiger Flucht des Feindes gefunden, umgestürzte Wagen, Tornister, Feldkessel, Decken und Uniformstücke.

Gestern abend hieß es, es sei heute Ruhetag, doch wurden 1. sextbr. wir schon um H Uhr heute morgen alarmirt. Zuschlag prophezeite uns auf der Streu, als er das erste Alarmsignal hörte, für heute eine Schlacht; er sollte recht haben. Unser Marsch war sehr eilig; die Straße, auf welcher wir vorrückten, drängte sich voll Truppen, Garden, IV. Korps, Sachsen und Bayern. Ein dichter Nebel lag auf der Thalniederung der Maas, in die Seitenthäler sich weit hinauf erstreckend, einen Schleier über die Bewegungen unsrer Armee ziehend. Von den Gehölzen auf der Höhe, wie von den einzelnen Baumgruppen wirbelte er allmählich aufwärts, in den Thälern länger haftend, die dunklen Linien der Kolonnen, die hellen Häusergruppen der Dörfer und ihrer Kirchtürme bald vollständig verhüllend, bald geheimnisvoll zeigend. Erst gegen ^ Uhr verdünnte die aufsteigende Sonne den Nebelschleier ganz. Vor 8 Uhr stand die Avantgarde unsres Korps vor Villers-Ternay, erstieg die dahinter liegenden steilen Höhen und vertrieb fechtend die bis dahin vorgeschobenen Schützenschwärme des Feindes. Unverzüglich ihnen folgend, erklommen wir den steilen Thalrand des Rullbaches und besetzten den Höhenzug zwischen Ternay und Givonne. Unsere Korpsartillerie war auf den Anhöhen östlich von Givonne vor 8 Uhr teilweise aufgefahren und unterhielt ein fürchterliches Feuer auf die im Thale liegenden drei Dörfer und die Stellungen der Franzosen dahinter. Unter dem Schutze der Batterien erstürmte unsre ^. Division halb ^0 Uhr Givonne, wobei sie etliche zehn Geschütze und Mitrailleusen eroberte. Bis jetzt hatte unser Regiment weniger vom feindlichen Feuer zu leiden gehabt; nachdem der Weiler Haybes genommen, bekamen wir um ^0 Uhr

stärkeres Feuer, Rkitrailleusensalven, und aus den Wäldern zur sinken überschüttete der Feind uns mit Granaten. Wir marschirten gegen Daigny, unser Regiment war Soutien des KaiserFranz-Regiments. Der Weg wurde durch eine Schlucht genommen, worin wir ziemlich gedeckt marschirten. Die meisten Geschosse gingen jetzt über uns weg: es wurden immer kurze Strecken marschirt und dann lange gehalten, je nach der Situation des Gefechts auf der Höhe. Nach hitzigem Kampfe ward um 2 Uhr Daigny und die Höhen hinter dem Dorfe genommen, wobei wohl an ^0O() Gefangene gemacht, auch einige ZNitrailleusen hier erbeutet wurden. Rechts von uns schlug die ^. Division den Feind in die Wälder zurück. Die Kavallerie unseres Korps war im Thalgrunde weiter aufwärts vorgedrungen, dem Feinde den Weg nach Bouillon, dem ersten belgischen Städtchen jenseit der Grenze, zu verlegen.

Aus der Ferne, gegenüber unseren Stellungen, hörte man dumpfen ununterbrochenen Kanonendonner, bald darauf zeigten sich nordwestlich in der Nähe von Fleigneux und St. ZNenges Batterien, welche das Bois de la Garenne und die vor demselben gelegenen Höhen als Ziel zu nehmen schienen und die uns von unseren Offizieren als die Batterien der kronprinzlichen Armee bezeichnet wurden. Entmutigt durch den allmählich weiter greifenden Verlust ihrer Hauptpositionen, stellten sich hier die Franzosen schon zu Tausenden als Gefangene; länger und heftiger kämpfte man an anderen Punkten des Schlachtfeldes, besonders links von uns. Der Boden erzitterte unter einer fürch. terlichen Kanonade. Von der kronprinzlichen Armee hart bedrängt, erschienen tiefe feindliche Kolonnen auf den uns gegenüber gelegenen Höhen. Ein verheerender Regen von Geschossen empfing sie und trieb sie in das Gehölz, in welchem wiederum sie nicht Sicherheit fanden; vergeblich suchten sie einen Ausweg, überall schlugen die Granaten unter sie und jagten sie in wilder Flucht in den Wald zurück.

Nach Z Uhr drang unser Korps mit den Sachsen weiter noch gegen das Bois de la Garenne vor. War auch der Widerstand in der Hauptsache gebrochen, so entwickelte sich der Kampf an einzelnen Stellen doch noch mit aller Heftigkeit. Die 2. Garde-Infanteriebrigade bildete bei diesem Vorstoße die Avantgarde, die l^., Z. und unsre Brigade folgten mit der Artillerie, unser (2.) Bataillon an der Töte des Regiments gegen die Höhen des Gehölzes; auch hier wurden noch einige Tausend Gefangene gemacht. Kampfesmüde, aufs höchste niedergeschlagen, trotz aller Bravour und Aufopferung gegen einen solchen Gegner und dessen Führung keinen Erfolg erringen zu können, streckten sie die Waffen. Unsre Avantgarde hatte bei diesem letzten Vorstoß den Adler des französischen Linienregiments erbeutet, die vergilbte Seide trug die für jeden Deutschen mit wehmütigen Erinnerungen verknüpften Namen Iena und Austerlitz.

Der Sieg war an allen Punkten vollständig. In wilder Flucht stürzten die Feinde der Festung Sedan zu, wo sie aus unserem Feuer heraus den der Stadt gegenüber aufgestellten bayrischen Geschützen in den ehernen Rachen liefen. Von allen Seiten waren die Feinde umzingelt, in dichtem Knäuel gegen die Stadt und Festung gedrängt, total geschlagen, ohne hinlänglichen Raum, sich noch einmal zu entwickeln, ohne Verpflegung, zum Teil ohne Munition, während die Anhöhen rings um Sedan mit unsern Geschützen bepflanzt waren. Eben begann unsre Korpsartillerie ihr Bombardement von den Höhen von Garenne, als Gegenbefehl eintraf. Bald verbreitete sich das Gerücht, die französische Armee wolle sich ergeben, es seien Kapitulationsverhandlungen im Gange.

Schon brannte Sedan an einigen Stellen. Es war 5 Uhr, als General von Berger die Brigade aus der eingenommenen Stellung wieder nach Givonne hinführte. Hier lagerten wir bis Uhr, marschirten dann westlich und bezogen auf dem Höhenzuge zwischen Givonne und la Moncelle Biwak. Tiefe Nacht war's schon, als wir uns der Ruhe hingeben durften. Überall herrschte Schweigen. Soweit das Auge reichte, leuchteten die roten Lagerfeuer der ringsumher biwakirenden Truppen und die seit heute morgen brennenden Dörfer Bazailles und Balan beleuchteten weithin das grausige Totenfeld.

War das eine Nacht wieder gewesen! Die Eindrücke der- 2. sexibr. selben spotten jeder Beschreibung. In aller Frühe erhob sich einer nach dem andern vom Boden, um Wasser aufzusuchen. An einem unweit von unserem Biwakplatze entfernten Teiche reinigten wir uns vom Pulverdampf und Schmutz vom gestrigen Tage, Leichen und Pferdekadaver schwammen in dem Wasser umher. Dann wurde Äaffee gekocht, allenthalben loderten die Rochfeuer. Unser Wagen war noch immer nicht eingetroffen,

Sergeant Gassen beorderte deshalb unsrer zwei, nach dem Verbleib desselben auf die Suche zu gehen.

Wir verfolgten den Weg nach Moncelle. Soweit das Auge reichte, ein Lager neben dem andern, dazwischen die Toten haufenweise, gefallene Pferde, Waffen, Tornister, zerschossene Lafetten, umgestürzte Munitionswagen, kurz die ganze Schreckensstaffage des gestrigen Tages. In la Moncelle wie in Daigny war alles voll Verwundeter. Wir näherten uns Bazailles, wo die Bayern gekämpft. Entsetzlich sah es hier aus. Während sich die bayrischen Truppen in den Straßen des Ortes Haus um Haus mit der sich hartnäckig verteidigenden französischen Marineinfanterie geschlagen hatten, waren sie aus den Häusern im Rücken und in der Flanke von den fanatischen <Anwohnern beschossen worden. Vor einem einzigen Hause hatten die bayrischen Iäger wohl an 50 Mann eingebüßt. Aus den Hinterhalten und Schlupfwinkeln der Gebäude waren die Krankenträger hauptsächlich das Ziel der Meuchelmörder gewesen, in entmenschter Wut hatte die Bevölkerung die Verwundeten in die Flammen der brennenden Gebäude geschleppt. Da hatten bayrische Pioniere den Befehl erhalten, durch Feuerbrände die Verbrecher aus den Häusern zu treiben, keine Schonung hatten die Bayern mehr gekannt und Mord und Brand hatten den Ort zu dieser blutigen Trümmerstätte gemacht. Hunderte von Personen, Männer, Weiber und Kinder, waren in den Flammen oder durch die Waffen der Bayern umgekommen. Scheußlich verstümmelte, nackte, verbrannte und verkohlte Leichen lagen zwischen den rauchenden Trümmern umher, vor dem Schlößchen im Parke lagen zu Haufen aufgetürmt die gefallenen Bayern. — Die Straße führte uns nach Balan. Bis hierher waren die Unseren vorgedrungen. — Von den Thoren der Titadelle Sedans wehte eine weiße Flagge. Überall in den Straßen des Faubourg lagen Tote umher, Bürger und Soldaten in grausem Gemisch. Eben vorbeifahrende bayrische Trainsoldaten erzählten, Napoleon und die französische Armee habe sich gefangen gegeben, Napoleon sei nach dem Dorfe Donchery eskortiert worden. Zwischen Frenois und Donchery begegnete uns der Zug, der nach ersterem Orte zurückging, Napoleon, mit Käppi und Mantel angethan, saß in dunkelgrünem, mit prächtigen Braunen bespanntem Wagen, ihm gegenüber auf dem Vordersitz ein höherer Offizier, während vier andere Offiziere, augenscheinlich Generale, zu Pferde den wagen begleiteten.

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