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über Temassanin nach Ghadames ')• Auch von Ghadames nach Tripoli schlug er einen zum Theil neuen "Weg ein, brachte den Weihnachtsabend in einer Höhle bei den Troglodyten im Djebel Ghurian zu und kam am 29. Dezember in Tripoli an2).

Diese ganze grosse und bedeutsame Reise von Tanger über Tuat nach Tripoli einschliesslich der vorausgegangenen Reise von Algier bis Abiod Sidi Scheich, seines Aufenthaltes daselbst und seiner Rückkehr nach Oran bestritt Rohlfs mit der kleinen Summe von etwa 600 Thaler. Natürlich kam er gänzlich mittellos nach Tripoli und da auch seine Gesundheit durch die in Tuat ausgestandene grosse Hitze gelitten hatte und Besprechungen über die ferneren Reisepläne wünschenswerth waren, so kam er im Februar 1865 auf kurze Zeit nach Deutschland, war aber im März schon wieder in Tripoli3), machte von da einen Ausflug nach Lebda4) und trat am 20. Mai die Rückreise über Misda nach Ghadames3) an, um von dort aus das Gebirgsland der Hogar zu besuchen und wo möglich nach dem Niger vorzudringen, denn mit grosser Vorliebe hielt er an seinem Plane fest, nach Timbuktu und von dort nach dem Senegal sich durchzuschlagen.

Dass sich nun Rohlfs gegenwärtig nicht im Gebirgslande der Hogar befindet, sondern in Mursuk, wo er auf eine Gelegenheit zuÄReise nach Wadai wartet, ist eine jener Überraschungen, wie sie bei Afrikanischen Reisen so häufig vorkommen. Die schönsten Hoffnungen, die anscheinend sichersten Aussichten werden plötzlich vernichtet und der Reisende nach einer ganz anderen Richtung hin geworfen, selten nur ist er im Stande, seinen ursprünglichen Plan festzuhalten, sein zuerst ins Auge gefasstes Ziel zu erreichen. Bei Rohlfs' Anwesenheit in Deutschland wurde übrigens schon eingehend darüber gesprochen, ob er sich die "Westliche Sahara und die Niger-Länder oder die östliche Hälfte der Wüste und Wadai zum Ziel nehmen sollte. Er wählte das erstere, abgesehen von seinem "Wunsche, nach Timbuktu zu gelangen, deshalb, weil er von seiner früheren Reise her in Tuat und Ghadames Stützpunkte hatte und schon mit Tuareg - Häuptlingen Verabredungen getroffen

') Siehe den im nächstfolgenden Aufsatz enthaltenen Abschnitt des Tagebuches und Tafel 14 im Jahrgang 1865 der „Geogr. Mitth." — Auch über die ferneren Reisen (von Ghadames nach Tripoli, von Tripoli nach Ghadames und von da nach Mursuk) hat Eohlfs seine Tagebücher und treffliche Routenkarten bereits eingeschickt, doch werden sie erst nach und nach zur Publikation kommen können.

*) Über seinen Aufenthalt in Tripoli siehe die Briefe und vorläufigen Nachrichten in „Geogr. Mitth." 1865, SS. 35—36 und SS. 70—73.

3) Über den zweiten Aufenthalt in Tripoli und die Ausrüstung zur neuen Reise siehe „Geogr. Mitth." 1865, SS. 235—236.

4) Ausflug von Tripoli nach Lebda, 29. April bis 8. Mai 1865, in „Geogr. Mitth." 1865, SS. 263—265.

5) Vorläufiges Uber die Reise von Tripoli nach Ghadames in ,Geogr. Mitth." 1865, SS. 305—306.

waren, und ferner weil die Erkundigungen Duveyrier's in den Gebirgslandschaften der Hogar ein so lohnendes Forschungsgebiet vermuthen Hessen, dass schon ihre Bereisung, auch ohne die schwierige Erreichung der Niger-Länder, als eine höchst wünschenswerthe, frucht- und ruhmbringende erschien.

Wie gesagt, begab sich Rohlfs daher am 20. Mai von Tripoli aus nach Ghadames, wo er am 17. Juni anlangte, aber von Anfang an verfolgte ihn dort Missgeschick. Der Tuareg-Häuptling Si Ottmann ben Bikri, der ihn zu geleiten versprochen hatte, war abwesend, der Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den Hogar-Tuareg und den TJled Bu Hunio machte die Wege nach Timbuktu hin unsicher und von Timbuktu selbst war die Nachricht vom Tode des Scheich el Bakay eingetroffen. "Während des "Wartens auf Si Ottmann brachte das heisse Sommerklima der Wüstenstadt Ghadames, wo seit Juni die Hitze bis 45° im Schatten stieg und auch in der Nacht nicht unter 25° sank, einen heftigen Blutdurchfall bei dem Reisenden hervor, der begleitet von Erbrechen ihn fast dahingerafft hätte. Verzweifelt grosse Dosen Opium retteten ihn und einige aus Tripoli übersendete Flaschen Wein kräftigten den Rekonvalescenten bald so weit, dass er im August an die Weiterreise denken konnte. Am 13. August schrieb er: „Sonntag den 20. August reise ich von hier [Ghadames] nach Ideles ab. Ottmann ist zwar noch nicht gekommen und die Tuareg befehden sich an allen Ecken, aber ich kann nicht länger unthätig liegen bleiben und breche mit zweien meiner Diener und zweien vom Stamme der Tuareg - Iforhas nach Ideles auf. Weiter als Ideles zu gehen, ist bei der jetzigen Lage der Dinge wohl unmöglich. Von Timbuktu sind noch keine sicheren Nachrichten eingetroffen, nur erzählen die Tuareg, dass Si Mochtar, der älteste Sohn des verstorbenen Scheich, und Hammadi, dessen Onkel, sich um die Oberherrschaft bekriegen. Ausserdem sind die Tuareg selbst unter einander in Krieg und ich weiss noch nicht, wie ich durchkommen werde. Mein Weg geht von hier über Temassanin ^den Irharhar hinauf bis Ideles, von dort werde ich die höchsten Punkte zu besuchen trachten und dann über Amadrhor und Mihero hierher zurückkehren. In zwei Monaten denke ich ganz Ahagar und Asgar durchreisen zu können. Hier würde ich dann, wenn Alles nach Wunsch geht, bis Anfang November eintreffen und sogleich meine Reise über Mursuk nach Tibesti oder Wadai fortsetzen. Meine Bagage, meine Kameele, das goldene Chronometer, kurz Alles lasse ich in Rhadames unter der Obhut meines Dieners zurück, da es unmöglich ist, mit Eigenthum unter die Hogar zu gehen. Die .nöthigen Kameele habe ich gemiethet. — Herrn Dr. Barth habe ich eine kleine Arbeit über den Niger occidentalis geschickt, so wie Ergänzungen zu seinen Vokabularien der Sonrhai-Sprache, zu denen mir ein seit Jahren hier ansässiger Timbuktiner Gelegenheit gab."

Nur wenige Tage später sah sich Rohlfs genöthigt, die Reise nach Ideles aufzugeben. „Die Tuareg haben mir wieder gekündigt," — so schrieb er am 15. August — „obgleich ich sie zu dem hohen Preis von 500 Francs gemiethet hatte. Das ganze Land ist in Krieg und Niemand will mich begleiten. Meine Reise nach Ideles ist daher vorläufig unmöglich. Es fehlt mir wahrlich nicht an gutem Willen noch an Muth, aber man kann keine Sache erzwingen, zumal nicht unter wilden Volkern. Geduld ist eine der Haupttugenden des Afrikanischen Reisenden."

Am 31. August verliess er daher Ghadames, um von Mursuk aus sein Glück in südöstlicher Richtung zu versuchen. Am 24. September schrieb er aus Misda, einer im Wadi Sofedjin gelegenen, durch Barth's Reise (1850') bekannten Stadt von Tripolitanien: „Es war mir unmöglich, nach Südwest vorzudringen, ich musste deshalb zurückkehren, und da es mir nicht gelang, Leute und Kameele von Rhad ames oder von Derdj aus für Fesan zu finden, so war ich gezwungen, den ganzen langweiligen Weg von Derdj bis Misda noch ein Mal zu machen. Von hier aus gehe ich nun morgen nach Mursuk. Die Londoner Geographische Gesellschaft hat wieder 50 Pf. St. zu meiner Disposition gestellt, die seit Langem bei Herrn Drummond Hay, jetzigem Englischen General-Konsul in Tripoli und Bruder des Englischen Ministerresidenten in Tanger, angekommen sind. Ich schickte deshalb von Derdj aus meinen alten Diener Hamed nach Tripoli, um das Geld zu holen, weil es sonst, da mein Aufenthalt in Mursuk nur ein kurzer sein wird, nicht mehr in meine Hände gekommen wäre."

In Misda hatte er den Verlust eines Kameeis zu beklagen, dagegen ertrug sein Hund zum Erstaunen und Schrecken der Eingebornen die Strapazen der Reise sehr gut. Aus frühereu Briefen (siehe „Geogr. Mittheil." 1865, S. 265) wissen wir, dass Bull, sein grosser Neufundländer, bei Tripoli unter Umständen abhanden gekommen war, die es wahrscheinlich machten, dass er weggefangen und geschlachtet worden sei. Erst nach der Abreise Rohlfs' wurde er wieder gefunden und im Französischen Konsulat zu Tripoli untergebracht. In Misda aber schaffte sich Rohlfs einen audereu Hund an, der ihn nach Ghadames und nun wieder nach Misda zurück bogleitet hat, „Er ist der Schrecken aller Leute" — schreibt der Reisende aus Misda — „und so bissig, dass er Niemanden ungestraft das Haus betreten lässt und ich hier ruhig schlafen kann. Als ich von hier fortging, sagten alle Misdani, er würde nie lebendig Rhadames erreichen, und nun waren sie ganz erstaunt, als. ich ihn gesund und wohl wieder zurückbrachte. Unterwegs bedarf er jedoch mehr Wasser als ein Mensch. Selbst mein

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alter Tripolitaner Diener Mohammed Stavi hat sich mit ihm befreundet, obwohl er keines Menschen Freund und nicht weniger bissig ist als mein Hund. Diess hat aber seinen ganz besonderen Grund. Mohammed ist von Natur geizig und neidisch. Nichts widerstrebt ihm mehr, als wenn ich Gäste bewirthe, und namentlich waren ihm die Tuareg in Rhadames ein Dorn im Auge, weil sie bei ihren Besuchen in der Regel mit leerem Magen kamen und mit vollem weggingen. Da nun die Furcht vor meiuem Hunde manche unverschämte Gäste fern hielt, so ersparte er dem Mohammed viel Neid und Ärger, ja ich hörte diesen einst ausrufen: „ „Gott segne dich, o Hund! Wenn wir dich nicht hätten, würden uns die Tuareg gar Nichts zu essen übrig lassen"" — etwas Unerhörtes für einen Mohammedaner, der bekanntlich die Hunde sehr verachtet. In der That war in Rhadames die Furcht vor dem Hunde so gross, dass man immer von Weitem schon zurief, ihn festzubinden, wenn man zu mir wollte. Der Hund selbst aber hat eigentlich nur schlechte Eigenschaften, Araberhund ist er wie das Volk selbst, er kennt weder Dankbarkeit noch Liebe und geht nur mit mir, weil ich ihm gut zu fressen gebe. Dass er bissig und wachsam ist, entspringt bei ihm auch wohl aus Neid wie bei Mohammed Stavi, denn als er einst die Tuareg bei mir essen fand und ich ihn angebunden glaubte, schlich er leise herbei und biss den ein Stück Brod verschlingenden Targi unsanft in den Rücken. Ich musste des anderen Tages die Wunde nochmals mit Fleisch, Brod und Melonen verbinden, um mir die Gunst der Tuareg zu erhalten."

Am 26. Oktober traf Rohlfs> bereits in Mursuk ein, und zwar auf einem Wege, der fast in seiner ganzen Länge neu ist und eine sehr werthvolle Bereicherung der Karte von Tripolitanien und Fesan bildet. Wie nämlich aus den sorgfältig gezeichneten Croquis seiner Routeuaufnahme und dem Tagebuch hervorgeht, folgte er von Misda aus der Barth'schen Route nur bis Wadi Tagidje, bog dann östlich ab über Garia schirgia, Bu Gila und Um el-Cheil (Gucria echCherguiya, Bou Guila und Oumm el-Khei'l der Duveyrier'schen Karte), drei Punkte, welche auf dem Wege, von Misda nach Sokna liegen, ging vom Brunnen Um el-Cheil gerade südlich über die Hainmada und die westliche Fortsetzung der Schwarzen Berge nach Temsaua im Wadi Schati und von da über Sebha und Rhodua nach Mursuk. Sein Wog fällt also zwischen die Barth'sche und die über Sokna führenden Routen und ist besonders auch deshalb interessant, weil er dicht an einem der höchsten Punkte der Schwarzen Berge, dem Djebel Nabet es-Djrug (nach Rohlfs.' Schätzung 3500 Fuss hoch), vorbeiführt. In gleicher Weise hatte Rohlfs auch auf seinen Touren zwischen Tripoli, Ghadames und Misda theilweis neue Routen eingeschlagen und es ist nicht genug anzuerkennen, wie er somit auch die unbedeutenderen Abschnitte seiner Reisen wissenschaftlich werthvoll zu machen weiss.

Die Aufnahme, die Rohlfs in Mursuk fand, liess Nichts zu wünschen übrig. Die Leute drängten sich herbei, um ihn festlich zu empfangen, der Kaimakam bewirthete ihn, wie üblich, während der ersten drei Tage, engagirte für ihn einen Italienisch sprechenden Koch aus Tunis, der früher bei Herrn Duveyrier und v. Beurmann Diener war und dessen Kochkunst unserem Reisenden nach der langen "Wüstenkost sehr behagte, endlich schickte er ihm auch einen Lieutenant als Ordonnanz, der freilich wenig zu thun fand, zum Zeitvertreib die Waffen reinigte, die Thür hütete und froh war, wenn ihn die Diener einluden, ihr Essen zu theilen.

Den berüchtigten Salemi, der mit Unrecht in Verdacht stand, Herrn v. Beurmann getödtet zu haben (siehe „Geogr. Mittheilungen", Ergänzungsband II, S. (94)), fand Rohlfs zu Mursuk im Gefängniss. Er hat wegen Falschmünzerei drei Jahre abzusitzen, doch hat ihm die Türkische Behörde trotz seiner Ketten erlaubt, sich zu verheirathen, zum Lohn dafür, dass er zum Islam übergetreten ist.

Auch Mohammed ben Sliman, den ehemaligen Diener Eduard Vogel's und Augenzeugen von dessen Tod, dem , man die endliche Aufklärung über das Schicksal dieses talentvollen und verdienten Reisenden verdankt (s. „Geogr. Mittheilungen" 1863, S. 225), hat Rohlfs in Mursuk angetroffen und diese Begegnung bestärkte seinen Vorsatz, nach Wadai zu gehen.

Bis zum 5. November, von welchem der vorletzte uns zugekommene Brief datirt, war er nämlich über seine Weiterreise noch unentschlossen. „Es scheint," — so schrieb er — „als ob v. Beurmann nicht auf Befehl des Sultan von Wadai getödtet worden ist, sondern durch Räuber, man kann indess nichts Sicheres darüber erfahren. Gewiss ist, dass der Sultan, der zur Zeit v. Beurmann's in Wadai herrschte, todt und ein anderer, nach Aussage der hiesigen Leute sehr guter Mann, ihm nachgefolgt ist. Obgleich er aber der beste und' gastfreundlichste Herrscher sein soll, meinen doch alle Leute, ich könne von hier nicht aufs Gerathewohl nach Wadai gehen; überdiess ist noch Niemand bei der Hand, der mich auf direktem Wege über Tibesti, Borgu u. s. w. begleiten würde. Man rieth mir, einen Boten nach Wara zu senden, um eine Antwort des Sultan abzuwarten, aber wenn ich auch diese Kosten tragen wollte und eine günstige Antwort des Sultan einträfe, so wäre immer noch die grosse Frage, wer mich durch das Land der Tebu führen würde. Hätte ich die Mittel, 10 oder 20 Diener auszurüsten, dann wäre die Sache leicht. Gestern sagte mir Ben Alua '): „ „Ihr

') Der den Europäischen Keisenden wohl bekannte und geneigte Präses des Rathes zu Mursuk, dessen Sohn Herrn T. Beurmann nach Borau begleitete. A. P.

stellt Euch Wadai immer als ein mächtiges Reich vor, aber mit 30 Soldaten könntet Dir vom Sultan erzwingen, was Ihr wollt, bedrohen doch alljährlich die schlecht bewaffneten Araber-Razzias sein Reich, die nie über mehr als höchstens 50 Flinten zu gebieten haben. Da kommt Ihr aber immer einzeln oder mit zwei, drei Dienern, und da ist es kein Wunder, wenn jene argwöhnischen Herrscher sich Eurer mit leichter Mühe entledigen."" Der Mann hat Recht, eine Expedition von Benrhasi aus mit 20 bis 30 gut bewaffneten Leuten ausgeführt würde unsere Landsleute, die dort als Opfer fielen, rächen und der Wissenschaft Nutzen bringen; die sämmtlichen Kosten könnte man mit 20.000 Thalern bestreiten. Indess bin ich guten Muthes, finde ich, dass bald eine Karawane von Gatron nach Wadai abgeht, so schliesse ich mich an, ohne vorher zu schreiben, denn eine Antwort würde erst nach 3 bis 4 Monaten eintreffen. Wenn nicht, so breche ich bald nach Süden auf, um mich nach Bornu und von dort weiter ins Innere zu wenden. In diesem Fall, meinen die Leute in Mursuk, solle ich über Bornu und Bagirmi nach Wadai gehen, denn diese Länder seien jetzt in Frieden und Freundschaft unter einander, aber ich denke, dass, wenn mir nichts Anderes übrig bleibt, als die Strasse nach Bornu und Bagirmi einzuschlagen, ich von dort nicht nach Wadai, sondern vorwärts nach Kabanda gehen würde." ')

Die Aussagen über den jetzigen Sultan von Wadai, der ihm bald Mohammed Tintelli, bald Aly ben Mohammed genannt wurde, lauteten übereinstimmend sehr günstig. Mohammed ben Sliman erbot sich sogar, unseren Reisenden nach Wadai zu begleiten, und dieses Anerbieten eines Eingebornen, der selbst dem gewaltsamen Tode in Wadai nur mit genauer Noth entkam, ist wohl das beste Zeichen, dass man jetzt nicht mehr die Grausamkeiten des alten Sultan zu befürchten hat, der sogar Mohammedaner, wenn sie weisser Farbe waren, nicht schonte. Ferner befinden sich, nach Aussage dieses Mannes, alle Effekten und Papiere VogeVs, <so wie er sie bei sieh hatte, im Besitz des jetzigen Sultan und Rohlfs glaubt mit Gewissheit darauf rechnen zu können, dass er die Papiere des Verstorbenen ausgehändigt bekommt.

„Alles diess" — schrieb er am 20. November — „und hauptsächlich weil ich glaube, dass die wissenschaftliche Welt es wohl keinenfalls als eine kleine Errungenschaft ansehen würde, wenn es mir gelänge, die Papiere Vogel's dem Untergang zu entreissen, hat mich nach reiflicher Überlegung und Berathung mit den hier angesehenen Leuten, als Ben-Alua, Hadj Amer, Kadi u. s. w., bestimmt, die Reise nach , Wadai zu versuchen."

') Dieser Gedanke erseheint sehr kühn, denn Kabanda ist der äusserste, weit südlich von Bagirmi und Wadai Ton Barth erkundete Ort an einem ,gössen, nach Westen strömenden Flusse". A. P.

Zunächst wollte er einen beritteneu Boten nach Wara schicken, um die Erlaubniss des Sultan zu der Eeise dahin einzuholen; sodann bat er Konsul Rossi in Tripoli, für ihn noch drei Kameele zu kaufen, zwei weisse Diener zu miethen und Geld und Waaren nach Mursuk zu senden. Zur Deckung dieser Kosten sind ihm von Gotha 5000 Francs telcgraphisch angewiesen worden und es steht zu hoffen, dass Rohlfs Ende Januar von Mursuk wird aufbrechen können. Die Zwischenzeit wollte er zu einer kleinereu Exkursion benutzen. Anfangs hatte er beabsichtigt, über Wau nach der Oase Kuffara zu geheu, dazu waren aber nach seinen Erkundigungen mehr als 3 Monate (incl. der Rückreise nach Mursuk) erforderlich gewesen. Über Kuffara erhielt er dagegen Nachrichten von einem Kaufmann aus Udjila, der im Frühjahr 1865 aus Wadai zurückgekommen ist. Er sagt aus, dass die Karawanenverbindung zwischen Udjila und Wara

jetzt vollkommen wieder hergestellt sei und Kaufleute aus Wadai, Udjila, Benghasi und Ägypten sich an diesem Handel betheiligen. Den Weg von Udjila über Kuffara nach Wadai gab er ganz so an, wie er auf der 10-Blatt-Karte von Inner-Afrika im 2. Ergänzungsband der „Geogr. Mitth." eingezeichnet ist, nur dass er nach Gurb es-Ssembel (Kurbes-Simbel der Karte) einen anderen, zwei Tage südlich von diesem liegenden Rastort Namens Gurb Tarrhoni nannte, wo jedoch kein Brunnen ist.

Ein Anai', wie es auf der grossen Duveyrier'schen Karte und danach auf Tafel 12 im Jahrgang 1863 der „Geogr. Mittheilungeu" südwestlich von Mursuk angegeben ist, existirt nach Aussage aller Tebu und Tuareg, die Rohlfs darum befragte, dort nicht, wohl aber kannten sie da6 nördlich von Bilma gelegene, durch Vogel, Barth und Andere bekannte Anay.

Gerhard Rohlfs' Tagebuch seiner Reise von Tuat nach Rhadames, 1864.

Mit drei Empfehlungsbriefen versehen, darunter der Sidi el - Hadj - Absalom's, der dem Hadj Abd-el-Kader darin anbefahl, mich in Sicherheit an den Sehich Hamedel-Bakay nach Timbuktu zu senden, wurde ich selbstverständlich in Ain-Salah gut aufgenommen und bis heute habe ich noch keineswegs Ursache gehabt, mich über den Chef zu beklagen, doch thürmen sich in diesem Augenblicke solche Hindernisse zu meiner Weiterreise auf, dass ich noch nicht weiss, wie ich mich herauswinden soll. Zuvörderst ist es das Geld; das wenige, das ich noch besitze, genügt zwar, mich nach Timbuktu zu befördern, aber Niemand will hier meine Louisd'or annehmen, ein Rhadameser Kaufmann hat mir zwar für jedes Goldstück 10 Francs geboten, aber sie so leicht hinweg zu geben, ist mir unmöglich; ein anderer schlug mir vor, sie nach Metkai zu wiegen, wie man den Goldstaub wiegt. Diess that ich und fand, dass ich dann ungefähr 5 Francs auf 100 Francs verlieren müsse, als es nun aber zum Wechseln kommen sollte, warf er mir ein, dass die Französischen Louisd'or zur Hälfte mit Kupfer gemischt seien und ich ihm diess darauf geben müsse, das war also ganz dieselbe Geschichte. Wenn nun auch diess Geldhinderniss nicht wäre, denn im schlimmsten Falle würde ich mich, um weiter zu kommen, entschliessen, die Hälfte einzubüssen, so ist doch ein anderes

') Die früheren Abschnitte der ganzen Reise s. „Geogr. Mitth." 1865, Heft III, S. 81, Heft V, S. 165, Heft XI, S. 401. — Die ausführliche Karte dieser Route s. Tafel 14 der „Geogr. Mitth." 1865.

Hinderniss, das bedeutend mehr wiegt, diess, dass man in mir einen Christen vermuthet. Der Uesaner Scherif hat in Aulef erklärt, ich sei ein Christ und mein Bursche ein Jude, und wenn nun auch der Hadj Abd-el-Kader der Sache keinen Glauben zu schenken scheint, so bin ich dadurch doch gänzlich in seine Hände gegeben.

Ain-Salah, den 25. September. — Meine* Sache hat sich eher verschlimmert als verbessert. Letzten Freitag kam Morgens ein Mann Namens Si Ottmann vom Stamme Uled Sidi el Hadj Faki zu mir. Diese Uled Sidi Hadj Faki sind seit langer Zeit unter den Tuareg angesiedelt und obgleich Marabutin kann man sie eben so wohl als Tuareg betrachten. Nach langer Vorrede, worin er mir gesagt, dass er Frankreich kenne, in Paris gewesen, dem Sultan der Christen (hier glauben sehr viele Mohammedaner, dass die Christen nur Einen Sultan haben und dass diess der Kaiser der Franzosen sei) vorgestellt worden, ferner dass er einer von den Tuareg-Häuptlingen sei, die 1862 mit den Franzosen in Rhadames ein Freundschaftsbündniss abgeschlossen, und nachdem er mir lang und breit versichert, er wolle nur mein Bestes, sagte er dann plötzlich: „Ich kenne Dich und habe Dich gesehen, Du bist ein Christ und zwar ein Franzose oder ein Engländer." Ich sagte ihm ganz kurz, dass ich ihm eidlich versichern könne, dass ich weder ein Franzose noch ein Engländer sei, und inzwischen kam mein Bedienter und unsere Kochfrau hinzu, die ich absichtlich dableiben hiess, um ein für mich so gefährliches Gespräch abzubrechen. Er verliess mich jedoch mit den "Worten: „Ich kenne Dich, Deinen Burschen und weiss Dein Gepäck", womit er sagen wollte: Ich weiss, dass Du Barometer, Thermometer u. s. w. besitzest. Als wir uns an demselben Tag in die Moschee begaben, um das Freitagsgebet zu verrichten, redete er meinen Burschen an (sich mir selbst zu nähern, wagte er nicht, da ich mich an der Seite des Hadj Abd-elKader in der ersten Beihe der Betenden befand) und sagte ihm: „Du thätest besser, die Moschee gar nicht zu betreten, als Beisendem bringt Dir das Gebet doch keinen Nutzen." Er wollte eigentlich darauf anspielen, dass er Jude oder Christ und die Jemma für ihn verboten sei. Einer meiner Patienten, ein reicher Kaufmann, der den geheimen Sinn der Worte nicht kannte, sagte zu meinem Burschen: „Erwidere ihm doch: Dir schlägt selbst kein Gebet an, denn statt nach Mekka zu pilgern, hast Du eine Beise nach Paris zum Kaiser der Christen gemacht."

Mein Bursche theilte mir diess Abends mit und den folgenden Tag suchte ich eine förmliche Auseinandersetzung mit dem Hadj Abd-el-Kader, um zu wissen, für was man mich halte und wie weit ich auf seinen Schutz rechnen könne. Dieser erklärte mir denn, dass Ottmann zu ihm gekommen sei und ihm gesagt habe, er könne mit einem Schwur beeidigen, dass ich Christ sei und von dem ChristenSultan abgesandt worden sei, um ihr Land zu erforschen. Man ersieht daraus, wie wortbrüchig dieser Mann war, der eben erst viele Wohlthaten von den Franzosen genossen hatte, selbst in Paris gewesen und der nun den ersten Christen, den er an der Grenze seines Landes antraf — denn in seinen Augen war ich Christ — überliefern und tödten wollte trotz der abgeschlossenen Verträge; man ersieht aber auch daraus, mit welchem Leichtsinn die Franzosen sich Leuten hingeben und mit ihnen Verträge abschliessen. So war dieser Ottmann, obgleich Bruder des Hadj Hamed, der die Tochter des Chefs der Hogar geheirathet hat und somit jetzt ihr Haupt ist, gar nicht bevollmächtigt, Verträge abzuschliessen, die den Christen ihr Land öffneten, und ich möchte es keinem Franzosen rathen, in diesem Augenblick auf jene in Bhadames und Paris abgeschlossenen Verträge hin das Land der Hogar zu betreten.

Abd - el - Kader versicherte mir übrigens, er selbst sei überzeugt, dass ich Moslini sei, dass er ferner meine Empfehlungsbriefe mit seinem Thaleb nochmals geprüft und sie echt befunden habe, daraus ersehe er denn, dass Sidi elHadj - Absalom unmöglich einem Christen einen solchen Empfehlungsbrief, wie ich ihn gebracht, habe ausstellen können, dass überdiess, wenn ich Christ sei, die Eluema und Tuater mich würden getödtet haben, und selbst wenn sie nicht wüssten, dass ich ein solcher wäre, würde Gott selbst es nicht zugeben, dass ich Tidikelt betrete. Er meinte, ich Petermann's Geogr. Mittheüungen. 1866, Heft L

solle Si Ottmann nur sprechen lassen, öffentlich könne derselbe Nichts gegen mich unternehmen, da gerade er als Christenfreund verschrieen sei, und er versicherte mir, dass, so lange ich sein Haus bewohne, mir weder ein Targi noch Uled Bu-Humo ein Haar krümmen könne. Ich bat ihn dann, mich doch so bald wie möglich fortzulassen, und zwar mit der Karawane, die im nächsten Monat von Akebli nach Timbuktu gehe; er erwiderte mir aber, dass keine Sicherheit und Garantie mit jener Gofla (so heisst man eine Karawane) sei und dass ich erst im Januar oder Februar mit seinen eigenen Leuten aufbrechen könne. Diesen langen Zeitraum betrachtend, ausserdem in Erwägung ziehend, dass meine Geldmittel mit jedem Tage abnahmen, bat ich ihn, mich über Bhadames nach Tripoli zu senden, wo ich auf neuen Geldzuschuss (von Uesan, wie ich augeblich sagte) hoffen dürfte, ich würde dann gegen Januar zurückkehren, um mit der grossen Gofla nach Timbuktu zu gehen. Aber auch darauf wollte er nicht eingehen, er erklärte mir rund heraus, dass ich warten müsse, bis er mich in Sicherheit nach Timbuktu sende. Obgleich ich nun innerlich mich freute, dass er so pünktlich nach den Anweisungen des Hadj - Absalom von Uesan handelte, — denn er sagte mir, dass nur der Brief des Scherif ihn bewogen hätte, mich zurückzuhalten, weil er darin den Befehl erhalten, mich in Sicherheit nach Timbuktu zu senden, sonst würde er mich mit der Gofla, die Anfang nächsten Monats von Akebli aus nach Timbuktu gehe, zieheu lassen — schreckte mich dennoch etwas die Aussicht auf einen viermonatlichen Aufenthalt in Ain-Salah. Wenn man entdeckt, dass ich Christ bin, so tödtet man mich unfehlbar, denn bei dieser Unterredung erklärte mir der Hadj Abd-el-Kader: „Und käme ein Christ versehen mit Empfehlungsbriefen vom Sultan von Konstantinopel und Marokko, ich würde ihn den Leuten überliefern, wir wollen keine Christen in unserem Lande."

Meine Lage ist dadurch keineswegs erfreulich, überdiess ist es hier im Mittelpunkt der Wüste so theuer, dass mein Geld wie Schnee in der Sonne schmilzt, obgleich ich jetzt meine Medikamente nicht mehr umsonst weggebe, sondern verkaufe. Das Getreide ist noch theurer als in Tuat, Fleisch nicht billiger und Kaffee und Zucker fast so theuer wie in Tafilet.

Ksor el-Ärb, Ain-Salah, den 28. September. — Meine Lage ist dieselbe geblieben, nur suche ich mich immer mehr mit dem Hadj Abd-el-Kader uld Bu-Guda zu befreunden, um im Nothfall auf ihn zählen zu können, und es scheint mir diess zu gelingen; auf andere Weise halte ich mir die Grossen und Beichen Ain-Salahs als Geissoln zurück, indem sie meine ärztliche Hülfe nicht entbehren können. Ich lege ihnen nämlich Spanische Fliegenpflaster oder brenne

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