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genommen, der vermöge seiner Wärme eine hohe SättigungsEapacität hat und daher mehr als reichlich mit Wasser geschwängert nach Südosten zieht. Derselbe trifft als Nordwestwind die Küste Chile's, das einzige Land im Bereiche der auf einer so ungeheueren Seeiläche aufgestiegenen Dünste, wo dann die Andeskette sehr bald sein Weiterziehen in östlicher Eichtung hemmt und ihn zu Nordwind ablenkt, als welcher er in den in Rede stehenden Landstrichen den grösseren Theil des Jahres hindurch weht. Indem er nun in kältere Regionen gelangt, in denen eine immer geringere Wärme - Ausstrahlung vom Boden Statt findet, ist es unvermeidlich, dass dieser von Dünsten gesättigte Luftstrom vermöge seiner Schwere immer tiefer herabsinkt und zuletzt in beständiger Folge über die Oberfläche der Erde hinstreicht. Demgemäss findet man in der Wirklichkeit einerseits auf der ganzen Chilenischen Küste bis zum Kap Horn eine stetige Zunahme des Nord- und Nordwestwindes von Norden nach Süden, andererseits das Auftreten oder Vorherrschen dieses Windes in der kälteren Jahreszeit, im Winter, an den Orten, die denselben zu anderen Jahreszeiten gänzlich oder mehr oder weniger entbehren. Das beständige Wehen dieser Wärme-bringenden Winde im Winter bewirkt hauptsächlich die grosse Milde desselben, so dass länger als ein Paar Stunden dauernder Schnee zu den grössten Seltenheiten gehört, wie dieser denn überhaupt in manchen Jahren gar nicht vorkommt.

Die bei weitem wichtigste Folge des Vorherrschens der mit Wasserdünsten geschwängerten Nordwinde ist aber die ausserordentlich grosse Menge Eegen, welche sie über diese Küste entladen. Je weiter dieselben nach Süden kommen und in je kältere Eegionen sie gelangen, um so mehr verlieren sie die Fähigkeit, das in Dampfform mit fortgerissene Wasser zu binden, welches daher als Regen herabfällt. Die Häufigkeit und Menge desselben, sowohl nach der Breite wie nach den Jahreszeiten, folgt genau denselben Gesetzen wie die denselben bedingenden, eben besprochenen Luftströmungen. Wir haben daher an dieser ganzen Küste Winter-Regen, der je weiter nach Süden auch auf die anderen Jahreszeiten und endlich selbst auf den Sommer übergreift.

Der Eegenfall ist nicht nur ein an und fijr sich sehr reichlicher, so dass er eine in Europa kaum gekannte Höhe erreicht und mit dem der Tropen wetteifert, sondern auch die relative Menge ist eben so wie in den letzteren eine sehr bedeutende. Beispiele von 10 bis 13 Centimeter Eegen in 24 Stunden sind häufig und demnach ist die Zahl der Eegentage zwar ziemlich gross, doch aber mit dem Quantum desselben keineswegs in direktem Verhältniss stehend.

Endlich verdienen noch zwei von dem Klima bedingte Petermann'« Geogr. Mitteilungen. 1866, Heft XII.

Phänomene einer besonderen Erwähnung, nämlich die Schneegrenze und die Gletscher.

Die kühlen Sommer und die grosse Masse des in den grösseren Höhen der Cordillere als Schnee niederfallenden flüssigen Niederschlags bewirken, dass in dieser Breite die Schneegrenze, welche man zu etwa 5000 Fuss annehmen kann, eine so geringe Erhebung hat, dass sie im Vergleich mit anderen Breiten als eine anomale erscheint. Auf einigen dieselbe weit überragenden Bergen, wie z. B. dem Tronador (Donnerer), ist die Anhäufung von Schnee und Eis eine wirklich massenhafte und wir begegnen daher vielen und gewaltigen Gletschern und einige Breitengrade südlicher erreichen diese letzteren eine ganz unglaubliche Ausdehnung. Etwas nördlich von Puerto Montt entsendet der in der Mitte der Cordillere gelegene Tronador, so genannt von dem donnerähnlichen Getöse, welches die an seinen senkrechten Abhängen häufig herabstürzenden Eismassen verursachen, einen Gletscher nach Osten, der sich fast bis zum Niveau des See's Nahuelhuapi herabsenkt, dessen Höhe über dem Meere auf etwa 1700 Fuss geschätzt wird. Es scheint, dass die Entwickelung der Gletscher in früheren Perioden eine noch viel bedeutendere war, und wir werden sehen, dass sie in der Geologie des Landes eine sehr wichtige Eolle gespielt haben.

Geologie.

Die geologischen Verhältnisse des Landes sind bis heute noch wenig bekannt. Da es vom ewigen Schnee bis zur Fluthmarke herab mit dichtem Urwalde bedeckt ist, entziehen sich die darauf bezüglichen Erscheinungen fast gänzlich der Beobachtung und ausserdem ist das Vordringen in jeder nicht betretenen Eichtung ausserordentlich schwierig. Wir verdanken Darwin die Grundzüge der Geologie der von ihm besuchten äusseren Küsten, deren Verhältnisse mit denen des inneren flachen Landes fast ganz übereinstimmen. Ausserdem haben Philippi, Cox und Fonck einige Beiträge geliefert.

Die Haupt-Cordillere oder Andenkette besteht, so viel man an dem bei Puerto Montt ans Meer stossenden Fusse und während der dieselbe überschreitenden Expeditionen nach Nahuelhuapi gesehen hat, zum grösseren Theil aus plutonischem Gestein. Die Vorberge und die Centraikette derselben bestehen aus Granit, Syenit und verwandten Felsarten, vermuthlich auch der östliche Abfall. Im westlichen Theile derselben, zwischen jenen äusseren Ausläufern und der Mitte, bilden Porphyre, nach der grossen Häufigkeit der Geschiebe dieser Art zu urtheilen, einen sehr bedeutenden Antheil des Gebirges. Ob diese Porphyre identisch sind mit den geschichteten metamorphischen Porphyren, welche nach Domeyko, dem berühmten Kenner der

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Chilenischen Anden, in der ganzen Ausdehnung derselben in gleicher Lage vorkommen und auf granitischen UnterBergen ruhen, ist bis jetzt zweifelhaft, obgleich der Analogie nach sehr wahrscheinlich.

Das Gebirge macht im Ganzen den Eindruck eines geringen Alters oder einer grossen Widerstandsfähigkeit gegen die zerstörenden atmosphärischen Einflüsse. Es sind gerundete Massen, die von der Verwitterung noch wenig ausgefurcht sind, und die Schluchten und Kinnen der Giessbäche zeigen an ihrem Ende nur eine geringe Anhäufung von Schutt und Gerolle. Die Thäler entlang ziehen sich sehr schmale Streifen der das ebene Land bildenden TertiärFormation (?). An einigen Bergen im westlichen Theile findet man in der Höhe von 1000 bis 2000 Fuss kleine Stücke derselben Formation au den steilen Abhängen in regelloser Ordnung vertheilt. Man könnte also daraus schliessen, dass diese Berge erst nach der Bildung jener modernen Formation aus dem Schoosse der Erde emporgehoben wurden. Andere sedimentäre Formationen eben so wie Kalk und Versteinerungen irgend welcher Art sind bis jetzt in dieser Breite des Gebirges noch nicht gefunden worden. In dem centralen Theile des Gebirges findet man an mehreren Stellen Reste früherer Moränen.

In einer Linie, welche ein wenig östlich von den Vorbergen der Cordillere in der Richtung dieser letzteren verläuft, scheint die Haupterhebung der ausgedehnten VulkanenReihe Statt gefunden zu haben, welche einen so wichtigen Theil an der Bildung des ganzen Gebirges hat. Demgemäss finden wir fast am Fusse desselben und fast direkt aus der Ebene aufsteigend oder in geringer Entfernung von derselben eine Anzahl herrlich geformter kolossaler Gipfel, welche mit den in der Centrai-Kette gelegenen kulminirenden Höhen wetteifern. Zu diesen gehören, von Norden nach Süden gezählt, der Villarica, Rinihue(?), Osorno, Yate(?), Michinniadiva, Yanteles, Corcovado, Melimoyu(?), San demente und andere noch unbekannte. Da die weiter nördlich gelegenen Vulkane Chile's mehr oder weniger im Inneren des Gebirges oder auf dem Hauptkamme zu liegen scheinen, so dürfte die vorgeschobene Lage dieser südlichen Vulkane einen nicht unwesentlichen Unterschied von jenen ausmachen.

Wenige Länder möchten überhaupt eine so zahlreiche und durch Höhe und Pracht ihrer Gipfel gleich ausgezeichnete Reihe thätiger Vulkane besitzen. Im Jahre 1835 sah Darwin von Chiloe aus vier derselben gleichzeitig in Thätigkeit. Seitdem aber scheint eine Periode verhältnissmässiger Ruhe eingetreten zu Bein. Der Osorno war zuletzt im Jahre 1851 thätig, der Villarica war es bis vor Kurzem oder ist es noch, von den übrigen ist dagegen seit jener Zeit kein Lebenszeichen bekannt geworden. Der schönste

dieser Feuerberge ist ohne Zweifel der schon von Fitzroy und Darwin bewunderte Osorno, der sich in dem an seinem Fusse gelegenen See Llanquihue spiegelt und unseren Deutschen Kolonisten in voller Pracht vor Augen liegt. Zahlreiche erstarrte Lava-Ströme älteren und neueren Datums erstrecken sich au seinen Seiten herab. Einer dieser Ströme, der unähnlich den jüngeren Laven zu basaltähnlichen Säulen (Trachyt?) erstarrt ist, erreicht das etwa 5 Deutsche Meilen entfernte nördliche Ende des südöstlich von Puerto Montt mündenden See-Armes (Fjord) von Reloncavi, wo Cox denselben wieder fand. Ältere vulkanische Bildungen, z. B. Phonolithe, finden sich auch im Centrum und in den östlichen Ausläufern der Cordillere (Cox).

Die Küsten-Cordillere besteht aus metamorphischem Gestein, Glimmerschiefer scheint die vorherrschende Felsart zu sein. Dieselbe ist merkwürdig durch das Vorkommen von Gold im Sande der Bäche und Flüsse. Noch heute findet man an mehreren Stellen deutliche Spuren früherer sehr ausgedehnter Wäschereien, welche das auch von der Geschichte überlieferte Faktum des ausserordentlichen Reichthums der alten Städte Valdivia und Osorno an Gold bestätigen. Dieses Gold wurde damals von den eben unterjochten und als Sklaven behandelten Araukanern im Dienste ihrer Spanischen Herren gewaschen. Die dadurch veranlasste Bedrückung, welche durch die zunehmende Seltenheit des Metalls sich immer mehr steigern musste, scheint die Hauptursache des Aufstandes derselben und der Zerstörung jener blühenden Städte gewesen zu sein. Vor einigen Jahren (1861) fanden einige Deutsche Gold in nicht unerheblicher Menge und man gab sich eine Zeit lang der Hoffnung hin, dass in diesen Provinzen ein zweites Kalifornien aufgefunden sei; allein der Erfolg entsprach durchaus nicht

I den Erwartungen, das gefundene Gold lohnte nicht die Arbeitskosten und so zerrannen denn diese schönen Hoffnungen eben so schnell, wie sie entstanden waren, und es scheint sich Niemand mehr damit zu beschäftigen. Immer

I hin ist es noch nicht ausgemacht, ob nicht ein mit grösserer Ausdauer, Sachkenntniss und Kapital gemachter Versuch zu einem besseren Resultat geführt haben würde. Ausserdem hat mau ganz neuerdings reiche Goldlager an einem Zuflüsse des Biqbio in der nördlich von Valdivia gelegenen Provinz Arauco gefunden.

Zwischen der Haupt - und der Küsten-Cordillere und beiderseits in die Thäler derselben eindringend finden wir die mächtige Tertiärformation, welche mit Ausschluss irgend einer anderen diesen weiten Raum einnimmt. Die

I Oberfläche derselben ist im Ganzen betrachtet eine Ebene, im Einzelnen zeigt sie dagegen viele Unregelmässigkeiten, welcho je näher dem Meere immer grösser werden, so dass das Terrain auf den Inseln und an den Küsten merkwürdig uneben ist. Der Abfall nach der Küste des Binnenmeeres ist im Ganzen steil, fast senkrechte Abhänge sind häutig, in sehr geringer Entfernung vom Meere erhebt sich das Terrain bis zu 300 Fuss und steigt dann weiter im Lande nach und nach bis zu etwa 600 Fuss Höhe. Die Flüsse und Bäche haben sich tiefe Schluchten mit steilen "Wänden in diesem Terrain ausgewaschen.

Ausserdem ist der allgemeine Charakter der Terrainoberfläche der, daas ein steiler Abhang oder Stufe zu einer bald schmalen — so an der Küste und auf den Inseln —, bald ausgedehnten und fast vollkommenen Ebene, wie im BinnenLande, führt. Diese Stufenbildung, welche ohne Zweifel analog ist mit der, welche Darwin auf den Ebenen Patagoniens, welche aus einer mit unserer fraglichen Formation identischen oder nahe verwandten bestehen, und auch an mehreren Punkten der Chilenischen und Peruanischen Küste beobachtet und auf eine so geistreiche "Weise gedeutet hat, findet sich sehr allgemein, namentlich aber in der Umgebung Puerto Montt's und endlich auch am See Llanquihue, zu welchem das Terrain ebenfalls in zwei bis drei Stufen abfällt, sehr deutlich ausgesprochen. Manche sich gegenüber liegende und selbst durch Meeres-Kanäle getrennte Abhänge zeigen einander vollkommen entsprechende Abstufungen, so z. B. die Insel Tenglu und die gegenüberliegende Seite des Festlandes, die beiden Seiten des Kanals von Chacao u. s. w. Domeyko hat dieselbe Erscheinung im nördlichen Chile, namentlich in der Provinz Coquimbo konstatirt und dort genauer studirt. Nach Messungen, welche ich auf seine Veranlassung an den Puerto Montt umgebenden Stufen machen liess, glaubt er, dass dieselben sowohl an Zahl wie auch selbst in der Höhe mit jenen Coquimbo's übereinstimmen, und dass daher die aus dieser Stufenbildung gefolgerte, mehr oder weniger langsame Erhebung der Küste über das Meer auf der ganzen Entfernung zwischen beiden Orten und vielleicht sogar noch weiter nach Norden und Süden eine gleichmässige gewesen ist.

Es scheint, dass alle Geologen darin übereinstimmen, solche horizontal verlaufende Stufen, wie sie namentlich auch in Schottland, Finnland und Norwegen vorkommen, als frühere Strandbildungen zu betrachten und sie der Einwirkung des Wellenschlages des Meeres oder auch eines Landsee's auf den in früheren Perioden ein verschiedenes Niveau über dasselbe einnehmenden Küsten-Abhang zuzuschreiben. Für die an der Küste der grossen Süd-Amerikanischen Tertiärformation vorkommenden ausgezeichneten Terrassen hat Darwin diese Theorie ausserdem durch die Thatsache über jeden Zweifel erhoben, dass sich auf den unteren Stufen vom Meere zurückgelassene Muscheln finden, und da diese mit den noch jetzt lebenden Arten derselben Küsten identisch sind, geben sie den Beweis, dass diese Formation

erst in jüngster geologischer Zeit über den Meeresspiegel erhoben worden ist. Für die Küste Patagoniens, Peru's und eines grossen Theiles von Chile möchte diese von Darwin konstatirte Thatsache wohl kaum einem Zweifel unterliegen dagegen sei es mir erlaubt, in Bezug auf die in Chiloe beobachteten Muscheln eine andere Ansicht geltend zu machen. Bei der Verehrung, die ich für diesen berühmtesten Naturforscher der Jetztzeit hege und die namentlich darauf beruht, dass es mir vergönnt ist, die von ihm so meisterhaft geschilderten Gegenden zu sehen, welche ihn zu dem eigenthümlichen Gange seiner späteren Studien inspirirt haben, dürfte eine solche abweichende Ansicht weder anmassend noch auch das Verdienst Darwin's schmälernd erscheinen, wenn man in Betracht zieht, dass dem eilig vorüberziehenden Reisenden Manches entgehen kann, was sich dem stationären Beobachter im Laufe der Zeit von selbst darbietet.

Die durch die Bildung von zahllosen Inseln auf eine fast unendliche Länge ausgezogene Küsten-Linie vom Kap Horn bis Puerto Montt war und ist zum Theil noch heute von einem Volksstamme bewohnt, der gerade wie die zu demselben gehörenden und jetzt auf den südlichsten Theil dieses Ungeheuern Archipels beschränkten Feuerländer in seiner Nahrung fast ausschliesslich auf die vom Meere gebotene angewiesen ist. Unter den mannigfaltigen Produkten aus den verschiedensten Klassen des Thierreichs und selbst des Pflanzenreichs, welche diese Küsten ihren ärmlichen Anwohnern bieten, nehmen die Schalthiere wegen ihrer Ergiebigkeit und der Leichtigkeit ihres Fanges den ersten Platz ein. Die Zubereitung derselben geschieht nach einem bei fast allen wilden Völkern heimischen Verfahren vermittelst erhitzter Steine, mit denen dieselben zusammengeschichtet und dann mit Erde bedeckt werden. Indem gewisse Stellen am Ufer hierzu besondere Bequemlichkeiten bieten, werden dieselben immer wieder dazu benutzt, so dass sich im Laufe der Zeit gewaltige Anhäufungen der Reste dieser Mahlzeiten bilden und man daher ganze Bänke findet, welche aus solchen ehemaligen „Curantos" entstanden sind und der Hauptsache nach aus Muschelschalen und zwar der grösseren essbaren Arten bestehen, vermischt mit Steinen, Kohlen, Knochen von Fischen, Fragmenten von Krebsschalen, See-Igeln u. s. w. Kurz, mau findet in diesem ganzen Archipel bei jedem Schritte jene Küchenabfälle („Kjökkenmödding"), welche auch auf den Dänischen Inseln vorkommen und in neuerer Zeit bei Gelegenheit der Entdeckung der Pfahlbauten in der Schweiz und der sich daran knüpfenden Diskussion über das Alter des Menschengeschlechts (Lyell) vielfach citirt worden sind. Darwin beschreibt das Vorkommen dieser Muschelbänke im Feuerlande, in Chiloe scheinen sie seine Aufmerksamkeit nicht auf sich gezogen zu haben. Nichts desto weniger sind sie auch in diesem letzteren Theile des Archipels sehr häufig und mächtig. Man könnte dieselben hier ohne Zweifel umfassender studiren wie an irgend einem Punkte der Erde und gewiss ist es eine interessante Erscheinung, die Zustände eines in Europa schon mehrere tausend Jahre erloschenen Kulturgrades hier noch heute ganz oder zum Theil im Leben eines Volksstammes verwirklicht zu sehen.

In der Regel finden sich natürlich diese Haufen nur in unmittelbarer Nähe des Ufers. Besondere Umstände mussten obwalten, um die Bewohner zu veranlassen, den am Strande gesammelten Proviant in einiger oder weiterer Entfernung von demselben zu bereiten. Diess findet indessen im heutigen Chiloe Statt. Die Bewohner, obgleich ziemlich civilisirt und Ackerbau treibend, folgen noch jetzt einigen Sitten ihrer Vorfahren und haben daher namentlich nicht auf den vom Meere gebotenen Zuschuss an Nahrungsmitteln verzichtet, sondern besuchen es täglich zur Zeit der Ebbe, auch wenn sie in einiger Entfernung wohnen, und bereiten dann dieselben in der herkömmlichen Weise in der Nähe ihrer Hütten zu, so dass man unfehlbar bei jeder derselben einen oder einige solcher Haufen findet. Wird ein solcher Wohnplatz verlassen, so bedeckt sich derselbe nach und nach mit dichtem Wald, und wird dieser in späteren Zeiten wieder gelichtet, so geben diese Haufen ein untrügliches Zeugniss von dem Vorhandensein früherer Bewohner. Neuere, Darwin natürlich nicht bekannt gewordene Erfahrungen haben gezeigt, dass Letzteres in ausgedehntem Maasse Statt findet.

Als die Deutschen Kolonisten vor etwa 12 Jahren zum ersten Male die Ufer des See's Llanquihue betraten, war das Land auf viele Meilen in die Bunde ein von keiner menschlichen Seele betretener Urwald. Nichts desto weniger finden dieselben täglich nachgelassene Spuren einer früher dort vorhanden gewesenen zahlreichen und sesshaften Bevölkerung. Im Falle diese letztere näher beim Meere gewohnt hätte, würde man ohne Zweifel auch Muschelhaufen unter diesen Besten gefunden haben; so aber ist diess nicht der Fall. Anders aber ist es mit der zunächst gelegenen Meeresküste, welche vor etwa 22 Jahren ebenfalls völlig unbewohnt war. Beim Lichten des Waldes hat man nicht nur in der Nähe des Ufers solche von riesigen Bäumen überwachsene Anhäufungen von „Küchenabfällen" gefunden, sondern auch in den verschiedensten Höhen bis zu einiger Entfernung vom Strande solche Muschelhaufen neben von Menschen herstammenden Gegenständen verschiedener Art, die über den Ursprung der ersteren nicht den geringsten Zweifel übrig lassen. Sowohl die am See wie die in der Nähe der Meeresküste gefundenen Gegenstände lassen darauf schliessen, dass die früher in diesen Gegenden vorhan

dene Bevölkerung theils vor der Spanischen Besitznahme, theils nach derselben dort wohnte und dass sie schnell ihren Wohnsitz verliess, indem sich viele verhältnissmässig werthvolle Gegenstände, z. B. aus Peru stammende Thonkrüge (durch die Spanier importirt), einzelne eiserne Werkzeuge u. s. w., fanden, welche sie bei einem vorbedachten Abzug ohne Zweifel mitgenommen haben würde. Alle diese Umstände dürften in der kürzlich von mir in Brouwer's Reise (1642) aufgefundenen historischen Thatsache eine ziemlich befriedigende Erklärung finden, dass im Jahre 1638 eine verheerende Krankheit den dritten Theil der Bevölkerung wegraffte. Die in den entfernteren Gegenden, am Golf von Reloncavi und am See Llanquihue, damals übrig gebliebenen Bewohner zogen vermuthlich, von panischem Schrecken ergriffen, nach den mehr central gelegenen Distrikten Calbuco und Castro. Die verlassenen Wohnsitze bedeckten sich mit dem in diesem Klima so üppig und schnell aufschiessenden Walde, so dass jetzt, nach Verlauf von mehr als 200 Jahren, äusserlich keine Spur derselben mehr wahrnehmbar ist und nur die im Boden gefundenen Reste von ihrem früheren Dasein Zeugniss geben.

Sei dem, wie ihm wolle, ich habe aus dem Augenschein aller im Laufe der Jahre mir vorgekommenen, von Vegetation bedeckten Muschelhaufen, sei es in der Nähe des Ufers, sei es 300 und mehr Fuss über demselben, im Verein mit den erwähnten Umständen die Überzeugung gewonnen, dass die meisten und vielleicht sogar alle hier im Lande über der Fluthmarke vorkommenden Muschelschalen nicht vom Meere dort abgesetzt, sondern von Menschenhänden dorthin gebracht wurden. Es ist also sehr leicht möglich, dass die von Darwin in Chiloe in 350 Fuss Höhe und niedriger beobachteten Muscheln ebenfalls denselben Ursprung haben; doch wage ich es nicht direkt zu versichern, da ich nicht Gelegenheit hatte, ebendieselben Stellen zu untersuchen. Vorläufig möchte es also gerathen 6ein, das Vorkommen von Muscheln noch lebender Arten (und ohne Beimischung irgend einer ausgestorbenen Art) in verschiedenen Höhen nicht mehr als einen Beweis der Hebung des Landes in diesen Breiten anzusehen, ohne deshalb diese letztere selbst in Abrede zu stellen, da, wie gesagt, die eben geschilderte Stufenbildung bis jetzt kaum auf eine andere Weise erklärt werden kann.

Nach längerem Verweilen bei der Oberflächengestaltung der Tertiärformation des mittleren Landes auf diese selbst zurückkommend, so besteht dieselbe bald aus abwechselnden Sand - und Thouschichten, bald aus Gerölle, d. h. mehr oder weniger lose auf einander liegenden abgerundeten Steinen, die ganz das Ansehen eines Strandes oder vielleicht noch mehr des frühereu Bettes eines reissenden Gebirgsflusses haben; auch mineralogisch sind diese Gerölle durchaus identisch mit denen, welche die jetzigen Ufer bilden. Die erwähnten Sandschichten haben nur selten eine eben hinreichende Härte, dass sie zu Bauzwecken benutzt werden können, und führen dann den landesüblichen Namen „Cancagua". Fossile Muscheln oder andere Reste des Thierreichs sind bisher noch nicht in diesen Schichten gefunden worden, dagegen finden sich in verschiedenen Höhen einzelne dünne Lagen von mehr oder weniger verkohlten und in einer Thonschicht eingebetteten Pilanzenresten, von denen namentlich eine am Meeresufer in der Nähe der Fluthmarke gelegene sich zu beiden Seiten Puerto Montt's gegen eine Meile weit erstreckt. Nicht nur in einer der oberen, sondern auch in den unteren Schichten sind einzelne dieser zum Theil wohl erhaltenen Pflanzen mit noch jetzt lebenden entweder identisch oder ihnen doch Behr ähnlich; ich habe ein Farnkraut, eine Buche und eine Cypresse wieder zu erkennen geglaubt. In Lemuy, einer Insel des Archipels, findet sich eine Kohlenschicht besserer Qualität, welche vielleicht ausgebeutet zu werden verdient.

Ein sehr interessantes Mineral, welches diese TertiärFormation sowohl hier wie auch im übrigen Chile begleitet, ist der Trippel. Derselbe findet sich in zoll- bis einige Fuss dicken Lagen von massiger oder geringer Ausdehnung an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Höhen des Festlandes und der Inseln, wie es scheint, immer unmittelbar unter der Dammerde. Es ist eine graulich-weisse, sehr leichte, meist wenig kompakte Erde und besteht chemisch fast ganz aus Kieselerde. Die ganze Masse desselben besteht eben so wie bei den Europäischen Arten dieses Minerals aus mikroskopischen Besten (Panzern ?) von Infusorien. Unter diesen fand ich eine kahnförmige Art (Navicula r) vorherrschend. Vorausgesetzt, dass diese Infusorien SüsswasserSpecies sind, wie es wahrscheinlich ist, wäre anzunehmen, dasB die nach allgemeiner Annahme vom Meer gebildete Tertiärformation einige Süsswasser-Becken eingeschlossen enthielt oder dass dieselbe vielleicht gar lediglich als eine Süsswasserbilduug zu betrachten ist. Die nähere Untersuchung dieses Trippeis und seine Vergleichung mit dem anderer Lokalitäten würde ohne Zweifel eine wissenschaftlich sehr interessante Aufgabe sein. Auch technisch ist derselbe von einiger Bedeutung.

An sehr vielen Stellen der Seeküste und auch in grösserer Entfernung von derselben findet man grosse, kantige Steine und Felsblöcke, meist von Granit, welche nur in der

Cordillere ihren Ursprung haben können. Sie sind an einigen Stellen ausserordentlich häufig, an anderen seltener; ob es Begel ist, wie es den Anschein hat, dass sie an solchen Stellen der Küste häufiger sind, welche der Öffnung einer grösseren Bucht in der Cordillere frei gegenüber liegen, bedarf weiterer Untersuchung. Nirgends fand ich so viele dieser Steinblöcke wie in Ilque, einem Theile der Küste, der gerade westlich von der Mündung des grossen Fjords von Reloncavi liegt. Während die unmittelbar am Ufer gelegenen Blöcke entweder älteren Datums und erst durch die Wellen aus der sie einschliessenden Tertiärformation ausgewaschen worden sind oder ganz modernen, wenn sie nach Bildung der jetzigen Küstenlinie angebracht wurden, sind die etwas weiter entfernt liegenden vermuthlich in einer dazwischen liegenden Periode dahin geschafft worden, d. h. zu einer Zeit, von wo an die jetzige Oberfläche des Landes keine weiteren Auflagerungen oder Entblössungen mehr erlitt. Von letzterer Art finden sich viele im Umkreise des See's Llanquihue, sie liegen auf der Oberfläche des Landes und in ziemlicher Höhe über dem Seespiegel und es scheint, dass sie dort auf der zunächst obersten Terrainstufc am häufigsten vorkommen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass diese Blöcke einstmals von schwimj mendem Gletschereise dort abgesetzt wurden, so dass sie an der schon gebildeten Küste strandeten oder auf den Boden des damals noch das jetzige Land bedeckenden Meeres oder See's herabfielen. Wir haben also hier erratische Blöcke in einer dem Äquator ungewöhnlich nahe liegenden Breite. Darwin, der Entdecker derselben, hat aus diesem Faktum sehr interessante Schlussfolgeruugen gezogen und dieselben auf andere Länder und Breiten angewendet. Ausserdem können wir aus diesen erratischen Blöcken entnehmen, dass die Tertiärformation, welche sie theils einschliesst, theils an der Oberfläche trägt, zur sogenannten Drift-Periode, d. h. zur jüngsten Abtheilung der Pliocen-Formation gehört;* der wirkliche oder anscheinende Mangel fossiler Thierreste, der den Geröllschichten jener Periode eigen ist, und die geringe Veränderung, welche die pflanzlichen erlitten haben, verbunden mit der Identität einiger derselben mit noch lebenden Species, bestätigen diese Annahme in schlagender Weise. Die nähere Untersuchung der Infusorien des erwähnten Trippeis dürfte einen weiteren Aufschluss geben. Vielleicht ist auch, wie schon gesagt, diese ganze Formation nicht eine maritime, sondern eine Süsswasserbildung.

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