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Schidalstragödie auf dem Boden der Religion aus einer Opferhandlung entstanden, aus dem Chor hervorgewachsen, in den einfachsten Verhält: nissen und den Sagen, die in einer Familie sich abspielen, und darum Einfachheit und Einheit von Ort und Zeit, geringe Bahl von Personen; hier die komplizierten Verhältnisse eines großen Staates, profane Þandlung, deren Mittelpunkt der Feld und sein Charakter ist, und ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten und Gesinnungen, zur Darstellung der Geschichte sich aufbauend auf Staats- und Marionettenspielen, und des: halb Charaktertragödie, unbeschränkte Zahl der Personen, keine Be: schränkung von Ort und Zeit, keine Bindung der Scene, aber jede in ihrem natürlichen Lokalton, Einheit der Ideen, und der Dichter der souveräne Herr über Zeit und Ort. Und weil Sophokles und Shakespeares nationale Dichtung, Dichtung ihrer Seit, ihres Voltes, ihres Dramas ift, deshalb erreichen sie denselben Zwec, dasselbe Ziel: das tragische Mitleid." Diese Gedanken Herders fielen wie Feuer in Goethes Seele. Eine begeisterte Bewunderung Shakespeares loderte in seinem Herzen auf und vernichtete mit einem Male die verworrene und unwahre Anschauung und Beurteilung Shakespeares, wie sie von Wieland aus bisher Goethes Geist beherrscht hatte. Mit Dramen in französischer Manier, wie sie in den „ Mitschuldigen“ und in der Laune des Verliebten" seiner Leipziger Zeit entsprossen waren, ist es nun ein für allemal vorüber. Er wollte einen Cäsar dichten, und es sind uns Bruchstücke von diesem Drama erhalten. Leider hat er es nicht vollendet, aber Göß und der Urfaust sind zur Reife gelangte herrliche Früchte der Herderschen Lehre.

Während die Zeit vor Herder und Goethe immer nur fragte, wem der Deutsche nachahmen müsse, während man Bodmer mit Stolz den deutschen Homer, Gleim den deutschen Anakreon und Tyrtäus, Geßner unsern Theofrit und die Karschin unsere Sappho nannte, lehrte Herder, daß jedes Volt, wie es seinen eigenen Charakter und seine eigene Sprache hat, auch seine eigene Poesie habe. „Das erste Merkmal der Besinnung“ heißt es in Herders Schriften, war Wort der Seele und mit ihm ist die Sprache erfunden; sie ist eine Sammlung solcher Mert: male, die innere Sprache, die gefühlte, empfundene wird zur äußeren, gesprochenen. Wie eine Braut bei ihrem Geliebten, wenn derselbe seine Arme um sie geschlungen, an ihrem Munde hanget; wie zwei zusammen Vermählte, die sich einander mitteilen, ein paar Zwillinge, die zusammen gebildet und erzogen – wie Platons Seele zum Körper, so verhalten sich Gedanken und Wort, Empfindung und Ausdruc. Weil die Em: pfindung den Ausdruc schafft, darum muß der Dichter in seiner Muttersprache dichten. Sie drückte sich uns zuerst und in den zartesten Jahren ein, da wir mittelft Worten in unserer Seele die Welt von Begriffen und Worten sammelten, die dem Dichter eine Schakkammer wird ... in fie ist unsere Denkart gleichsam gepflanzt, und unsere Seele und Ohr und Organe der Sprache sind mit ihr gebildet. Sie übertrifft, so wie das Vaterland, an Reiz alle übrigen Sprachen in den Augen dessen, der der Sohn ihres Herzens, der Säugling ihrer Brust, der Zögling ihrer Hände gewesen, ießt die Freude ihrer besten Jahre ist, und die Hoffnung und Ehre ihres Alters sein soll." So zeigt Herder die Muttersprache in einem ganz neuen, ungeahnten Lichte und hat zuerst ihren Wert und ihre Bedeutung nachdrüdlich hervorgehoben. Fort mit der Nachahmung, die man bisher als das höchste Ideal gepriesen! lautet nun der Wahlspruch. Studieren sollen wir die großen Griechen, unsern Genius an dem ihren entzünden, aber nicht nachahmen. „, Damit war der Bann gebrochen, der Weg gezeigt, den der große Genius, der ießt noch als Schüler zu den Füßen des Lehrers saß, betreten sollte, um ein deutschnationales Werk zu schaffen. Welchen Eindrud diese Lehre auf Goethe machte, erkennen wir aus einem Briefe aus Weßlar, als er die Fragmente Herders gelesen hatte: „Wie eine Göttererscheinung ist es über mich herabgestiegen, hat mein þerz und Sinn mit warmer, heiliger Gegenwart durch und durch belebt, das Wort: wie Gedanke und Empfindung den Ausdruck bildet. So innig habe ich das genossen.“ Der Dichter in Goethe fühlte sich wunderbar getroffen. Es war das Geheimnis seines Schaffens, das ihm bisher unklar, nun in diesen Worten deutlich entgegentrat; und welch herrlicher Aufschluß! Nun schreibt und dichtet er, wie die Natur ihn unterweist, wie die Empfindung und das Herz ihm gebieten. Für immer ist es nun mit dem Dichten in französischer Sprache vorbei, das er auch noch in Straßburg betrieben hatte, vorbei mit dem Plane nach Paris zu gehen; Goethe wird ein deutscher Dichter. Jeßt werden Regelund Zwang abgeworfen. Nicht Sprachnachahmer ist er mehr, ein gewaltiger Sprachschöpfer wird der Dichter. Nun rauscht seine Rede daher wie der Bach, der durch Berg und Stein sich Bahn gebrochen, dann durch die Ebene prangend fließt, ureigne Schöpfung, Ausdruck der überschwellenden Empfindung.“

Neben der Vernichtung der Nachahmung ergab sich aus Herders Lehre noch ein zweites Großes und Herrliches. „Wenn die Empfindung den Ausdruc schafft, wenn nicht das Wissen, sondern die heilige Empfindung, das freie lebendige Fühlen der Quel wahrer Poesie ist, wenn die erste Sprache überhaupt Poesie war, dann ist die Poesie „nicht Privatbesiß einzelner hervorragender, gebildeter Männer, sondern sie muß Welt- und Völkergabe sein"; damit war das größte Ergebnis Herderschen Denkens ausgesprochen, die Entdeckung der Volkspoesie.“ Nachdem Heinemann darauf hingewiesen, daß Herder nicht der erste war, der auf Lieder des Voltes aufmerksam machte, daß schon Montaigne in seinen Efsays davon gesprochen hatte und in England schon 1765 Percys Sammlung erschienen war, daß sich auch schon bei Hagedorn, Kleift und Lessing Interesse für das Volkslied gezeigt hatte, führt er aus, daß dennoch Herder der erste war, der zuerst die Bedeutung und den Wert der Volkspoesie feststellte und nicht bloß für die bis dahin geltenden Namen Reuterlied, Gassenhauer, Buhllied das einfach schöne Volkslied jeßte, sondern auch mit der Anschauung eines Gottiched und Nicolai für alle Seiten aufräumte, daß diese Dichtung eine Dichtung des Böbels und für den Pöbel sei. Die Verfündigung Herders, daß die Wahrheit der Darstellung, das lebendige Empfinden, das Konkrete, die lebendige Gegenwart der Bilder, der Zusammenhang der Empfindung und des Ausdrucs, mit einem Wort: die Unmittelbarkeit der Natur das Geheimnis des Volksliedes und seiner Erhaltung durch Jahrhunderte sei, wirkte tief und umgestaltend auf Goethes bisherige Anschauungen. Nun sammelt er auf seinen Streifereien durch das Elsaß Volkslieder und Voltsweisen, nun erkennt er, daß die Kunstpoesie nur gesunden könne, wenn sie auf die Volkspoesie zurüdgehe. Von demselben Standpunkte aus wie den Homer und Shakespeare betrachtet Herder die Bibel; er sieht in ihren poetischen Büchern, z. B. den Psalmen, die ältesten Urkunden der Volkspoesie und behandelt sie in wahrhaft wissenschaftlicher, geistvoller Weise litterarisch und ästhetisch. So hat Herder dem gesamten Deutschland den þomer, Shakespeare und den poetischen Gehalt der Bibel eigentlich erst erschlossen, und Goethe ging mit Begeisterung auf seine Gedanken ein. Auch Goethes Schrift von deutscher Baukunft" geht auf Herdersche Anregungen zurück. So zeigt þeinemann in klarer und begeisternder Darstellung, wie durch Ferders Lehre der Dichter und der ganze Mensch Goethe umgewandelt wurde. Er weist die tiefe Kluft auf, die zwischen Goethes Leipziger Standpunkte, wo ihm Wielands Mujarion als die herrlichste Verförperung der Antike erschien, und seinen Straßburger Anschauungen besteht, wo er in Homer und Pindar, Shakespeare und Dssian in schwärmerischer Begeisterung nicht etwa nachzuahmende Vorbilder, sondern die glücklichsten poetischen Köpfe ihres Volkes und ihres Zeitalters, nicht aber aller Völker und Zeiten sieht.

Eine Einwendung möchten wir aber hierbei machen. Heinemann führt auch die Meinung, daß die Dichtung der Ausfluß einer genialen Begabung, des Genius oder des Genies sei, auf Herder zurück. Diese Lehre war aber schon lange vor þerders Auftreten durch Klopstod ver: fündet worden, und das Erscheinen der drei ersten Gesänge des Messias

im Jahre 1748 hatte diese Lehre thatsächlich offenbart; sie ist außerdem der Kernpunkt von Klopstocks Gelehrtenrepublik, die Heinemann wie alle Goethephilologen mit Unrecht für ein abstruses Werk erklärt. Nur die Einkleidung ist sonderbar, die Gedanken sind aber vielfach herrlich und groß. Doch auch Klopstods Einfluß auf Goethe wird später von Heinemann mit liebevollem Eingehen dargelegt. Und so versteht es der Berfasser überall den Einfluß bedeutender Personen sowie insbesondere auch wichtiger Frauengestalten, z. B. Friederikes, der Frau von Stein, Christianes 2c. mit Klarheit und Wärme darzulegen.

Auf diese Weise gelingt es dem Verfasser, uns ein so klares und deutliches Bild der geistigen und menschlichen Entwicelung Goethes zu zeichnen, wie wir es in keiner der bisherigen Goethebiographien vorfinden. Heinemann versucht es, überall bis in das innerste Wesen Goethes vorzudringen, und wenn auch dieser Versuch selbstverständlich nicht immer gelingen kann, so bietet er uns doch ein Bild der inneren Wandlungen und Entfaltungen des Goethischen Wesens, wie wir es bisher mit Schmerzen in unserer Litteratur bermißten. Dazu kommt, daß uns Heinemann zugleich mit derselben Klarheit und demselben reinen Feuer der Begeisterung in die Entstehung, den Geist und die Bedeutung der Werke des großen Dichters einführt, sodaß wir neben der Person, dem Menschen, vor allem auch den Schöpfer unserer gewaltigsten Dichtungen in seiner Werkstatt vor uns sehen. Ganz besonders müssen wir hier den dritten Halbband hervorheben, wo das Zusammenwirken Goethes mit Schiller in wirklich einzig schöner Weise dargelegt wird. Wir fönnten jo noch viele Abschnitte des Heinemannschen Werkes hervorheben, j. B. die gehaltvolle Darlegung des "Aufbaues der Iphigenie (II, 3 flg.), des Tasjo (II, 25 flg.), des Faust (I, 302 flg., II, 171 flg., 413 flg.), der Lehr- und Wanderjahre (II, 133 flg., 402 flg.), die prächtige Schilderung der italienischen Reise und ihrer Einflüsse (1, 408—480), die frische und köstliche Darstellung der Reisen an den Main und Rhein und des Divans als einer deutschen Dichtung (II, 296 flg.) 20. Aber wir müssen uns hier mit dieser dürftigen Skizze begnügen. Möge fie dazu dienen, die Leser unserer Zeitschrift anzuspornen, dem Werke Heinemanns mit allem Nachdruck Eingang in jede gebildete deutsche Familie und in jede deutsche Schule zu verschaffen. Mit allen Mitteln der modernen Wissenschaft wohl ausgerüstet, überall auf dem sicheren Grunde der gegenwärtigen Forschung fußend, ist þeinemanns Goethebiographie ein Werk, das als ein sicherer Führer durch das Leben und Dichten unseres Dichterfürsten bezeichnet werden muß. Dabei hat Heinemann allen philologischen Notizenkram, all die mühselige Arbeit durd, das ungeheuer weitverzweigte Gebiet der Einzelforschung, die seiner zusammenfassenden Darstellung vorausgehen mußte, mit weiser Absicht wohlverbedt, sodaß der Unkundige kaum ahnt, welche Fülle von Belesenheit und Einzelstudium oft in wenigen Seiten dieses Werkes ftedt. So hat es þeinemann verstanden, uns ein künstlerisch entworfenes und ausgestaltetes Werf zu geben, das mit wissenschaftlicher Gründlichkeit eine edle, vom Feuer der Begeisterung bewegte Darstellung verbindet. Zweihundertachtundneunzig Abbildungen geben dem Buche zudem noch den besonderen und eigenartigen Reiz, den die unmittsbare Anschauung von Bildern der Personen und Gegenden, sowie von Handschriften und alten Dru(nachrichten zu geben vermag. Möchte Heinemanns Goethebiographie ihren Einzug bald in Haus und Schule halten. Der reiferen Jugend möge dieses Werk, das aus dem Unterrichte hervorgegangen und namentlich auch für den Unterricht bestimmt ist, ganz besonders in die Hand gegeben werden. Man wird mit ihm zum kommenden Weihnachtsfeste viel Freude bereiten können.

Bur kursädfischen Prinzenerziehung (?) und zu dem sog. „schwarzen Register“ auf der k. öffentlichen Bibliothek

zu Dresden. Mitgeteilt von Lheodor Diftel in Dresden. Die t. öffentliche Bibliothek zu Dresden besißt einen kleinen, diden Querband in schwarzem Leder, in welchem vorn von einer späteren Þand folgendes als „NB.“ eingetragen ist:

Dieß buch ist das Schwarze Register genennet worden, zur Seit als der Churfürst Johann Georg der Erste in seiner Jugendt scharff gehalten, so offte Er was vbels begangen, undt nicht lernen wollen, ift Er darinnen abgemahlet worden."

An verschiedenen Orten ist bereits über dieses Buch gehandelt worden. So heißt es z. B. bei Böttiger - Flathe: Geschichte von Sachsen II. (1870), 121 also:

,,Johann Georg I. ... scheint in seiner Jugend eine strengere Erziehung genossen zu haben, als jener [Christian II.). Noch befißt die Dresdener Bibliothek das schwarze Buch, in welchem sein Sofmeister Sebastian Leonhard die dem Prinzen dittierten Strafen zur warnenden Erinnerung bildlich dargestellt hat". Es folgen zwei Beispiele.

Diese Angaben sind jedoch, wie schon Reimann in seiner fleißigen, lehrreichen und manche Personalnachricht enthaltenden Programmarbeit: „Prinzenerziehung in Kursachsen am Ausgange des 16. Jahrhunderts nach archivalischen Quellen – (1874)" nachgewiesen hat, zu berichtigen.

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