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das niederdeutsche is ein altes Besiktum, das dieser Mundart angehört, so weit man sie litterarisch verfolgen kann.) Nicht anders ist es im Angelfächsischen und in den nordischen Sprachen. Auch hier gilt zum mindesten seit der Seit ihrer ersten litterarischen Verwendung die bereits auf den ältesten Runendenkmälern vorkommende Form is. Wie ist nun der Verlust des auslautenden t in den ebengenannten Sprachen zu erklären?

Es liegt nahe genug ein einfaches Verklingen dieses Lautes an: zunehmen, wie das doch wohl für die Erklärung des bayerisch-öster: reichischen is geboten ist. Allein mit dieser Annahme stoßen wir auf die Autorität von Joh. Schmidt, der die Meinung Scherers, das nordische esist sei als assimilation aus est zu erklären unter Berufung auf die Lautgeseze kurzweg zurückweist. Was das für Lautgeseße sind, erfahren wir nicht. Es wird aber doch wohl die Thatsache gemeint fein, daß in den germanischen Sprachen, das Oberdeutsche nicht aus: genommen, bei auslautendem st das t dieser Gruppe zu haften pflegt und nicht schlechtweg verloren geht. Darum sah sich der genannte Gelehrte nach einer anderen Erklärung um. Er bezeichnet das Auftreten des is als eine Angleichung an das Perfektum vas, dessen s für die entsprechende Person des Präsens maßgebend geworden sei, ja er ist geneigt diesen Vorgang auch für das Oberdeutsche anzunehmen, wo dann freilich das so verdrängte t durch Anlehnung an die gewöhnliche Konjugation wieder hergestellt sei.) Dagegen hält Fierlinger das niederdeutsch - nordische is für eine Mürzung von issi, ,, einer unbetonten Nebenform von isti)“, die freilich nicht nachweisbar ist, und Noreen nimmt gar das altnordische is für die zweite Person, die mit der dritten - denn im Altnordischen lautete die zweite Person zeitweilig est=ist -ihre Funktion vertauscht habe. 4) Wie dem nun auch sei, so viel ist sicher, daß die Erklärung dieses uns so geläufigen is nicht so einfach ist, als sie aussieht und daß der nächstliegende Weg nicht immer der gang barste ist.") Während sich nun aber im Englischen und in allen nieder: deutschen Mundarten dieses is unverändert bis auf die Gegenwart

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1) Vergl. Johannes Schmidt: Die germanische Flexion des verbum sabstantivum und das hiatus ausfüllende r im Hochdeutschen. Kuhns Ztschr. f. vgl. Spr. XXV, S. 596.

2) A. a. D.
3) Kuhns Stichr. XXVII, S. 440.
4) Pauls Grundriß I, S.515.

5) Aber sollte das tonschwache ist denn doch nicht anders zu beurteilen sein als andere Wörter? Und ist die Analogie der oberdeutschen is und isch, wo der Schwund des t doch wohl auf lautlichem Wege erfolgt ist, gänzlich von der band zu weisen?

behauptet hat, ist es im Nordischen wie gesagt, zu es und später zu er umgebildet worden, und zwar unter dem Einfluß des Pluralis, der in den nordischen Sprachen seinen eigenen Weg eingeschlagen hat.

Wenn nach Johannes Schmidt als die urgermanischen Formen des Pluralis ein *sum *sudh * sind anzuseßen ist, so erscheint daneben eine Neubildung, die aus dem Singularis das e übernimmt, oder, was dasselbe ist, aus der starken Stammesform entwiđelt ist, gerade wie im Griechischen anstatt des zu erwartenden * 6-uev, *6-te, *-Evtı durch Ausgleich mit dem Singularis die bekannten üblichen Bildungen erwachsen sind. So gelangen wir zu den urgermanischen Formen * es -um, *es-uth,

, * es-unth, wobei es ungewiß, aber auch gleichgiltig ist, ob der Anstoß zu dieser Bewegung von der ersten oder dritten Person ausging. Auf einer weiteren Stufe der Sprachentwidelung stellten sich dann die Formen *izum, *izuth, *izanth ein, indem nach bekannten Lautgeseßen das e des Stammes zu i erhöht werden, das tonlose s aber sich in stimmhaftes verwandeln mußte, um später in r überzugehen.") So entstanden schließlich die Formen irum 2c., deutlich erkennbar noch im Nordischen, wo sie freilich unter dem Einfluß des neugeschaffenen r in erum, erudh und eru(ndh) umgeseßt wurden.) Später ging dann das u der tonlosen Silbe lautgejeßlich in o über, und das so entstandene ero der dritten Person riß wenigstens im Westnordischen die Herrschaft über den ganzen Pluralis an fich, die es im dänischen êre noch heute behauptet, während in den schwedischen aere, aeren und aero Spaltungen vorliegen, die zum Teil vielleicht auf das Eindringen optativischer Flexion zurüczuführen sind. :) Das e der Stammsilbe des nordischen ero nun hat – und davon waren wir ja ausgegangen schon in früher Zeit auf das i des altnordischen is der dritten Person sing. zurüdgewirkt und dieses in e verwandelt, wie auch das im und is(t) der ersten und zweiten Person das e des Pluralis aufnahm. Später ging dann auch das auslautende s zu Gunsten des Bluralis in r über, und die so entstandene Form er verdrängte in derselben Weise die erste und zweite des Singularis, wie ero für den Bluralis hier freilich, wie gesagt, nur im Westnordischen das Übergewicht erhielt, wobei in gleicher Weise auch die Analogie des Per

1) Nach dem Bernerschen Geseß, da in den indogermanischen Grundformen smes ac. der Ton auf der Endung lag.

2) Joh. Schmidt a. a. D. S. 693. Der Abfall des Dentals in eru(ndh) erfolgte nach bekanntem Lautgeiet schon im Germanischen, der Schwund des n ist altnordisch und fällt in die Wikingerzeit. Vergl. Noreen in Pauls Grundr. I, S. 423.

3) Dieselben Lautverhältnisse bestehen jeßt in der gewöhnlichen Nonjugation. über die zweite Person plur. 'vgl. Noreen å a. D. Š. 515. Man möchte an Einflüsse aus dem Gebiete des Prät. vaerim, vaeridh, vaeri denken.

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fektums, das in seinem var der ersten und dritten Person bereits gleichlautende Formen besaß, mitgewirkt haben mag.") Jedenfalls ist keine der germanischen Sprachen wenn man von den Volksmundarten absieht – in der ausgleichenden Beseitigung ursprünglicher Funktionsverhältnisse so weit gegangen als das Neu-Skandinavische, wo für den Singularis wie zum Teil auch für den Pluralis des verbum substantivum nur eine Bildung geblieben ist.

Wenn wir nun unternehmen den Spuren der vorgeschichtlichen Form irum z. im Westgermanischen nachzugehen, so liegt die Vermutung nahe, daß ein weiterer Rest derselben im Englischen are und art vorliegt, von denen das eine dem nordischen ero lautlich zu entsprechen scheint und wie dieses ießt den ganzen Pluralis beherrscht, das andere fast ad litteram mit dem nordischen ert (= est) zusammenfällt. Man hat deswegen geradezu behauptet, daß die genannten englischen Bildungen aus dem Nordischen übertragen seien; eine Ansicht, die von den neueren Forschern verworfen wird, ohne daß es jedoch gelungen wäre, die eng lischen Formen in genügender Weise aus dem es-Stamme zu erklären.) Und so hat denn gar Johannes Schmidt die Vermutung vorgetragens), jene Bildungen hätten mit dem es -Stamme überhaupt nichts zu schaffen, sondern feien auf die Wurzel er oder or, wie sie sich im Berfektum darstellt, zurüdzuführen. Aus dieser sei das vielberufene germanische ermin oder irmin hervorgegangen, das schon Müllenhoff dem griechischen ÖQuevos gleichgeseßt hat, das angelsächsische eart würde somit dem griechischen popas, die Formen earon und aron dem entsprechenden Pluralis gleichzuseßen sein. Ob es eine weitere Stüße für diese Ansicht ist, daß, wie Brugmann anführt“), im späteren Griechisch öpwpa die Bedeutung von ,, ich bin" angenommen hat, mag dahingestellt bleiben. Wäre fie richtig, fo würde für das angeljächsische verbum substantivum zu den drei obengenannten noch eine vierte Wurzel hinzukommen.

Deutlicher als im Angelsächsischen treten die Spuren der germanischen irum und iruth im Althochdeutschen zu Tage, freilich nur in der Ber: kuppelung mit dem Stamme bheu, die in der Geschichte unseres Zeit: wortes eine bedeutende Rolle spielt. Die gotischen Formen für die erste und zweite Person sing. präs. sind bekanntlich im und is, die sich durch es-mi, izmi und immi, beziehungsweise esi durch isi lautgefeßlich entwidelt haben. Ihnen entsprechen die altnordischen em und es, über deren e soeben gesprochen ist. Im Westgermanischen dagegen treten schon früh neben das aus dem es-Stamme erwachsene Präsens Konkurrenzbildungen aus der Wurzel bheu, die für das Angelsächsische durch die Formen beó, bist (byst), bidh (bydh), beódh, sowie durch die entsprechenden Formen des Optativs, Imperativs und Infinitivs bezeugt sind. Zu Grunde liegt für die erste Berson des Singularis nach Brugmann das indogermanische *bhu- iio, griechisch puw, lateinisch fio, und der westgermanische Reflex dieser Urform mag fich zunächst als biju dargestellt haben, wozu als zweite Person das ießt noch erhaltene bist, früher bis gehört, während die übrigen dem entsprechenden Bildungen entweder gar nicht entwidelt oder frühzeitig wieder erloschen sind. Jedenfals waren aber die vorhandenen mächtig genug, Zwitterbildungen ins Leben zu rufen, die ihre Vorgänger bald gänzlich beseitigten. Das sind die althochdeutschen Formen b-im, b-irum und b-irut, und es könnte ja sein, daß auch das eben erwähnte bis der zweiten Person als ein in der gleichen Weise entstandenes Mischprodukt aufzufassen ist. Die dritte Person sing. und plur. dagegen blieben unversehrt, mutmaßlich, weil sie als die am häufigsten gebrauchten Formen am meisten gegen fremde Einwirkungen geschüßt waren. Den gleichen Verschmelzungsprozeß fönnen wir auf dem Gebiet des Angelsächsischen und Niederdeutschen beobachten, nur daß er sich hier in noch engeren Grenzen vollzieht. Im Niederdeutschen entwidelt sich im engen Anschlusse an das als Grundform eben vorausgesepte biju ein bium, dem das angelfächsische beóm entspricht, während im friesischen bem wie im Hochdeutschen bim wiederum das zweite Bildungselement durchichlug. Nun hat das Englische bekanntlich die eben erwähnte Mischbildung wieder aufgegeben und ist zu einer Form zurüdgekehrt, die mit voller Deutlichkeit auf das gotische im hinweist, welches sich durch eóm und eám zu dem ießt gültigen am fortbewegt haben wird; und zwar scheint das eóm, das auf lautgefeßlichem Wege nicht aus im entspringen konnte, seinen Doppellaut der Einwirkung des eben genannten beó zu verdanken.) So hat im Englischen der älteste Typus sich in der eben besprochenen Fortbildung behauptet und zwei nachgewachsene Konkurrenzbildungen wieder verdrängt. Im Niederdeutschen dagegen hat wie im Oberdeutschen die Mischform den Sieg davongetragen, nur daß das diphthongische iu, sei es auf rein lautlichem Wege, sei es durch Anschluß an das Oberdeutsche, zu einfachem i zusammengedrängt worden ist. Zudem erscheint schon vor dem Ablauf der eigentlich altdeutschen Beriode anstatt des auslautenden m, wie auch sonst oft, ein n und so entsteht die bekanntlich noch heute für das ganze Gebiet der deutschen Sprache gültige Form bin, für die erste Person des Präsens der einzige Rest einer unthematischen Flexion, von der für die übrigen Formen dieses Tempus nicht nur in dem verbum sein, sondern auch im thun, gehn, und stehn deutliche Spuren vorhanden sind.

1) Joh. Schmidt a. a D. Derselbe Ausgleich ist auch in der gewöhnlichen Konjugation erfolgt, nur daß hier die zweite Person maßgebend geworden ist.

2) Man vergleiche darüber die Kontroverse zwischen Sievers und Kluge in Baul Braunes Beiträgen BD. VI, 387 flg., 570 flg.

3) u. a. D. S. 592.
4) Grundr. II, $ 509.

1) S. Kluge: Paul Braune Beiträge; X, VI, S. 388.

Größere Wandlungen haben die Formen birum und birut durch: gemacht. Wenn hier als Neubildung zunächst die Form birumes auftritt, so ist der Grund davon augenscheinlich der, daß man durch die An: fügung des Primärsuffires mes das Wort deutlicher als eine Präsensform charakterisieren wollte. Dann häufen fich die Formen, indem zu: nächst das u der Endung zu o (e) getrübt oder durch Ungleichung an den Stammvokal zu i gesteigert wurde. Später geht, wie in der ersten Person des sing., auch in der ersten plur. das auslautende m in n über, und so entsteht die Form birin, die allmählich zu dem gangbaren birn seltener bin oder bir zusammenschrumpft. Ähnlich verläuft die Ent: widelung der zweiten Person. Uus birut gehen birit und birt hervor, die sich dann wieder manchmal ein n aus der ersten holen und als birint oder birnt erscheinen. Dann aber sterben diese Pluralformen ab; man findet sie noch vereinzelt im Nibelungenliede und im Parzival wie in andern gleichzeitigen Denkmälern, ja man kann ihre Spur bis ins vierzehnte Jahrhundert verfolgen, bis sie dann – und zwar, wie es scheint, auch in den Mundarten -- vollständig erlöschen.")

Ein günstigeres Geschick hat bekanntlich über der Schwesterform bist gewaltet. Daß ihr das auslautende t ursprünglich fehlte, ist bereits oben gesagt, es erscheint aber schon im 9. Jahrhundert in den niederfächsischen Urkunden immer, in den althochdeutschen meistenteils und hat vermutlich eine lange Geschichte. Denn wie es scheint, ist dieses t der Rest des indogermanischen tha, eines Bildungselementes, das für die zweite Person sing. des Perfektums galt und in dem altindischen vet-tha wie in dem griechischen olosa deutlich zu Tage tritt. Im Germanischen trat nun zunächst nach einzelnen Lauten, namentlich s, dann durch Analogie um sich greifend auch sonst für die aspirata der harte Explosivlaut eino), es entstanden die gotischen Formen vais-t, las-t, stoh-t, nam-t, tauh-t, mie im Lateinischen elix-ti, die im Altnordischen ihr Gegenbild haben. Im Westgermanischen aber haftete das t nur in den Präteritopräsentia, movon die Reste in den Formen kant, solt und dem eigentlich optativischen wilt beinahe bis in die Gegenwart hinein reichen, während in der

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1) Sie haben sich am längsten im Bayerisch - Österreichischen gehalten.

2) S. Kluge: zur altgermanischen Sprachgeschichte. Auhns Seitídr. XXII, S. 91 und Brugmann: Grundr. I, $ 553.

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