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Diese Behauptungen scheinen mir eine gründliche Verwirrung der ganzen Frage in sich zu schließen; daß man in diesem Sinn über das Wesen des Sages einig sei, ist aufs allerentschiedenste zu verneinen. Daß der Punkt das entscheidende Merkmal nicht sein kann, ergiebt sich (don daraus, daß man im einzelnen Falle sehr oft zweifeln kann, ob ein Punkt oder ein Strichpunkt oder ein Doppelpunkt, und wieder ob für Strichpunkt oder Doppelpunkt ein komma zu seben sei; da dies im einzelnen Fall sehr häufig Sache der Wahl, des Geschmads, also einer gewissen Willfür ist, kann es unmöglich einer wissenschaftlichen Definition als Substrat dienen. In Wirklichkeit können eben innerhalb der Abgrenzung durch den Punkt mehrere, an sich beliebig viele Säße vereinigt sein; dieser Gesichtspunkt ist also ganz auszuscheiden.

Zuzugeben ist freilich, daß im gewöhnlichen Sprachgebrauch das Wort Saß vielfach in diesem weitern Sinn verwendet wird, und so wohl auch im Unterricht, wo es auf genaue Bezeichnung nicht ankommt; es besteht eben keineswegs eine unbewußte allgemeine Einigfeit über das Wesen des Sabes, sondern es ist zu unterscheiden zwischen einer weitern, ungenauen, äußerlichen Bedeutung, wie sie im gewöhnlichen, volkstümlichen Sprachgebrauch sich findet, und dem engern, präzisern Begriff, wie er wissenschaftlich allein berechtigt ist. Nur an diesen also haben wir uns zu halten und für diesen eine Definition zu suchen.

Vor allem ist über das Verhältnis der Worte „Sak," „, Urteil," „, Mitteilung," , Aussage" zu einander Klarheit zu schaffen. Bei dem ganzen „Streit" handelt es sich doch um eine Frage der Grammatit, ,,Sap" hat in der hier in Frage stehenden Anwendung lediglich grammatische Bedeutung. Dagegen ist „, Urteil“ ein logischer Begriff, und daher in dieser Frage nicht direkt verwendbar, nicht alle Säge sind Urteile im logischen Sinn, d. h. Subsumtionsurteile, z. B. es regnet, er tötet, es fommt hiermit ein an sich fremder Gesichtspunkt herein. Eine ,, Mitteilung" ist zweck und Inhalt des Sapes, aber eine Mitteilung kann auch durch an sich bedeutungslose Worte oder Töne, ja durch bloße Zeichen, Gebärden u. dergl. gemacht werden, also kommt „Mitteilung" für die Grammatik nur insofern in Betracht, als sie durch Worte er: folgt und dann heißt fie „Aussage.“ „Ein Saß ist eine Aussage" kommt also der Wahrheit nahe, ist aber doch als Definition insofern nicht ganz richtig, als damit die beiden Wörter als gleichbedeutend oder das erste als dem zweiten subsumiert dargestellt wird, was beides nicht zutrifft, vielmehr bezeichnen beide Wörter dieselbe Sache unter ver: schiedenen Gesichtspunkten: Aussage unter dem inhaltlichen, Saß unter dem formalen, und somit tämen wir – unter Benußung eines Teils der Müllerschen Definition zu der Definition: Saß ist ein Wortgebilde, welches eine Aussage enthält.

Damit wäre die Definition, soweit sie allgemein sprachlich ist, fertig und erschöpft.

Das Weitere ist Sache der Einzelsprachen. Denn es fragt sich nun sofort: wie wird eine Aussage ausgedrückt? und darin stimmen die verschiedenen Sprachen, bezw. Sprachgruppen nicht ganz überein.

Die Frage lautet jeßt so: was gehört als wesentlich zu einem Saße (oder einer Aussage), was macht einen solchen aus, welches sind dessen notwendige Bestandteile? Ich bekenne mich in dieser Beziehung im wesentlichen als Anhänger der Aufstellungen des kürzlich verstorbenen Franz Kern, die Müller zwar als scharfsinnig und wertvoll, aber doch als das Wesen der Sache nicht treffend bezeichnet. Die Definition von Kern: ,,Saß ist der sprachliche Ausdruck eines Gedankens mit Hilfe eines finiten Verbs" halte ich allerdings auch nicht für glüdlich, denn 1. weist „, mit Hilfe“ auf etwas Nebensächliches, Accessorisches hin, während nach Sterns Auffassung das Verbum finitum gerade das Wesentliche, die Substanz des Saßes ist; und 2. ist ,, finites Verb“ selbst ein erst der Festflellung bedürfender Begriff. Im übrigen aber halte ich die Einwendungen, die Müller dagegen erhebt, nicht für richtig: Der Einwand einer möglichen Mehrzahl von Aussagen ist schon oben besprochen; den Einwand von Säßen wie ,,Þeil dir im Siegerkranz" u. f. w. hat Kern, wie mir icheint, durchaus zutreffend erledigt dadurch, daß er seine Definition genauer dahin faßt: ein Saß ist, wo ein Verbum finitum vorhanden oder mit voller Sicherheit zu ergänzen ist: dies leştere trifft bei allen S. 183 angeführten und anderen etwa noch anzuführenden Beispielen zu. Endlich wird von Müller noch geltend gemacht, daß Rerns Definition nur für einzelne Sprachen, nicht für alle gelte; ,,Säße haben alle Sprachen, das finite Verb aber nicht, wie z. B. das hochentwickelte Chinesijch." Kern persönlich trifft dieser Einwand nicht, denn er hat wiederholt betont, daß seine Aufstellungen, die vom Deutschen ausgehen, sich nur auf die flektierenden Sprachen beziehen. Aber sachlich verdient der Einwand allerdings Beachtung. Denn man kann ja sagen: da die Organisation des menschlichen Geistes, die Geseße des menschlichen Denkens bei allen Menschen dieselben sind, so muß auch nicht allein der Begriff des Saßes, sondern auch die Urbestandteile desselben müssen in allen Sprachen dieselben sein; nun hat das Chinesische kein finites Verbum, also kann dies nicht der unerläßliche Bestandteil des Saßes sein. -— Die Thatsache ist ja richtig, daß das Chinesische, wie überhaupt die isolierenden Sprachen, kein Verbum finitum, d. h. Verbalstamm mit Personalendung, hat, sondern daß die Wortstämme je für sich allein ohne Endungen stehen, großenteils Zeitschr. f. d. deutschen Unterricht. 10. Jahrg. 10. Heft.

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sowohl nominale als verbale Bedeutung haben können und erst durch die Zusammenstellung mit einem Subjekt die aussagende Bedeutung erhalten. Nun kann man allerdings das Chinesische eine ,,hochentwiđelte“ Sprache nennen, doch nur in dem Sinn, daß es einem hochentwidelten Geistes: und Kulturleben dient; aber in der Urt, wie das Chinesische eine HandYung ausdrüct, daß nämlich ein Wort, das an sich ebensogut substantivische als adjektivische als verbale, und ebensogut aktive wie paffive Bedeutung haben kann, rein äußerlich neben ein anderes gestellt wird, zeigt fich diese Sprache als solche uns gewiß nicht hochentwidelt, viel: mehr ist darin eben die niedrige Entwidelungsstufe, welche das Chine fische wie alle isolierenden Sprachen innerhalb der menschlichen Sprachen einnimmt, zu erkennen.

Freilich ist nun nicht nur im Chinesischen, sondern auch in anderen und zwar den höchstentwiđelten Sprachen der Fall häufig, daß ein Adjektiv ohne weiteres mit einem Substantiv zusammengestellt prädikativen Sinn hat: triste lupus stabulis, Ende gut, alles gut u. ä.; aber man wird doch anerkennen müssen, daß die bloße Zusammenstellung von Substantiv und Adjektiv, der man meist an sich gar nicht ansehen kann, ob nicht ein attributives Verhältnis bezeichnet werden soll, für sich allein nicht genügt um eine Aussage zu bezeichnen, sondern daß das Berbum „sein" dazu unerläßlich ist und also notwendig hinzugedacht werden muß. Der Grund des Fehlens liegt entweder in der Unvollkommenheit der betreffenden Sprache, oder auch — bei hochentwidelten Sprachen – in der Neigung, das Selbstverständliche, leicht zu Ergänzende wegzulassen, um eben dadurch die Rede konziser und damit reizvoller zu gestalten – wie ja z. B. Tacitus in den Annalen sehr häufig allerlei Verba, nicht nur „sein,“ wegläßt, die doch mit absoluter Notwendigkeit ergänzt werden müssen, wenn ein Sa herauskommen folu.

Also: zu einem Saß ist vor allem erforderlich ein Verbum in einer aussagenden (nicht nominalen) Form, das in der Regel dasteht, auk nahmsweise aber auch hinzuzudenken ist; oder: ein Saß ist da, wo ein Verbum in aussagender Form vorhanden oder mit Notwendigkeit und Sicherheit zu ergänzen ist.

Genügt nun aber ein Verbum als solches, um einen Saß zu bilden? Man hat dies zuweilen bejaht unter Hinweis auf bet, pluit u. ä. Aber F. Kern hat mit Recht dagegen geltend gemacht, daß in diesen Wörtern außer dem Verbalbegriff noch etwas Weiteres enthalten ist, nämlich ein Personalbegriff, ausgedrückt durch das Suffig der 3. pers. sing., daß darin also außer dem Prädikat auch das Subjekt (formell) bezeichnet ist. Und so sieht denn Kern überhaupt im Verbum finitum den Handlungsbegriff (im Verbalstamm) mit dem Personalbegriff in der Personal: endung), also Bräditat und Subjekt vereinigt; das finite Verb enthält also in sich die Urbestandteile des Sabes, es ist – wie man in anderer Anwendung des von Müler vorgeschlagenen Ausdrucs sagen kann – der ,,Ursak." Ich halte diese Aufstellung, als die Grundlage der ganzen Saßlehre, für richtig. Das Chinesische, wo eine Wurzel für sich allein wohl auch eine – freilich sehr unbestimmt aussagende Bedeutung haben kann, darf eben als eine unentwidelte, unvollkommene Sprache in dieser Frage nicht maßgebend sein. Man wird unbedenklich sagen dürfen, daß nach den Gefeßen des menschlichen Denkens ein Verbalbegriff allein als Aussage nicht genügt, sondern daß der Ausgangspuntt der Handlung auch bezeichnet werden muß, daß also zur Aussage außer dem Prädikat auch ein Subjekt notwendig ist. Nun hat Kern – und dies ist das Bedeutungsvollste seiner Saßlehre – aufgestellt, daß bei den flektierenden Sprachen das Subjekt im Verbum finitum schon enthalten ist, nämlich durch die Personalendung, und zwar in den Formen der 1. und 2. Person vollständig und für sich ausreichend, in denen der 3. Person wesentlich negativ, nämlich: weder ich noch du; fold dieses dritte positiv bezeichnet werden, so ist dazu ein eigenes Wortgebilde nötig, gewöhnlich Subjekt genannt, nach Hern Subjektswort zu nennen (oder eigentlich subjekt: bestimmendes Wortgebilde, da es aus einem oder mehreren Wörtern und namentlich auch aus einem Saße bestehen kann). Dagegen kann man freilich geltend machen, daß es auch innerhalb der flektierenden Sprachen Verbalstämme ohne Personalsuffix in aussagender Bedeutung giebt, so im Hebräischen die häufigste Verbalform, die 3. pers. sing. (katal), im Griechischen und Lateinischen der Imperativ Praes. 2. Person, im Deutschen (und zwar schon im Gotischen) derselbe Imperativ und Praeteritum Indic. 1. und 3. pers. sing. Es wäre hier im einzelnen zu untersuchen, wieweit bei solchen Formen ursprünglich doch Personalsuffixe bestanden haben, die nur im Lauf der Zeit durch den allgemein sprachlichen Verwitterungsprozeß abgefallen find – eine Untersuchung, die über

Rahmen dieser Einsendung und dieser Zeitschrift hinausgeht —; wo folches nicht angenommen werden kann, wird man fich dabei beruhigen müssen, daß, da die große Masse der Formen Personalsuffire hatte, in den verhältnismäßig wenigen Fällen, wo dies nicht zutrifft, eben das Fehlen eines solchen als eine genügende Bezeichnung der Person gelten konnte, sodaß die allerdings darin liegende sprachliche Unvollkommenheit wenigstens praktisch nicht von Bedeutung war und ist.

Wir kommen also – im wesentlichen in Übereinstimmung mit der Saßlehre von F. Kern, teilweise mit Benußung der Bezeichnungen von E. G. D. Müller – in der Frage nach dem Wesen des Saßes zu folgenden Ergebnissen:

Ein Saß im strengen grammatischen Sinn, im Gegensaß zu dem weitern, ungenauen, populären Sprachgebrauch) ist ein Wortgebilde, welches eine Aussage enthält.

Zu einer Aussage sind als Urbestandteile erforderlich ein Prädikat (Verbum, Handlungsbezeichnung im weitesten Sinn) und ein Subjekt, Bezeichnung dessen, wovon die Handlung ausgeht (Person im weitesten Sinn). Diese beiden Urbestandteile können an fich getrennt sein; fie sind aber bei den vollentwickelten Sprachen in der aussagenden (finiten, nicht nominalen) Form des Verbums vereinigt, dieses also (das finite, aussagende Verbum) ist der Ursaß: wo ein solches vorhanden ist oder mit Notwendigkeit und Sicherheit zu ergänzen ist (am häufigsten die finiten Formen des Zeitworts „sein“), da ist ein Sag; (also wo mehrere finite Verba sind, da sind mehrere Säße, die freilich durch gemeinschaft: liche Subjektswörter verbunden sein können, wie anderseits mehrere Subjektswörter durch ein gemeinschaftliches Verbum finitum in einen Saß zusammengezogen sein können).

Subjekt und Prädikat können Bestimmungen erhalten, die wieder Säße sein können (abhängige Säße, Nebensäße); dadurch entsteht ein Saßgefüge, das aber solange immer als ,, Saß“ zu bezeichnen ist, als durch das Verbum finitum des Hauptsaßes die Saßeinheit gewahrt ist.

Entwurf eines Lehrplanes für den deutschen Unterricht

im Realgymnasium.')
Von Curt Øentidel in Döbeln, Theodor Matthias in Zittau

und Otto Lyon in Dresden.

Lehrziel. Der deutsche Unterricht hat die Schüler so weit zu fördern, daß fie auf Grund einer fichern Kenntnis der deutschen Grammatik, mannig: faltiger Lektüre, sowie regelmäßiger mündlicher und schriftlicher Übungen ihre Gedanken in der Muttersprache in Wort und Schrift klar, wohl geordnet und richtig auszudrüden vermögen. Auf der obersten Stufe

1) Dieser Lehrplan wurde von den oben genannten Verfassern im Auftrage des Herrn Referenten für die höheren Schulen im Kgl. Sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts ausgearbeitet, um bei der Bearbeitung cines neuen sächsischen Realgymnasialregulativs mit Verwendung zu finden. Daraus erflärt sich die knappe, regulativmäßige Fassung des obigen Entwurfs, der hier auf Wunsch des Herrn Referenten für die höheren Schulen im Kgl. Ministerium der Öffentlichkeit übergeben wird.

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