Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

Dieses Unrecht zu fühnen, that ich sofort die geeigneten Schritte

. Indem ich dem Verleger des Briefwechsels die Thatsachen mitteilte, stellte ich ihm für eine sofortige Neuausgabe meine Arbeitskraft und mein Material ohne jede Gegenleistung zur Verfügung. Seine Antwort lautete ablehnend für die Gegenwart, tühl vertröstend auf die Möglichkeit einer neuen Ausgabe in einer fernen Zukunft. Ich begnügte mich also zunächst damit, im zweiten Bande des Bismard-Jahrbuches einige der schwersten Fehler durch Neuausgabe der Briefe zu verbessern. Durch diese Veröffentlichung aber fam die Sache ins rechte Geleise. Sie erregte das Interesse des Fürsten Bismard, und bei einem Besuche in Friedrichsruh durfte ich Sr. Durchlaucht die Beweise für die Untauglichfeit jener ersten Publikation vorlegen. Se. Durchlaucht beauftragte mich alsbald mündlich mit einer Neuausgabe der Briefe und wiederholte diesen Auftrag wenige Tage später in folgendem Schreiben:

Friedrichsruh, den 10. Dez. 1895.

Geehrter Herr Doktor, ich bin damit einverstanden, daß Sie meine Ihnen zugänglichen Briefe an den General v. Gerlach nach dem Text der Originale omissis omittendis nach Ihrem Ermessen herausgeben. Stellen, die noch lebende Leute oder deren Familien mit Recht verlegen könnten, müssen natürlich zurüdgehalten werden.

v. Bismard. Den Text der Briefe Bismards habe ich aus den Originalen und den im Besiße des Fürsten Bismarck befindlichen Konzepten, die ich zum Vergleiche mit heranziehen durfte, möglichst getreu herausgegeben.“

So weit Þorst Kohl. Wir haben uns der Mühe unterzogen, die vorliegende Kohlsche Veröffentlichung und die im Verlage von Wilhelm þerz erschienene Ausgabe des Briefwechsels zu vergleichen und haben in allen Punkten das Urteil Kohls bestätigt gefunden. Das deutsche Volt hat ein Recht zu verlangen, daß bei einer Veröffentlichung von Briefen Bismards auch die Eigentümlichkeiten seiner Schreibweise nach Möglichkeit bei: behalten werden; denn auch diese gehören zu dem Gesamtbilde der welt: geschichtlichen Persönlichkeit, und intimere Charakterzüge lassen sich oftmals aus solchen Eigentümlichkeiten erkennen; jedenfalls aber geben sie dem Werke jenen historischen Duft, den nur pedantische Nivellierungssucht mit plumper Hand abstreift. Wir sind Horst Kohl von ganzem Herzen dankbar, daß er uns hier wieder den echten und unverfälschten Bismard sehen läßt und nicht duldet, daß flüchtige Buchmacherei die Persönlichkeit Bismards in entstelter Form vor die Augen des Volkes zu bringen sucht. Es ist ja eine der allergröbsten litterarischen Unarten, verschiedene Reden oder Briefe einer geschichtlichen Persönlichkeit unter willkürlichen Beglassungen, die gewöhnlich einzig und allein durch den geschäftlichen Grundsaß hervorgerufen werden, ein handliches, leicht verkaufbares Buch zu stande zu bringen, in eine Rede oder einen Brief zu verschmelzen. Frühere Ausgaben von Reden Bismards und, wie wir hier sehen, auch von Briefen haben darin geradezu Haarsträubendes geleistet, und es ist ein gar nicht genug anzuerkennendes Verdienst Horst Kohls, daß er solchen Entstellungen entgegentritt und uns die authentischen Texte darbietet. Zu einer wissen: schaftlichen Verwertung eignen sich natürlich nur solche Ausgaben, die man mit dem Vertrauen in die Hand nehmen kann, daß der øerausgeber überall bis ins Kleinste Zuverlässiges bietet. Für die Reden liegt uns die monumentale Ausgabe Kohls vor, und nun regt sich in uns der lebhafte Wunsch, bald eine gleich getreue und genaue Ausgabe jämtlicher Briefe Bismards zu erhalten. Ich kann selbst ein Lied davon singen, wieviel Ürger uns ungenaue Ausgaben bereiten können. Seit Jahren habe ich mich, schon vor dem Erscheinen der Rohlichen Ausgabe der Reden, eingehend mit der Sprache Bismards beschäftigt, aber alles gesammelte Material habe ich nach dem Erscheinen von Kohls Ausgabe nochmals nachprüfen und dabei einen außerordentlich großen Teil davon verwerfen oder berichtigen müssen. Das Bild der Sprache Bismards ist auf Grund der authentischen Texte Kohls ein ganz anderes geworden, als es mir vorher in den früheren Ausgaben der Reden entgegentrat. Wann wird man endlich allgemein bei solchen Publikationen die Fähigkeit wissenschaftlicher Beobachtung und Wiedergabe bekunden und mit dem Gefühle wissenschaftlicher Verantwortlichkeit arbeiten? Wir sind leider noch weit davon entfernt, daß die Herausgeber solcher Zeugnisse und Urkunden allgemein ihren allzusubjektiven Standpunkt aufgeben und sich auf den festen Grund objektiver Darstellung begeben. Gerade das, was solche subjektive Geister als wertlos oder interesselos weglassen, bietet oftmals für den Renner den Schlüssel zu wichtigen Erkenntnissen.

Es ist daher hocherfreulich, daß uns Kohl hier die Briefe Bismarcks in unentstellter Form dargeboten und uns dadurch wertvolle Grundlagen für wissenschaftliche Bearbeitungen und Darstellungen geliefert hat. Die Briefe Gerlachs hat er mit Recht weggelassen, um mehr Raum für die Briefe Bismards zu gewinnen. Hat er doch dafür im zweiten Bande des Bismardjahrbuches die in der Verkíchen Publikation als nicht vorhanden bezeichneten Briefe Gerlachs aus den Jahren 1855–1858 in genauer Wiedergabe nach den Originalen veröffentlicht. Die vor: liegenden Briefe Bismards find nach vier Seiten hin von hohem Werte: 1. durch ihren politischen Gehalt, 2. als Zeugnisse der Zeitgeschichte, durch die Vorgänge, Personen, Verhältnisse oft in geradezu föstlicher Weise gekennzeichnet werden, 3. als Offenbarungen der Persönlichkeit Seitschr. f. 6. deutschen Unterricht. 10. Jahrg. 5. u. 6. þcft.

28

Bismarcs, sowohl als Zeugnisse seines gesunden Fühlens und Denkens, wie seiner Beobachtungs- und Charakterisierungsgabe, seiner Schlagfertigkeit und Gewandtheit, seines Geistes und Wißes, seines unverwüstlichen þumors, seiner tiefgegründeten nationalen Anschauungsweise und seines warmen vaterländischen Empfindens, 4. als neue Beweise seiner sprach: lichen Meisterschaft, seiner hinreißenden Sprachgewalt und seiner durch und durch charakteristischen Ausdrudsweise.

Wir wollen alle vier Gesichtspunkte durch einige Beispiele belegen. 1. Politisches. Sehr fesselnd ist, was Bismard in dem Briefe vom 28. Dezember 1851 über den Staatsstreich Napoleons (vom 2. Dezember) äußert: „Der erste Eindruck, den mir der zweite December machte, war ein gemischter, ähnlich dem, als das Gehöft eines mir benachbarten Demokraten und Leuteschinders brannte; der Anteil des Ormuzd in mir fand das Schauspiel peinlich, während Ariman in den dunkeln Winteln meines Herzens ein uneingestandenes Behagen verbreitete, gemischt aus der befriedigten avidité d'émotions und dem Gedanken, daß es nicht mich, und daß es gerade diesen traf. So dachte ich mir Frankreich unter dem Gesichtspunkte fiat experimentum in corpore vili; Gott zeigt uns, wohin das führt, wenn ein Volk das Festland der Legitimität steuerlos verläßt, um sich dem Malstrom der Revolution anzuvertrauen.

Wie Hamlet, nachdem er den konstitutionellen Philister Bolonius erstochen hat, zu seiner Mutter, so mag auch der Präsident zu Frant: reich sagen: a bloody deed, almost as bad, good mother, as kill a king and marry with his brother, wobei ich den hinkenden Vergleich dahin ausdehne, daß ich den brother durch den cousin, ħamlets Stiefvater durch Louis Philippe) und die Orleans wiedergegeben finde. Sie werden sagen: viel Kohl für einen Menschen, der keine Zeit zu haben behauptet. Der Bonapartismus ist bei uns in Preußen, möchte ich behaupten, älter als Bonaparte, nur in milderer deutscher Form; die Teştere hat er einigermaßen abgestreift, als er sich in Gestalt der aus dem Königlich Westphälischen bulletin überseşten þardenbergischen Geseßgebung in mehr Französischer Form introducirte; ießt finde ich ihn bei uns vorzugsweise durch die liberalisirende Bürokratie körperlich dargestellt; daß ich ihn in dieser Form nicht anfeinde, werden Sie von mir nicht vermuthen. Wenn ich den Zustand der Französischen Bevölkerung nach der Analogie derjenigen Wirkungen beurtheile, welche Französische Herrschaft und Nachbarschaft auf die Anwohner des Mittel- und Oberrheins geübt haben, so muß ich jede Hoffnung auf lange hin aufgeben, daß eine andere als eiserne Gewaltherrschaft dort möglich sei. Wenn unbotmäßiger Hochmuth in Verbindung mit neidischem Streben nach Geld und Genuß jeden andern Regulator berloren haben,

11

als die Furcht vor den Übeln, die das Gesep androht, so weiß ich nicht, wie dieses Volt anders regirt werden kann als mit dictatorischer Handhabung des eisernen Scepters, mit welchem die Hand des legitimen Königs von Gott und Rechts wegen unter sie schlagen würde, während Bonaparte dadurch, daß er Frankreich diesen nüßlichen Dienst erweist, den Charakter eines unberechtigten aventurier's in meinen Augen nicht verliert. Ich kann mich nicht recht in die Lage des Präsidenten denken, weil ich schon auf dem Wege dahin den Stab über mich brechen müßte und als Franzose nur mit Genehmigung des sanften Heinrich von Frohsdorf die Präsidentschaft hätte annehmen können. Als Preuße kann ich mich nicht freuen über den 2. December, weil ich nur einen Feind, der frant war, momentan erstarfen sehe, mit der beiläufigen Consequenz, daß ein leichtsinniger und lügenhafter Freund, Österreich, einen Zuwachs von Unverschämtheit aus dieser Thatsache zieht. Un Kriegsgelüste Bonaparte’s glaube ich nicht, ich bin sogar überzeugt, daß er alles aufwenden wird den Frieden zu erhalten, weil Krieg die Armee von ihm lösen würde; aber ich kann mir nicht denken, daß er sich der Armee gegenüber auf die Dauer hält. Das Element, welches ihn bei der nichtmilitärischen Bevölkerung trägt, Ermattung und Zerfahrenheit, fehlt im Heere."

Sehr wichtig ist der Brief, den Bismarck am 2. Mai 1857 bon Frankfurt aus an Gerlach schreibt und der uns tiefe Blide in Bismards politische Anschauungen und seine ganze Art, wie er die Politit auffaßt, thun läßt. Bismarck hatte am 11. April 1857 aus Paris an Gerlach über eine Unterredung mit dem Naiser Napoleon berichtet, die er dort hatte, und im Anschluß daran geäußert: ,, Sie kennen schon von früher meine Überzeugung, daß uns ein Besuch des Kaisers von großem diplomatischen Nußen sein würde. Es brauchte sich garnichts Politisches daran zu knüpfen, und wir können ganz ehrliche Leute dabei bleiben. Aber wenn er im Herbst einem Corps - Manöver bei uns assistirte, jo würde, wie die Dinge in Europa einmal liegen, dieser Beweis guten Einvernehmens mit Frankreich so lange, bis der Eindruck durch einen entgegengesepten verwischt wird, unsern Einfluß in allen diplomatischen Vorkommnissen wirkjam erhöhn. Ich glaube, daß das keines Beweises bedarf, denn man fönnte Bände voll von Gründen dafür schreiben." Gerlach war mit diesem Plane nicht einverstanden und meinte, Bismard habe sich von Napoleon zu sehr imponieren lassen. Darauf antwortete nun Bismarck in dem Briefe vom 2. Mai 1857 unter anderm:

,,So einstimmig wir in Betreff der innern Politik find, so wenig kann ich mich in Ihre Auffassung der äußern hineinleben, der ich im all

gemeinen den Vorwurf mache, daß sie die Realitäten ignorirt. Sie gehn davon aus, daß ich einem vereinzelten Manne, der mir imponire, das Prinzip opfre. Ich lehne mich gegen Vorder- und Nachsaß auf. Der Mann imponirt mir durchaus nicht. Die Fähigkeit, Menschen zu bewundern, ist in mir nur mäßig ausgebildet, und vielmehr ein Fehler meines Auges, daß es schärfer für Schwächen als für Vorzüge ist. Wenn mein lepter Brief etwa ein lebhafteres Kolorit hat, so bitte ich das mehr als rhetorisches Hülfsmittel zu betrachten, mit dem ich auf Sie habe wirken wollen. Was aber das von mir geopferte Prinzip anbelangt, so kann ich mir das, was Sie damit meinen, concret nicht recht formuliren und bitte Sie, diesen Punkt in einer Antwort wieder aufzunehmen, da ich das Bedürfnis habe, mit Ihnen prinzipiell nicht auseinander zu gehn. Meinen Sie damit ein auf Frankreich und seine Legitimität anzuwendendes Prinzip, so gestehe ich allerdings, daß ich dieses meinem specifisch Preußischen Patriotismus vollständig unterordne; Frankreich interessirt mich nur insoweit, als es auf die Lage meines Vaterlandes reagirt, und wir können Politik nur mit dem Frankreich treiben, welches vorhanden ist, dieses aber aus den Combinationen nicht ausschließen. Ein legitimer Monarch wie Ludwig XIV. ist ein ebenso feindseliges Element wie Napoleon I., und wenn dessen jeßiger Nachfolger heut auf den Gedanken täme zu abdiciren, um sich in die Muße des Privatlebens zurüczuziehen, so würde er uns gar keinen Gefallen damit thun, und þeinrich der Fünfte würde nicht sein Nachfolger sein; auch wenn man ihn auf den vacanten und unverwehrten Thron hinaufseßte, würde er sich nicht darauf behaupten. Ich kann als Romantiker eine Thräne für sein Geschid haben, als Diplomat würde ich sein Diener sein, wenn ich Franzose wäre, so aber zählt mir Frankreich, ohne Rüdsicht auf die jeweilige Berson an seiner Spiße, nur als ein Stein, und zwar ein unvermeidlicher in dem Schachspiel der Politik, ein Spiel, in welchem ich nur meinem Könige und meinem Lande zu dienen Beruf habe. Sympathien und Antipathien in Betreff auswärtiger Mächte und Personen vermag ich vor meinem Pflichtgefühl im auswärtigen Dienste meines Landes nicht zu rechtfertigen, weder an mir noch an Andern; es ist darin der Embryo der Untreue gegen den Herrn oder das Land, dem man dient. Insbesondere aber, wenn man seine stehenden diplomatischen Beziehungen und die Unterhaltung des Einvernehmens im Frieden danach zuschneiden will, so hört man meines Erachtens auf, Politit zu treiben, und handelt nach persönlicher Willkür. Die Interessen des Vaterlandes dem eignen Gefühl von Liebe oder Faß gegen Fremde

« ZurückWeiter »