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Johanna geboten, solche Wehrlose doch zu töten? Ist mit der Ergebung des Feindes nicht der Zweck des Krieges erreicht? Aber Johanna zwingt den Wehrlosen, die Wehr wieder zu ergreifen, damit sie ihn töten kann

das ist ein þinmorden, ein þinschlachten, das in keiner Weije Johanna geboten war. Wäre keine Barmherzigkeit, kein Versöhnen im Kriege möglich, so durfte Johanna auch den Kampf mit dem Herzog von Burgund nicht unterbrechen. Und wie sie selbst von den Engländern gefangen wird und die Soldaten reizt, sie zu töten, ermorden diese die Wehrlose nicht. Das Unmenschliche Montgomery gegenüber liegt gerade darin, daß sie ihn, der sich bereits ergeben, der die Waffen fortgeworfen hat, zum Wiederaufnehmen der Waffen und zum Kampfe zwingt, tamit sie so eine äußere Berechtigung hat, ihn zu töten – denn nun tämpft er ja mit ihr! Daß in folchem Verfahren ein Widerspruch mit dem Gebote der Mutter aller Gnade vorhanden ist, das liegt auf der Hand. Sie ist von Maria gesandt, ihres Volkes Feinde zu vertilgen, sie ist aber nicht gesandt, ,, alles Lebende" zu töten: in dieser, von Johanna allein herrührenden neuen Fassung ihrer Aufgabe spricht sich ein neues, ihren bisherigen Erfolgen entsprungenes, dem Gefühl ihrer unbedingten Überlegenheit schrankenlos entwachsenes neues Ziel aus, das ihr hochmütiges Herz mit der wirklich ihr gestellten Aufgabe sie verwechseln läßt.

Und diese Aufgabe, die Feinde der Schußheiligen von Frankreich zu vertilgen, war keineswegs eine unbedingte, eine schrankenlose: die Schranke stellt Maria felbst auf, wenn sie zu Johanna sagt: ,, Dieses Schwert um: gürte dir! Damit vertilge meines Volkes Feinde Und führe deines Herren Sohn nach Rheims, Und frön' ihn mit der königlichen Krone." Sobald sie dies vollendet hat, ist ihre Aufgabe gelöst, und in Augenbliden ruhiger Selbsteinkehr, in der Johanna fich ihrer Demut wieder bewußt wird, weiß sie sehr genau, daß ihre Aufgabe nicht weiter geht: wie Johanna unmittelbar nach der Annahme irdischer Erhöhung durch ihre Adelung den Rüdschlag irdischen Gebarens erfahren muß, indem zwei Männer um sie werben, der schon das begehrliche Auge der Männer „Grauen und Entheiligung" ist, und wie sie sich um so entschiedener der Lösung ihrer Aufgabe zuwendet, sagt sie: ,,Will es der fimmel, daß ich sieggetrönt Aus diesem Kampf des Todes wiederkehre, So ist mein Wert von: endet – und die ģirtin Hat kein Geschäft mehr in des Königs Haus." Wie ganz anders lautet dem Feinde gegenüber ihr Wort in dem Augen: blick höchster Entfaltung ihres Selbstgefühls: ,, Nicht aus den Händen Teg' ich dieses Schwert, Als bis das stolze England niederliegt!" So wandelt sich mit ihren Erfolgen in ihr die Auffassung ihrer Aufgabe: wo sie mit sich allein ist, wo sie dem Feinde entgegentritt, bricht schranken: los der Hochmut hervor und trübt das Bild der reinen Seele, deren Besig ursprünglich die Gnade der Jungfrau Maria auf sie gelenkt hat und deren Trübung ihr nun den Zorn und die Strafe der heiligen Jungfrau zuzieht.

Eine Frage von entscheidender Bedeutung für das richtige Verständnis des Hauptproblems des Dramas ist das Verhältnis der beiden Erzählungen von Johannas Berufung zu ihrem Amte. Vollständig aus- : geschlossen ist die Annahme einer wirklich doppelten Berufung, einmal durch Maria und einmal durch Gott selbst. Nachdem Maria dreimal hatte erscheinen müssen, um Johannas mangelndes Vertrauen zu überwinden, nachdem sie beim dritten Male zürnte und scheltend gesprochen, dann aber, zur Bewahrheitung ihres Wortes, sich Johanna in der Verklärung gezeigt hatte, ist es ganz undenkbar, daß es nun noch einer neuen Berufung durch Gott selbst bedurft hätte. Zudem hat Maria ausdrücklich erklärt: ,,Steh auf, Johannal Dich ruft der Herr zu einem andern Geschäft." Maria erscheint hier also, um den Willen Gottes zu verkünden, dessen Zustimmung fie durch ihre Fürbitte erlangt hatte: diese Stellung Marias und ihr Auftreten ist nur aus ihrem besondern Verhältnis zu Frantreich als seiner Schußpatronin zu verstehen (vergl. D.S.S.5). Verkündet aber Maria den Entschluß Gottes, so ist es durchaus undenkbar und besonders mit der Würde Gottes vollständig unvereinbar, daß Gott noch einmal selbst erschiene. Es ist also ein und derselbe Vorgang, der zweimal erzählt wird, und zwar in veränderter Fassung.

Zunächst wird es sich nun fragen, welche der beiden Fassungen die ursprünglichere ist. Bei der entscheidenden Stellung, die die Jungfrau Maria Johanna gegenüber einnimmt, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Fassung, in der die Jungfrau Maria als die Beruferin erscheint, die ursprüngliche, die den wirklichen Thatbestand gebende Darstellung ist. Hier wird Johanna die Fahne, hier das Schwert verliehen, hier wird ihre Aufgabe klar gestellt und scharf umgrenzt. Es ist damit zugleich klar, daß die im Gange des Dramas an zweiter Stelle zur Erzählung gelangende Fassung der Berufung die dem historischen Verlaufe nach ältere ist, daß also die im Drama zuerst gegebene Erzählung eine zeitlich spätere Fassung giebt: sie ist also eine Umgestaltung der im Drama an zweiter Stelle erscheinenden Darstellung.

Warum giebt aber der Dichter die wirkliche Thatsache in einer umgestalteten Fassung? Man kann dafür zunächst die sogenannten fünstlerischen Gründe hervorheben: eine Wiederholung wäre langweilig gewesen, während die spätere erste Fassung der früher erzählten zweiten Fassung gegenüber eine bedeutende Steigerung der Wirkung enthält. Man kann das zugeben und doch überzeugt sein, daß diese Gründe nur nebensächlich mitwirkten. Es ist das Zeichen des echten und wahrhaft großen Künstlers, daß er die durch äußern Zwang gegebenen Verhält: nisse so ausnüßt, daß dadurch eine Erhöhung und Bereicherung des künstlerischen Gehaltes eintritt. Der Dichter war gezwungen, um uns das Auftreten Johannas begreiflich werden und einen Erfolg als wahrscheinlich vorausseßen zu lassen, schon im Prolog ihre himmlische Berufung zu erzählen. Hätte er in der Art der Erzählung nur eine Variierung eintreten lassen, um die Wiederholung zu vermeiden, so wäre dies ein Verfahren, wie es allerdings dem Handeln des kleinen Künstlers entspricht, der sich nicht scheut einen Schritt zweimal zu thun, ohne darin einen Fortschritt zu zeigen. Schiller aber zeigt diesen Fortschritt: in feiner Szene ist Johanna dieselbe – stets tritt mit ihrem Erscheinen ein Fort: schreiten ihrer innern Entwickelung auf, sei es treibend, sei es hemmend. Und so benußt Schiller die historisch spätere Fassung der Erzählung, um uns sofort in eine Seelenstimmung der Johanna zu verseken, die historisch hinter der im Drama später kommenden, thatsächlich einen früheren Seelenzustand der Johanna darlegenden Fassung auftritt. Hier, im Prolog, wo Johanna mit sich allein ist, giebt sie uns die Gestaltung der Berufung, die diese in Johannas unablässig weiter arbeitender Phantasie angenommen hat. In den stillen Stunden ihres Grübelns und Sinnens, die zwischen der Nacht der Berufung und dem Tage des Aufbruchs liegen, hat sie sich die Zukunft dem Trachten ihres Herzens gemäß weiter ausgemalt. Das ist eben das Große von seiten des Dichters, daß er Johanna nicht als blindes Werkzeug hinstellt, sondern als ein individuell empfindendes Wesen, für das wir eben deshalb per: sönliche Sympathie haben können. Wäre sie eine rein heilige Natur gewesen, fo hätte sie anfangs nicht gezaudert, dem Rufe der Maria zu folgen. Aber selbst der Göttlichen gegenüber bewahrt sie sich ihre per: sönliche Auffassung: darin liegt der Heim für ihr Vergehen gegen die Gottheit, die ein blindes Werkzeug will. Erst durch den Zorn und die Verklärung der Maria wird Johanna zum Gehorsam gebracht. Aber diese individuelle Auffassung tritt sofort wieder in ihr Recht: ihre rege Phantasie malt sich die Berufung weiter aus. Maria hatte gesagt: ,,Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft": nun, im Prolog, läßt Johanna Gott selbst, nicht mehr eine Mittelsperson zu sich sprechen; fie stellt sich neben Mose und David, fie malt sich die Wirkung ihres Auf: tretens inmitten der Kleinmütigen aus: sie wird dem Feinde gegenüber kriegerische Erfolge haben und wird so verklärt vor allen Erdenfrauen stehen, von denen teine je gleiche kriegerische Ehren erlangt hat, wie sie sie erlangen wird. Sie gefällt sich in diesem Gedanken irdischer Größe, und eben deshalb ist die Übertragung der indirekt von Gott ausgehenden Berufung auf eine direkte Berufung durch Gott und das selbstgefällige

Spiel mit der Freude an den bevorstehenden kriegerischen Ehren ein erster Schritt auf dem Wege von der Demut zu dem endlich ungehemmt hervorbrechenden schrankenlosen Selbstgefühl, dem gerade in der mittelalterlichen Anschauung recht eigentlich als eine Hauptsünde, wenn nicht als die Hauptsünde geltenden Hochmute. Von seiten des Dichters aber ist es ein nicht hoch genug zu schäßender Kunstgriff, daß er uns selbst die Charakterentwidelung allmählich aufbauen läßt, indem er hier den bereits fortgeschrittenen Seelenzustand schildert, während Johannas Vorzüge uns aus dem Mund anderer bekannt werden, daß er aber da, wo Johanna fremd unter Fremden steht, durch Hervorkehrung des ursprünglichen reinen und lautern Gemütsiebens Johannas uns den Ausgangspunkt giebt, von dem aus Johannas Berufung und seelische Entwidelung allein möglich ist. Was Schiller für die Darstellung der äußern Entwicelung eines Menschengeschickes der Odyssee abgelauscht hatte, das verwendet er hier für die höhere Stufe der seelischen Entwickelung: wir müssen uns den historischen Fortgang aus den nicht in zeitlicher Folge gegebenen Elementen selbst aufbauen. Eine solche Gestaltung des Stunstwerkes ist fünstlerisch eine höhere: sie seßt aber auch bei den Aufnehmern der Dichtung eine gesteigerte Fähigkeit der fünstlerischen Nachgestaltungskraft voraus.

Erst wenn man den Grundgedanken der Entwicelung des seelischen Prozesses zum Ausgangspunkt nimmt, gelangt man zur wirklichen Erkenntnis des großartig durchgeführten künstlerischen Aufbaues des Dramas. Es zeigt sich dann die Gliederung in die drei großen Massen, die Entwickelung der Demut zum Hochmut, die Entziehung der Gnade der Jungfrau Maria, die Demütigung der Johanna. Damit aber diese Demütigung eintrete, genügt das einfache Entziehen der Gnade der Maria nicht: die erzürnte Himmelskönigin straft auch positiv, erst durch das Zulassen des höllischen Geistes in der Gestalt des schwarzen Ritters, und wie dieses Mittel erfolglos bleibt, trojdem es schon durch das Schweigen des Prophetengeistes in ihr sehr kräftig wirken mußte, durch die Erwedung der sinnlichen Leidenschaft. Jezt endlich kommt Johanna zur Besinnung. Naturgemäß sieht sie ihre Verschuldung in dem Zunächstliegenden und hält zuerst fälschlich eben diese sinnliche Leidenschaft für die Verschuldung selbst; erst allmählich kommt sie zu der wahren Erfenntnis ihrer Verschuldung, die in ihrer eitlen Überhebung liegt: damit beginnt der Entschluß zur Buße, die darin gipfelt, daß sie mit Unterdrückung alles persönlichen Willens ein blindes Werfzeug in der Þand der Gottheit wird: (,, Verdient' ich's, die Gesendete zu sein, Wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte?" V, 4). Was sie nicht durch ihre Natur gewesen ist, das wird sie durch einen fittlichen Prozeß, sodaß sie am Ende ihrer Laufbahn sittlich weit höher steht, als wenn sie von Anfang an durch ihre Natur ein solches blindes Werkzeug hätte sein können. Die Prüfungen, ob diese so erkämpfte Gesinnung eine echte ist, bleiben nicht aus. Ihre Steigerung bis zur flaren Darlegung, daß fie auch das in der finnlichen Leidenschaft hervorgebrochene persönliche Wollen überwunden hat, zeigt wieder Schiller als den genialen Führer einer dramatischen Entwickelung. Diese legte Prüfung hat die Wiedererlangung der Gnade Marias zur Folge, die sich darin äußert, daß, nachdem Johanna die Rettung des Königs und dadurch die Erhaltung der in Rheims erreichten Krönung vollbracht hat, sie in den Himmel aufgenommen und den irdi: schen Kämpfen entrückt wird. Für die Einzeldurchführung dieses Prozesies darf ich mich auf die Einleitung zu meiner Ausgabe (D. S. S. 1—21) und auf die sich daran schließende Übersicht des dramatischen Aufbaues (S. 22-23) berufen.

Gelingt es dem Lehrer bei der Behandlung dieses Dramas in der Klasse dem Schüler das Bewußtsein eines solchen Aufbaues eines dich terischen Kunstwerkes zu geben, so wird damit nicht nur der Dichter in dem Wesen seines künstlerischen Schaffens zur Wertschägung gebracht — es gewinnt vor allem der Schüler die Einsicht in einen Organismus, dessen Gliederung durchsichtig ist und für dessen Gestaltung die Gründe erkennbar und greifbar sind. Das Kunstwerk ist eben ein Mikrokosmos, der auf dem Boden des menschlichen Geistes geschaffen ist und eben darum von diesem nach seiner künstlerischen Seite hin auch wieder erfaßt werden kann. Hierin liegt aber ein pädagogischer Vorzug des Kunstwerkes vor dem Naturwerk, bei dem zwar die mechanischen Seiten gleichfalls flar gelegt werden können, bei dem aber das Warum und das Wozu sich in einen Schleier hüllen, den zu heben dem Menschen nicht vergönnt worden ist.

Nach welchem Grundsatz sind die griechischen und römischen Eigennamen zu sprechen und zu schreiben?

Von 6. Draheim in Berlin. Wir schlagen ein Geschichtswerk auf und lesen darin von Alcibiades und Marc Anton, wir schlagen ein anderes auf, lesen von Achilles und Odysseus oder von Carthago und Korinth, wir schlagen Schillers Gedichte auf und finden ulyß und Jbykus. Schrecklich für einen konsequenten Schulmeister, und konsequent wollen wir doch sein, wenn wir Schul: meister sind. Die Griechen schrieben Jbykos, die Römer Karthago; wer Korinth schreibt, muß auch Alkibiades schreiben; wer Odysseus sagt, muß auch Achilleus sagen; wer Anton sagt, sage auch Achill. Wer aber

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