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gewesen sein.

man

Unternehmens sei, zugleich aber auch auseinandersetzte, dass es nicht bloss für die Wissenschaft und vielleicht für Handel und Schifffahrt erspriesslich, sondern zur Kräftigung und Erhebung der Deutschen Seemacht nothwendig wäre,

dass nach diesem Vortrage nicht wenigstens erwähnt worden ist, dass Sie, geehrter Herr, eine Unterzeichnung zur Ausführung begonnen hätten. Ich bin überzeugt, man würde von vielen Seiten gern ein Scherflein beigesteuert haben, und da bei zahlreichen Versammlungen eine Anregung leicht ansteckend wirkt, so möchte der Erfolg leicht nicht ganz unbedeutend

Obgleich ich seit mehr als 20 Jahren in Berlin wohne, so bin ich doch fast fremd hier, und daher wagte ich nicht, den Vorschlag zu einer Subskription zu machen. Übrigens scheint es ein Beweis der Unreife in politischer Hinsicht des Deutschen Volkes zu sein, dass man Nichts selbst thun, sondern Alles den Regierungen überweisen will. Das Deutsche Volk hat gar kein Vertrauen in seine Kraft, denn sonst würde sich bald eine hinreichende Anzahl Männer zusammenfinden, die sich von der Wichtig. keit und politischen Nothwendigkeit der Unternehmung überzeugten und die lumpigen 200.000 Thaler zusammenbrächten! Aber der nationale Geist fehlt. Man giebt Tausende hin, um ein Bändchen oder Titelchen zu erhaschen, aber fü die Ehre des grossen Vaterlandes hat keinen Pfennig übrig. Das Gefühl für Deutschlands Ruhm und Wohl ist, so viel ich zu beobachten Gelegenheit habe, hier in den höheren Klassen wenig zu finden. Man denkt nur daran als an eine Sache, die man zu dem eigenen Nutzen verwerthen möchte! Ich weiss nicht, wie es sonst in Deutschland aussieht; aber wenn nicht mehr Gemeinsinn erwacht, dann wird unser Vaterland bald wieder von Fremden unter die Füsse getreten werden!"

Es bedurfte, wie das Vorgehen des Deutschen Hochstiftes nachweist, in der That nur eines einzigen Rufes, um viele vortreffliche Männer aus allen Gauen Deutschlands zum gemeinsamen Vorgehen und zur Aufbringung der Geldmittel zusammenzuschaaren; ganz besonders erfreulich ist die verhältnissmässig zahlreiche Betheiligung von der Deutschen Nordseeküste und nächster Nachbarschaft, aus: Altona, Aurich, Bremen, Eckernförde, Elsfleth, Emden, Grabow, Hamburg, Jever, Kiel. Von den übrigen Unterzeichnern sei nur des Namens Dr. Alexander Ziegler gedacht; er war eine der Haupttriebfedern der Gründung der Schiller-Stiftung, für welche die erstaunliche Summe von einer halben Million Thaler zusammengebracht wurde; dieser hochverdiente Deutsche Ehrenmann ist bei solchen nationalen Unternehmungen allein ein ganzes corps d'armée werth.

Viele andere unter den Unterzeichnern noch vermisste warme und thatkräftige Freunde der Sache werden entweder noch unterzeichnen, oder derselben ungenannt ihren grossen Einfluss und mächtige Hülfe zuwenden. So z. B. Friedrich Harkort, Mitglied des Preussischen Abgeordneten-Hauses, einer von denjenigen bei uns in Deutschland, die den innigsten Antheil an der Hebung unseres Deutschen Seewesens

nehmen, Aus folgendem Schreiben von ihm an

den Königl. Preuss. Kriegs- und Marine-Minister v. Roon, d. d. Berlin, 23. Februar 1866, wird das grosse Interesse für die Sache unter den Abgeordneten ersichtlich sein, und wie auch bereits in diesen Kreisen ein Aufruf an die Nation für nöthig erachtet wurde, falls die Regierung nicht kräftig und rasch die Expedition in die Hand nähme:

„Durch die plötzliche Vertagung des Hauses der Abgeordneten ist die Petition, die Nordfahrt betreffend, nicht zur Erledigung gekommen, ich erlaube mir deshalb die Bemerkung, dass nicht allein die Fraktion der Konservativen, sondern auch die des linken Centrums für die Überweisung an die Hohe Staatsregierung gestimmt haben würde. Von beiden Seiten waren die Amendements eingebracht.

„Die Königl. Kriegsmarine hat bis heute wenig für die Wissenschaft gethan; Unterricht und Wissenschaft sind im Budget pro 1866 nur mit 9261 Thaler bedacht, darunter künftig wegfallend 4000 Thaler; um so gerechtfertigter ist der Wunsch, dass Ew. Excellenz die nationale Sache rasch und entschieden in die Hand nehmen, da Gefahr beim Verzuge vorhanden ist.

„Wie verlautet, soll die Frage noch der Akademie der Wissenschaften zur Begutachtung vorgelegt werden; die gelehrte Welt Europa's und das seekundige Publikum haben bereits endgültig über den hohen Werth der Expedition entschieden und würde erstere dem Urtheil nur beitreten können und der Zeitverlust ungemein zu bedauern sein.

„Gegen das Ausland stehen wir ungemein zurück. 1839 schrieb Al. v. Humboldt einen Brief nach England und als Folge rüstete die Admiralität die berühmte und erfolgreiche Expedition zum Südpol unter Captain Ross aus. Zehn Jahre später wandte sich Petermann mit seinen Vorschlägen an die Englische Regierung und Barth und Overweg traten die Durchforschung des Innern von Afrika an.

Überall finden wir die Deutsche Wissenschaft als dienende Magd unter Fremden, ein Vorwurf, welcher jedem Deutschen die Schamröthe ins Gesicht treiben sollte! Der grossen Zahl der Englischen arktischen Expeditionen will ich hier nicht weiter gedenken.

„Frankreich sandte seine Gelehrten bereits unter Ludwig XIV. nach dem Norden; 1838 und 1839 gingen abermals Schiffe im Dienste der Wissenschaft in die Polargegend.

„Russland machte grossartige Unternehmungen der Art unter Alexander I. Krusenstera, Lütke, Kotzebue, Wrangell, Anjou und Bellingshausen sind weltbekannt geworden; es wäre nicht mehr wie billig, dass unseren tüchtigen Seeleuten Gelegenheit gegeben würde, ihre Namen anstatt in den Parolebüchern ebenfalls in den Werken der Wissenschaft zu finden.

„Österreich erntete Ruhm durch die Fahrt der Novara; seine Barone und Seeleute meldeten sich als mit Mitteln versehene Freiwillige für unsere Nordfahrt.

„Schweden durchforschte 2 Jahre lang Spitzbergen. NordAmerika sandte Kane aus. Preussens und Deutschlands Regierungen thaten Nichts, nur ein edler Privatmann, v. der Decken, trat am Nil für uns ein mit seinem Vermögen.

„Ausser den Zwecken der Wissenschaft hat die Königl.

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Kriegsmarine ein hohes Interesse bei einer solchen Unternehmung, denn es gilt der Ausbildung unserer Seeleute.

Die Spazierfahrten nach Madeira sind nicht die rechte Schule. Cook, der Weltumsegler, und Nelson, der grosse Seeheld, begannen ihre Laufbahn in dem Eise der arktischen Regionen. Ausserdem stelle ich die Hebung der Fischerei in den Vordergrund, da unsere Handels-Marine die für eine tüchtige Kriegs-Marine erforderliche Zahl Matrosen nicht stellen kann, wie ein Vergleich mit Skandinavien zeigt. Norwegen, Schweden und Dänemark haben über eine Million Tonnen grosse Schiffe in See, Preussen nur 390.000 Tonnen, und nur in Verbindung mit den Deutschen Nordstaaten sind wir jenen gleich.

„Norwegen allein besitzt 20.000 Fischer, seine Matrosen sind die besten der Englischen Kriegsflotte. Alle Seemächte suchen das Fundament der Marine in Hebung der Fischerei. England zahlte lange Zeit Prämien für den Fang, und Schottland zählt jetzt allein 47.000 Fischer, deren grösster Kunde leider Deutschland ist. Frankreich bewilligte seinen Fischern bereits unter Ludwig XIV. Privilegien und Prämien, die noch heute dauern. Das Sprichwort geht, Holland habe Amsterdam aus Häringsgräten erbaut. Die Fischerfiotten Nord-Amerika's finden wir am Nord- und Südpol.

„Preussen muss dem Beispiele folgen, die Jade und die Herzogthümer bahnen den Weg zur Nordsee.

„Die Kommission des Englischen Parlaments über den Fischfang veröffentlichte jüngst ihren Bericht nach 24jähriger Arbeit. Die Resultate sind ungemein lehrreich. Die See wird im Ertrage dem Ackerboden gleich gestellt. Seit 10 Jahren stieg der Fischfang um mehr wie das Doppelte und, was beschämend für uns ist, 955 Schiffe mit 5000 Mann sind im Deutschen Meere beschäftigt! London verzehrt dem Gewichte nach so viel Fische wie Fleisch. Man vergleiche damit den Konsum Berlin's.

„Der Ruf: Preussen rüstet für die Nordfahrt, ist durch ganz Europa erschallt; Gelehrte aller Fächer der Naturwissenschaft und Erdkunde, Seeleute jeden Ranges drängen sich zur Mitfahrt, theilweise auf eigene Kosten; man fühlt, dass ein Lorbeer für Deutschland zu erringen ist, den, treten wir nicht ein, die Fremden zu erlangen suchen; Deutschlands Ehre ist verpfändet! Der Kostenpunkt darf nicht entgegenstehen, im Verhältniss ist derselbe gering.

Unsere Kanonenboote haben, wie ich voraussagte, ihren taktischen Werth verloren, der Umbau zum Zweck der Expedition von zwei der grösseren ist binnen wenigen Wochen su vollenden. Hoch veranschlagt, würde diese Nordfahrt, durch die Marine ausgeführt, 100.000 Thaler kosten. Der Fischerei im Norden würde eine neue Bahn gebrochen, und wenn auch das Ziel nicht erreicht würde, so erlangte jedenfalls die Wissenschaft neue Schätze und die Marine eine Elite von Offizieren und Mannschaften.

„Der Zweck der durch mich eingereichten Petition war, von der Königl. Staatsregierung eine definitive Erklärung zu erlangen, ob sie kräftig und rasch die Unternehmung in die Hand nehmen will oder nicht; dieser ist durch die plötzliche Vertagung vereitelt.

„Möge deshalb Ew. Excellenz mich mit einer gütigen Auskunft beehren, denn im verneinenden Falle müsste ein Aufruf an die Nation ergehen; Deutschland darf nicht zurücktreten" u. 8. W.

Ein anderer wackerer Kämpe auf dem Felde Deutscher Ehre, Dr. Otto Ule, ebenfalls Preussischer Abgeordneter, stets bereit, alle nationalen Unternehmungen aufs Kräftigste zu fördern, der auch zur Deutschen Expedition nach Afrika die Hauptanregung gab, hat mit Wärme und Energie in seiner trefflichen Zeitschrift „Die Natur"') gediegene Aufsätze über „die Deutsche Nordpol-Expedition" gebracht, die er unterm 21. März mit einem Aufrufe zu einer NationalSubskription schliesst: – „Zwei Mal bereits hat das Deutsche Volk in edler Begeisterung vergebliche Anstrengungen gemacht, sich eine Deutsche Flotte zu schaffen. Jetzt winkt ihm ein Unternehmen, das ihm mehr Geltung zur See verschaffen wird, als ein Dutzend Deutscher Kriegsschiffe! Darum, wer ein Herz hat für Deutschlands Ehre und Deutschlands Beruf zur See, für seine Marine, seinen Handel, seine Wissenschaft, sei er ein Rheder oder Kaufmann, der seine Reichthümer dem Meere verdankt, sei er ein Gelehrter oder ein Mann des Handwerks und der Arbeit, der trage bei nach Kräften, dem grossen Unternehmen der Deutschen Nordpol-Fahrt die Ausführung zu sichern, an welchem Theil zu haben, einst Jeder stolz sein wird !"

Die Idee einer Thaler-Sammlung ist eine treffliche und zweckentsprechende; gleichwohl dürfte es aber wünschenswerth sein, einen geeigneten modus zu finden, um etwaige grössere Beiträge denn Manche möchten 100 oder 1000 Mal mehr beizutragen wünschen – nicht zurückzuweisen.

In dem obigen Aufrufe an die Nation ist die Summe von 200.000 Thaler als nöthig hingestellt; dieselbe ist jedenfalls mit Rücksicht auf Kapitän Werner's Kostenanschlag so angenommen. Kapitän Werner machte diesen Anschlag vielleicht in dem Sinne eines Königl. Preussischen Flotten. Offiziers, welcher der Ansicht ist, dass die Regierung auf die Hebung des Seewesens bedacht sei, da sie noch ganz kürzlich einen ausserordentlichen Geldbedarf verlangt hat, zufolge dessen nicht weniger als 19 Millionen Thaler in der nächsten Zeit verausgabt werden sollen. Ob eine solche Summe von 200.000 Thlr. für die Nordfahrt absolut nöthig ist, bleibt indess dahin gestellt; nach Erkundigungen über die Kosten eines geeigneten Schiffes von 400 Tonnen und 40 Pferdekraft Hülfsmaschine bei geeigneten Schiffsbaumeistern betragen dieselben circa 56.000 Thaler. Ein solches Schiff ist wohl noch geeigneter als etwa die Medusa, die fast 10 Mal so viel kostet. Manche, und gerade die erfolgreichsten und wichtigsten der Englischen Staats-Expeditionen haben bei weitem nicht 200.000 Thaler gekostet: die von Parry im Jahre 1827, die von allen bisherigen arktischen und antarktischen Expeditionen am weitesten gegen den Pol ge

1) „Die Natur", Halle, 14. und 21. März 1866.

wenn

kommen, nur 9977 Pf. St., und die von M'Clintock, die 24 Jahre dauerte und den besten Aufschluss über die Franklin'sche Expedition heimbrachte, nur 10.413 Pf. St., einschliesslich des vollständigen Ankaufs des Dampfers.

Das folgende Schreiben des K. K. Österreichischen Schiffsfähnrichs Weyprecht, d. d. Pola, 28. März 1866, der sich wie Kapitän Werner seit geraumer Zeit die Ausführung einer Deutschen Nordfahrt zum Ziele gesteckt hat, giebt einen neuen Beweis des tiefen Interesse und der aufopfernden Hingebung für das Unternehmen.

Mein heutiges Schreiben hat zum Zweck, Ihnen einen neuen Plan von mir zur Begutachtung und allenfallsigen Zustimmung zu unterbreiten.

Der vergangene heisse Sommer, der diessjährige ungewöhnlich gelinde Winter, der ausserdem wegen der geringen Schneeanhäufungen wiederum auf einen trockenen Sommer schliessen lässt, machen das Jahr 1866 zu einem der günstigsten, die wir für lange Zeit zu einer Polar - Reise erwarten können. Es wäre darum tief zu bedauern, man diese günstigen Umstände unbenutzt vorübergehen liesse. Leider lassen die jetzigen traurigen politischen Verhältnisse, die eine mehr als moralische Unterstützung Ihres grossen Projektes von Seite einer Regierung für die nächste Zeit ausschliessen, diess erwarten. Es wäre jetzt schon die höchste Zeit, die Ausrüstung der Schiffe zu beginnen, wenn sie überhaupt noch in diesem Sommer auslaufen sollen. Ist bis längstens Mitte Mai kein endgültiger Beschluss gefasst, so kann man die Reise auch für dieses Jahr als gescheitert betrachten, da zu wenig Zeit bleibt, um die Ausrüstung der Schiffe mit der Sorgfalt zu betreiben, welche die grossen Hindernisse, mit denen die Expedition jedenfalls zu kämpfen hat, erfordern. Würde man dieselben auch in Zeit von 3 Monaten für wenigstens zwei Überwinterungen seeklar machen können, woran ich übrigens zweifle, so könnten sie doch in diesem Jahre nicht mehr höher vordringen und man hätte Nichts gewonnen, als dass die Expedition im nächsten Frühjahre von Spitzbergen statt von Hamburg ausliefe. Ich mache Ihnen unter diesen Umständen den Vorschlag, im Falle bis Mitte Mai noch kein fester Beschluss gefasst ist, im Juni von Hammerfest oder Tromsö aus mit einem Norwegischen Lootsenboote eine Rekognoscirungsfahrt vorzunehmen. Die Resultate einer kurzen Reise mit einem Dampfer, wie die im vorigen Jahre projektirte, stehen meiner Meinung nach in keinem Verhältnisse dem grossen Kostenaufwande, da ein Schiff, das nicht zur Überwinterung ausgerüstet ist, sich, wenn ihm auch der Dampf zu Gebote steht, zu früh im Jahre zurückziehen muss, als dass in Einem Sommer die gründliche Erforschung der hydrographischen Verhältnisse in hohen Breiten möglich wäre.

„Mein Plan ist folgender: Ende Mai chartert man in Tromsö oder Hammerfest ein gedecktes Küstenfahrzeug, verpackt in Hamburg für 5 Monate Lebensmittel, wirbt vier Matrosen und geht Mitte Juni von einem der genannten Häfen nach Spitzbergen, um zu untersuchen, ob die Kohlenlager im Eis-Fjord und der Van Mijen-Bai der Art zu Tage liegen und mächtig genug sind, um ohne grössere Vorbereitungen der Expedition als Basis dienen zu können. Ein

Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1866, Heft IV.

Bergmann von Fach ist hierzu wohl nicht nöthig. Bis Mitte Juli könnte diese erste Aufgabe beendigt sein. Das Südkap umsegelnd geht man auf beiläufig 76° N. ostwärts bis ungefähr zu 40° Ö. L. v. Gr. und wendet sich hierauf direkt nördlich. Die hier zu lösende Aufgabe ist die Erforschung der Strömungs-Verhältnisse, namentlich die annähernde Verfolgung der Grenze der beiden entgegengesetzten warmen und kalten Strömungen, da sich voraussetzen lässt, dass die Expedition gerade auf dieser Grenze die grössten Hindernisse vom Eise antreffen wird. Es ist leicht einzusehen, dass da, wo zwei konträre Ströme zwischen sich ein verhältnissmässig ruhiges Wasser bilden, die grösste Eisansammlung Statt findet, und man könnte vielleicht die Existenz der viel besprochenen Eisbarrière auf ähnliche Verhältnisse zurückführen. Die Stärke dieser Ansammlung muss natürlich von der Stärke und Richtung der Strömungen abhängig und alljährlich zu gewissen Zeiten, so weit es der Einfluss der Winde erlaubt, eine ziemlich konstante sein. Diese Fragen, d. h. wie weit dringt der warme Strom zwischen 35° und 55° Ö. v. Gr. gegen N.? wo beginnt der kalte und welches sind die Eisverhältnisse des sie trennenden ruhigen Wassers in Vergleich zu den beiden Strömungen? wären die Hauptaufgabe dieser Rekognoscirungsfahrt. Genaue Strombeobachtungen in hoher See an Bord kleiner Schiffe sind zwar, hauptsächlich wegen der geringen Verlässlichkeit der Chronometer auf solchen, schwierig; wenn man jedoch die Fehler derselben nach der Rückkehr als gleichmässig zunehmend annimmt und danach die Rechnungen reducirt, so müssen die Resultate so genau sein, um der Hauptexpedition später als Leitfaden dienen zu können. Es handelt sich übrigens auch nicht darum, die Stärke der Strömungen auf Dezimaltheile von Meilen genau kennen zu lernen, sondern nur einen verlässlichen Überblick über die ganzen Stromverhältnisse dieser Gegenden zu gewinnen. Im Vergleiche zu den Kosten einer solchen Rekognoscirungsfahrt müssen ihre Resultate auf jeden Fall bedeutend sein. Man kann übrigens nicht wissen, ob man unter den diessjährigen so günstigen Verhältnissen nicht vielleicht eine hohe Breite erreichen kann, da der Expedition beinahe 3 Monate zu Beobachtungen in diesen Gewässern zur Verfügung stehen.

„Ich komme jetzt zu dem Kostenpunkte, schicke jedoch voraus, dass ich mit den Preisen im Norden gar nicht bekannt bin. Zwei Offiziere sind unbedingt nöthig; ausser mir würde ich noch einen anderen, vielleicht älteren Offizier unserer Marine zu dem Unternehmen engagiren. Vier Matrosen genügen, da drei Personen recht gut im Stande sind, ein Küstenboot gewöhnlicher Grösse zu manoeuvriren. Als Charterungspreis des Bootes nehme ich 500 Gulden und Assekuranz desselben an, 40 Gulden Löhnung jedem der Matrosen, 4 Gulden täglich für die Verköstigung und 800 Gulden die Reise bis Hammerfest und zurück. Die Dauer der Expedition auf 5 Monate gerechnet summiren sich die Kosten wie folgt: Charterung

500 Gulden,
Löhnungen
Beköstigung

600
Reisekosten .

800 kleinere Ausrüstungskosten . 300

Summe 3000 Gulden. „Sie beliefen sich also auf beiläufig 2000 Thaler, ich habe jedoch alle Posten nach hiesigen Verhältnissen sehr

zu

SO

800

.

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u.

hoch gegriffen. Von Instrumenten wären nothwendig Chronometer, Barometer, Thermometer, ein oder zwei genaue Azimuthal-Kompasse und irgend ein Instrument, um Wasser aus grösseren Tiefen heraufzuholen. Sextanten besitzen wir unsere eigenen. Alle diese Instrumente wären wahrscheinlich leicht leihweise von irgend einem Staatsinstitut oder einer wissenschaftlichen Gesellschaft zu bekommen.

„Vor allen Dingen hätten wir beiden Offiziere jedoch Urlaub nöthig, ich glaube aber, dass man uns zu einem solchen Unternehmen keine Schwierigkeiten in den Weg legen würde, vorausgesetzt, dass der jetzige Kriegslärm verstummt.

Wollen Sie diesen meinen Vorschlag prüfen? Er geht aus dem einzigen Wunsche hervor, dass nicht auch dieses Jahr vorüber gehen möge, ohne dass wenigstens Etwas zur Ausführung Ihres grossen Planes geschieht, wozu leider nur zu viel Aussicht vorhanden ist.

„Sie werden sich vielleicht wundern, in meinem jetzigen Briefe Ansichten zu finden, die mit denen meiner früheren im Widerspruche stehen. Ich schrieb letztere ohne eine genauere Kenntniss des ganzen Projektes auf Basis meiner Schlüsse aus anderen Polar - Expeditionen, da man mich über einen Monat auf Ihre von mir in Triest bestellten Monatshefte warten liess. Mit diesen änderten sich auch einige meiner Ansichten und es thut mir jetzt fast leid, dieselben niedergeschrieben zu haben, nachdem ich sie gedruckt las."

So viel ist gewiss, dass, sollte auch keine einzige Deutsche Regierung irgend Etwas für das Projekt thun, und auch die Nationalsammlungen den berechtigten Erwartungen nicht entsprechen, dasselbe dennoch Deutscher Seits zur Ausführung gelangen dürfte, da bereits zu viele treffliche Männer sich die Ausführung zur Aufgabe gestellt haben. Ich kann mir nicht versagen, hier noch Auszüge aus einem Schreiben eines Deutschen in China zu geben, welches bereits unterm 10. August 1865 abgesandt am 2. Oktober einging: „Mit grossem Interesse ersehe ich

aus einigen der letzten mir so eben zugekommenen Hefte der „Geogr. Mittheilungen", dass das Interesse für Polar-Expeditionen sich in Europa wieder lebhaft zu regen beginnt, und namentlich habe ich mit besonderer Freude bemerkt, welchen warmen Antheil Sie selbst an dieser so überaus wichtigen Frage nehmen. Kürzere Notizen, namentlich Capt. Sherard Osborn's Vorschlag betreffend, waren mir schon früher in Englischen Blättern zu Gesicht gekommen, und

war mir daher ausserordentlich lieb, aus Ihren Briefen und Aufsätzen genauere Einsicht in das augenblicklich wirklich bestehende Sachverhältniss gewinnen zu können. Meine Ideen über den Gegenstand werden Ihnen vielleicht noch wohl aus verschiedenen Unterredungen während meines kurzen Besuches in Gotha im Jahre 1864 erinnerlich sein.

„Seit Jahren war die Theilnahme an einer der drei noch übrig bleibenden grossen geographischen Expeditionen – nach dem Nordpol, Südpol und Nil-Quellen nebst CentralAfrika (Central - Asien rechne ich schon nicht mehr dazu, denn dort ist geographisch zwar noch sehr viel zu berich

tigen, aber nicht viel mehr zu entdecken) eine mich auf meinen vielfachen Wanderzügen beständig begleitende Lieblingsidee, die ich äusserer Umstände halber zwar bisher nicht habe praktisch ausführen können, der ich aber nichts desto weniger mit stillem Enthusiasmus bis auf den heutigen Tag treu und fest anhänge und, so Gott will, in nicht allzu ferner Zeit auch noch ausführen zu können hoffe. Gern möchte ich unserem Deutschen Vaterlande den Ruhm, den Nordpol zuerst erreicht zu haben, gerettet sehen, aber wie die Sachen einmal liegen, ist eine solche Expedition für uns Deutsche mit viel grösseren Schwierigkeiten verknüpft als wie für England. Indessen Muth und Beharrlichkeit überwinden viele Hindernisse, und wenn nicht unvorhergesehene Umstände meinem Plane störend entgegentreten, hoffe ich in 1 oder 1į Jahren nach Deutschland zurückkehren zu können, um dann die Sache von praktischer Seite anzugreifen, d. h. wenn mir die Engländer oder Andere nicht inzwischen zuvorkommen.

„Meine Idee ist aber, nur Ein Schiff auszurüsten, anstatt der vorgeschlagenen zwei, von mittlerer Grösse, eisengepanzert und auf 2 Jahre ausgerüstet, verproviantirt, um, selbst wenn der Pol schon im ersten Sommer erreicht werden sollte, mindestens einen Winter dort zubringen zu können und sonst für alle Fälle gesichert zu sein. Was den Reiseplan der ganzen Expedition, die einzuschlagende Route

s. W. anbetrifft, so stimme ich mit Ihrem Vorschlage durchaus überein und würde die Polar - Regionen nie von einer anderen Seite als Spitzbergen aus attakiren, oder wenigstens nicht, bis dieser letztere Weg sich als total unmöglich erwiesen. Könnten Sie vielleicht von einem Ihrer zahlreichen nautischen Freunde, der praktische Erfahrung in solchen Dingen hat, eine Schätzung der möglichen Ausrüstungskosten einer solchen Expedition sich verschaffen und mir mittheilen? Die Grösse des Schiffes und der dadurch bedingte Ankaufspreis würde natürlich einen wesentlichen Punkt, wenn nicht den wesentlichsten im Kostenanschlage bilden. Der „Fox” !) war meiner Ansicht nach zu klein; ein Fahrzeug von circa 400 Tonnen Gehalt scheint mir das passendste für alle Zwecke, doch will ich hier nicht weiter auf die näheren Details eingehen und behalte mir eine ausführliche Besprechung darüber mit Ihnen auf ein ander Mal vor."

Es müssten fürwahr alle Anzeichen trügen, wenn nicht die Deutschen aller Länder in gemeinsamer Begeisterung dem Unternehmen ihre Theilnahme und Unterstützung zuwendeten. „Ich interessire mich", so schrieb Herr E. Gildemeister aus Bremen d. d. 14. Dezember 1865, „lebhaft für das Projekt, besonders vom Deutschen Gesichtspunkte aus, als ein neues gemeinsames Interesse für alle Stämme und Gegenden, und weil es so durchaus begründete Pflicht ist, auf dem Meere Etwas zu leisten. Es wäre auch Etwas, worauf die Deutschen im Auslande mit Interesse und Patriotismus blicken, sich vielleicht auch direkt dabei betheiligen könnten." Und als ob diese patriotischen Worte bereits ein Echo in weiter Ferne gefunden, heisst es

in

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den in New York erscheinenden „Deutsch-Amerikanischen Monatsheften” für März 1866, S. 277: Eine Expedition nach dem Nordpol, in wahrhaft nationalem Geiste unternommen und in demselben Geiste ausgeführt, kann nicht verfehlen, einen günstigen Einfluss auf die Vereinigung der so lange getrennten Glieder des Deutschen Volkes auszuüben. Obgleich von unmittelbarer Theilnahme ausgeschlossen, werden wir auf der Westseite des Atlantischen Oceans wohnenden Deutschen mit kaum geringerem Interesse die Deutsche Nordfahrt begleiten, als die im alten Vaterlande gebliebenen. Der Ruhm der Unternehmung mag der Nation angehören, der Nutzen derselben gehört sicher der Menschheit.” Und Dr. Frisch in Stockholm, von

aus in den letzten Jahren am meisten für arktische Erforschungen geschehen ist, schreibt vom 12. April: Durch diese Maassregel des Hochstiftes ist meines Erachtens die Nordfahrt in ein glückliches Stadium eingetreten. Jetzt wird dieselbe bestimmt zu Stande kommen, und ganz unabhängig von Regenten und Regierungen. Nordenskjöld und Malmgren, die berühmten Erforscher von Spitzbergen, boten als die ersten hiesigen Beitragenden ihre Thaler an, und obgleich keine Deutschen, sondern geborne Finnen, hoffe ich, wird man darum ihre wohlgemeinten Beiträge nicht verschmähen." ")

Ganz besonders ist von der schon erwähnten, bereits in

WO

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den Unterschriften des Aufrufs bewiesenen regen Theil. nahme in unseren ersten Deutschen Seestädten viel zu erwarten. In Bremen haben sich der eben so allgemein beliebte als bekannte Reiseschriftsteller J. G. Kohl, in Hamburg die Kapitäne Schuirmann und Thaulow, Vorsteher der Seemannsschule, an die Spitze der Sammlungen gestellt. Gern werden sich beide Orte des Umstandes erinnern, wie die geographischen Unternehmungen einiger ihrer würdigsten Söhne, z. B. Barth's und Overweg's (Hamburger) und Gerhard Rohlfs' (Bremenser), von auswärts auf's Bereitwilligste und Liberalste unterstützt wurden, wie die daraus hervorgegangenen ehrenvollen Resultate auch zur Ehre der Vaterstädte gereichen, und wie jetzt, bei dem geographischen Nordpol-Unternehmen, eine Gelegenheit geboten ist, diese Theilnahme zu vergelten. Hamburg ist ohnedem noch in einer anderen Schuld gegen das übrige Deutschland; denn noch nie haben Deutsche so viel für ihre Brüder gethan, als bei dem Brande im Jahre 1842, in

ganz

Deutschland nicht weniger als 4 Millionen Mark Banco für Hamburg gesammelt und zur Unterstützung hingesandt wurden. Für diese eben so hochherzigen als grossartigen Gaben wird sich Hamburg gern revanchiren, wenn Deutschland jetzt Theilnahme und Unterstützung von ihm für dieses nationale Unternehmen erwartet, und wenn es auch nur eine Sammlung einzelner Thaler wäre. Auch ist Hamburg in der Lage, Etwas spenden zu können, es ist reich, sehr reich geworden, und keine Staats-Finanzen der Welt befinden sich wohl, verhältnissmässig, in so blühenden Umständen, als diejenigen Hamburg's: die neueste Staatshaushalts-Abrechnung weist einen Überschuss von nicht weniger als 1.284.238 Mark Banco auf.

WO

1) In einer anderen Stelle des Schreibens heisst es: „Erlauben Sie mir eine Warnung vor Übereilung! Es ist nicht gut, ja unverbesserlich, wenn an der Ausrüstung Etwas vergessen wird, besonders aber sind tüchtige Fahrzeuge nothwendig, und das ganze Unternehmen beruht darauf. Das Alles aber erfordert eine reifliche Überlegung, ja es lässt sich kaum augenblicklich hervorzaubern. Daher wäre es besser, lieber noch ein Jahr mit den Vorbereitungen hingehen zu lassen, wenn dadurch ein glücklicheres Resultat erzielt werden könnte.

„Erlauben Sie mir, hierbei zu wiederholen, was ich schon ein Mal (siehe ,,Geogr. Mittheilungen" Ergänzungsheft Nr. 17, S. 35) über die Vorzüglichkeit der Schwedischen Dampfschiffe gesagt habe, und wählen Sie um Alles in der Welt kein Fahrzeug, konstruirt von eisernen Englischen Platten; diese zerspringen beim ersten An- und Aufstossen; die Schwedischen dagegen biegen sich und halten dennoch. Es geschah vor zwei Jahren, dass hier in den Stockholmer Scheren bei Nacht und Nebel ein grosses Dampfschiff in voller Fahrt auf die Seite eines anderen anfuhr, und so gewaltig war der Stoss, dass ein Mann von der Besatzung, der in seiner Koje schlief, zwischen der äusseren und der inneren Wand im buchstäblichen Sinne des Wortes zerquetscht wurde und augenblicklich verschied; das Fahrzeug aber erhielt ausser einer bedeutenden Beule gar keinen Schaden, konnte auch seine Reise fortsetzen und ist noch jetzt brauchbar. An der Finnischen Küste war ein Dampfschiff auf Klippen gestossen und wurde von drei davor gespannten Dampfschiffen abgezogen, ohne dass es davon Schaden nahm. Bei der letzten Exhibition zu London ist ein gekrümmtes Stück von einem Schwedischen eisernen Dampfschiffe als Beweis von der Zähigkeit des Schwedischen Eisens gezeigt worden; dagegen stiess das Preussische Dampfschiff „Nagler” so wie auch das Schwedische „Umeå”. beide Fon Englischem Eisen nur ein Mal auf Klippen, und beide waren augenblicklich verloren und sanken. Die Güte des Fahrzeuges aber bedingt wesentlich den Erfolg der Expedition. Ich könnte dieses noch weiter ausführen, doch mag es hiermit genug sein, besonders da die Männer, denen der Auftrag zu der gefahrvollen Reise wird, gewiss selbst im Stande sind, diesen Punkt zu beurtheilen; ich habe nur gemeint, einen Fingerzeig geben zu können, und wünsche hiermit der Expedition den allerglücklichsten Erfolg zur Lösung des grössten Problems, das für die Kenntniss unseres Planeten noch übrig ist."

4. Vorschlag zur Gründung einer grossen Deutschen

Geographischen Gesellschaft. Wenn ich des Vorschlages bei dieser Gelegenheit Erwähnung thue, im Anschluss an obigen Bericht, so hat das seinen Grund darin, dass gerade die Nordpol-Angelegenheit wieder einmal gezeigt hat, wie das grosse geographische Interesse bei uns Deutschen noch in hohem Grade einer gemeinsamen koncentrirenden praktischen Anwendung fähig ist und bedarf.

Der ungeheure Aufschwung, den die geographische Wissenschaft in der neueren Zeit auch besonders in Deutschland genommen hat, hat sich auf die mannigfachste Weise kund gegeben, u. A. auch in der zunehmenden Bildung Geographischer Gesellschaften; den schon früher existirenden Vereinen dieser Art in Berlin, Frankfurt a. M., Darmstadt folgten in den letzten Jahren diejenigen in Wien, Leipzig und Dresden, und während dieser Aufsatz im Druck befindlich ist, gehen mir Plan und Statuten einer neuen „Geogra

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