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Die vorliegenden Winde haben ganz entschieden den Charakter der Monsune. Während von der Frühlings- bis zur Herbst-Nachtgleiche die arktische Luftströmung vorherrscht, finden wir vom Herbst - bis zum Frühlings - Aquinoctium den Südwestpassat vom Nord - Atlantischen Ocean aus bis hoch nach Norden hinauf, und auch über Nord-Europa hinweggehend. Diesem und dem vom Süden heraufkommenden Strom warmen Wassers entspricht dann die thermische Windrose aufs Genaueste. Im Winterhalbjahre führen selbst noch die von NW. und NNW. herkommenden Winde eine Temperatur herbei, welche höher ist als die mittlere Monatstemperatur, während alle Winde, welche von einem Punkte des sich von Norden über Osten nach SSO. erstreckenden Bogens des Horizonts kommen, kalte sind. Im Mai hingegen gehört allen den Winden eine höhere Temperatur an, welche von dem sich von ONO. nach WSW. erstreckenden Bogen des Horizonts herkommen. Um diese Zeit ist die Temperatur in der gesammten arktischen Begion höher geworden, aber über dem Festlande in grösserem Maasse als über dem Meere." ')

6. Wo ist die Geburtsstätte der Walfische?"*) — „ Ver

') Eine höchst wichtige Angabe über diese berühmte, Beit Jahrhunderten schon diskutirte Streitfrage: oh das Meer nördlich von Spitzbergen fest oder flüssig sei, — machte noch ganz kürzlich auch der Admiral Belcher, gegenwärtig der wissenschaftlich bedeutendste und erfahrenste Marine - Offizier Englands. Man wisse, sagte er, dass das Eis in der Baffin-Bai den ganzen Winter hindurch in Bewegung sei, und nach den bisherigen Berichten glaube er bestimmt, dass das Eis um den Pol sich unablässig bewege. Dass er selbst am 22. Mai die Küste vom Meer bespült gefunden, sei eine Thatsache, keine Theorie. In der BeringStrasse gewähre das Treiben des Eises jedem Schiffe Schutz. Ein Walfischfänger habe ihm gesagt, dass er nordöstlich von Spitzbergen nur Treibeis gesehen habe, und alle, die in dieser Richtung vorgegangen seien, hätten — um ihre eigenen Worte zu gebrauchen — „ostnordöstlich, so weit das Auge reichte, das Eis schiffbar" gefunden, und hätten sie gedurft, Nichts hätte sie gehindert, nach dem Pol zu gelangen, und er selbst sehe Nichts, was sie von einer Fahrt nach dem Pole abschrecken könnte.

(Report of the British Association 1865. London, Hardwicke. p. 269.) *) Aus einem Schreiben von Herrn Philipp Rechten (d. d. Bremen, 15. Dezember 1865), der wiederholt am Walfischfang bei Spitzbergen betheiligt war.

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schiedene Beobachtungen haben mich zu der Ansicht geführt, dass durch das nördliche Grönland eine grosse Strasse hindurchgeht, die man bis jetzt eben so wenig an der Westseite als an der Ostseite kennen zu lernen Gelegenheit nahm. Auch erzählte mir ein junger Kapitän: er habe an der Ostküste Grönlands auf hoher Breite einen Walfisch angeschossen, derselbe habe sich losgerissen und sei mit der Harpune entkommen, sein Vater aber, der in derselben Saison in der Davis-Strasse dem Walfischfange nachgegangen, habe daselbst einen Walfisch gefangen, der die identische, für ihn kenntliche Harpune noch au sich gehabt habe; ich nehme an, dass das Thier seinen Weg durch die vermeintliche Strasse durch Grönland genommen habe. Bei Westspitzbergeu kommen in der Fang-Saison sehr viele junge Walfische zum Vorschein, und ich habe stets darüber nachgedacht: woher kommen sie, wohin gehen sie? Selbst alte erfahrene Kapitäne konnten mir keine genügende Auskunft darüber geben, und ich kenne Walfischfänger, die weit und breit herumgekommen sind und bis Nowaja Semlja waren. Junge Walfische sahen sie dort nicht, und eben so wenig kommen solche weiter südlich an der Grönländischen Küste vor, denn zwischen 70° und 74° N. Br. bekommt man nur alte Walfische zu sehen. Die jungen Walfische kommen jedenfalls von einem grossen, offenen, uns bis jetzt unbekannten Meere her.

„Dass es Steinkohlen auf Spitzbergen giebt, wurde mir noch vor einigen Tagen von einem Walrossjäger bestätigt."

7. Die vulgärenVorstellungen über die Kälte des Nordens*). — „Ich möchte vor Allem jene jämmerliche Gespensterangst vor dem nordischen. Meere und vor der nordischen Kälte bekämpft und zerstört haben, und meinen Landsleuten aus eigenen jahrelangen Erfahrungen die Thatsachen ver

') Aus einem Schreiben von Lieutenant Buchner (d. d. Berlin, 31. Dezember 1865), der nach fast zehnjährigem Aufenthalt im Skandinavischen Norden gegenwärtig beim Königl. Telegraphenwesen in Berlin beschäftigt ist.

sichern, wie man im Norden bei 40° Kälte sich entschieden wohler befindet, als bei 20° hier; wie der gewöhnlichste Norwegische Fischer die Fahrt nach Spitzbergen als ein Kinderspiel belächelt, und es für einen gesunden Deutschen Sinn keine wohligere Empfindung giebt, als gen Norden steuernd, wettergefurchte stolze Gestade und Menschen zu beobachten und im Kampfe gegen die Elemente zugleich seine eigene Ebenbürtigkeit mit unerschrockenen Seefahrern zu erproben.

„Eine Uberwinterung auf Spitzbergen! so höre ich Manchen schaudernd ausrufen. Aber ich bin überzeugt, dass Spitzbergen bis zum Februar regelmässig einen wärmeren Winter hat als Königsberg, und man in den meisten Berliner Häusern weit kälter sitzt als in den Blockhäusern des Nordens; wenigstens habe ich bei —30° 11. in Norwegischen Sennhütten 4000 Fuss über dem Meere weniger gefroren, als hier bei 12° Kälte und 200 Thaler Miethe, und dieselbe Beobachtung habe ich an 6ämmtlichen von mir nach dem Norden mitgenommenen deutschen Arbeitern gemacht.

„Aber die Nordische Kleidung empfehle ich für die Mitglieder der Deutschen Expedition. Ich möchte besonders vor unsern dicken, jede Bewegung hemmenden Pelzen warnen, dagegen die ebenso leichten und geschmeidigen, wie warmen und für Wind undurchdringlichen Renthierpelze (Finmut) der Finnlappen in Hammerfest zu kaufen rathen; sie machen mit den dazu gehörigen Beinschienen und ausgepolsterten Schuhen (Komager) eine unvergleichliche Kleidung für alle Zwecke aus, auch für die Jagd auf Spitzbergen und Überwintern daselbst. Dagegen würde ich wasserdichte Überwürfe von hier mitzunehmen empfehlen, da die nordischen Renthierkleider Feuchtigkeit weniger gut vertragen." •

II. Geographische Desiderata in Bezug auf die projektirte Nordfahrt.

1. Überwinterung auf Spitzbergen. Meteorologische Beobachtungen. Eisbildung und Eisstrom. Oceanität am Nordpol. Smith - Sund. Das arktische Centraigebiet ein grosses Feld für Forschungen und Beobachtungen aller gebildeten Völker*). — „Ich habe das Circumpolar - Gebiet zum Gegenstand besonderen Studiums zu machen Veranlassung gehabt, weil ich die Aufgabe verfolgte, die Klimatologie der ganzen Erde und zumal das tellurische System der Meteorologie zusammenzustellen. Dabei musste ich auf den Gedanken kommen oder diesen mit Anderen theilen, dass vorzugsweise geeignet sei, um die Lücken unserer Kenntnisse mit neuen wichtigen Thatsachen auszufüllen, eine wissenschaftliche Überwinterung auf der Nordküste Spitzbergens, in der

') Aus einem Schreiben von Hrn. Dr. A. Mühry d. d. Güttingen, 11. Dez. 1865.

Weise, wie im Amerikanischen arktischen Archipel mit so ausgezeichnet vortrefflichen Ergebnissen bereits nicht wenige ausgeführt sind, mit zwei- oder sogar einstündlichen Aufnahmen von Beobachtungen. Hierzu bedarf es nur eines gut ausgerüsteten Schiffes und einer Gesellschaft hinreichend gebildeter, bereitwilliger und gesunder Männer, welche eine gewisse militärische Ordnung dabei anerkennen. Die mittlere Winter-Temperatur ist in Spitzbergen ja nur etwa zu

— 12° R. berechnet (während sie auf dem Amerikanischen Kältepol bekanntlich etwa -.-28° R. beträgt).

„Fürerst dies in's Auge gefasst (die weitere Fahrt nach dem Pole hin bliebe vorbehalten) treten zunächst folgende Fragen uns entgegen, welche Beantwortung dort finden könnten: Die Lage zwischen den beiden Winterkälte-Polen macht sehr wünschenswerth, auch für das System der Winde, zu erfahren, woher der schwerste und kälteste Wind kommt, von Ost oder West oder aber von Nord, — ob der Nordwind von kontinentaler oder aber oceanischer Eigenschaft, — mit welchem Winde die hier möglichen Winter-Begen kommen,

— ob die Temperatur in der Höhe abnimmt oder etwa auch zunimmt, mittelst Luftball zu untersuchen bei Calme (Parry fand sie bis 400 Fuss hoch gleichbleibend), — der Zug der Wolken, zumal der Cirri, — Stürme sollen häufig sein, aus welcher Richtung?

„Die submarine Thermometrie ist noch niemals im Winter im Eismeere ausgeführt; wo nicht das schmelzende Eis stört, ist die Temperatur zunehmend nach unten? Vielleicht ist auch die subterrane Temperatur zu beachten thunlich, in 1, 3, 6, 12 und 24 Fuss Tiefe, auf einfache Weise in einem artesischen Bohrloche, — die Landsee'n (mit Fischen unter der Eisdecke) haben wahrscheinlich eisfreie Wandungen — das Meereis wird an der Küste festliegen, dessen Dicke und innere Temperatur; ob auf dem weiten Meere die Bewegung nach West und Südwest fortdauert, ist doch wahrscheinlich, wenn auch weniger (wie in der Baffin Bay), — der Salzgehalt des Meerwassers, — zeigt sich in der Luft Elektricität mittelst des Elektrometers? (vielleicht nicht), — spielt die Elektrisirmaschine? (sehr wahrscheinlich), — fehlt in der Luft die Kohlensäure? (wohl möglich), — ist Ozon vorhanden? — ist der Barometerstand auch hier höher im Sommer, d. h. niedriger im Winter, zwischen den beiden Barometer-Polen? — sind hier Passatwechsel zu erkennen? — fehlt auch hier oder ist unkenntlich die Barometer - Windrose (wie auf dem Amerikanischen Kältepol)? — Die magnetischen Beobachtungen werden Schwierigkeiten finden wegen der vielen Magneteiseu - Berge. — Die Nordlichter erscheinen vielleicht sowohl im Westen wie im Osten.

„Unstreitig werden die Ergebnisse solcher Beobachtungen wichtige Beiträge liefern auch zu der Frage, ob in der Gegend des Pols Koutinentalität sei oder nicht. Was dann die Fahrt dahin selbst betrifft, so ist mein Votum das Scoresby's, es sei möglich, dass dort weites und offenes Meer ist, ja noch mehr, mir scheint dies auch wahrscheinlich, weil es aus der Übersicht der physikalischen Geographie der Circumpolar - Gegend sich ergiebt, aber eine vorher-' gehende Überwinterung würde uns darüber sicherer machen.

„Meine Vorstellung über die Eis - Verhältnisse nördlich von Spitzbergen ist diese. Im Winter bildet sich längs der Küste von Sibirien ein Eissaum von etwa 20 bis 25 geogr. Meilen Breite (nach Wrangeil und Anjou, auch nach Hedenström, denn dieser fand ja nördlich von der Insel NeuSibirien offenes Meer); dieser Eissaum löst sich vom Lande im Frühjahr und wird geflösst in Schollen nach West mit dem aus dem Becken ausfliessenden Strome, dieser Eisstrom ist also wahrscheinlich nur ein Gürtel, bei Novaja Semlja gestaut, geht er um die Nordspitze weiter nach dem offenen Theile des Circumpolar-Beckens und würde hier den Ausweg nehmen, wenn nicht der einfliessende Strom, der compensirende warme Golfstrom, ihm entgegenträte, der später unter ihn taucht (der Theorie nach etwa bei 3° B., wie auch in der Baffin - Bay sich wiederholt), so dass die Eisschollen nur etwa bis 76° oder 73° N. gelangen (zwischen Scandinavien und Island (70° N.) ist keine Scholle zu finden); dann geht der Zug nördlich über Spitzbergen und weiter nach Grönlands Küste, nach SSW. hin den Ausweg findend, die Insel Mayen und die NW.-Küste Islands berührend.

„Wenn man noch in Betracht zieht, dass Parry, je mehr er nordwärts gelangte, von 80° bis 82° 44' N., das Eis mehr zerbrochen fand, dass „die erwartete ungetrennte Eisdecke nicht kam", „dass die Schollen nicht halb so dick waren wie an der Melville - Insel", dass Eisberge fehlten, und dass Ende Juli auf der Rückkehr das Eis auch überhaupt loser wurde, so dass die Meinung allgemein war, das Schiff würde Ende August bis 83° N. haben gelangen können (diese Befunde Parry's verdienen wahrlich noch einmal wörtlich abgedruckt zu werden), so kann das Urtheil kaum anders lauten, als: hier hat man wirklich vorzugsweise oder allein mit einem sieh nach West und Süd bewegenden Gürtel von grossen, aber mehr nordwärts und auch im August kleiner werdenden Eisschollen zu thuu, vielleicht etwa drei Breitegrade breit. Sicher also kam von Norden her nicht das dickste Eis, im Gegentheil, dünneres, und andere Aussagen bezeugen, dass Nordwinde in solcher Höhe kein Eis brachten; demnach kann dort nicht ein grosser Kontinent liegen, der doch immer vorzugsweise Eis bildet an seiner Küste und noch weniger ein gebirgiger, mit Gletscher- und Eisborg-Bildung.

„Es folgt aber auch daraus, dass nicht wohl rathsam scheint, das Durchbrechen des Eisgürtels im Osten von

Spitzbergen und im Frühjahr zu versuchen, sondern im August und von der Nordküste Spitzbergens aus, wo der Eisgürtel nach SSW. hin biegt, und dann zunächst nach WNW. hin zu steuern.

„Noch einmal sei erwähnt der bestätigenden Beweise für die Oceanität am Pole, welche uns die Meteorologie gewährt, nämlich auf dem Kontinent rings um das Becken finden wir im Winter die Kälte nach der Küste hin geringer werdend, als weiter südlich im Innern des Kontinents, so zu Ustfansk und zu Nischne Kolymsk im Verhältniss zu Jakuzk, so auch in Amerika zu Point Barrow (71° N., 156° W.) im Verhältniss zu Yukon (66° N., 147° W.), nämlich des Winters wie —22° zu —24°, dagegen des Sommers wie 1,6° zu 12,3° und des Jahres wie —11° zu 6,7° R. Auch vom Rensselaer Hafen sei nachträglich noch deutlicher hier dargelegt, wie der eigentliche Winter (Dezember bis Februar) seine Curye abgestumpft werdend zeigt in Vergleichuug mit den südlicheren Standorten, während freilich der Herbst und der Frühling im Norden schon und noch kälter waren. (S. Supplement zur klimatogr. Übers, der Erde, S. 231.)

„ ~,0 „.,„» M«rcy B. Melville I. North-L. Disaster li. Renssel. H.

M. leroperatur., w y 74' N. I Jji'Jf^ N. i__TO« N.

Winter
Frühling
Herbst
Sommer

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„Ganz analog ist das Verhalten in Ustjansk und in N. Kolymsk.

„Eben weil es uns ankommt auf das ganze arktische Central - Gebiet, wie Sie es selbst wiederholt aussprachen, sei hier kurz auch . des Vorhabens in Nord - Grönland gedacht. Dort ist am Ende des Smith-Sund das vom glaubwürdigen Matrosen Morton im Juni gefundene völlig offene Meer von Hayes im Mai noch eisbedeckt gefunden; aber dies wiederlegt nicht die auch durch die Thier- und Pflanzenwelt bestätigte Meinung, dass dort ein weites Meer beginne. Schlittenreisen in diesen Gegenden, östlich und westlich vom Kennedy-Canal, in der Methode wie sie auf den FranklinExpeditionen von den Englischen See-Offizieren ausgebildet ist, versprechen in der That sehr grosse Erweiterung der geographischen Kenntnisse des Polar-Gebiets., Es ist indess wahrscheinlich, dass der Kontinent dort wenigstens nicht viel nördlicher sich fortsetzt.

..Im Norden von Grinuell- (oder Albert-) Land soll nach Eskimo-Aussage nur noch eine Insel liegen; dafür spricht auch, dass Kane im Rensselaer Hafen den NW. -Wind als Regen oder Schnee bringend kennen lernte. Die gebirgige Beschaffenheit und die Gletscherwelt machen freilich das Reisen dort schwieriger als auf dem niedrigen Parry-Archipel bis zur Patrick-Insel, aber auch noch interessanter, und die Hin- und Rückfahrt sind kürzer und mehr gesichert.

„Der Pol jedoch wird von dort wohl nicht zu erreichen sein.

„Übrigens ist die nähere Erforschung des arktischen Circumpolar-Gebiets eine gemeinsame Aufgabe der gebildeten Völker; gerade jetzt haben wir in Folge geographischer Behandlung der atmosphärischen Vorgänge, gefördert zumal durch Hülfe der elektrischen Telegraphie, so neue und bedeutende Kenntnisse in Bezug auf die Wind -Verhältnisse gewonnen, welche namentlich zwei Windpole und damit für zwei getrennte Wind-Systeme, wenigstens für die Winterzeit , auf der - nördlichen Hafte der Halbkugel die Annahme in Anspruch nehmen, dass dringend nöthig ist, sich weiter danach umzusehen, das heisst auch, das Centrum der ganzen tellurischen Meteoration näher zu untersuchen.

„Da die Meteorologie in allen Ländern Europa's Theil genommen hat und ferner nimmt an diesen Untersuchungen, mehr freilich in den Schifffahrt treibenden, so ist schon deshalb nicht unwahrscheinlich, dass sie sich auch an der Fortsetzung der Untersuchungen im Polarmeere betheiligen werden. Wir müssen also erwarten, dass früher oder später namentlich die Engländer, die Holländer, die Amerikaner, die Schweden, die Dänen und die Bussen dort gemeinsame' Forschungen anordnen, bei denen von etwaiger nationaler Absonderung ebensowenig wie beim Walfischfange von nationalen Jagdgründen die Bede sein könnte.

„Die erfahrensten Deutscheu Schiffer für das Eismeer findet man doch wohl an der Nordwestküste Deutschlands; wenn man offen sagt, worum es sich handelt und was verlangt wird, darf man auch wohl hoffen, dass unter den gebildeten Ehedem der Sinn und der Wille sich finden wird, um auch der reinen nautischen Wissenschaft Unterstützung zu geben. Aber die Sache liegt im Fortschritt der Wissenschaft.

„Also fürerst eine „wissenschaftliche Überwinterung auf Spitzbergen", mehr nicht, das wäre, was zu erstreben wäre, etwa 8 oder 10 Monate dauernd.

„Das ist meine Ansicht; wie das ferner einzurichten und zu ordnen, ist Sache der Zukunft und würde sicher weniger Schwierigkeit haben als die Polfahrt nachher."

2. Magnetische Beobachtungen '). — „Im Falle ich die Expedition mitmachte, würde ein Gegenstand mich besonders beschäftigen, das ist die Veränderung der Lokaldeviation mit den Breiten. Begelmässige genaue Beobachtungen von 2 zu 2 oder 4 2u 4 Breitengraden müssten ausgezeichnete Besultate über die Änderungen der einzelnen Theile der Deviation geben und überhaupt viel Licht auf diesen im

') Aus einem Schreiben des Herrn Weyprecht (d. d. Pola, 20. Nov. 1865), Offizier in der Kais. Österreichischen Marine und einer der sehr zahlreichen Volontäre aus allen Fächern, die sich mit lebhaftem Enthusiasmus für die projektirte Expedition gemeldet haben. Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1866, Heft L

Detail doch noch ziemlich dunkelen Gegenstand werfen. Um dieselbe unter Segel zu bestimmen, müssten die Beobachtungen an wenigstens 4 oder 8 gleich vertheilten Windstrichen gemacht werden, um aus dem Mittel die Missweisung der Nadel zu erhalten, da die Isogonen in diesen Breiten noch nicht genau genug bestimmt sind.

„Ich weiss gar wohl, dass in so hohen Breiten die magnetischen Beobachtungen im Allgemeinen wegen der geringen Kraft der horizontalen' Komponente des Erdmagnetismus wenig verlässlich sind, aber mit guten Instrumenten Hesse sich um so mehr erreichen, als Spitzbergen wegen seiner grösseren Entfernung vom magnetischen Pole eine der geeignetsten Stationen in so hohen Breiten zu solchen Beobachtungen sein dürfte. An Bord eines eisernen Schiffes wären die Beobachtungen zwar interessanter und endgültiger, von einem solchen kann aber natürlich bei der Expedition keine Rede sein; übrigens enthält das Eisen der Maschine an Bord eines kleineren Schiffes bei seiner grösseren Nähe ,an den Kompassen gewiss hinlängliche Ablenkungsfähigkeit, um aus den gewonnenen Resultaten Schlüsse ziehen zu können.

„Im Falle ich eine Aussicht bekäme, die Expedition zu begleiten, würde ich mich bemühen, nach Triest versetzt zu werden, um mich daselbst auf der Sternwarte während der noch übrigen Zeit so viel als möglich im Gebrauch der feineren Messinstrumente auszubilden."

3. Zoologische Forschungen: das reiche Thierlehen der Polarzone'). — „-In Bücksicht auf Ihr gewogentliches Schreiben d. d. Gotha den 9. März, bedauere ich recht sehr, durch meine noch fortdauernde schwere Krankheit behindert zu sein, an den Berathungen über die deutsche Nordpolfahrt, welche am 17. d. M. stattfinden sollen, Theil zu nehmen. Ich habe mich sehr gefreut und halte es für ein grosses Verdienst, das Sie sich erworben haben, dass der Gegenstand der Nordpolfahrt in so vielseitigen neuen Beziehungen überhaupt zur Sprache gekommen ist, weil ich den Gegenstand in sehr mannigfachen Beziehungen für einen wichtigen halte, der gerade jetzt durch die so lebhaft gewordene Theilnahme einer wesentlichen Förderung zugänglich wird. Da die nautischen Möglichkeiten meinem Urtheil zu fern liegen, es aber unschwer ist, zu erkennen, dass ein kräftiger Wille eines tüchtigen Seefahrers mit Hülfe von Dampfschiffen jedenfalls die vorhandenen Kenntnisse jener Erdzone erweitern kann, so kann ich mich nur darauf beschränken, den Wunsch auszusprechen, dass in irgend welcher Weise ein solches Unternehmen sogar mehrseitig zu Stande kommen möge.

'„Ich empfehle nur, für einen tüchtigen Physiker und

') Aus einem Schreiben des Hrn. Geheimrathes Prof. Dr. Ehrenberg, d. d. Berlin, 14. Dez. 1865.

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wo möglich zwei Zoologen und deren nicht zwingende, aber freundlich berathende Instruktionen und angenehme Stellung' an Bord solcher Entdeckungsschiffe zu sorgen, die das Leben der Oberfläche und auch des Tiefgrundes der Polarzone sowohl im Grossen als im Kleinen, Bowohl im Wasser als auf dem Festlande und Eise scharf zu beobachten im Stande seien, damit das reiche Leben der Polarzone auch selbst ohne Erreichung des beabsichtigten Reisezieles eine möglichst allseitige Aufklärung erhalte. Das bisher meist vernachlässigte und doch wichtigste aller Bäthsel, das Räthsel des Lebens in seinen vielseitigen Erscheinungen, besonders auch in den polaren Meerestiefen, wird an sich schon jeder Anstrengung werth und ein glänzendes Denkmal für die Bfctheiligten werden."

4. Geologische Untersuchungen '). — „Ihre Schilderung der Vorarbeiten und Entwürfe zu eiuer Eismeerfahrt auf dem Meridian von Spitzbergen, oder einem mehr östlich davon gelegenen, 'habe ich so eben wieder durchgelesen und mit Freuden darin die günstigsten Auspicien wahrzunehmen geglaubt.

„Ich habe mich überzeugt, daßs die Längenzone, die jetzt in Angriff genommen werden soll, dem Eismeer sehr viel von der widerhaarigen Beschaffenheit benimmt, die ich von ihm bis jetzt gekannt habe.

„Je schmaler und isolirter, Ihren Hoffnungen zu Folge, die Landmassen auf dem Wege unserer Nordfahrer sein werden, desto mehr haben sie die geologischen Erscheinungen auf denselben an ihr Entsprechendes auf dem breiten Nordrande des nächsten Kontinent zu knüpfen! Schon auf Spitzbergen ist das kohlige Fossil, welches in Ihren Entwürfen mit Becht eine so bedeutende Bolle spielt, ausser auf seine Heizkraft, auch auf sein Verhalten zu den Devonischen Anthraziten und den unerhörten (Silurischen od. Devonischen) Graphitreichthümern des Turuchansker Kreises zu untersuchen, von denen die Lagerungsverhältnisse und die Belationen zu den angrenzenden Gebirgen der Jenisseisker Golddistrikte geschildert sind in „Archiv für die wissenschaftliche Kunde von Eussland", Bd. XXIV, S. 434.

„Wenn mau in geistreichen Phantasien über eine polare Wiege der Thier- und Menschenwelt die Mammute und andere Pachydermen von dem Umstände zehren lässt, dass ihre Wohnorte in der alten Steinkohlenperiode, d. h. um ungezählte Myriaden von Jahren vor ihrer Lebenszeit, einen guten Baum- und Krautwuchs besassen, so hat man sich aus unnöthiger Verzweiflung eine heillose Blosse gegeben. Zwischen der alten (wahrscheinlich Devonischen) Kohle des nördlichen Sibiriens und der Diluvialzeit hat es am Eismeer

') Aus einem Schreiben des Herrn Prof. A. Ernmn d. d. Berlin, IG. Dez. 1865.

noch in drei oder vier geologischen Perioden eine abundante holzige Vegetation gegeben, auf deren Dokumente zu achten ich unter Anderem von Herrn Pim empfohlen hatte in den Bathschlägen zu seiner Eismeerreise, Arch.etc.Bd. XI, 82.

„Ich schliesse für heute diese flüchtigen Andeutungen in der Hoffnung, noch vor ihrer Einschiffung mit unseren glücklichen Beisenden in mündlichen oder schriftlichen Verkehr treten und ihnen dann einige Herzensangelegenheiten weniger fragmentarisch vortragen zu können."

III. Zum Plan der projektirten Nordfahrt.

1. Die Deutschen Seestädte. Die Beschaffung eines geeigneten Schiffes '). — „Zunächst kann ich nicht unterlassen, Ihnen meine freundlichste Anerkennung Ihrer energischen Bestrebungen zu bezeugen, nicht nur ein besseres Verständniss der Verhältnisse der arktischen Region zu verbreiten, sondern auch und vor Allem eine Deutsche Expedition nach dem Nordpol zu Stande zu bringen. Dass ich mich für die Sache auf das Lebhafteste interessire, brauche ich wohl nicht zu versichern, und hätte ich se*hr gewünscht, dass die Kaufmannschaften von Hamburg und Bremen die Mittel beschafft hätten, um die Idee durchzuführen.

„Es hat das indessen seine Schwierigkeiten, die theils in der Vielköpfigkeit und theils darin bestehen, dass die Opferfreudigkeit noch nicht allgemein genug ist, und endlich darin, dass es ungemein schwer ist, ein zu der Fahrt völlig geeignetes Dampfschiff zu erhalten. Die hiesigen Seedampfschiffe sind alle von Eisen und nicht dazu geeignet, aber ein wirklich tüchtiges hölzernes Schiff wird für eine solche Fahrt schwerlich in andern Ländern zu miethen sein, und sicher nur unter solchen Bedingungen, dass es weit besser sein würde, ein Schiff bauen zu lassen oder zu kaufen.

„Ich habe mich daher sehr gefreut zu lesen, dass einige Aussicht vorhanden sei, dass Preussen und Österreich je ein Kriegsschiff zu dem grossen Zwecke zu stellen sich entschliessen, denn ich kann nicht leugnen, dass ich dieses für den einzigen Weg halte, eine wirklich tüchtige Expedition zu beschaffen, zumal ich es für mehr als zweifelhaft halte, dass ein wirklich gutes und starkes Dampfschiff von Holz leicht zu kaufen oder zu miethen sein wird. Wollen diese Staaten sich herbeilassen, einen Zuschuss aus Privatmitteln anzunehmen, so würde mit aller Kraft und überall dafür gewirkt werden müssen, und hoffe ich, dass eine anständige Summe zusammengebracht werden wird."

2. Preussen und die Deutsche Nation 2). — „Wir halten ein Vorgehen der Preussischen Regierung für den einzig prak

') Aus einem Schreiben des Herrn Senators Dr. A. Duckwitz d. d. Bremen, 14. Dez. 1865.

J) Aus einem Schreiben der Herren Schiffskapitäne Schuirmann und Thaulow, Vorstand der Secmannsschule in Hamburg, d. d. 11. Dez. 1865.

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