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der Sächsischen Sejellschaft der Wissenschaften an ein solches Werk stellte, war ihon lange von den Freunden unserer flassischen Dichtung ersehnt und für Schule und þaus erwünscht. Beiden Wünschen bietet sich nun die vorliegende illustrierte Goethebiographie Heinemanns dar, die mit einer eingehenden Darstellung des Lebens und der Werke Goethes eine trefflich ausgewählte Reihe von eingestreuten Abbildungen verbindet.

Zunächst schildert þeinemann die Vorfahren und Eltern Goethes. Die norddeutsche Herkunft des Geschlechtes der Goethe wird erwähnt, indem darauf hingewiesen wird, daß der Urgroßvater Goethes, der þufschmied Fans Goethe, in Sangerhausen geboren war. Später zog er nach Artern an der Unstrut, und eine Abbildung zeigt das schlichte Bauernhaus, das wir als Stammhaus der Familie Goethe in Urtern an der Unstrut verehren. Der Sohn dieses Þufschmiedes, Goethes Großbater Friedrich Georg Goethe, der 1657 in Artern geboren war, wurde Schneider. In liebevoller Weise schildert Heinemann die Thatkraft und den Fleiß dieses Mannes, der durch rastlose Arbeit den Grund zu dem Bermögen der Familie Goethe legte und stets von einem Streben nach Höherem beseelt war. Nach mehrjährigem Aufenthalte in Frankreich ließ fich Friedrich Georg Goethe, etwa im Jahre 1686, in Frankfurt am Main nieder. Anfangs erging es ihm recht fümmerlich. Als er sich im Jahre 1687 mit Anna Elisabeth, der Tochter des Schneidermeisters Luß, dermählte, war sein Einkommen noch sehr gering und noch 1691 betrug es nicht über 300 Gulden. Aber im Jahre 1704 gehörte er bereits zu den Höchstbesteuerten Frankfurts, deren Einschaksumme mindestens eine Höhe von 15000 Gulden hatte. Im Jahre 1700 starb seine Frau und nach vierjährigem Witwerstande vermählte er sich zum zweiten Male. Seine zweite Frau war die damals 36 jährige Witwe Cornelia Schelhorn, gleichfalls die Tochter eines Schneiders, die mit dem Stallknecht und späteren Gasthofsbesiker Johannes Schelhorn verheiratet gewesen war. Dieser hatte ihr den Weidenhof (ießt Zeil 68 und 70) hinterlassen, und außerdem hatte sie auch von ihrem Vater ein būbiches Bermögen ererbt. Aus dieser zweiten Ehe ging der Sohn Johann Kaspar, der Vater Goethes, hervor, der im Jahre 1710 geboren wurde. Im Jahre 1730 starb der Großvater unseres Dichters, und die Großmutter bewirtschaftete den Gasthof noch bis zum Jahre 1735 und zog in das bekannte Haus auf dem Firschgraben, das wir heute als Goethehaus verehren und das sie im Januar 1733 für sich und ihren Sohn gekauft hatte. Eine Abbildung stellt das Goethehaus in Frankfurt am Main vor dem Umbau dar, auch eine alte Ansicht von Frankfurt am Main aus dem Jahre 1552 mit dem Hirschgraben und den darin befindlichen Hirschen ist beigegeben. Johann Kaspar Goethe besuchte nun seit 1725 das Gymnasium zu Roburg und studierte später in Leipzig und Gießen die Rechtswissenschaft. Nach kurzem Aufenthalte an dem Reichstammergericht in Weßlar promovierte er 1738 in Gießen. Er bereiste zu seiner weiteren Ausbildung Italien, Frankreich und Holland und kehrte dann nach Frankfurt zurück, um sich dort um ein fleineres städtisches Amt zu bewerben. Er wollte auf diesem Wege allmählich in die regierenden Geschlechter Frankfurts aufsteigen. Obwohl er auf jeden Gehalt verzichtete, wenn man ihn ohne Kugelung in das Amt einseßte, wurde der Schneiderssohn doch zurüdgewiesen. Hierdurch schwer gefränkt sah er von jeder weiteren Bewerbung um ein städtisches Amt ab und kaufte sich im Jahre 1742 vom Kaiser Karl VII. den Rang und Titel eines kaiserlichen Rates. Nun stand er den Ratsherren Frankfurts im Range gleich und wurde daher auch von einer der ersten Familien der Stadt als Bewerber um die band der Tochter des Hauses willkommen geheißen. An der Spiße der Verwaltung der freien Reichsstadt Frankfurt am Main stand der Stadtschultheiß Johann Wolfgang Tertor. Dieser war nicht vermögend, besaß aber vier Töchter, und so war ihm der reiche kaiserliche Rat Goethe als Schwiegersohn nicht unwillkommen. Am 20. August 1748 vermählte sich Johann Caspar Goethe mit Catharine Elisabeth Textor, die, am 19. Februar 1731 geboren, einundzwanzig Jahre jünger als ihr Gatte war. Die Familie Textor war eine süddeutsche Gelehrtenfamilie, und schon der Urahne dieses Geschlechts, Georg Weber, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Weikersheim an der Tauber lebte, besaß gelehrte Neigungen; denn er war es, der den deutschen Namen Weber in den lateinischen Textor umwandelte. Der Enkel dieses Weber, Johann Wolfgang Tertor, der Ururgroßvater unseres Dichters, war Professor der Rechtswissenschaft in Altorf und Heidelberg und wurde 1691 als Syndikus nach Frankfurt am Main berufen. Dessen Sohn, der Frankfurter Advokat Christoph Heinrich, vermählte sich mit der Tochter des Frankfurter Handelsmannes Johann Nicolaus Appel, und am 12. Dezember 1693 wurde diesem Ehepaare Johann Wolfgang Teytor, der spätere Stadtschultheiß von Frankfurt und Vater der Mutter des Dichters, geboren. Er studierte seit 1712 in Altorf die Rechtswissenschaft und promovierte dort 1717. Dann ging er an das Reichskammergericht nach Weßlar als Kameraladvokat; hier vermählte er sich 1727 mit Anna Margareta Lindheimer, der damals siebzehnjährigen Tochter des gleichfalls aus Frankfurt gebürtigen Kammergerichtsprokurators Cornelius Lindheimer. Kurz nach seiner Vermählung wurde Textor im Dezember 1727 als Mitglied des Rates nach Frankfurt berufen und bezog dort das elterliche Haus auf der Friedberger Casse. Bald stieg er zum Schöffen, dann zum älteren Bürgermeister und endlich am 10. August 1747 zum Stadtschultheißen empor. Sowohl von Goethes Ururgroßvater Johann Wolfgang Tertor, wie von des Dichters Großvater Johann Wolfgang Textor und der Großmutter Anna Margarete Textor, ebenso von Goethes Vater und Mutter sind charakteristische und gut ausgeführte Bilder in den Tert eingefügt.

So führt uns Heinemann in eingehender Weise die Ahnen Goethes vor und zeigt, wie Nord und Süd, wie bandwerker und Gelehrtenstand in Goethes Vorfahren sich in schöner Weise verschmelzen. Er schildert dann lebensvoll die Charakterzüge des Vaters und der Mutter. Die ernste Beharrlichkeit und Gediegenheit des Vaters, sein überaus starkes Pflichtgefühl, seine Bedürfnislosigkeit, seine strenge Auffassung des Lebens und unerbittliche Konsequenz werden ebenso eingehend dargelegt wie die Frohnatur, Frömmigkeit und dichterische Begabung der Mutter. Auch der Einfluß der Vaterstadt auf den Dichter wird genau untersucht und nachgewiesen. Eine kurze Darlegung der geschichtlichen Entwickelung Frankfurts und der Bedeutung dieser Stadt giebt einen Einblic, wie auch hier Vergangenheit und Gegenwart wunderbar ineinanderflossen. Die Handelsstadt und die Krönungsstadt, die von Mauern, Wällen und Gräben umschlossen ist und der die altertümliche Bauart der Häuser, die engen, winkeligen, zum Teil durch Verbindungsgänge überbrüdten Straßen, die abgeschlossene Judengasse ein eigenartiges Gepräge gaben, tritt uns in den Schilderungen Heinemanns klar und deutlich entgegen. Ein großer Stadtplan von Frankfurt a. M. aus dem 18. Jahrhundert, das damals 3000 Häuser und ungefähr 33000 Einwohner besaß, ist beigefügt, ebenso find Abbildungen von der Friedberger Warte, der Sachsenhäuser Warte, der Judengasse, der Zeil und der Aussicht vom Giebelzimmer des Goethehauses eingestreut. Auch die Schattenseiten des Frankfurter Lebens werden nicht verschwiegen: der beschränkte Partitularismus, die Einseitigkeit in religiöser Beziehung, die Hinneigung zu Paris und zu französischem Wesen, die Abneigung gegen Preußen, an der Goethe sein Leben lang festgehalten hat, werden in scharfen Umrissen gezeichnet. Ich hebe als Beispiel der trefflichen Schilderungsweise Heinemanns die Darstellung der Judengasse aus: ,, Neben Hamburg war Frankfurt eine Hochburg der Orthodoxie. Daß diese ihre religiöse Unduldsamkeit besonders den Juden gegenüber zeigte, ist leicht erklärlich. Ursprünglich in günstiger Lage und unter den Schuß des Reiches ge: stellt, wurde ihnen schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts dieser Schuß geraubt und bald darauf ein besonderer Wohnsiß angewiesen in der neuen Judengasie, die auch Neu- Ägypten genannt wurde, in der fie 334 Jahre bleiben sollten. Die Gasse war sehr flein; sie umfaßte 1811 159 Häuser, in denen nicht weniger als 2214 Menschen wohnen mußten. Einer Übervölkerung wurde dadurch vorgebeugt, daß nur 12 jüdische Ehen im Jahre geschlossen werden durften. Finster und unwohnlich, an drei Seiten durch Thore geschlossen, die Wochentags auch nur bis Sonnenuntergang geöffnet waren, hatte die Judengasse meist nur eine Breite von 12 Fuß und war von beiden Seiten mit hohen, dicht aneinander stoßenden Häusern bebaut. Es war ein ungesunder, falter und enger Wohnsiß. Sich wo anders der frischen Luft zu erfreuen, wurde den Bewohnern sehr erschwert. Rein Jude durfte die Stadtallee, die zu Passagen benugten Kreuzgänge der Kirche oder des Pfarreisens oder den Holz- oder Zimmergraben oder den Römerberg außer der Ostseite betreten. Besondere Erkennungszeichen machten die Juden jedem kenntlich. Sie zu beschimpfen und zu schmähen hielt der Bürger für ein gutes Werk. Auch glaubte sich jeder Christ beberechtigt, einen Juden zu duzen. Der Rat sogar verschmähte es nicht, das Schandbild am Thor unter dem Brüdenturm an einer Bogenwand, das zu ihrer Mißhandlung aufforderte, noch 1747, als es zerstört worden war, zu erneuern. Es war wiederum eine andere Welt, die hier dem Knaben entgegentrat: Ein Stück Barbarei und Mittelalter in der Zeit der Aufklärung. Troß der bösen Urteile über sie, troß des Schmußes und der Enge ihrer Gasse ruhte er nicht, bis er ihre Sitten und Einrichtungen kennen gelernt hatte, achtungswerte Menschen, thätig und gefällig, die ihn freundlich aufnahmen und zur Wiederkehr einluden."

Nach allen Richtungen hin baut so Heinemann den Untergrund aus, um auf dieser festen und sicheren Grundlage nun die Kindheit und Jugend Goethes, wie sie sich unter diesen verschiedenen Einflüssen gestaltete, mit klaren Strichen zu zeichnen. Es ist ihm so in meisterlicher Weise gelungen, das Milieu, die Umwelt der menschlichen und dichterischen Entwicelung Goethes darzulegen und für seine Darstellung fest: zuhalten. Genau wie hier verfährt er auch bei der Schilderung aller späteren Lebensabschnitte des Dichters. Wie hier Frankfurt stellt er weiterhin Leipzig, Straßburg, Sejenheim, Weşlar, Weimar, Tiefurt, die Hauptpunkte seiner italienischen Reise, Karlsbad, die Hauptpunkte der Reise am Rhein, Main und Nedar (besonders die Gerber: mühle bei Frankfurt am Main) u. a. dar, überall die Schilderung durch zahlreiche eingefügte Abbildungen unterstüßend. Wir sehen in diesem genauen Eingehen auf die Örtlichkeiten, an denen sich wichtige Ereignisse aus Goethes Leben abspielten, einen besonderen Vorzug des Heinemannschen Werkes; eine solche lebensvolle Anschaulichkeit in Bezug auf die Schilderung der Umwelt Goethes finden wir in keiner der bisher erschienenen Goethebiographien. Und ebenso lebendig stelt der Verfasser die verschiedenen Lebensfreise dar, in die Goethe in seinem

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reichbewegten Leben eingetreten ist. Wir heben hier eine der Glanzstellen des Heinemannschen Werkes als Beispiel dieser Schilderungsweise hervor: den Eintritt Goethes in den Straßburger Kreis, wo er mit Salzmann, Weyland, Jung Stilling, Lerse und vor allem mit Herder, sowie später mit der Familie Brion in Sefenheim bekannt wurde. So wird hier, wie þeinemann sonst die Vorfahren Goethes oder einen Ort, an dem Goethe sich aufhielt, genau schildert, þerders Persönlichkeit, sein Lebens- und Bildungsgang mit kurzen, kräftigen Strichen entworfen, so flar und fest, daß wir diesen Mann in sicheren Umrissen vor unserm geistigen Auge stehen sehen. Neben diesen ernsten jungen Mann, der durch seine gewaltigen Ideen der Reformator der deutschen Geisteswelt werden sollte, tritt nun der leichtlebige, verwöhnte, von Männern und Frauen verhätschelte Wolfgang, noch so findlich, daß er immer aufgelegt war, „ närrisch Zeug zu machen, zu hüpfen und bei einem kleinen Vorfalle sehr laut zu trähen oder ein anderes Mal um den Tisch zu tanzen und Gesichter zu schneiden.“ Mit feinem Sinne wird dargelegt, wie Herder in allen seinen Briefen aus Straßburg Goethes gar nicht gedenkt, obwohl dieser doch täglich in Herders Arankenstube im Gasthof zum Louvre (ießt Salzmanngasse Nr. 7) kam und nicht müde ward, trotz aller Grillen und Launen des Aranken ihm Gesellschaft zu leisten, wie Herder nur þohn und Spott für Goethe hatte und den Flatterhaften mit beißendem Wiß kurierte, wie aber troßdem Goethe monatelang den Spott ertrug und mit ganzer Seele an Herder hing um der neuen großen Gedanken willen, die von diesem Genius auf Goethe überströmten. Diese neuen gewaltigen Gedanken, aus denen unser modernes Geistesleben hervor: gegangen ist, faßt Heinemann mit Recht in die Worte: Forderung einer kunst auf nationaler Grundlage und Pflege des Nationalen und Individuellen. Herder wandte fich von den Franzosen ab, weil deren Dichtung, Wissenschaft und Kunst der nationalen Grundlage entbehrte, weil diese ein fremdes Volk, die Griechen, als ihren Führer und Lenker erforen hatten. Goethe, der bisher sowohl in Frankfurt als namentlich auch in Leipzig ganz französischem Vorbilde gefolgt war, warf hier in Straßburg, von Herder dazu getrieben, alles französische Wesen über Bord, das ihm auf einmal talt und abgelebt erschien. Während Lessing in seiner Þamburgischen Dramaturgie das Signal zur Verehrung Shakespeares in Deutschland gegeben und Shakespeare neben Sophokles gestellt, die Frage aber, in welcher Weise wir diesen Mustern nacheifern sollen, offen gelassen hatte, zeigt Herder, daß beide darum so groß und herrlich und doch in ihrer Kunst himmelweit verschieden sind, weil beide auf natürlichem, nationalem Boden erwachsen sind. „Beide folgen den Forderungen ihres Volfes, ihrer Zeit und ihrer Anschauung. Dort die

Seitiór f. d. deutschen Unterricht. 10. Jahrg. 1. Heft.

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