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ihnen Moxen (die Araber nennen nur den einen geschickten Arzt, der sie zu quälen versteht) und lasse diess langsam heilen, so dass sie alle Tage meiner Hülfe bedürfen. Auf diese Art bin ich sicher, dass mir ihrerseits nichts Böses zustossen kann. Die Tholba (die hiesigen Pfaffen) habe ich dadurch gewonnen, dass ich sie mehrere Male zum Essen eingeladen habe, ausserdem, wenn sie mir einen Brief schrieben, ihnen denselben gut bezahlte; die Bhadameser Kaufleute aber, diese falschen, neidischen Menschen, suche ich so viel wie möglich zu vermeiden und in diesem Augenblicke sind nur wenige hier. Indess ist es mir so gut wie unmöglich, Forschungen anzustellen, kaum dass ich zu fragen wage: „Wie heisst dieser Berg? wie hcisst jenes Dorf?" Die Tuareg - Sprache, zu deren Studium ich hier so gute Gelegenheit hätte, darf ich gar nicht beachten, denn man würde gleich fragen, warum ich schreibe, und selbst jetzt, wo ich schreibe, kann ich es nur verstohlen thun, wenn die Frau, die uns aufwartet, sich entfernt, um Wasser zu holen, und dann muss mein Bursche Wache stehen.

Ksor el-Arb, Ain-Salah, den 5. Oktober. — Endlich ist es besser geworden, alle Welt betrachtet mich als ihres Gleichen und selbst Si Ottmann scheint zu glauben, dass ich ein guter Muselmann sei, und stellt sich jetzt häufig bei mir ein. Er hat es auch wohl thun müssen, da die ganze öffentliche Meinung für mich ist. Ich habe nun wieder meine vollkommene Freiheit, mache täglich weite Spaziergänge nach den benachbarten Dörfern Ain-Salahs oder in den herrlichen Palmenwald. Vor einigen Tagen habe ich sogar die Uled Bu-Humo besucht, deren vier Ksors dicht am Gebirge oder am Ufer liegen, denn das, was man Djebel Tidikelt nennt, ist weiter Nichts als der Rand oder das schroffe Ufer des Hochlandes Tedmait.

Meine Reise nach Timbuktu habe ich indess definitiv bis zum Frühjahr verschieben müssen, Mangel an Geld (meine Louisd'or sind nicht zu wechseln) und die Unsicherheit der in diesen Tagen von Akebli abgehenden Karawane haben den Hadj Abd-el-Kader uld Bu-Guda selbst veranlasst, mich zu bestimmen, über Bhadames nach Tripoli zurückzugehen, um nicht hier bis zum Frühjahr zu warten. Ich werde also mit der nächsten fertigen Karawane aufbrechen, so leid es mir thut; aber nach reiflicher Überlegung giebt es gar keinen anderen Weg für mich. Zudem ist die Nachricht hier eingetroffen, dass in Sudan wieder der Krieg an allen Ecken und Enden wüthet; der älteste Sohn des Schich Hamed - el - Bakay kämpft in diesem Augenblick mit den Tuareg-Hogar, die seinen Oheim Sidi Mohammed Sserir ermordet haben, der Schich selbst hat den Sohn des Hadj Omar zu bekämpfen, der nach dem Tode seines Vaters neue Streitkräfte gesammelt haben und, wie es scheint, vor Timbuktu stehen soll. In dieser Stadt herrscht nach den Aus

sagen der in diesen Tagen hier eingetroffenen Karawane Hungersnoth und Theuerung. Alles diess würde mich indess nicht abschrecken und hätte ich nur noch hinlängliche Geldmittel, so würde ich mich getrost auf den Weg machen. Ich habe indess durch einen Boten, der vorgestern von hier nach Timbuktu abging (einzelne Leute, meist Tuareg mit einem Meheri beritten, legen den Weg von Ain-Salah nach Timbuktu in 12 bis 15 Tagen zurück, während die grosse Karawane 40 Tage braucht, indem sie oft rastet, um zu weiden und zu tränken), den Schich Hamed-el-Bakay meine Ankunft wissen lassen, wenn anders er nicht schon durch die von Akebli abgehende Karawane Nachricht erhält. Ich habe nicht erfahren können, was die grossen Kaufleute von Ain-Salah bestimmt hat, einen Expressen abzusenden, jedenfalls indess muss derselbe wichtige Nachrichten überbringen, da sie ihm die "grosse Summe von 150 Metkai (fast 500 Fr.) bezahlt haben. Der Hadj Abd-el-Kader war so freundlich, meinen Brief mit einzuschliessen, er selbst betheiligte sich mit 15 Metkai an der Sendung.

Dieser ausserordentliche Mann, dessen Name jetzt schon in der Legende ist, — denn unzählbare Gesänge feiern seine Heldenthaten — ist das Haupt der Uled Bu-Humo, obgleich er nicht unter ihnen wohnt, sondern seinen Sitz so wie auch seine Brüder im Hauptorte Ain-Salahs, dem Ksor el-Arb, hat. Obgleich der Zweite der Familie — denn Hadj Mohammed ist mehr als 5 Jahre älter — zeichnete er sich durch geistige Überlegenheit aus und die berüchtigten Uled Bu-Humo erwählten ihn zu ihrem Chef. Damit ist er denn zugleich Haupt von ganz Tidikelt und man kann sageu der ganzen nördlichen Centralwüste, denn alle Tuareg, wenn sie ihm auch nicht gehorchen, fürchten ihn. Seine erste Heldenthat verrichtete er gegen einen Stamm der Schaamba, die seinen Vater überfallen und ermordet hatten, er zog mit sämmtlichen Uled Bu-Humo gegen sie, besiegte sie und schnitt ihnen alle Palmen ab; es. kann diess wohl mehr als 25 Jahre her sein und da die Palme sehr schnell wächst, ist wohl keine Spur mehr davon zu sehen. Die Schaamba beugten sich und mit auf den Kücken gebundenen Händen kamen sie vor ihn und baten um Verzeihung. Seinen Zug gegen Brinken in Tsabit habe ich schon erwähnt, es war das im Jahre 1848, heute wachsen und tragen auch dort die Palmen wieder. Sein grösster Ruhm besteht aber darin, die Rlnema besiegt zu haben; diese kamen mit 100 Reitern bis dicht vor Ain-Salah, der Hadj Abd-el-Kader mit nur 18 Reitern und etwa 30 Fussgängern rückte ihnen entgegen und besiegte sie vollständig; es war diess im Jahre 1861. Seitdem hat er in Frieden gelebt und er wendet jetzt seine Zeit dazu an, neue Gärten zu gründen, und betet fleissig, damit Gott ihm verzeihe, dass er die Palmen abgeschnitten, was unter den Muselmanen für eins der grössten Verbrechen gilt. Als .er mir seine Heldenthaten erzählte, fragte er mich: „Hatte ich Eecht, meinen Feinden die Palmenbäume umzuhauen:" Ich erwiderte ihm: „Nein, denn hier in der Wüste ist die Palme der einzige Unterhalt der Menschen." Diese Antwort freute ihn, er sagte, bisher hätten ihm Alle, selbst die Tholba, gesagt, dass er Recht habe, obgleich eine innere Stimme ihm zuriefe, dass er ein grosses Unrecht begangen habe.

Der Hadj Abd-el-Kader hat, ohne reich an Geld zu sein, grossen Grundbesitz, mehr als 5000 Palmen beschatten seine Gärten; wenn nun aber auch diese Palmen einen tüchtigen Gewinn abwerfen, so verzehren die vielen Gäste, die tägb'ch seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, Alles und das, was einkommt, geht drauf. Sein älterer Bruder, der noch bedeutend grössere Gärten besitzt (mehr als 300 Kameelladungen Datteln erntet er durchschnittlich) und lange nicht so viele Gäste zu beherbergen braucht, auch sonst eine kleinere Familie hat, ist reicher, aber ohne Einfluss und Bedeutung; daher kommt es auch, dass der Brief, den der Marschall Pelissier durch Si Ottmann an den Hadj Mohammed sandte, um ein Freundschaftsbünduiss mit Frankreich zu schliessen, ohne Beachtung blieb. Hätte er ihn mit einem angemesseneu Geschenk an den Hadj Abd-el-Kader gesandt, so wäre es möglich gewesen und jedenfalls von grösserem Nutzen als jener mit den Tuareg abgeschlossene Vertrag, der bloss auf dem Papiere figurirt. Die Bu-Guda haben sich überdiess früher gegen Major Laing auch theilnehmend bewiesen und der Hadj Abd-el-Kader sagte mir, dass er sich des Christen Reis erinnere, der längere Zeit hier gewesen, dann nach Timbuktu gegangen, dort lange Zeit sich aufgehalten und auf der Rückreise, als er unter Garantie habe zurückkommen sollen, von einem Berbaschi — „Gott möge ihn verfluchen" — sei ermordet worden. So seine eigenen Worte. Der Hadj Abdel-Kader hat vier Brüder, er selbst sieben Söhne und mehrere Töchter und eben jetzt bauen die Uled Bu-Guda einen eigenen Ksor südlich vom Ksor el-Arb. Arbeitsamkeit und Unternehmungsgeist zeichnen Alle aus und noch lange wird der Herrscherstab in den Händen der Uled Bu-Guda und mithin in denen der Uled Bu-Humo sein. Was mich anbetrifft, so kann ich sagen, dass eine aufrichtige Freundschaft mit allen Gliedern der Familie angeknüpft ist und ich hoffentlich immer auf ihren Schutz zählen kann.

Wenn Laing's Positions-Bestimmung von Ain-Salah richtig ist, so muss man den Djebel Tidikclt näher an AinSalah heranrücken, denn der nördlichste Ort Ain-Salahs, Sauia, liegt kaum weiter als 2 Stunden von dem nordwestlich von ihm gelegenen Hauk el-Meheri, dem nächsten und höchsten Punkt des Djebel Tidikelt, entfernt. Eben so müssen dann aber Inrhar, Titt und Aulef weiter nach Süd

osten verlegt werden und Tuat weiter nach Süden, denn Ain-Salah selbst wird sich wohl auf gleicher Höhe mit den südlichsten Ksors der Oase Fenorhin befinden. Ich schliesse diess nur daraus, dass ich mich von Ssali. aus entweder in östlicher oder nordöstlicher Richtung bis Ain-Salah hielt, nie aber nach Südosten abwich; um aber die Lage genau bestimmen zu können, dazu mangeln mir die Instrumente.

Ain-Salah selbst, eine von Norden nach Süden laufende Oase, hat mehrere Ksors, die alle auf dem östlichen Rande des Palmenwaldes und zwar auf Sanddünen erbaut sind. Von Norden nach Süden sind es folgende Ksors: Sauia, Ksor Djedid, Kasbah, Ksor el-Arb, Kasbah uled Bu-Guda, Uled bei Gassem, Uled el-Hadj. Der grösste und wichtigste Ksor ist der Ksor el-Arb, der wohl gegen 1550 Einwohner haben mag, ohne die zahlreichen Fremden, die des Handels wegen sich hier aufhalten, zu zählen. In der That findet man fortwährend Timbuktiner, Rhadameser, Tuater, Schaambi und Beni-Mosabiner (Plural von Beni-Msab) hier, die ihre Produkte austauschen. Hier giebt es denn auch einige Grosshändler, denn Kaufmann kann mau den nennen, der wie der Hadj Hamed ben-Mahmud jährlich mehrere Sendungen Straussenfedern im Werthe von je 20.000 Francs nach Tripoli schickt. Diese so wie Goldstaub und Elfenbein, Sklaven und Sklavinnen, dunkler Kattun in schmalen Streifen kommen von Sudan, Tuch, weisse Baumwcllenzeuge, Kaffee und Zucker, Gewürze von Tripoli, kleine Handelsartikel, als Messer, Nadeln, Spiegel, Perlen u. s. w., vom Französischen Teil und Getreide und Tabak von Tuat hier an. So ist denn Ain-Salah auch ein blosser Zwischenhandelspunkt, eigene Produktion ist fast gar nicht vorhanden und selbst die Dattelzucht ist eben nur hinreichend für die Bewohner und die umwohnenden Tuareg. Die hier durchgeführten Sklaven beiderlei Geschlechts gehen meist nach Tripoli oder Tunis, ich glaube kaum, dass ihre Zahl sich auf mehr als einige hundert im Jahre beläuft. Der Handel ist, wie gesagt, ein reiner Transit-Handel und wenn man die Kaufleute über Gegenstände befragt, so belügen sie Einen entweder oder übertreiben nach ihrer Art.

Die Naturprodukte sind dieselben wie in Tuat und im übrigen Tidikelt: Datteln und zwar besonders Degla, Tegessa, Teserseit und Hartau. Senna kommt ebenfalls in den Gärten wild vor, Tabak und Opium aber werden hier nicht gebaut; die Getreide-Arten und Gemüse sind die Tuats und ausserdem wird noch eine andere Art Negerhirse hier gebaut, Tesfaut genannt.

Die Bewässerung geschieht wie in Tuat mittelst der Fogara, und zwar muss man in ganz Tidikelt ebenfalls eine unterirdische Strömung annehmen, und zwar von Norden nach Süden, weil die meisten Fogara diese Richtung haben und dann auch nach starken Winterregen (im Norden also auf dem Französischen Teil, denn hier selbst regnet es oft Jahre lang nicht oder doch höchst unbedeutend) im Frühjahr anschwellen. Der Sebcha von Ain-Salah, der sich an der ganzen Westseite des Palmenwaldes befindet, sickert ebenfalls im Frühjahr Wasser an die Oberfläche, jedoch salziges. Man hat jedoch angefangen, ihn urbar zu machen, und nach einigen Jahren wird dieser Sebcha wohl ganz verschwunden und in Palmengärten verwandelt sein.

Eine auffallende Erscheinung in Ain - Salah sind die fetten Frauen, kaum erreichen dieselben 20 Jahre, so nehmen sie der Art zu, dass sie sich kaum mehr fortbewegen können; die Kameelmilch und Kameelbutter sollen Ursache dieser enormen Beleibtheit sein. Die Männer Ain-Salahs jedoch finden diess schön, je fetter eine Frau, desto schöner ist sie in den Augen der Männer. Obgleich die schwarzen Sklavinnen hier nicht theuer sind, — denn man kauft dieselben für 80 bis 100 Thaler — so ist es doch selten, dass sich die Weissen mit ihnen vermischen, es herrscht vielmehr ein strenger Kastengeist, die Schürfa heirathen unter sich, eben so die Marabutin, eben so die Horr oder freien Araber, eben so die Hartaui oder Abkömmlinge frei gelassener Sklaven, endlich die Sklaven desgleichen. Eben so ist es selten, dass die Tuareg sich mit den anderen Völkern vermischen, wenn anders nicht mit den Uled Sidi el-Hadj el-Faki, die seit Jahrhunderten unter ihnen angesiedelt sind und gewissermaassen als Tuareg selbst betrachtet werden können.

Die Tuareg haben in Tidikelt eigentlich nicht ihren Wohnsitz, sondern bloss im Herbste erscheinen aus den umliegenden Landschaften die nächst wohnenden, um Datteln gegen getrocknetes Gazellen- und Antilopenfleisch einzutauschen. Die hier vorkommenden Tuareg sind: die Hogar, die Imrad, die Sgomaren, die Tikngalli und Tiknsackel; die Kellel-mellel haben feste Wohnsitze in Inrhar, wollen überhaupt keine Tuareg sein. Eben so sehen die Sgomaren mit einem gewissen Stolze auf die Hogar und übrigen Tuareg herab, „denn", sagen sie, „wir beten, fasten, waschen uns, pilgern und essen kein verbotenes Fleisch, was Alles die Tuareg — Hogar und Imrad nicht thun, wir sind demnach gute Muselmanen, jene aber nicht." In der That beobachten die Hogar und Imrad die mohammedanische Eeligion ganz und gar nicht und können eigentlich gar nicht Mohammedaner genannt werden. Die Sgomaren, die hier am häufigsten sind und während ihres Aufenthaltes sich kleine Hütten aus Palmenzweigen bauen, während sie sonst in ihrer Heimath, den Ebenen von Muider und Tindaud, kleine lederne Zeltchen bewohnen, kleiden sich wie die übrigen Tuareg, jedoch tragen sie meist unter dem Haik lederne Hemden und oft sind auch ihre Hosen — alle Tuareg

tragen lange enge Hosen — von Leder. Um den Kopf schlingen sie einen schwarzen Turban der Art, dass er über die Augen herabfällt und den ganzen unteren Gesichtstheil, die Nase mit eingeschlossen, bedeckt. Als in Paris 1862 die ersten Tuareg (es waren diess eigentlich keine Tuareg, sondern Marabutin vom Stamme der Uled Sidi el-Hadj elFaki) sich zeigten, hat man viel über die Ursache dieser Vermummuug nachgeforscht; ich glaube, man muss die Ursache einfach darin suchen, dass dieselben sich gegen den Wüstenwind so viel wie möglich schützen wollen, der hier fast täglich und in allen Jahreszeiten herrscht und Augen, Nase und Mund mit Staub belästigt. Die Tuareg leben ausserordentlich einfach und beschränkt, Monate lang bilden Datteln und Milch ihre einzige Nahrung. Die Hogar und Imrad sind jedoch hier als räuberisch und wortbrüchig verschrieen und wenn sie bei den Tidikeltern, die selbst von den anderen umgebenden Völkern als solche im Eufe stehen, verschrieen sind, kann man sich denken, dass sie keine Engel sind. Ihre Frauen kleiden sich hier wie die der übrigen Araber, ohne sich zu verschleiern, im Lande der Tuareg selbst sollen sie jedoch fast ohne Kleider gehen, wie die hiesigen Eingebornen behaupten; ich wüsste jedoch nicht warum, da sie hier bekleidet sind. Die Bewohner Tidikelt's haben ganz und gar die Tracht der Tuareg angenommen und fast alle sprechen auch mehr oder weniger Targia oder Targisch, unter den Tuareg findet man jedoch nur Wenige, die Arabisch können, und selbst die Sgomaren, die sich doch den Arabern gern gleich stellen möchten, verstehen kaum einige Worte.

Im Süden von Titt liegt noch die Oase Akebli mit einem Ksor, etwa 15 Kilometer von ersterem entfernt; hier ist der Sammelort der Karawanen, die sich nach Timbuktu begeben, und auch die Karawanen Tuat's pflegen sich hier mit denen Tidikelt's zu vereinigen. Akebli ist ausserdem berühmt wegen seiner Alaungruben, es soll auch Schwefel vorhanden sein, jedoch glaube ich das nicht. Im Norden von AinSalah und ungefähr 10 Kilometer davon entfernt liegt der Ksor Meliana und östlich von ihm die vier Ksors der Uled Bu-Humo: Söhla, Söhla II, Hars el-Hadjar und Gusten (Jgesten), der Art, dass Gusten in rein nordöstlicher Richtung von Ain-Salah liegt, auf eine Distanz von etwa 30 Kilometer. In derselben Richtung und über Gusten hinaus liegen die vier Ksors von Fogara (Fegigira), von Uled SidiSchich bewohnt, die vor Zeiten ihre Zelte vom Süden des Französischen Teil hierher mitbrachten und sich jene Oase gründeten. Die Uled Bu-Humo sind ebenfalls aus weiter Ferne hergekommen, denn nach ihrer Aussage stammen sie von den Uled Mahmud von Tripolis ab. Eben so sind die Bewohner Inrhar's von Marokko hergekommen und sind Abkömmlinge der Uled Chalifi.

Ksor el-Arb, Ain-Salah, den 9. Oktober. — Noch immer keine Aussicht auf Weiterkunft und wohl noch 14 Tage werden vergehen, ehe ich Eeisegelegenheit nach Ehadames finden werde, denn in diesem Augenblicke sind alle Leute mit der grossen Dattelnernte beschäftigt, sie haben vollauf zu thun, die Datteln aus den Gärten in die Ksors zu transportiren. Die ersten reifen hier zwar schon im Mai und von diesem Monate an bis jetzt fehlen nie frische Datteln in einem grossen Garten. Die eigentliche Ernte ist jedoch Ende September nach Wüstenrechnung, denn alle Wüstenbewohner, auch die am Draa und Tafilet, Tuat so wie Fesan, zählen nicht wie die übrigen Mohammedaner nach Mondmonaten, sondern haben unsere christliche Jahreseintheilung, benennen die Monate auf dieselbe Weise, wenn auch etwas entstellt '), haben jedoch noch die alte Julianische Zeitrechnung, so dass sie in diesem Augenblick noch im September sind. Da nun diese Zeitrechnung unmöglich von den Russen oder Griechen, die ja gar keine Berührung mit der Wüste haben, hierher gekommen sein kann, so muss man wohl annehmen, dass sie ein Überbleibsel der alten christlichen Herrschaft im Norden Afrika's ist und dass Tuareg und Berber Träger dieser Zeitrechnung geworden sind. Die hiesigen Mohammedaner, seien sie nun Araber oder sonstigen Ursprungs, kennen in der That ihre eigenen Monatsnamen gar nicht, indess Jeder, auch wenn er nicht Schriftgelehrter ist, unsere Monatsnamen kennt, und danach richten sie wie bei uns ihre ganze Lebensweise. So befruchten sie die Palmen im Februar, ernten die ersten Datteln im Mai, die letzten im September, säen im Oktober ihr Getreide u. s. w. u. s. w.

Seit zwei Tagen habe ich grosse musikalische Unterhaltung in dem Nebenhause, das von dem meinigen nur durch eine dünne Mauer getrennt ist. Vorgestern starb nämlich der Besitzer desselben, der in einem gewissen Ansehen stand, denn er hatte, wie man bei uns von den alten Schiffskapitänen sagt, viele Reisen gemacht und konnte nicht zu Hause bleiben. Wie jene das Meer liebte er die sandigen und endlosen Ebenen der Sahara. Mehr als zwanzig Mal hatte er Goldstaub von Timbuktu geholt, zwei Mal war er in dem Schwarzen Sudan (Ssudan el-khal, so nennen die hiesigen Eingebornen Haussa, Bornu u. s. w.) gewesen, um Sklaven und Elfenbein zu holen, zwei Mal hatte er die Pilgerreise nach Mekka gemacht, um den schwarzen Stein, auf welchem Abraham, der Stammvater der Araber, geopfert hat, der Vorschrift gemäss zu küssen. Alles diess hatte ihm ein gewisses Ansehen selbst bei den höheren 'Klassen verschafft und als ich hierher kam, bat mich der

i) Sie sagen: Jennair, Fefrair, Mars, Abrü, Maio, Junio, Julio, Rnst, Stembre, Ktobr, Nvembr, Dsembr.

Hadj Abd-el-Kader, ihn zu behandeln und zu pflegen, als ob er sein Sohn wäre. Als ich aber diesen von den vielen Reisen, Mühen und Gefahren mitgenommenen Greis betrachtete, sah ich auf den ersten Blick, dass menschliche Hülfe und Pflege hier Nichts vermöge, und beschränkte mich darauf, seiner Familie Hausmittel anzudeuten, die ihm seine letzten Tage erleichtern konnten, mich wohl hütend, ihm selbst eine Medizin zu verabreichen, da man sonst im Todesfalle hätte sagen können, meine Medizin habe ihn getödtet. So lebte er denn auch bis vorgestern Nacht, wo ein entsetzliches Geschrei mir sein Ende verkündete. Sein Körper konnte kaum erkaltet sein, als man ihn wusch, in ein neues Stück Kattun wickelte und hinaus auf den Kirchhof trug. Da es" noch früh Morgens war, begleiteten nur wenige Leute seinen letzten irdischen Gang, jedoch unterliessen sie nicht, von der Hausthür bis zum Kirchhof die mohammedanische Glaubensformel abzusingen (Lah, il Laha, il al Lah, Mohammed ressul ul Lah); man grub dann in aller Geschwindigkeit ein Grab, das nicht breiter war, als dass der Körper auf der rechten Seite, das Gesicht nach Osten gewandt, darin liegen konnte, bedeckte dann den Körper mit Steinen, warf auf das Ganze einen kleinen Erdaufwurf und pflanzte endlich an das Kopfende einen aufrecht stehenden Stein. Einige Gebete wurden dann gesprochen und die Ceremonie hatte ein Ende. So sind alle Beerdigungen im Norden Afrika's, nur dass in den Städten die bemittelten Leute die Leichname nach Sitte der Christen in eine Art Sarg legen. Um aber das nach der Rückkehr angestimmte Geheul und Gewimmer der Weiber, die jetzt vom ganzen Ksor herbeiströmten, zu beschreiben, dazu fehlt mir die Kraft, und noch jetzt erfüllen dieselben die Luft mit ihren künstlichen Wehklagen. Drei Tage lang dauert diese Höllenmusik und nicht genug, dass sie im Hause selbst wimmern, sobald sie nur von Weitem das Haus des Todten sehen, fangen sie ihr Geheul an und beim Weggehen pflegen sie eine Handvoll Sand oder einen kleinen Stein über sich nach hinten zu werfen, ohne sich umzusehen.

Obgleich wohl manchmal wahre Trauer vorkommt, so ist das doch bei den unmoralischen Familienverhältnissen der Mohammedaner äusserst selten. Man hat behaupten wollen, dass bei den Mohammedanern die öffentliche Prostitution bei weitem nicht so ausgebreitet sei wie in den christlichen Ländern, weil Mohammed seinen Anhängern vier Frauen zu heirathen und ausserdem noch so viele Sklavinnen zu halten gestattet, als es die Vermögensumstände erlauben. In der That trifft man daher selbst in den grossen Volkscentren äusserst selten Bordelle und von allen Marokkanischen Städten hat nur Mikenes solche, wer aber tiefer ins mohammedanische Leben eingeweiht wird, sieht mit Entsetzen, dass die Hälfte der unverheiratheten Weiber sich prostituirt. Durch die Leichtigkeit nämlich, mit der sich der Muselmann unter dem nichtigsten Verwände von seiner Frau scheiden kann, giebt es in jedem Dorfe, so klein es sein mag, eine grosse Anzahl von Hadjela ') oder geschiedenen Weibern, die sich ohne Scheu Jedem Preis geben. Der unbemittelte Mohammedaner, der nicht zwei oder mehrere Weiber heirathen oder gar Sklavinnen kaufen kann, entschädigt sich damit, dass er ein Weib nach dem anderen heirathet. So kommt es vor, dass ein Mann fünf bis sechs Frauen nach einander heirathet und verstösst; namentlich wenn er keine Kinder mit ihnen erzeugt, wird die Unfruchtbarkeit immer den Frauen in die Schuhe geschoben und ist ein guter Vorwand zur Ehescheidung. Manchmal verheirathen sich auch die geschiedenen Frauen wieder und so giebt es Kinder, die in einem Hause ihren Vater und eine ihnen fremde Mutter, in dem anderen ihre Mutter und einen ihnen fremden Vater haben. Ein Beispiel ist Hamed, der älteste Sohn des Hadj Abd-el-Kader uld BuGuda in Ain-Salah. Man kann sich denken, wie zerrüttend diess auf den gesellschaftlichen Zustand einwirkt. Unsere Europäischen Reisenden werden freilich selten dergleichen gewahr, wer aber wie ich als Muselmann selbst betrachtet und in alle häuslichen Sitten und Gebräuche ohne Scheu zugelassen wird, erblickt die Dinge mit anderen Augen. Wenn daher die modernen Lobredner der Araber behauptet haben, bei den Christen sei die Prostitution grösser als bei den Mohammedanern, und dabei auf die Bordelle der christlichen Grossstädte hinweisen, dann bitte ich sie, nur nach den Hadjela der Mohammedaner zu fragen, die man im kleinsten Duar, im kleinsten Ksor antrifft und die in keiner Hinsicht zurückhaltender sind als bei uns die öffentlichen Frauenzimmer.

Vorgestern hatten wir einen plötzlichen Barometerfall von 8 Linien, ohne dass eine merkliche Veränderung in der Atmosphäre eintrat. Die Nächte fangen an, kühl zu werden, oder vielmehr sie werden es im Vergleich zu der grossen Tageshitze, denn selbst im Schatten erreicht das Thermometer Nachmittags immer noch über 30°, Morgens vor Sonnenaufgang meist 15 bis 20°. Vor einigen Tagen hat sich auch unsere nordische Schwalbe hier sehen lassen, um hier zu überwintern, eine andere Hausschwalbe mit unausgeschnittenem Schwänze ist hier Winter und Sommer einheimisch.

In politischer Beziehung erkennen die Bewohner Tidikelt's den Sultan von Marokko als ihren Oberherrn an, denn für ihn wird Freitags in der Moschee gebetet, seine Macht ist jedoch ganz und gar Null hier wie in allen Oasen

') Hadjla = Wittwe.

südlich vom Grossen Atlas; indess Alles, was von hier an östlich liegt, betet für den Sultan der Türken als Erbberechtigten und Nachfolger der Kalifen von Bagdad und Damaskus.

Ksor el-Arb, den 17. Oktober. — Mittlerweile ist hier eine förmliche Hungersnoth eingetreten, indem die letzte Getreide-Karawane, die man schon vor 14 Tagen von Tuat erwartete, von den Uled Senan oder Anderen aufgefangen und noch nicht eingetroffen ist. Auch mein Weizeuvorrath ging vor einigen Tagen zu Ende, indem zahlreiche Gäste alle Tage meinen Tisch in Anspruch nahmen. Glücklicher Weise bin ich mit dem ersten Kaufmaun Ain-Salah's, dem Hadj Hamed Mahmud, sehr befreundet worden und er schickte mir, sobald er erfuhr, dass ich ohne Getreide sei, neuen Vorrath, aber auch dieser vermindert sich zusehends, denn alltäglich kommen hungrige Gäste. Sogar Si Ottmann, dessen Getreide ebenfalls zu Ende ist, stellt sich täglich bei mir ein und scheut sich nicht, mit mir zu frühstücken, obgleich er mich im Anfange durchaus als einen Christen oder christlichen Spion hinstellen wollte.

Gestern bestieg ich den Hauk el-Meheri, der in 300° Richtung nicht weiter als 8 Kilometer von Ain-Salah entfernt ist, denn ich ging mit Sonnenaufgang von hier weg, beschrieb einen grossen Bogen, um den Sebcha zu umgehen, bestieg den Berg und war Punkt 12 Uhr wieder in meinem Hause angelangt. Seine relative Höhe beträgt etwa 200 Fuss, er ist der höchste Punkt jenes Randes, den man mit dem Namen Baten oder Djebel Tidikelt bezeichnet. Seine Steinmasse besteht am Fuss aus Kalk, oben aus Sandstein. Von ihm aus erblickt man nach Norden zu die Tademait-Ebene, nach Westen Inrhar, nach Osten die Ksors von Uled BuHumo, nach Südosten die von Ain-Salah. Die Tuareg, diese Gespenstergestaltcn (die Araber selbst sagen sprichwörtlich: Die Tuareg sind wie die Geister, Tuareg kif el-djenun), fangen an zu verschwinden und bald wird ganz Tidikelt bis zum nächsten Herbst frei von ihnen sein, denn hierher kommen sie nur zur Zeit der Dattelnernte.

Ksor el-Arb, den 26. Oktober. — Die Uled Bu-Humo, welche dieser Tage eine Razzia gegen die Schaamba gemacht haben, scheinen eine Niederlage erlitten zu haben, es ist heute die Nachricht eingetroffen, dass zehn Mann geblieben sind, darunter zwei Tuareg, die sich mit ihnen bei diesen Raubzügen zu verbinden pflegen. Die Uled Bu-Humo, die ihrem Chef, dem Hadj Abd-el-Kader, Bericht abstatteten, meinten jedoch, dass die Überlebenden jedenfalls sieg- und beutereich zurückkommen würden, denn ein Uld Bu-Humo könne wohl getödtet werden, fliehen jedoch thäte er nicht.

Die Karawane nach Rhadames ist endlich fertig und auch ich habe meinen Miethkontrakt mit Si Ottmann bis nach dieser Stadt hin abgeschlossen. So werde ich also

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