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Zeit nur

Reise weg und es scheint, dass auch die Kameele von selbst sich wieder einfanden.

Das in den vorigen Tagen erwähnte Gebirge, das nach Nordosten zu lief, erreicht hier jetzt sein Ende, um 11 Uhr lassen wir sein Nordostende rechts von uns, also im Süden am Wege, hier ist es jedoch Nichts mehr als eine Hügelkette. Auch im Norden hat sich die niedrige Hügelkette verloren und statt ihrer haben wir jetzt in gleicher Entfernung wie an den früheren Tagen und in derselben nordöstlichen Richtung laufend eine bedeutende rothe Areg-Kette. Um 5 Uhr Abends erreichen wir den l'Ued Schich. Dieser kommt von Süden und hat einen ziemlich bedeutenden Lauf, denn die Leute sagten mir, dass sein Ursprung etwa 2 Tagemärsche entfernt sei.

Hier am l'Ued Schich trafen wir mit den Uled Sidi elHadj Faki zusammen. Einer von ihnen, mit einem rothtuchenen Kaftan bekleidet, redete mich gleich an: „Du bist ein Franzose, aber fürchte Dich nicht, ich bin einer von denen, die mit Si Ottmann in Paris waren; wo und wie ich Dir Gefälligkeiten erweisen kann, bin ich zu Deiner Disposition.” Ich dankte ihm für seine Bereitwilligkeit, sagte ihm, dass ich ein Deutscher sei, er möge aber meine Nationalität der Karawane nicht mittheilen, weil sich darunter Arauaner und Mabrukiner befänden, in deren Land ich nächstens zu gehen gedächte, und dieselben wohl nicht dieselben Rücksichten für mich haben würden, sobald sie wüssten, dass ich ein Christ sei. Er plauderte dann ein Langes und Breites über Paris und seine Reise dahin, meinte aber schliesslich: „Ihr habt zwar das Paradies auf Erden, uns ist jedoch der Himmel bestimmt.” Ich hütete mich wohl, ihm zu widersprechen, denn mit Mohammedanern ein religiöses Gespräch anzufangen oder gar disputiren zu wollen, ist eine eben so unnütze Mühe, als wolle man einen katholischen Priester, der weiter Nichts kennt als das, was erlaubt hat zu lernen, zu einer anderen Überzeugung bringen. Der Mohammedaner, wenn man ihn auch von den Vorzügen unserer Religion überzeugen kann, schneidet jede vernünftige Vorstellung mit den Worten ab: „Es steht im Kuran geschrieben”, und da für die Mohammedaner der Kuran nicht von Menschen geschrieben ist, sondern von Gott, der ihn Mohammed vom Himmel herabschickte, so hört natürlich jedes Raisonnement auf, selbst wenn sie zugestehen wollten, dass manche (man kann besser sagen viele) Stellen im Kuran offenbar verabscheuungswürdig sind. „Wie kann das schlecht sein, was von Gott kommt? Wer kennt seine geheimen Absichten: Einfältiger Sterblicher, Du willst über Gottes Worte raisonniren? Nimm sie, wie sie Dir vom Himmel durch unseren Propheten

Gruss und Friede über ihn! herabgekommen sind, und das Paradies ist vor Dir.” So ihre Worte. Ich vermeide es daher auch immer, über

Religion mit ihnen zu sprechen oder mich in ihre Religionsgespräche zu mischen, denn alle Mohammedaner, selbst wenn sie nicht Schriftgelehrte sind, lieben es, über Religion zu sprechen, obgleich sie dabei manchmal die wunderlichsten, diametral dem Kuran entgegenlaufende, Ansichten, entwickeln. Obgleich unsere Karawanenführer auch den folgenden Tag gern hier geblieben wären, so widersetzten wir uns doch einstimmig, denn die Lebensmittel fingen an, bedeutend abzunehmen, namentlich merkte ich, dass mein Mehl- und Fettvorrath auf keinen Fall ausreichen würde. Ich hatte unter den Tuareg gefragt, ob kein Weizen zu verkaufen wäre, ohne jedoch solchen zu finden; sie leben die meiste

von Datteln und Milch. Meine Datteln hatten indess noch nicht so viel Abgang gefunden (ich hatte von Tidikelt über 2 Centner mitgenommen), da die Marokkaner, meine Kostgänger, selbst einen Vorrath davon hatten, und dieselben reichten zur Noth bis Rhadames ') aus.

Um 9 Uhr brachen wir auf und verfolgten eine Stunde lang den Lauf des Sklaven-Flusses, auf den wir / Stunde, nachdem wir das Bett des l’Ued Schich verlassen hatten, stiessen. Dieser Sklaven-Fluss oder l'Ued el-Abid kommt ebenfalls von Süden und ergiesst sich dann in den Rothen Areg. Von da an, wo wir auf ihn stiessen und mit ihm gingen, hat er nordöstliche Richtung, biegt jedoch dann wieder nach Norden um, bis er sich in die Sandberge ergiesst. Unsere Richtung war auch heute die von 75°. Diese Flüsse sind ungemein von Gazellen bevölkert, die manchmal heerdenweise vor uns flohen, jedoch ohne Windhund war an Jagd nicht zu denken. Gegen Süden haben wir den ganzen Tag eine endlose Aussicht. Im Norden entfernt sich die Areg-Kette in einem weiten Bogen, dessen linker Schenkel jedoch Abends wieder dicht an unseren Weg herantritt. In der Ebene bemerkte ich heute zwischen den anderen Gesteinen eine Menge schwarzer Basaltsteine, mitunter selbst grosse lange Säulen, obgleich die nächsten Berge doch nur Sandstein- und Kalkformation zeigen. Um 5 Uhr mit Sonnenuntergang lagern wir am l'Ued Daya-ben-Abu, dicht am Areg.

Am 11. November brachen wir um 9 Uhr in reiner Ostrichtung auf. Wir sind wie immer in einer Hammada, haben nach Süden zu trostlose Wüste, im Norden den Rothen Areg, der wieder einen Bogen beschreibt, Mittags jedoch dicht an uns herantritt. An diesem Sandkap befindet sich ein kleines Talha-Wäldchen und wir halten eine Stunde

man ihm

") Trotzdem auf allen Karten Ghadames steht und die Europäer es auch so aussprechen, schreibe ich dennoch Rhadames gemäss der Aussprache der Einwohner und auch um konsequent zu sein, denn sonst müsste ich Gharb statt Rharb, Inghar statt Inrhar, Ighaghar statt Irharhar, Ghat statt Rhat u. s. w. schreiben. Alle diese Wörter schreiben sich mit dem Arabischen ė, welches so ausgesprochen wird, wie ich es niedergeschrieben habe.

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an, um die Kameele weiden zu lassen. Das Talha-Wäldchen führt den Namen Keberten. Um 1 Uhr setzen wir unseren Weg fort. Von Keberten aus läuft der Areg in gerader Richtung nach Norden zu auf eine Länge von etwa 15 Kilometer, in einem grossen Bogen tritt er jedoch um 54 Uhr abermals dicht an unsere Route heran und dort kampiren wir, ohne Futter für unsere Kameele zu finden. Auch konnten wir kaum genug Brennholz auftreiben, um unser Abendbrod zuzubereiten, welches für mich wie immer in Mhamssa oder einer Art dicker Graupensuppe und einer Tasse schwarzen Kaffee's bestand.

Da keine Weide für die Kameele vorhanden war, brachen wir am folgenden Morgen früher wie gewöhnlich, um 74 Uhr, auf. Wir verfolgten die Richtung von 110°. Gegen Süden hatten wir wie immer endlose Hammada. Im Norden verlässt uns der Areg, kommt zwar um 9 Uhr abermals an uns heran, biegt aber dann in einem Bogen so nach Norden zurück, dass wir selbst die höchsten Sandberge aus den Augen verlieren. Um 12 Uhr sehen wir Dünen von Abiod vor uns und treiben unsere Kameele tüchtig an, um letzteres noch denselben Tag zu erreichen, denn den meisten Leuten ging das Wasser aus und die Kameele hatten auch seit dem Missiggen nicht getrunken. Bald darauf erreichen wir weissliche Erde, thonartig (daher auch wohl der Name Abiod), ein sicheres Zeichen in der Wüste, dass Wasser nahe ist, und um 6 Uhr Abends lagern wir mitten im Areg. Es war zu spät geworden, um noch nach Wasser zu graben, und die Stelle, wo wir es finden konnten, auch noch zu weit von uns entfernt. Unser Wasser wurde also gemeinschaftlich vertheilt, damit auch die, welche keines mehr hatten, ihren Durst löschen und ihr Essen zubereiten konnten, denn in solchen Fällen pflegt das Wasser einer Karawane als Gemeingut betrachtet zu werden.

Am 13. November brachten die Leute den ganzen Tag damit zu, nach Wasser zu graben, die Kameele zu tränken und die Schläuche zu füllen. Das Wasser haltende Terrain liegt 3 Kilometer nordwärts von unserem Lagerplatze, wo wir jedoch viel Brennholz und Futter für die Kameele hatten. Da die Leute lange ausblieben, machte ich mich auf, sie zu suchen, erstieg den nächsten Sandberg, der eine relative Höhe von 100 bis 150 Fuss haben kann, und sah von dort aus in einer Entfernung von einer halben Stunde einige Palmen in nördlicher Richtung vor mir. Da ich mir dachte, das Wasser müsse sich da befinden, wo die Palmen sind, ging ich frisch darauf los und hatte schnell die wilden Palmen erreicht. Ich fand hier wohl die Spuren unserer Leute, die nach Wasser gegraben und es auch gefunden zu haben schienen, wie die ganz feuchte Erde bewies, jedoch musste das Wasser wohl schlecht gewesen und sie daher nach einem anderen Orte gegangen sein. Ich

stand von weiteren Versuchen, sie zu finden, ab, kehrte nach dem Lager zurück und hatte wohl daran gethan, denn die Leute waren schon eine geraume Weile mit den getränkten Kameelen und gefüllten Schläuchen angekommen. Sie brachten ausserdem eine Menge wilder Datteln mit, die jedoch klein und fast alle ohne Kern waren, da sie nicht befruchtet worden waren.

Es entstand nun ein grosser Streit zwischen dem Karawanen - Chef und den Leuten, die von ihm und seinen Tuareg - Gefährten gemiethet hatten. Ersterer wollte von hier nach Temassanin, um seine Vorfahren, welche dort in der Kapelle begraben liegen, zu besuchen, letztere aber sagten, dass sie direkt nach Rhadames gemiethet hätten und keine Lust verspürten, den Umweg über die Sauia zu machen. Dann kamen sie zu mir mit der Bitte, mich mit meinen Leuten von der Karawane zu trennen und direkt nach Rhadameś zu gehen, was mir freistand, da ich nicht vom Karawanenführer, sondern von Si Ottmann gemiethet hatte, der mir seine beiden Vettern mit dem Befehle zugesellt hatte, jeden meiner Wünsche bezüglich des Weges zu erfüllen, so dass ich schon von Ain-Salah aus den Weg nach Temassanin hätte einschlagen können, wenn ich es gewollt hätte. Da es aber sicherer ist, mit einer grossen Karawane zu reisen, so hatte ich beim Aufbruch von Ain-Salah Nichts gegen den Weg über Abiod einzuwenden, zumal es der nähere ist. Andererseits kam der Karawanenführer zu mir und sagte, dass es zwar einige Tage ausserhalb unseres Weges sei ich wusste das recht gut aus meiner kleinen Karte), dass wir dort indess ausgezeichnetes Trinkwasser träfen und ich ausserdem dort Mehl würde kaufen können. Diess bestimmte mich , den Tuatern nicht nachzugeben, sondern ich erklärte, dahin zu gehen, wohin der Karawanenführer ginge. Damit hatte der Streit ein Ende, denn die Tuater konnten sich nicht vom Karawanenführer trennen, obwohl sie alle auf ihn und mich zornig waren, dass sie nun noch einige Tage mehr bis Rhadames zu marschiren hätten. Wir setzten uns daher noch an demselben Abend um 52 Uhr in Bewegung in SüdostRichtung, lagerten jedoch schon' um 7 Uhr am Areg. Es war dieser Nachtmarsch bloss eine Weideplatz-Veränderung gewesen, obgleich auch am alten Platz Futter genug vorhanden war.

Am 14. November brachen wir um 8 Uhr auf und bald darauf den Areg verlassend setzten wir unseren Weg in der Richtung von 120° fort. Um 94 Uhr erreichen wir den auf uns zukommenden l'Ued Tiginkurt, der dann nach Osten umbiegt. Er ist es wahrscheinlich, der sein Wasser unter die Sanddünen Abiod's sendet und sich dann in den Irharhar wirft. Wir sind den ganzen Tag auf einer ziemlich hohen Hammada, die jedoch nicht Tanesruft genannt wird, wie man

aus demselben Grunde unkultivirt geblieben, da bei Anwesenheit dieser gefrässigen Thiere jeder Anbau unnütz gewesen wäre. Wir trafen eine unglaubliche Menge Heuschrecken und, unsere Leute brachten den Morgen damit zu, Säcke voll zu sammeln, um sie mit nach Rhadames zu nehmen, wo sie dieselben verkaufen werden. Nördlich von dem Garten - hat man eine kleine Kasbah gebaut, in welcher auch einige Häuser stehen. Von diesen ist indess zur Zeit nur eins bewohnt, und zwar von dem Manne, der zur Pflege des Gartens hier ist. Nicht weit davon fanden wir auch einige Palmenhütten, jedoch nur von Frauen und Kindern der Uled el-Hadj Faki bewohnt, die noch denselben Tag aufbrechen wollten, um sich im l'Ued Schich mit ihren Familien: zu vereinigen. Sie waren bloss der Dattelnernte

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wegen hier,

auf Französischen Karten findet, sondern ohne besonderen Namen ist. Um 5 Uhr Abends erreichten wir das hohe linke Ufer des Irharhar und die letzte Abenddämmerung erlaubte mir, noch schnell einen Überblick von diesem grossartigen Thal zu gewinnen, das eine Länge von weit über 500 Kilometer bei einer Breite von meist 20 bis 50 Kilometer hat. Diess Thal oder l'Ued ist denn auch in der That so bedeutend, dass die Eingebornen es schlechtweg mit dem Namen ,,Strom" bezeichnet haben, denn ,,Irharhar" heisst Strom oder Fluss. Von diesem hohen Ufer sahen wir in gerader östlicher Richtung, jedoch in bedeutender Entfernung, den von Temassanin südlich befindlichen Areg Namens Bir. Da es schon anfing zu dunkeln, hatten wir grosse Schwierigkeit, das hohe Ufer hinabzusteigen, gelangten indess ohne Unfall ins Bett hinunter. Mittlerweile war es aber so dunkel geworden, dass wir nur schwer einen guten Weideplatz auffinden konnten, ohne uns zu weit von der Route zu entfernen. Endlich um 64 Uhr konnten wir uns lagern.

Ich habe vergessen anzuführen, dass dort, wo wir in den Irharhar hinabstiegen, das Ufer Djebel Araraun genannt wird. Am folgenden Tag brechen wir ungewöhnlich früh auf, nämlich um 6 Uhr, in der Richtung von 120°, wie am vorigen Tage. Wir durchziehen den majestätischen l'Ued und erreichen um 9 Uhr den Djebel Ikebran, wie das rechte Ufer an dieser Stelle genannt wird. Den Djebel selbst jedoch liessen wir rechts liegen, weil dort kein bequemer Aufgang für die Kameele war. Um 10 Uhr langen wir oben an und haben vor uns eine mit weissen Kalksteinen bedeckte Hammada, endlos nach Süden zu, wo sie mit dem Himmel zu verschwimmen scheint. Um 1 Uhr erreichen wir die Dünen und halten von hier an gerade Ostrichtung. Wir überschreiten eine Partie der Sanddünen und lassen sie dann dicht von uns südlich liegen, während wir links im Norden das etwa 100 Fuss hohe Ufer der Hammada Tansruft haben. So vom Areg einerseits, von der Tansruft andererseits eingeschlossen könnte man sich in einem l'Ued glauben und es ist auch möglich, dass die Gewässer von Temassanin, die jedenfalls auch dem Irharhar zufliessen, hierher ihren unterirdischen Abfluss haben. Um 61 Uhr Abends, als es schon Nacht war, erblickten wir bei Mondschein die Palmen von Temassanin und langten gleich darauf vor der Sauia selbst an, froh, nach so vielen Reisetagen diesen kleinen Ort, der wie ein Eiland im Meere hier von allen bewohnten Orten über 10 Tagemärsche entfernt in der Wüste liegt, erreicht zu haben.

Heute haben wir natürlich Rasttag, obgleich die Tuater gleich aufbrechen wollten. Temassanin ist ein kleiner Palmengarten von etwa 100 Bäumen, die jedoch alle von den Heuschrecken kahl abgefressen waren. Der Garten war

Als der einsame Gartenwärter, ein Tuater, diess erfuhr, schickte er sich an, mit uns zu reisen, denn er meinte, er wolle lieber im Gefängniss sitzen als mitten in der Wüste allein bleiben. Der Karawanenführer wollte ihn nicht aufnehmen, musste sich aber dazu verstehen, ihm einen Sklaven als Gesellschafter und Gehülfen hier zu lassen, und ausserdem versprechen, ihm eine Frau besorgen zu wollen. Der vierte Theil der Einkünfte des Gartens gehörte ihm, er sagte aber, er könne unmöglich allein mitten in der Wüste leben. Andererseits wäre es aber gefährlich gewesen, den Mann mitzunehmen, denn der verstorbene Si Mussa vom Stamme der Uled Sidi el-Hadj Faki, der hier seine Rhoda hat, darf nach der Aussage der Leute nie allein sein, sonst macht er die ganze Karawane, wenn sie von hier fortgeht, zu Narren oder weiss es so einzurichten, dass sie lange Zeit in der Wüste umherirrt und den Weg verfehlt (!). Deshalb beredeten wir denn auch den Mann, in Temassanin zu bleiben, zumal da ihm versprochen war, dass man ihm bald eine hübsche Targia zuführen würde, mit der er sich verheirathen könne.

Der Hadj Mohammed, unser Karawanenführer, brachte den ganzen Tag am Grabe seiner Vorfahren zu und betete Kuran-Sprüche, obgleich er offenbar kaum wusste, was er betete, denn die meisten Uled el-Hadj Faki verstehen das Arabische nur sehr unvollkommen. Möglich daher auch, dass sie gar keine Marabutin oder gar Schürfa sind, wie sie behaupten, sondern bloss Tuareg, die sich früher als die anderen zum Islam bekehrt haben. Ich glaube das noch um so eher, da sie von den Kel n-Ssuk abstammen, die, wenn ich nicht irre, nach Barth wohl als Tholba bekannt sind, von denen er aber nicht sagt, dass sie Marabutin oder Schürfa seien. Alle Völker, die mit den Arabern in Kontakt waren, Berber und andere, suchten, sobald sie Arabisch sprachen, ihren früheren Ursprung zu verwischen, daher in Tuat, obgleich die Schellah - Bewohner offenbar

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Berberischen Ursprunges sind, sich die Eingebornen Araber nennen, wie auch in Figig und in anderen Oasen. Es kommt das daher, weil Mohammed im Kuran, wie die Judenpropheten es mit den Juden machten, die Araber an wiederholten Stellen das auserwählte und beste Volk der Erde nennt. Und doch ist sowohl den Juden als auch den Arabern für ihre eigene Entwickelung Nichts verderblicher gewesen als der Wahn, das auserwählte und beste Volk der Erde zu sein.

Ich war so glücklich, in Temassanin meinen Mehlvorrath erneuern zu können, auch kaufte ich noch einige Datteln ein. Eben so hatte ich gestern die Ehre, die Bekanntschaft der Tochter Si Ottmann's zu machen, eines jungen, jedoch nichts weniger als schönen Weibes. Sie bewohnte eine kleine Palmenhütte und schickte sich eben an, mit ihrer Sklavin nach dem l'Ued Schich aufzubrechen. Auch andere Frauen waren noch dort, jede im Besitz einer eigenen Hütte. Sie zeigten keine Scheu, ohne jedoch frech zu sein, sie gingen vielmehr mit den Männern umt wie mit ihres Gleichen, denn wenn auch die Tuareg die mohammedanische Religion angenommen haben, so wussten sie doch in gesellschaftlicher Beziehung alle Verordnungen Mohammed's zurückzustossen, und es kommt nie vor, dass ein Targi mehrere Weiber nimmt oder gar Sklavinnen als Kebsweiber hält. Die Frau hingegen hat in jeder Beziehung gleiche gesellige Berechtigung mit dem Manne, ja unter einigen Tuareg ist sie mit Nachsetzung des Sohnes in der Schichwürde erbberechtigt. Auch diess Mal sollte uns der Rasttag durch einen schrecklichen Wüstenwind unangenehm gemacht werden, derselbe hatte indess das Gute, dass er den kleinen Garten von den unwillkommenen Gästen befreite und sie wer weiss wohin in die grosse Wüste jagte.

Rhadames, den 27. November. Am 17. November brachen wir um 9 Uhr in der Richtung von 80° auf. Unsere Karawane hatte sich etwas verkleinert, indem die Tuareg mehrere Kameele zurückgelassen hatten, welche ihre Frauen nach dem l'Ued Schich transportiren sollten. Eine halbe Stunde lang begleitet uns noch das Sandgebirge Bir, dann hört es jedoch auf und wir verfolgen den l’Ued Tijiturt, der von Osten kommend sich unter den Bir - Areg ausbreitet und wahrscheinlich auch die Ursache der Quelle Temassanin ist; er geht südlich von Temassanin in den Irharhar. Nach 1 Stunde biegen wir aber entschieden nach NO. um, dem Plateau entgegen, dessen Rande wir schon entlang gegangen waren und auf dessen erster Stufe wir uns befinden. Diese ganze Hochebene nennen die Tuareg Tinrard (nicht Tinedaud). Sie besteht aus Kalkgestein und grossen Marienglasschichten, so dass man oft von Weitem Silberblöcke zu sehen glaubt. Um 11 Uhr ersteigen wir eine andere Stufe und mit einer noch höheren, nördlich von uns gelegenen parallel gehend halten wir uns jetzt in ge

rader Ostrichtung, immer auf blendend weisser Hammada. Nach Süden zu sehen wir den ganzen Tag über Nichts als eine unbegrenzte Ebene. Als die Sonne untergeht, nimmt der im Norden uns begleitende Rand ab und wir halten uns ganz nördlich. Um 7 Uhr erreichen wir den l'Ued Amestekki und kampiren hier.

Am folgenden Tage setzten wir uns um 84 Uhr in Bewegung in der Richtung von 80°. Wie gestern sind wir immer noch auf der Hammada von Tinrard, die nach Süden zu endlos ist und nach Norden zu einen Rand desselben Namens hat, der nur eine höhere Stufe zu sein scheint. Der Boden ist hier mit Muscheln bedeckt und namentlich findet man viele Steine mit ammonshornartigen Abdrücken. Um 10 Uhr passiren wir einen von Süden nach Norden fliessenden l'Ued. Der Rand im Norden verschwindet jetzt, während im Süden die Hammada sich uferförmig hebt; da jedoch auch nach Norden zu die Aussicht noch nicht frei ist, so befinden wir uns in einem mehr oder weniger breiten Thale. Um 3 Uhr und 5 Uhr passiren wir zwei Ued Aramas, die von Süden kommend sich in den Amestekki ergiessen; um 7 Uhr 10 Min. erreichen wir den westlichsten Arm des l'Ued Tifist, l’Ued Tinfut genannt, und 1/2 Stunde darauf kampiren wir im l'Ued Tifist selbst. Wenn auf der Carte du grand désert de Mr. Béraud vom Jahre 1863 alle diese Flüsse als von Norden nach Süden fliessend verzeichnet sind, so ist das ganz und gar falsch, sämmtlich haben sie die entgegengesetzte Richtung.

Um dieselbe Zeit wie am vorigen Tage brechen wir am 19. November auf, halten uns jedoch in der Richtung von 70°. Wir verlassen den Tifist und nachdem wir sein Ufer erstiegen, sind wir wieder auf der steinigen TinrardHammada. Vor uns taucht die Felsenkette Bela Rhadames auf, sich von NO. nach SW. ziehend. Um 11 Uhr erreichen wir den Teufels-Fluss, l'Ued Iblis, der von SW. kommend seinen Lauf nach Norden fortsetzt. Um 12 Uhr erreichen und passiren wir den l’Ued Tofit, der ebenfalls von Süden nach Norden geht. Wir sind jetzt auf gleicher Höhe mit dem Südende des Djebel Bela Rhadames und gehen in geringer Entfernung mit ihm fort. Das anscheinend nordöstliche Ende des Djebel Bela Rhadames erreichen wir um 5 Uhr, sehen aber, dass das Gebirge von hier in einem rechten Winkel gegen Norden einbiegt und sich dann noch weiter nach Osten fortsetzt. Um dieselbe Zeit lagern wir uns im l'Ued Bela Rhadames, der von Süden kommend durch das Gebirge aufgehalten wird und sich mit anderen Flüssen in einer Ebene davor verliert. Ich frage vergebens nach dem Sinne des Wortes Bela Rhadames, was „ohne Rhadames” heisst, Niemand kann mir eine Erklärung geben, warum man hier, noch so fern von jener Wüstenstadt, Gebirge und Fluss so genannt hat.

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Am 20. November brechen wir um 84 Uhr auf und mit dem Djebel Bela Rhadames gehend halten wir gerade auf sein äusserstes Nordostende zu, welches in der Richtung von 70° vor uns liegt. Wir passiren mehrere von Süden kommende kleine Ued, die vor der Felskette verschwins den.' Um 11 Uhr taucht vor uns ein anderer Djebel auf, Kuforchat genannt, der von NO. nach SW. läuft. Das Südwestende liegt in der Richtung von 85° vor uns. 1 Uhr erreichen wir den bedeutenden, ebenfalls von Süden kommenden l'Ued Takost, der sich auch vor der Felskette Bela Rhadames verliert, jedoch eine Strecke weit neben derselben gegen NO. fortzieht. Nach Süden zu haben wir wie immer Nichts zu bemerken. Das Gestein des Gebirges besteht aus Sand, Kalk und Marmor, eben so zeigt auch die Hammada keine anderen Gesteine. Um 63 Uhr Abends erreichen und kampiren wir im l'Ued Kuforchat, der von Süden kommend am Djebel gleichen Namens vorbeigeht und sich dann mit dem Takost/vereinigt. Wir lagern am Südwestfusse des Berges.

Am 21. November brechen wir um 9 Uhr auf und erreichen gleich darauf das Flussbett des l'Ued n-Eidi (nicht In-Neili), welches wir stromaufwärts verfolgen, da vielen Leuten das Wasser ausgegangen war und die Tuareg uns sagten, dass wir am oberen Ende in einem grossen Naturbecken Regenwasser antreffen könnten. Wir verfolgen also den Fluss in der Richtung von 110°. Um 10 Uhr bemerken wir von Weitem zwei Reiter zu Kameele, dann tauchen noch andere Kameele hinter ihnen auf. Alles griff zu den Waffen und wir schickten einen der Unsrigen, der ebenfalls einen Meheri ritt, zurück, um auszukundschaften. Auf Erkennungs-Distanz angekommen winkte er uns zu, dass es Freunde seien, und wir dachten uns nun, dass diess Si Ottmann mit Uld Heba, dem reichen Rhadameser Kaufmann, sein müsse, dessen Waaren bei unserer Karawane

So verhielt es sich denn auch, Si Ottmann und sein Begleiter hatten uns auf ihren flinken Meheri schnell eingeholt und die Strecke von Ain-Salah bedeutend rascher zurückgelegt als wir, denn sie waren erst am 11. November aufgebrochen. Freilich waren sie ohne Gepäck. Nach den ersten Begrüssungen sagte Si Ottmann: „Aber, Mustafa, setze doch Deinen Stock nicht auf die Erde” (ich war gerade zu Fusse und setzte beim Gehen nach Art der Europäer mein Palmenstöckchen auf die Erde), „Du willst also absichtlich unsere Reise verzögern ?" Ich dachte bei mir, dieser Pariser Tuareg-Häuptling habe doch noch Nichts von seinem Aberglauben eingebüsst, wenn er meine, dass ein Mensch durch das blosse Auf- die - Erde - Setzen seines Stockes den Gang einer Karawane zu verzögern vermöge. Gewohnt jedoch, mich in alle Gebräuche und Sitten der Länder, die ich durchreise, schnell zu fügen (vermummte ich doch auch

mein Gesicht wie die Tuareg und es war mir das sehr vortheilhaft, da sie dann kaum meine grauen Augen sehen konnten und von meinem blonden Barte, der, seitdem ich ihn in Tuat nach Landessitte gänzlich rasirt hatte, wieder zu wachsen anfing, Nichts zu sehen bekamen), hob ich meinen Stock auf, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Abends jedoch, als ich vor meinem Feuer eben meine Tasse Kaffee getrunken, kam Si Ottmann mit einem ganzen Theeservice Seitens Uld Heba zu mir und nach vielen Komplimenten und der Nachfrage, ob seine Vettern mich gut behandelt hätten, sagte er mir: „Du musst nicht glauben, dass ich denke, dass man die Karawane durch das Auf-denBoden-Setzen des Stockes aufhalten könne, indess die Tuareg und die uns begleitenden Araber von Tuat und Tidikelt sind noch so wenig gebildet, dass sie mir sagten, ich möchte es Dir verbieten, sie glauben, dass Dir der Zeitverlust zuzuschreiben sei, weil ihr 10 Tage länger unterwegs seid als wir und sie Dich alle Tage, sobald Du zu Fusse gehst, Deinen Stock auf den Boden setzen sehen."

Um Mittag lagerten wir am Fusse des Berges n-Eidi und dicht dabei fand sich im l'Ued in der That ein grosses Marmorbecken mit Regenwasser angefüllt. Der Djebel n-Eidi, selbst von Norden nach Süden laufend, macht einen tiefen Bogen gegen Osten, aus dem der l'Ued gleichen Namens entspringt.

Am folgenden Morgen brachen wir um 9 Uhr in der Richtung von 30° auf. Ich war der ganzen Karawane allein mit Si Ottmann voran und er suchte sich jetzt nochmals wegen der hässlichen Scenen zu entschuldigen, die er mir im Anfange in Tidikelt bereitet hatte, mehr als ein Mal versicherte er und bat mich, es allen Christen zu wiederholen, dass er ihnen nur Gutes wünsche, dass Gott ja die Sonne sowohl über die Mohammedaner als auch über die Christen und die anderen Ungläubigen (Kufar, Plural von Kaffer) aufgehen liesse, es also lächerlich wäre, wenn Menschen auf Erden so vermessen sein wollten, einen Unterschied zwischen den verschiedenen Glaubensparteien zu machen.

Nachdem wir das Ostende des Djebel n-Eidi erreicht hatten, bogen wir in der Richtung von 45° um. Wir passiren mehrere kleine Flüsse, die alle unter dem Namen Ibtat bekannt sind und sämmtlich von Süden nach Norden fliessen. Das Land erhielt von diesen zahlreichen kleinen Flussbetten ebenfalls den Namen Ibtat. Kalk, Kreide und Marmor sind die vorherrschenden Gesteine, sonst ist von der Gegend nichts Merkwürdiges zu berichten und schon um 3 Uhr lagern wir in einem Arm der Ibtat.

Am 23. November treten wir unseren Marsch um 9 Uhr in der Richtung von 75° an. Wir befinden uns immer noch im Lande Ibtat, das jedoch Nichts als die trostloseste

waren.

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