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Kaiser ausrufen zu lassen. Er beschließt alsbald, ihn zu verderben, und spricht zu diesem Behufe mit seinem Geheimschreiber Lorenzo von Cypern. Sie unterreden sich über die Person Richards dessen Schwester Sjabella Alfons' Gemahlin ist – und über die Kurfürsten, die auf dessen Seite stehen. Lorenzo empfiehlt dem Kaiser die Vernichtung der ihm feindlich Gesinnten; er erteilt ihm die verwerflichsten Ratschläge, deren einer lautet: „Um sich im Besiße seiner Krone zu erhalten, muß ein Fürst schwören, morden und Schändlichkeiten aller Art begehen, vorausgeseßt, daß sie listig dem Auge der Welt verborgen werden." (Vergl. auch unsere Einleitung.) Alfons prägt sich das wohl ein, und als Lorenzo ihm zum Schlusse zwei Gifte überreicht – ein schnell und ein langsam wirkendes — und ihm, unvorsichtig genug, noch rät, er folle immer mißtrauisch gegen die sein, die seine Geheimnisse wüßten, vergiftet Alfons ihn auf der Stelle. - Scene 2.

Scene 2. Die Kurfürsten beratschlagen, wie sie Alfons, der doch die Kaisertrone usurpiert und seither den geheiligten Thron mit dem Blute Unschuldiger besprißt habe, am besten abseßen könnten. Da erscheint seine Gemahlin Isabella und bittet die Fürsten, Frieden zu stiften zwischen ihrem Gemahl und ihrem Bruder Richard, der auch den Kaiserthron beanspruche. Ihr heuchlerischer Gemahl, der wohl gemerkt hat, daß etwas gegen ihn im Werke ist, hat ihr aufgetragen, den Kurfürsten seine völlige Unterwerfung unter deren Willen anzubieten. Aber der Kurfürst von Sachsen, der von der Pfalz und der Erzbischof von Köln sind für Richard. Doch der König von Böhmen sagt: „Was haben wir mit dem Engländer zu schaffen ?" Mainz macht einen vermittelnden Vorschlag, der denn auch schließlich an: genommen wird: Alfons fou Raiser bleiben, aber es fou ihm ein weiser und mächtiger Fürst an die Seite geseßt werden. Zu diesem Mitregenten wird der König von Böhmen gewählt, der denn auch die Wahl annimmt. — Es tritt noch Alexander, der Sohn Lorenzos von Cypern auf und verkündet laut klagend den Tod seines Vaters. Er findet aber wenig Mitgefühl: Köln und Brandenburg nennen den Verstorbenen den größten Schurken, den je die Welt gesehen.")

Akt II. Scene 1. Richard mit seinem Neffen Eduard trifft aus England ein. Er vernimmt, was die Kurfürsten beschlossen, und erklärt sich zum Scheine mit deren Beschlusse einverstanden, indem er vorgiebt, seinerseits auf die deutsche Krone zu verzichten. Scene 2. Da man übereingekommen ist, daß Eduard des Herzogs von Sachsen Tochter Hedwig heiraten soll, so wird alsbald zur Verlobung geschritten und

1) Man sieht, daß, wie dies für jene Zeit nicht auffallen darf, die Sceneneinteilung nur sehr unvolltommen durchgeführt ist.

zur Feier derselben eine Lustbarkeit angestellt, bei welcher jeder der Teilnehmer eine bestimmte Rolle zugeteilt bekommt. Hedwig nämlich, als Fortuna gekleidet, erscheint mit einem Pokale, in welchem Lose liegen. Jeder der Anwesenden zieht ein Los, und dieses zeigt ihm an, welche Stellung er in dem Spiele einnehmen soll.) Der Erzbischof von Köln zieht das Los als Hofkoch, Brandenburg wird øofarzt, Mainz Þorspaßmacher, Prinz Eduard Raiser, Hedwig Kaiserin, die Kaiserin Rammer: jungfer, Alfons Förster, Richard ein Bauer u. 1. f. Der Masken- Raiser Eduard faßt seine Rolle so lebendig auf, daß er es wagt, seiner MaskenKaiserin Hedwig einen Kuß zu geben. Darüber ist diese ganz außer fich, maßen das in Deutschland nicht der Brauch sei.

Hedwig: Sieh doch, das ist hier kein gebrauch! Mein Gott, ist das die Englisch manier? Dass dich!

Sein Dheim Richard will ihn entschuldigen. Gnediges Frawlin, beginnt er, aber sie läßt ihn nicht ausreden.

Hedwig: Dass dich! muss ich armes kindt zu schanden gemacht werden?

Richard: Ei, liebes Frawlin, nempt es all für gütte, es ist die Englisch manier und gebrauch.

þedwig: Ewer Gnaden wissts wol, es ist mir ein grosse schande.

Eduard fühlt das Bedürfnis, sich selbst zu entschuldigen; da lehrt ihn seine Tante, die Kaiserin Isabella, in der Eile einige deutsche Worte.

Eduard: Gnediges Frawlin, vergebet mir's, ich will's nimmermehr thuen.

Alfons: Fürwahr, kein schand.

1) Dergleichen Darstellungen, welche ein kleineres Ganze innerhalb des Schauspiels bilden, dabei aber doch zur Haupthandlung in innigster Beziehung stehen, heißen Masken (masks). Die Mittel, durch die sie vorzugsweise wirken, sind Berkleidungen und mythologisch - allegorische Anspielungen. Der deutschen Bühne sind sie fremd. Sie famen zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus Italien nach England und traten dort zurächst als selbständige dramatische Unterhaltungen am pofe Heinrichs VIII. auf; noch Ben Jonson, der eine bedeutende Anzahl Masten schrieb, behandelte sie zumeist als in sich abgeschlossene Spiele. Seine Zeitgenossen aber benußten sie fast ausschließlich als Einlagen in größere Dramen. In dem uns vorliegenden Stüde Chapmans besteht ote Maske darin, daß die Personen des Dramas fich, durch das Los dazu bestimmt, gewisse Charaktere beilegen und dieselben während des größten Teils der Handlung durchführen. Dhne diese Fittion wäre schon die Scene zwischen Richard einer: und Fans und Jerid anderseits (siehe die folgenden Seiten) in der Weise, wie sie sich thatsächlich abspielt, unmöglich.

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Hedwig: Gnediger, hochgeborner fürst und herr, wan ich könte so vil Englisch sprechen, ich wolt Euer Gnaden fürwahr ein filtz geben); ich hoffe aber, ich soll einmahl so vil lernen, dass si mich verstehen soll.

Schließlich hält Eduard förmlich um ihre Þand an, und Isabella (pricht zu ihr: Ist Ewer Gnaden wol hiemit zu frieden?

þedwig: Was Ihre Durchleuchtigkeit will, das will mein vatter, und was mein vatter will, darmit muss ich zu frieden sein.

Hiermit endet denn diese Unterhaltung. Nachdem alle außer Alfons und Alexander von Cypern sich entfernt haben, benußt jener die günstige Gelegenheit, diesen gegen die Kurfürsten aufzuheben, indem er behauptet, es seien dieselben an dem Tode Lorenzos von Cypern schuld; sie hätten wohl gewußt, daß er seine Alfonsens - beste Stüße gewesen sei. Indessen wären sie nur die Unstifter zu jenem Verbrechen gewesen: seine eigene Gemahlin, die Kaiserin Isabella, habe von ihrem Bruder Richard Tropfen erhalten, mit denen sie Lorenzo getötet. Wie leicht zu denken, wird Lorenzos Sohn durch diese Mitteilungen von heftigstem Hasle gegen die vermeinten Übelthäter erfült: alle sollen sterben, zuerst Richard. Dieser hat, wie erwähnt, im Maskenspiel das Los als Bauer gezogen und hat als solcher eine Ladung Holz aus dem Walde in die Küche zu bringen. Zwei wirkliche Bauern, Hans und Ferid, sollen das Holz fällen. Als nun Richard im Walde ihrer harrt, find sie bereits durch Briefe, die Alexander von Cypern geschrieben hat, vor dem Engländer gewarnt und aufgefordert, ihn zu ermorden.

Richard belauscht ihr Gespräch.

Ferid: Komm hier, Hans, wor bist dow? Warum bist dow so trawrick? Bis frohlick! Kanst vel gelt verdienen, wir will ihn bey potz towsandt todt schlagen.

Hans: Lat mich die brieffe sehen.
(Jeric liest.)

ferid: ,,Hans undt Jerick, meine liebe freunde, ich bitte lasset es bey euch bleiben in geheim, und schlaget den Engländer zu todt.“

„denn er ist kein bowr nicht, er ist ein juncker und hat viel golt und kleinoten bey sich.“ Noch weiter: „ihr sollt solche gelegenheit nicht versaumen, und wann ihrs gethan habet, will ich euch sagen, was ich für ein guter kerl bin, der euch rath gegeben habe.“ Wat sagst dow, wilt dow es thun?

1) Einen Filz geben = ausschelten. Bei Ayrer, bei Herzog Julius von Braunschweig, im Simplicissimus und auch sonst in jener Zeit findet man diese Rebensart häufig. (Elze, a. a. D.)

Hans: Was will ich nicht für gelt thun! sieh, potz tausend, dar ist er!

Jerid: Ja, bey potz tausend sapperment, er ist's. Holla, guten morgen, glück zu, juncker.

Hans: Juncker? Der düvel, he is ein bowr.
Richard: Dow bist ein schelm, weich von mir.

Ferid: Holla, holla, bist dow so hoffertick? Juncker bowr, kompt hier, oder dieser und jener soll euch holen.

Richard: Ich bin ein fürst, berürt mich nicht, ihr schelme, ihr verrähter.

Both: Sla to, sla to, wir will yow fürstlich tractieren!

Richard, der nichts als seine Peitsche in der Þand hat, verteidigt sich eine Weile und fällt dann für tot hin.

Richard: O gott, nimb meine seele in deine hende.

Jerid: 0 excellent, hurtick! he is todt, he is todt! Lat uns see wat he hat for gelt bey sich; holla, hier is all enough, all satt; dar is for dich, und dar is for mich, und dit will ich darto haben.

Jeric legt sich Richards Rette um den Hals.
Þans: How so, Hans Narhals, gebe mir die kette hier.

Ferid: Ja, ein dreck; dit kett stehet hübsch um mein hals, dit will ich tragen.

Hans: Dat dich Potz Velten leiden, dat soltu nimmermehr thun, dow schelm.

Ferid: Wat, solt dow mich schelm heiten? nimb dat!

bans: Dat dich hundert tonnen düvels! harr! ich will dich lernen!

Ferid: Wiltu hawn oder stechen?
Hans: Ich will redlich hawen.
Ferid: Nun wolan, dar ist mein ruck, sla to.
Hans: Nimb dow das, und dar hastu mein ruck.

Jerid: Noch amahl! (Er erschlägt þans.) O excellent, ligst dow dar, nun will ich alles haben, gelt und kett, und alles mit einander. O hurtig, frisch - up, lustig, nun bin ich ein hurtig juncker.

Da Richard diesen Ausgang des Zweikampfes wahrnimmt, erhebt er sich und ergreift des Erschlagenen Art. Damit geht er auf Jerrick los.

Richard: Du hudler, schelm, mörder, wehre dich, siehstu mich? Gebe mir die kett und gelt wieder.

Ferid: Wat, bistu wieder lebendig worden, so muss ich mich wehren; wat wiltu, stechen oder hawen?

Richard: So will ich machen, du schelm.

Jerick: Harr, harr, bistu ein redlich kerl, so ficht redlich. O ich sterb, ich sterb, lat mich leben!

Richard: Sagt mir dann, wer hat die brieffe geschrieben ? Lie nicht, sondern sagt die wahrheit.

Ferid: 0 mein frommer, guter, edler, gestrenger juncker, dar ist das gelt und kett wieder, yow soll alles haben, aber wer hat die brieffe geschrieben, dat weet ich bey meiner Seele nicht.

Richard: Lieg dar still, still sag ich.
Er erschlägt ihn mit den Worten:

So stirb du mir, schelm!
Ferid: 0 ich sterb, awe, awe, awel dat dich der düvel hole!")

Da erscheint plößlich der Herzog von Sachsen mit dem Pfalzgrafen. Sie erkennen Richard zunächst nicht und fahren ihn hart an.

Sadjen: Pfui dich an, loser schelm, hastu deinen gesellen todt geschlagen?

Pfalz: Lasst uns den schelmen angreiffen.

Der Fürst aber entdeckt sich ihnen und berichtet ihnen von der Gefahr, in der er geschwebt hat. Sie mutmaßen sofort, daß Alfons hinter der Sache stede. Um vor allem dem Schreiber des verräterischen Briefes auf die Spur zu kommen, ziehen die Kurfürsten von Sachsen und von der Pfalz die Kleider der beiden Erschlagenen an und machen sich auf den Weg nach Hofe.

Akt III. Scene 1. Man feiert die Hochzeit Eduards und Hedwigs, und zwar im Stile der im zweiten Akte begonnenen Maske. Eduard, als Masken-Naiser, trägt eine Krone. Alfons bringt das Wohl der Braut aus, und Eduard 2) stößt an mit den Worten: Sam Got es soll mir ein lieber trunck sein! Auch Brandenburg stößt mit Eduard an und sagt: Drauff, es gelt noch eins, Ihr Majestat, worauf Eduard entgegnet: Sam Got, lass lauffen. Es wird nun auf echt deutsche Weise gezecht, und die Reden werden allmählich freier. Eduard fragt seine Gemahlin (sie waren am selben Tage durch den Erzbischof von

1) Die vielen niederdeutschen Elemente in den Reden des Fans und Jerick rechtfertigen es nicht, wenn Elze (Seite 27) diese Reden als niederdeutsch schlechthin bezeichnet. Niemand wird die vielen hochdeutschen Bestandteile der: selben verkennen. Übrigens reden in den Stüđen des Herzogs Heinrich von Braunschweig die Diener und Bauern die nämliche Sprache, woraus Elze nicht ohne Grund schließt, Chapman oder sein Gehilfe müsse mit des Serzogs Stüđen bekannt gewesen sein. Doch ist zu beachten, daß nicht bloß deutsche, sondern auch eine Anzahl englischer Wörter im Dialoge zwischen þans und Ferid borkommen.

2) Er hat unterdessen etwas deutsch gelernt, aber nicht viel.

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