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Meß ,, nit eyn nacht hat schweigen können", das erregt bei Neß höhnisches Erstaunen. ,Dwer also eyn bös vnuerschlossens maul hat/ und seyner zungen nit mechtig ist/ der dag nit in diese welt/ ich mag dir bei glauben zusagen/daß ich sieben jar bey vnserm knecht bin gelegen/vnd doch so verschwigen gewesen / das ich nie kein wort daruon hab gesagt dan was ich dir ißo vertraw." Doch kaum ist ihr das Wort entfahren, da bereut sie es, aus eitlem Stolze über ihre bisherige Verschwiegenheit diese gelöst zu haben. Conß weist sie von sich: „Da schlag nichts guts zu / du solst wol als verschwigen sein / wan du drei hest/ das du mir von eynem nit sagst / weck mit dir!" So treten sie ,, gereid zörnent" vor Şeinß, der ihnen mit Els entgegenkam (also ist wieder ein Ortswechsel vermieden). Neß giebt ohne weiteres als den Grund ihres Bornes ihre Eifersucht auf Meß an: „Ich kan nit dulden dz er mit eyner redt/ wan er schon saur sehe / zu geschweigen daß er darzu lachen fold/vnd wo er nit anderst thut/ Würt ich sagen/ich wolt sein nit." ,,Vnd ich dein lauter gar nit/ hab dein auch nit begert," fährt Cong dazwischen und deckt ihren siebenjährigen Handel mit dem Knechte vor den Eltern auf. Diß nimmt Neß bei Seite und sucht die Sache als einen Scherz hinzustellen, Cong läßt sich jedoch nicht breit schlagen und stellt seinem Vater vor: ,, Bedenck wie fichs gereidt zwischen vns anlest! was wirt noch daraus werden/ fo wir zusamen komen / bar zu so wer mirs hönlich sie zunemen/ die weil sie jr schandt selbst offenbart, es wurt mir stets an meynem herzen ligen/vnd daran nagen biß es mich döt." Da er auch von der abermals von þeing vorgeschlagenen Witwe nichts wissen will, und Neß, sich ebenso stolz dünkend wie Conß, auf diesen verzichtet und sich ihren Knecht ausbittet, da macht Diß zuerst gute Miene zum bösen Spiel und sucht die Sache zum besten zu kehren: ,,So ich doch heut eyn schaldsnar sein muß/ die weil mich dz glud so wol mit eyner fromen verschwigenen dochter / vnd on mein wissen mit eynem eyden versorgt und versehen hat/ wil ich willigen das sie bei eynander bleiben/ dan es wer schad das sie zwei heuser befleđen solten/thu im Heing auch also." Mit seinen Vorstellungen vereinigt Els ihre Bitten - Meß und Geut flehen abseits stehend den Himmel an - und Conß führt mit kräftigem Zuspruch die Entscheidung des Vaters herbei: ,, Ach lieber vatter was krakstu dich lang hinder den oren /was verschut ist kan man so eben nit wider auff lesen oder klauben/ du hast alle gelegenheit gehort/gib deinen vetterlichen willen auch darzu.“ So sollen denn noch heute zwei Hochzeiten zugleich gehalten werden, denn Diß ichidt sogleich nach seinem ,, ungewusten Eyden." Nachdem auch Geut noch einmal zu Worte gekommen ist mit dem Vorjaße, nicht wieder in die frühere Soffart zurüdzufalen, schließt Diß mit einer scherzhaften Betrachtung über seine umsichtige Tochter das Stüd heiter ab. Ein echtes „rührendes Lustspiel“ im Sinne Lessings, überhaupt der modernen Ästhetit haben wir in dieser Komödie vom I. 1540 vor uns: daß fie so lange vergessen sein konnte, würde sich für die beiden ersten Jahrhunderte ihres Daseins vielleicht daraus erklären, daß sie für diese Zeit zu modern und zu gut war. Das Publikum, welches die Romödien, Schwänke und Fastnachtsspiele, später die Possen Hanswursts bejubelte, war für dieses Lustspiel nicht reif. Weit entfernt aber von der schulmeisterlichen Lehrhaftigkeit der ernsteren Stüde mochte es durch seinen weltlichen Inhalt den Beifal geistlicher und ähnlicher Kreise verscherzt haben. Die besorglichen Anreden des bescheiden mit seinem Namen zurückhaltenden Dichters an den Leser haben ihren guten Grund, und einmal eingesargt in den Büchersammlungen blieb das Stück verschollen. Daß es freilich auch keiner der Nachfolger Gottscheds hervorzog, bleibt ebenso unerklärlich wie das Entstehen eines solchen Kunstwerks in Zeiten, die den Maßstab Lessingscher Dramaturgie noch nicht vertragen. Man möchte an ein bewußt: fünstlerisches Schaffen glauben, wenn man sieht, wie sorgfältig der Dichter das Auftreten der Personen begründet, wie er bei der Einfachheit der Bühne es versteht, jähe Ortswechsel zu vermeiden, entfernte Örtlichkeiten auf halbem Wege zu vereinen, natürlich unter Vorausseßung williger Phantasie bei den Zuschauern. Der erste Akt spielt bends vor dem Hause des Schultheißen Heing, der zweite morgens vor dem Hause der Hirtin, der dritte vormittags auf der Dorfstraße in der Nähe des Hauses der Nachbarin wie des Schultheißen, der vierte vor des Schulzen Haus. Zwischen dem 4. und 5. Akte ist die Einheit der Zeit verleßt, auch findet in ihm Ortswechsel statt: zuerst sehen wir uns vor Dißens Faus, von dem ,, kaum ein rechter spacirwegt zu Heing ist" (S.54), bevor aber Diß zu diesem gelangt, den er bereits auf halbem Wege stehen fieht, spielt sich die Szene zwischen Geut und Me ab, und zwar vor ihrem þause, beide haben dann ihre Stellung zwischen Diß mit den Seinen und Heing. Mit alledem wird aber doch keineswegs von der Phantasie der Zuschauer zuviel verlangt, und der Dichter weiß uns dabei mit großem Geschick zu unterrichten über Drt und Zeit der einzelnen Vorgänge, über Äußeres, Bewegungen und Verhältnisse der Personen. Daß die beiden Schultheiße untersekter Gestalt sind, erfährt man aus einer scherzhaften Bemerkung Dißens S.54, ebenso durch diesen S. 56 das Alter der Hauptpersonen; Conß macht die Bemerkung über die spiße Nase der Neß S. 63, S.68 über die Handbewegung seines Vaters, Meß teilt den stummen Vorgang S. 64 mit alles das in völlig ungesuchter, natürlicher Art. Es findet sich auch nicht eine unmittelbare Anweisung des Dichters für die Spieler, alle Aufklärungen über äußerlichkeiten sind in die Reden der Personen verwebt. An feiner Stelle aber verfallen diese in undramatische Erzählung von Dingen, die außerhalb der Þandlung liegen, z. B. vergleiche man die Urt, wie Els S. 59 über die Geburt ihres Enkelfindes berichtet oder richtiger die Renntnis davon vorausseßt.

Schon bei einem oberflächlichen Durchblid muß man die fefte Hand: habung der wichtigsten Einheit bewundern: von Anfang an steht uns das Ziel der Handlung wie der Konflikt klar vor Augen, und ohne jede Abschweifung führt der Dichter die Handlung auf dem natürlichsten Wege dem Ziele zu. Der Höhepunkt liegt im dritten Akt: Heinß erfährt das Geschehene und verstößt seinen Sohn. Wurde der Konflikt auf die wahrscheinlichste Art auf den Höhepunkt geführt, so erfolgt auch seine Lösung ebenso natürlich auf Grund der Charaktere. Hierin wie in der klar sondernden Darstellung der Charaktere liegt wohl der größte Vorzug unseres Stüdes vor allen andern bis auf Lessing. Wo träfe man fo lebenswahr und doch nicht roh naturalistisch oder gar gemein gezeichnete Gestalten an wie hier? Die Möglichkeit, daß Dorfleute so denken, fühlen und sprechen wie in unserm Stüde dürfte kaum jemand leugnen, aber es liegt ein verklärender Schimmer über der Wirklichkeit, die uns hier entgegentritt. So besonders über der Gestalt des echt deutschen Dorffindes Meß. Wie rührend sind ihre Bitten gegenüber Cong (1.0. S. 401), ihre Verteidigung der Treue des Geliebten S. 61 2c. Daß sie dabei von Rechtsansprüchen redet, die sie geltend machen will, zeigt ihr Verständnis für reale Ver: hältnisse, das man auf Belehrungen des Schulzensohnes zurüdführen mag, vergl. dessen Worte o. S. 398. Dafür allerdings, daß Conß ein Jahr lang fich nicht nach Meß umsieht, giebt das Stüd keine Erklärung. Vielleicht will der Sohn durch diese Zurüdhaltung den Vater gewinnen, er vereinigt ja in fich kluge Berechnung, ein Erbteil seines Vaters, mit dem warmen Gefühl, welches der Vater an der weichherzigen Mutter tadelt. Doch ist auch ihr ein gut Teil Schlangen-Klugheit eigen: wie im 1. Atte die Rede auf das Spiel kommt, zu dem sie Cont Geld gab, weiß fie geschidt das Gespräch abzulenken (S. 13), im 3. Alte sucht sie die Auf: merksamkeit Heingens vom Sohne weg auf den Hausbau des Nachbars zu richten 2c. Gutmütig zeigt fich auch die Nachbarin gegenüber ihrem lebenslustigen Sohn wie gegenüber Geut, nur daß deren Hoffart bei ihr eine Schalkhaftigkeit wachruft, wie sie Els nicht hervorkehrt. Naturgemäß steigt der erst sittlich erregten Gänsehirtin die Erhöhung ihrer Tochter in den Kopf, aber durch Schaden flug geworden, prägt sie am Ende der Tochter und den Zuschauern die Pflicht der Demut ein. Hoffart oder doch Stolz beweist von Anfang an der gestrenge Schultheiß þeing, bei seinem Reichtum und seiner Würde ist das ja erklärlich; er strebt aus dem bäuerischen nach dem bürgerlichen, d. h. städtischen Wesen, daher sou fein Sohn die aus der Stadt gebürtige Geut heiraten - wer dächte da nicht an Goethes Löwenwirt? Weniger steife Würde als Heinß entfaltet Diß, der troß seines Amtes das Leben heiterer und dabei menschlicher nimmt: er ist die rechte Persönlichkeit, den Knoten zu lösen und so dem Stücke den Charakter des Lustspiels zu wahren, der, wenn nicht schon vorher durch Gel und die Firtin, sowie die beiden Zechgesellen, mit Dißens und seiner Tochter Erscheinen zu Tage tritt. Leştere steht im vollen Gegensaß zu Meß. Die Gänsehirtin bethätigt ihre Liebe durch hingebende Fügsamkeit, die Schulzentochter hat sich auch hingegeben, aber in weniger ehrenhafter Weise, und der siebenjährige Umgang mit dem Knechte hat ihr feinen hohen Begriff von Manneswürde beigebracht, bei Seiten ist sie bestrebt, den künftigen Gatten ,,zu zeumen wie sie in haben wil" (S. 66). Aber nicht sowohl ihre Herrsch- und Banksucht führt die Entscheidung herbei, als ihre Schwabhaftigkeit: ein und dieselbe Schwäche schürzt und löst den Anoten. Wie verschiedenartig gestaltet aber der Dichter die Motive dieser Schwaghaftigkeit. Meß bricht das Schweigen aus Mindespflicht, ihre Mutter plaudert, weil die Freude übermächtig nach außen bringt, die stolze, fieben Jahre verschwiegene Neß plaßt mit ihrer Schande heraus in eifersüchtiger Selbstgefälligkeit.

Nur ein wahrhafter, seelenkundiger und fein beobachtender Dichter war fähig solche Dinge in solcher Form darzustellen, ein Dichter, der die Wurzeln seiner Araft im frischen Volksleben hatte, der naiv genug war, die Natur seines Volkes wiederzugeben, wie sie war und noch ist, ohne Beschönigung, aber auch ohne Vergröberung. Nicht an einer einzigen Stelle des Stüdes äußert der Dichter eine Spur von Gemeinheit oder auch nur Derbheit, die ja im 16. Jahrhundert anders zu beurteilen ist als in unserm, und doch handelt es sich um eine Ehekomödie, um Dinge, die heute entweder lüstern oder zimperlich ") dargestellt werden würden. Mit Recht betont der Herold S. 6 den sittlichen Ernst des Stüces, welches lehre, ,, das auch in ehsachen (die weil es ein sakrament) nit so leichtfertig vmbgegangen (werde), wie leider der gebrauch iko in der welt ist, sondern vermög und nach ordnung der schrifft geschehe."

So findet sich denn im ganzen Stücke auch niht ein einziger ans stößiger Ausdrud. Weder Vater noch Sohn lassen sich selbst in der höchsten Erregung eines der groben Schimpfworte entschlüpfen, die in den gleichzeitigen Komödien so zahlreich auftreten. Narr und Schalt find die einzigen, die sie anwenden. Das stärkste Wort dieser Art gebraucht Geut gegenüber Meß S. 24: ,,Ei du vermaledeite von Gott." Nur Goß, der Schlemmer, richtet an seinen trunkenen Zechgesellen S. 38 den Fluch: ,, Nun stređ dich aller ritten namen“, und Neß, die bösartige Schulzentochter, verwünscht S. 65 Meß: „Das sie der waschet ") ridt?) ankomme“. Nirgends wird der Teufel, ohne den andere Stüde gar nicht auskommen, auch nur angedeutet, Geschlechtliches nur mit dem einen Ausdruc ,, beiliegen“ bezeichnet. Noch heute erregt das Beilager selbst bei Fürstlichkeiten keinen Anstoß.

1) Könnte man nicht Prüderie mit After cham, prüde mit afterschämig wiedergeben?

Daß des Dichters Sprache eine so feusche Zurückhaltung übt, ist um so bewundernswerter, als er ja seine Dorfleute lediglich Prosa reden läßt. Zwar bewahrte die poetische Form die meisten der gleichzeitigen Dichter nicht vor dem Gebrauche derber und anstößiger Ausdrüde. Der von vorn herein geübte Verzicht auf Rhythmus und Reim fonnte aber doch größere Zwanglosigkeit auch im prosaischen Ausdruck zur Folge haben. Was nun diese Prosa im allgemeinen anlangt, so unterscheidet sie sich sehr zu ihrem Vorteil von derjenigen, die hundert Jahre später in den Stüden der englischen Komödianten, des Herzogs Heinrich Julius u. a. auftritt. Nur das Argumentum Komödie und die Rede des Preco machen einen etwas unbeholfenen, steifen Eindruck mit ihren langen Säßen und kanzleimäßigen Konstruktionen. Im Stücke selbst reden die Personen eine durchaus angemessene Sprache. Der Schultheiß Þeing sucht noch am meisten seine Würde in kunstvollen Perioden auszuatmen, im übrigen waltet ungesuchte Einfachheit. Manche Säße zeigen mittelhochdeutsches Gefüge, namentlich in der Art, wie der bloße Konjunktiv genügt, die Abhängigkeit eines Saßes vom andern deutlich zu machen.

1) Wohl Partizipium, vergl. mit vmbfangetem arm. S. 65; angrenißt = angrenzend S. 4; mit zittertem herßen S. 54; doch S. 19 nachfolgêt; S. 34 nađet; S. 34 mit sehenden augen. Entweder ist also das reinigende Fieber gemeint oder waschen hat bereits den Sinn von schwaßen: Die schwarhafte Meß soll vom Schwaßfieber befallen werden.

2) Vgl. Rasser, Comödie vom König u. 1574, D46: Macht euch weg ins ritten nammen; D86: So bleiben ins ritten nammen draußen; E46: Der ritt der nemm dich dann dahin. – J. Funkelin bei Tittmann, Schausp. a. d. 16. Ih. 1, 198, V.762:

Wie zittrend ir? schütt uch der rit!

ir müßens dran, es hilft uch nit. Spangenberg: Mammons Sold 1613, V. 750. (Martin S. 290):

Ey daß die Kunkel hab den Ritt,

Must es dann alls gespunnen seyn? In den ,, Engelischen Aufzügen“ der Engl. Komödien und Tragödien 1624 ver: wünscht eine Frau ihre Magd (Aaa6): Ach daß mein Magd ankom der Ritt.

hier das Fieber herbeigewünscht wird, so bei Seb. Wild: Zwölf Comödien und Tragödien 1566, 35 die plag vnd sant Veitsdanß (von Luzifer selbst). Bergl. Spangenberg a. a. D. V. 782:

Ich wolt die Kart hett Sant Beiß Tang,
Ich fan doch nichts darmit gewinnen.

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