Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

1

vollen Einzelfall können vortragen hören, ohne ihn sofort, oft mit Ungeduld, in einen solchen allgemeinen Sag ́) gleichsam zusammenzupressen, mit dem sie das volle Einzelleben und seine immer neue Tiefe und Weite so zu sagen von fich fern halten, es wie etwas Altbekanntes abschieben (,, es ist auch weiter nichts!" klingt aus ihren Reden heraus), allenfalls in eins ihrer Verstandesbegriffsfächer einschieben ad acta, es mag richtig passen oder nicht. Sie sind nicht, wie ein natürlicher Mensch bereichert dadurch, wäre es auch nur damit, daß ein ihnen geläufiger Erfahrungssaß wieder einmal lebendig bekräftigt wird und doch wol auch von einer neuen Seite beleuchtet, mit einer neuen Farbe belebt, wie das meistens der Fall ist, sie sind ja – fertig in fich, eigentlich fertig mit der Welt, mit dem Leben.

Man macht es ja selber so, wenn man eben müde ist oder sonst innerer Ruhe bedürftig, die man sich augenblidlich nicht mag stören lassen aber wenn es Einer immer so macht, und wenn es eine ganze Zeit, eine ganze Bildung so macht, dann ist das ein sicheres Rennzeichen von eingetretenem Greisenthum, das mit dem Leben eben – fertig ist und mit ihm nichts mehr zu thun haben will.

Im großen Verlauf oder Ablauf der Wissenschaft in ihrem Leben zeigt sich das in der Neigung und dem Bedürfniß zu Compendien, in denen die in Leben und Wahrheit ungeheuersten Dinge und Gescheh: nisse in knappe Formeln zusammengepreßt oder abgeschnitten erscheinen, alles nun gleichwerthig und gleich groß oder gleich klein, wie Knöchel, mit denen dann die Kinder auf der Schulbant spielen: was einst im Leben ganze Geschlechter tief bewegte bis zum höchsten Sturm, seßt nun höchstens die geheimnisvollen Gedächtnißfibern der Knaben oder Jünglinge in eine faum merkbare kurze Bewegung man denke fich nur 3. B. die französische Revolution oder die erste Geschichte des Christenthums in folcher Compendienform in der Schule, oder das wogende innere Leben eines großen Mannes mit seinen Stürmen, wie es dann im Conversationslexikon steht,-) oder wie es ein trođener Lehrer vorbringt: troden, das Bild ist meisterhaft, wesentreffend, also ohne den Saft des Lebens.

Was ich nun eigentlich meine, ist: wir Neueren, von den jezigen Culturvölkern, stehen vor der Gefahr oder mitten drin, daß uns das

[ocr errors][ocr errors][ocr errors][merged small][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors][ocr errors]

1) Gemeinplaß ist der rechte Ausdruck dafür (f. Goethe oben S. 730 A. 1), d. h. locus communis, eig. ein zusammenfassender Begriffspunkt für gleiche oder ähnliche Erscheinungen, dann zu einem hohlen Nichts abgebraucht.

2) Solche Wörterbücher schon im vorigen Jahrhundert früh als bange Zeichen, bevorstehender Barbarei“ angesehn; 1. den Schweden Ihre bei Gottsched, Wb. der sch. Wiss. u. 8. Borr. *5 a.

Leben einschrumpfe in Maximen, Sentenzen, in Compendienformeln, und wenns mit unserm gerühmten Culturleben nicht vollends in den sogenannten marasmus senilis hineingehen fou, brauchen wir einen neuen Lebensschwung hinaus in die Weite und Tiefe von Gottes Welt, und

das ist schon in fröhlichem Gange Gott sei Dant, eigentlich schon lange, schon seit und durch Luther.

Auf dem alten Wege aber, zum verstandesmäßigen Fertigwerden mit Welt und Leben, find oder waren die Franzosen die Führer, wie sie ja marchent à la tête de la civilisation. Das bezeugt auch die Beobachtung, die schon im vorigen Jahrhundert Marmontel an seinen Landsleuten gemacht hat), daß sie im Sprechen aus politesse lebhaftes Betonen vermieden: il n'est pas respectueux d'élever le ton, d'animer le langage, ebenso wie sie la geste vermieden. Im geistigen Leben gehört hierher auch die Herrschaft der phrase, die bei ihnen ein zugestandener Fehler ist und der nun auch die großen Gedanken ihrer Revolution schon wieder verfallen find. Wir Germanen aber, später in die Culturbahn eingetreten, und doch wol auch von Natur mehr mit Empfindungsleben, mit Gemüth ausgestattet, haben nun wol die Aufgabe, die Cultur zum vollen Leben zurüdzuführen daß uns nicht etwa die Slaven zuvor: kommen, deren geistige Führer, wie Ratkow, Aksakow, uns auch schon dem Greisenthum verfallen nennen und die Aufgabe der Slaven predigen, die Cultur zur gesunden Natur zurückzuführen. .

Das Schicksal von Sentenzen ist übrigens nur eine einzelne Erscheinung eines allgemeinen Gefeßes, dem die Sprache — leider? — unterliegt: daß einem sprachlichen Ausdruck, der glüdlich für eine Er: fahrung gefunden ist (von einem ,, Dichter ohne Feder“), dann im Gebrauch der Menge alsbald Abbruch geschieht in seiner Frische und Klarheit, also an seiner Wahrheit und seinem Werthe, so wie sich Münzen im Gebrauch abgreifen.

Man kann das sehr düster ansehen und sich wol damit in eine Art Verzweiflung hineintreiben, vergl. z. B. bei Goethe 25, 334 (1. Ý. 44, 291) die bittere Betrachtung, wie das vom Genie Gefundene fich im Munde der gewöhnlichen Menschen zu Phrasen entleert: „So wird

1) Und Sturz in seinen Briefen aus Paris: „selbst der Ton der Stimme ist leise, wie der eines wieder genesenden Kranken“ (1, 113) auch in unserer Gesellschaft macht sich das geltend, auch die wichtigsten Dinge in an undertone zu sagen, wie der Engländer sagt: so manches sich dafür sagen läßt (ich finde mich auch in dieser Richtung), hat es doch seine üble Schattenseite, wo es in der Gesellschaft zum Geseß wird - Scheu vor Bewegung, vollends vor Erregung (auch wo sie am Plaße ist), d. h. vor Empfindung oder tiefer Beteiligung des innersten Menschen an der Bewegung außer uns ist dann das Bestimmende.

[ocr errors]

die Sprache nach und nach mit zusammengeplünderten Phrasen und Formeln angefüllt, die nichts mehr sagen, und man kann ganze Bücher lesen, die schön stylisirt sind und gar nichts enthalten" nichts sagen, gar nichts enthalten, schlimmer kann mans nicht fassen, das wäre in ganzer Wahrheit zum Verzweifeln.

Aber es waltet in dieser Abnußung ein Naturgeseß, das seine tröstende Ergänzung haben muß. Die ganze Sprache nur aus Hülsen bestehend, ohne ihren Kern! ja in dieser Gestalt tritt sie jedem zuerst entgegen, in der ersten Kindheit"), und den Kern, das Leben muß fich jeder selbst hineinlegen, hineinleben, aus sich selbst, aus seiner Erfahrung!

Die Sache ist genauer oder näher besehen gar nicht so schlimm, das Kinda) findet so viel Helfendes zu der ungeheuer erscheinenden Aufgabe, daß ichs gern ausführte, wie ich mirs oft mit Lust und Staunen ausgemalt habe.

Und, merkwürdig und lehrreich, es geht dem finde, dem Menschen mit der Sprache da, wie mit der Welt selbst, mit dem Abbilde, wie mit dem Urbilde. Auch die Welt tritt uns in ihren Erscheinungen, in ihren Hülsen, in ihrem Üußeren und Üußersten entgegen, und vom ersten Augenblic an und fort und fort, so lange wir leben und in ihr wandeln, ist unsere Aufgabe, hinter der Erscheinung das Wesen zu entdeđen, in den Hülsen den verborgenen Nern zu finden, in ihr Üußeres ihr Inneres hinein zu legen, hinein zu denken und zu leben aus eigner Araft: das ist am Ganzen die Hauptsache, die erziehende Arbeit und der ewige Lohnende Reiz unsers ganzen Weltlebens - ein großes großes Capitel für sich, das in die Mitte des ganzen Weltgeheimnisses führen würde (z. B. wir als Nachschöpfer des ersten Schöpfers, wir jeder Einzelne).

Wie dazu dem Finde die Eltern helfen, nachher in der Schule die Lehrer (oder sollen es), so im Leben – die Dichter (oder sollten es) - in Bezug auf Sprache und Welt, denn beide sind nicht zu trennen; aber die Hauptarbeit dabei müssen fort und fort wir selber thun. Deßhalb ist mir seit langen Jahren so wichtig, die Bilder der Sprache wieder aufzufrischen im Bewußtsein, denn sie geben uns die ursprüngliche geniale Beobachtung der Welt.

[ocr errors]

28. Jan. 1885.

1) Und auch dem Erwachsenen eine fremde Sprache, wenn er z. B. nach Amerila kommt, ohne Englisch zu können.

2) Wie der neue Nordamerikaner.

Vermischte Kleinigkeiten.
Aus dem Nachlasie Rudolf Hildebrands.

1.

Die mode in der Spradje ein großes Capitel, anziehend und lehrreich: ganz wie in der Kleidung kommt Neues auf, klingt eine Zeit lang gut, schön, vornehm, dann ver: fällt es in der Gunst der Höheren, weil es auch die Niederen annehmen, es muß für das abgehegte Wort ein neues her, das wieder neu und elegant klingt, usw. – so wenigstens in allem was dem Leben der Ge sellschaft im französischen Sinn angehört. Wie eigen, ja spaßhaft es dabei zugehen

aft es dabei zugehen kann, davon geben Musikant, Musicus, Musiker ein hübsches Beispiel.

Musikant, eigentlich ein schön gelehrtes Wort, part. praes. zu musiciren, das noch im besten Ansehen steht: die Musikanten aber find ganz herunter, es gibt sie wol nur noch auf Dörfern, im Gebirge u. ä. Dafür ist Musicus in einer bestimmten Zeit eingetreten, wieder hübsch gelehrt, fast griechisch, und ist doch auch längst vom Thron abgeseßt, es mag noch in kleinen Städten wolklingend genug sein. Dazu Plur. Musici, also ganz gelehrt, volksmäßig wol auch Musicusse.') Aber auf der Höhe der Bildung hat nun Musiker den Plag: spaßhaft, denn was ist es? Ich glaube, als Plur. zu Musicus aufgekommen, weil Musici doch im deutschen Munde etwas zu gelehrt, wie mit Sculzopf versehen, klang, und man nahms dann auch als Singular. Aber noch spaßhafter: das Wort, das da im Modellange aufstieg, ist zugleich in der Bildung herabgestiegen, vom Gelehrten zum Volksmäßigen, Ungelehrten, Musiker ist unter allen Formen die am meisten barbarische Übrigens sprich das Wort Musiker, d. h. daß es mit Musik über: einkomme, und – wie niedrig bildungslos klingt das in der þöhe der Bildung, und ist doch am Ende eigentlich das Beste!

19. Oct. 1884 2.

Fremdwörter der neueste Fortschritt darin. So spricht ießt alle Welt viel von Modus, es ist noch gar nicht lange her,?) in der parlamentarischen Sprache aui: gekommen (die ja im Bildungsfortschritt an der Spiše marschirt), ent:

1) Bergl. unter genius im deutschen Wörterbuch von dessen grammatisder Behandlung im vorigen Jahrhundert.

2) So ist ein Novum wol höchstens 12 Jahre alt, aber rasch ergriffen worden von den Bildungsstrebern.

nommen wahrscheinlich aus dem Diplomatenlatein, das in den Canzleien, Röpfen und Federn der Diplomaten noch fortzudt und nicht sterben kann, ein modus vivendi stammt sicher dorther. Aber wie braucht mans nun! es heißt auch frisch drauf los einen besseren Modus suchen oder nach einem besseren Modus suchen, also modus, Dat. modus, Acc. modus (und im Plural ?) – und niemand empfindet daran Barbarei, und dabei blüht das Lateinlernen neu auf! Das begreife jemand. es ist nur begreiflich bei großer Stumpfheit des einfachen Empfindens oder Denkens, an dem die Schule so rastlos arbeitet! Aber merkwürdig: man brauchte nur einmal einen besseren modum zu schreiben oder zu sagen, da würde jeder die Empfindung des Zopfes haben, des Rückfalls in eine am natürlichen Geschmad beschädigte Zeit – und bei einen modus nicht!? Ia die Bildungsbarbarei wächst rasch in die mit unsäglichen Mühen, Sorgen, Schmerzen gewonnene wirkliche deutsche Bildung hinein man ruht ja auf den Lorbeeren unserer Classiker!

27. Aug. 1884. 3.

Bu Beitsdrift 7,677 #. Wie sich in der Sprache ein Wort in geraden Gegenfäßen ausbildet, stellt sich besonders merkwürdig heraus bei gemein. Allen gemein, als Gemeingut gehörig, und einem gemein, d. h. jedem Einzelnen, der z. B. an der vertheilten Beute einen gemeinen teil er: hielt oder forderte (vgl. Stichr. 5,264 f.] der Widerspruch aber auf: gehoben in dem hohen, höchsten fittlichen Begriffe: der Einzelne ift nur, soweit er mit Willen und Wesen dem Ganzen (der gemeine) angehört, das Ganze ist nur, soweit die Einzelnen es mit Willen und Wesen (ftets neu und doch zugleich aus einer Wurzel von Alters her) bilden oder darstellen und soweit der Einzelne im Ganzen auch ganz zu seinem Rechte in Willen und Wesen kommt, und das alles allseitig ausgedrückt im alten gemein, mit manigfachster Färbung durch die wechselnden Beziehungen und Verhältnisse, die sich fast endlos aus dem Gesamtverhältniß von einem Ganzen und seinen Gliedern von selbst ergeben (das wunderbarste Verhältniß, eigentlich das geheime Grundverhältniß des Weltganzen) es ist das Tiefste, Schönste, Höchste), das ich bis jegt in

1) So hieß gemein einfach, wer mit Selbstvergessenheit sich dem Ganzen hingibt, also das höchste Heldenthum gemein auch das Recht, der Rechtsspruch, der jedem jein rechtes Recht gab, nicht Einem mehr, 0. 5., daß es sich wol einfügte in das Recht und Leben des Ganzen u. 1. W.; ein gemeiner man, wer zwischen Streitenden als Schiedmann bestellt wurde, als Vertreter der gemeinen, der gemeine u. 1. w. · das Wort ist lange noch nicht genug beobachtet. [ío Hildebrand trop eigner Vertiefung in die Geschichte des Wortes im deutschen Wörterbuch 4,8169—3220!]

[ocr errors]
« ZurückWeiter »