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immermehr die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die wahre Schilderung deutschen Wesens die þauptaufgabe deutscher Dichtung sein müsse. Der Verfasser sucht dann nachzuweisen, daß die neuern Dichter in der Richtung auf das Nationaldeutsche und in der Förderung der Natur: wahrheit keineswegs in einen Gegensaß zu Schiller und Goethe getreten find, wenigstens hat man fein Recht, zwischen der Dichtung des 19. Jahrhunderts und der klassischen feindliche Gegenfäße anzunehmen. Db dem Verfasser dieser Beweis vollständig gelungen ist, lasse ich dahingestellt sein. Mir scheint, daß in Bezug auf das Nationaldeutsche ein starker Gegensaß zwischen Goethe und den Neuern und in Bezug auf das Naturwahre zwischen Schiller und den Neuern sich nicht verkennen läßt. Doch ist das hier nicht von großer Bedeutung.

Der Verfasser sucht dann nachzuweisen, daß unsere Primaner durchaus in die neuere Litteratur eingeführt werden müssen, und schließt diese Ausführungen mit den folgenden beherzigenswerten Worten: „Es ist nur zu natürlich, daß der die Schule Berlassende zunächst nur das in der deutschen Litteratur für bedeutend hält, was man ihm im deutschen Unterricht vorgeführt hat; das Übrige muß wohl geringeren Wertes sein, es kann wohl mit jenem keinen Vergleich aushalten, sonst hätte es ihm der gewissenhafte Lehrer nicht vorenthalten dürfen. Bald lernt er aber dieses oder jenes Werk der neuern Litteratur kennen, das ihm an Formvollendung mit einer Schillerschen oder Goetheschen Dichtung wetteifern zu können, an padendem Inhalt eine solche zu übertreffen scheint. Was muß die Folge sein? Eine einseitige Überschäßung des Gelesenen, dessen Stellung innerhalb des Rahmens der deutschen Litteraturentwi(lung ihm unbekannt ist, Erstaunen darüber, daß ihm darüber früher nichts mitgeteilt worden, endlich der Schluß: Es ist also nicht richtig, daß nur die Klassiker etwas zu gelten haben, und Verwerfung des ihm in der Schule überlieferten Urteils.“

Bei einer Kritit des neuen Lehrplans für das Deutsche kommt der Verfasser zu dem Schlusse, daß das leßte Semester in der Prima der deutschen Dichtung des 19. Jahrhunderts vorbehalten bleiben kann, ohne die klassische Zeit wesentlich zu schädigen. Natürlich soll man dem Schüler nicht eine sinnverwirrende Masse von Namen, Daten und Büchers titeln geben, sondern die wichtigsten geistigen Vertreter des genannten Zeitabschnitts herausheben, aus ihrem Leben das Wichtigste mitteilen und ihre bedeutendsten Werke teils in der Klasse, teils zu Hause lesen Lassen. Der Verfasser giebt nun einen Plan für die Behandlung der Litteratur des 19. Jahrhunderts: Die Bedeutung der Romantiker ist zu erörtern, zu lesen ist von ihnen in der Schule nichts. Von den Romantikern aus ist auf die vergleichende und deutsche Sprachwissenschaft hinzuweisen (Bopp, Grimm). Heinrich von Kleist ist ausführlicher zu behandeln, fein Charakter, fein Patriotismus sind zu würdigen, Hermannsschlacht und Prinz von Homburg sind eingehend zu behandeln. Arndt, Schenkendorf und Nörner sind dem Schüler schon teilweise bekannt. Grillparzer wird am besten an die Behandlung von Goethes Iphigenie angeschlossen. Uhland, Rüdert, Chamisso sind eingehend zu besprechen. Von Immermann ist der Oberhof privatim zu lesen. Die Bestrebungen des jungen Deutschlands müssen charakterisiert werden. Bei Gußkow ist auf seine Romane nicht einzugehen, von seinen Dramen: Urbild des Tartüffe, Zopf und Schwert, Uriel Acosta ist wenigstens eins zu lesen, der Königslieutenant eignet sich zu einem Aufsaß, in dem untersucht wird, wie Gußkow seine Quelle benußt hat. Laube (Graf Esser, Karls: schüler), Hebbel (Lyrik, Nibelungen), Jordan (Nibelungen), Geibel sind eingehend zu behandeln. Die Behandlung des Romans hat von Willis bald Aleris auszugehen und Berthold Auerbach, Stifter (Studien, Bunte Steine), Friß Reuter (sein Lebensgang, Ut mine Stromtid), Gustav Freytag (Romane, aber auch die Journalisten), Gottfried Heller (der grüne Heinrich, Leute von Seldwyla, Martin Salander), Scheffel zu umfassen. Den Schluß möge die Lektüre eines Dramas von Wilden: bruch bilden (Quißows, Der neue Herr).

Der Verfasser glaubt, diesen umfangreichen Stoff in einem Semester bewältigen zu können und schlägt die folgende Zeiteinteilung vor: Romantik 2 Stunden, Kleist 3, Dichter der Befreiungskriege 2, Uhland und Rüdert je 1, Chamiffo 2, Platen und Immermann 2, poffmann von Fallersleben, Dingelstedt, Freiligrath, Gugkow und Laube zusammen 8, Hebbel 3, Jordan 1, Geibel 2, Alexis 3, Auerbach 1, Stifter 2, Reuter 2, Freytag 4, Reller 2, Heyse 2, Scheffel und Wildenbruch je 3, die Moderne und Schlußbetrachtung 1 Stunde.

Über Einzelheiten dieser Vorschläge läßt sich gewiß streiten, aber ficherlich hat der Verfasser einen Plan aufgestellt, der sehr diskutabel ist, wenngleich er sich wohl nicht so bald zu einigen maßgebenden Zeilen der Lehrpläne verdichten dürfte. Altona.

Þ. Blunt.

Zeitschriften. Litteraturblatt für germanische und romanische Philologie. 1896,

Nr. 3. März: Reinhold Köhler, Aufsäße über Märchen und Volkslieder. Aus seinem handschriftlichen Nachlaß herausgegeben von Johannes Bolte und Erich Schmidt, besprochen von A. Schullerus. (R. Köhlers hinter: lassene Auffäße erwecken auch in denen, die dem seltenen Manne persönlich nicht näher gestanden haben, das rührende Bild des bescheidenen, vielwissenden Gelehrten, wie es in der stimmungsvollen Lebensstizze Erich

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Schmidts, die aus der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde hier wieder abgedrudt erscheint, entgegentritt.) - Baul Rothe, Die Konditionalfäße in Gottfrieds von Straßburg Tristan und Fjolde, besprochen von $. Reis. - Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, herausgegeben von Georg Ellinger (Braunes Neudrude 135—138), besprochen von Albert Leißmann. (In der Vorrede zu der vorliegenden Neuausgabe von Schefflers cherubinischem Wandersmann hat Ellinger die Resultate reicher und tiefgehender Studien niedergelegt und Schefflers Dichtung eigentlich zum erstenmal eingehend wissenschaftlich behandelt.) – Friedrich von Westenholz, Die Tragit in Shakespeares Coriolanus, beiprochen von Ludwig Broecold.

(Die Art, wie w. jeine Auslegung begründet, ist beweisträftig und bindend.) Euphorion III, 1: St. Burdach, Rudolf Hildebrand. Worte der Erinnerung

gesprochen bei der Einweihung seines Denkmals auf dem Johannisfriedhoje in Leipzig am 13. Oktober 1895. — Th. Wiedemann, Leopold von Ranke über das Trauerspiel von Friedrich von Uechtriß , Alexander und Darius". R. Steig, Aus Emanuel Geibels Jugendzeit. A. Englert, Eine Vorrede von Fischart. F. Collin, Gedanken über Goethes Göß und Faust - D. Frande, Karl August Böttiger, seine Anstellung als Gymnasialdirektor in Weimar und seine Berufungen. A. Leißmann, Zu Wilhelm von Humboldt. 1. Zum Briefwechsel mit Schiller. E. Castle, Nicolaus Lenaus „Savonarola“. 1. Entstehungsgeschichte. Miscellen: M. Rubenjohn, Filiationen, I-X. – R. M. Meyer, Litterarhistorische Bemerkungen: 1. Zu Goethe: 1. Der sokratische Schuster. 2. Angeraucht Papier. 3. Das verfluchte Bim - Baum - Bimmel. 4. Es waren, die den Vater auch gekannt. 5. Die Erfahrung in der Disputationsscene. 6. Blumenwinderinnen und polzhauer. 7. Herr und Diener. 8. Gegen Annäherungsbrillen. II. Zu den Romantikern: 9. Der Name Lucinde. 10. Schiller in der Lucinde. 11. Geschichte eines komischen Motivs. 12. Die Schalsonne. 13. Musikalische Leiden. 14. Ich lieble nur Jsmenen. 15. Schelmuffsky und das arme Kind von Hennegau. III. Zu verschiedenen Autoren: 16. Gebrauch der Vernunft. 17. Wilst du dich selber erkennen. 18. Der vierjährige Posten. – Th. Distel, Sum bayerischen und sächsischen Privilege für Jean Pauls Werke. þ. Fund, Ein

Urteil Karl Matthäis über Frantfurt. - Recensionen und Referate. Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogit LXVI, 153, 154, 1:

G. Klee, Grundzüge der deutschen Litteraturgeschichte, besprochen von

R. Landmann. Zeitschrift für lateinlose höhere Schulen VII, 5 und 6. Bresler,

Bericht über die 4. Þauptversammlung des Vereins zur Förderung des

lateinlojen höheren Schulwesens. Der Kunst wart, ix, 13: F. Avenarius, Überschäßung der Kunst (ein ganz

ausgezeichneter Aufsaß, den wir allen zu eingehender und wiederholter Lectüre

empfehlen. D. L.). Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins XI, 3: Start

Scheffler, Ein Wort für - monatig und -wöchig. - Friedrich Wappen: hans, Gleim als Anwalt unserer Muttersprache. – D. Streicher, Auch ein Borläufer des allgemeinen deutschen Sprachvereins. – permann Dunger, Eine deutsche Glüdwunschtafel. – O. Streicher, Wilhelm Heinrich Riehl für

den deutschen Unterricht. Jahresberichte für neuere deutsche Litteraturgeschichte, hgg.v. Elias u.

Déborn. IV. Band (1893): M. Heinemann, Goethes Leben.

Neu erschienene Bücher. Bismards Briefe an den General Leopold von Gerlach. Mit Genehmigung

Sr. Durchlaucht des Fürsten von Bismard neu herausgegeben von Þorst Rohl. Berlin, D. Häring 1896. XXXII, 379. (Wir empfehlen diese wissenschaftlich genaue Ausgabe, die uns den briefschreibenden Bismard wiederum in glänzendem Lichte zeigt und zahlreiche töstliche Schilderungen und geistolle Aussprüche des großen Staatsmannes enthält, allen, die sich gern einen

wahren Genuß für Geist und berz verschaffen wollen. D. L.) Alfreð Bieje, Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriter. Berlin, Wilhelm

Herß. 1896. 268 S. Bohlmey und Soffmann, Gymnasial - Bibliothet: 24. Heft: Rudolf Lange,

Cäfar, der Eroberer Galliens. Gütersloh, C. Bertelsmann. 1896. 87 S.

Br. M. 1,20. E. Mirchner, Der Archipoeta und seine Lieder. 40 S. Adolf Stamm, Grundsäße für die Interpunttion. Jahresbericht des Real:

gymnasiums zu Iserlohn. 1896. 9 S. Joseph Riehemann, Erläuternde Bemerkungen zu Annette von Droste-Hülshoffs

Dichtungen. Sum hundertjährigen Geburtstag der Dichterin. Programm des

Kgl. Gymnasium Carolinum zu Osnabrüd. 1896. 84 S. Theodor Braune, über einige schallnachahmende Stämme in den germanischen

Sprachen. Programm. Berlin, W. Bormetter. 1896. Gustav Berger, Zur Bildung der Sprachfertigkeit in der Bolfsschule. Jahres

bericht des Kgl. Lehrerseminars zu Bichopau. 1896. 59 S. ħ. Meurer, Lateinisches Lesebuch mit Wortschaß. 1. Teil. Sexta. 9. Auflage.

Weimar, Hermann Böhlau. 1896. 160 S. Gotthold Bötticher, Übungen zur deutschen Grammatit mit einem Abriß der

deutschen Sprachlehre für die unteren Klassen höherer Schulen. Leipzig,

G. Freytag. 1896. Br. geb. M. 1,20. August öllmann, Wieland und Shakespeare, mit besonderer Berüdsichtigung

der Überseßung des Sommernachtstraums. Jahresbericht des Realprogym:

nasiums mit Realschule zu Remscheid. 1896. Gustav Legerlos, Aus Heimat und Fremde. Nach- und Umdichtungen

Jahresberichte des Kgl. Gymnasiums zu Salzwedel. 1895 und 1896. F. W. Þußger und . E. Rasche, Deutsches Lesebuch für einfache Volls

schulen. Mit einer Vaterlandskunde fürs Deutsche Reich von L. Gäbler. 1. Teil: 2. - 4. Schuljahr. 239 S. Pr. geb. M. 1,10. 2. teil: 5.-8. Schul

jahr. Leipzig, Dürr. 1896. 448 S. Br. geb. M. 1,60. Thomas Murner, Die Gäuchmatt (Basel 1519), herausgegeben von Wilhelm

uhl. Leipzig, B. G. Teubner. 1896. (Enthält als Anhang den fürzlich als 8. Þeft der Mitteilungen des dentschen Sprachvereins Berlin 1895

erschienenen Aufía: Eulenspiegel, bon Ernst Jeep.) Wilhelm Mifjalet, Die grundlegenden Übungen in der Rechtschreibung für

den Schul- und Þausgebrauch. Breslau, Mar Woywod. 1896. Br. M. 0,20.

Für die Leitung verantwortlich: Dr. Otto Lyon. Alle Beiträge, Bücher ac. bittet man zu senden an: Dr. Otto Lyon, Dresden - U., Ludwig Richterstr

. 2 II.

Die deutschen Reifeprüfungsaufgaben an den sächsischen Gymuafen

und öffentlichen Realanstalten Ostern d. I.

Von Geh. Schulrat Dr. Cheodor Bogel in Dresden.

Eine Zusammenstellung der bei den diesjährigen Osterreifeprüfungen der sächsischen Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen im Deutschen behandelten Themen, wie wir sie im Nachstehenden bieten, wird jedenfalls den sächsischen Lesern dieser Zeitschrift von Interesse sein, wie wir annehmen, aber nicht nur diesen.

Dem großen Friedrich Ritschl legt man das Wort in den Mund: ,,ein Königreich für ein Thema." Die Stimmung, aus der heraus dieses Wort entstanden ist, kann feinem Lehrer des Deutschen fremd sein, der für die schriftliche Reifeprüfung im Deutschen öfters die Aufgabe zu stellen gehabt hat. Selbst ein gewiegter Praktikus, der sonst taum einen Fehlgriff thut, wird darauf gefaßt sein, bei der Wahl des Themas für eine unter erschwerenden Umständen zu schreibende deutsche Prüfungsarbeit fich gelegentlich gründlich zu verrechnen. Und zwar wird ihm, je aparter, wirkungsvoller das Thema ist, das, in stiller Studierstube ausgewählt, den Weg zur Feuerprobe im Examensaal antritt, umsomehr das Bestehen dieser Probe wie ein Griff ins Ungewisse erscheinen. Schon darum möchte es jedem Deutschlehrer von einem gewissen Interesse sein, eine größere Reihe von Aufgaben kennen zu lernen, die zu einem bestimmten Termine in einem Schulbereiche bei Reifeprüfungen thatsächlich bearbeitet worden sind.

Man wird in der Annahme faum fehlgehen, daß jedes der anzu-, führenden Themen von dem betreffenden Lehrer ,, nach heißem Bemühn schließlich ausgewählt worden ist aus einer Reihe möglicher anderer. Insofern liegt in dem kleinen Verzeichnis, das folgt, für den Kundigen eine immer recht beachtliche Summe von praktischer Schulmeisterweisheit aufgespeichert.

Bearbeitet worden sind diesmal folgende Aufgaben:

a) an Gymnasien: 1. Goethes Stellung zur Religion nach den Gedichten: Ganymed, Grenzen der Menschheit und das Göttliche. - 2. Entsprechen die sophokleischen Gestalten des Areon und Ajay den in der Poetit des Aristoteles an den dramatischen Felden gestellten An

Seitschr. f. 8. Deutschen Unterricht. 10. Jahrg. 5. u. 6. Heft.

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