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Verheißung ,, kriegerischer Ehren“. Er sieht darin eine willkürliche phantastische Umbildung des wirklichen Fergangs durch die von Dünfel und eitler Ruhmbegier angetränkelte Seele der Jungfrau. Diese Ver: heißung ist allerdings etwas ganz anderes als der von der Himmels: königin angedeutete Lohn (,,Die hier gedienet ist dort oben groß"). Man mag es immerhin bedauern, daß Schiller der höheren Verheißung eine niedere an die Seite gestellt hat, aber dies Verfahren erklärt sich aus dem rhetorischen Charakter des Monologs. Die Stimme Gottes mahnt Johanna an die Entsagung, die sie üben muß, um ihren hohen Beruf zu erfüllen; was ist natürlicher, als daß sie auch des Vorzuges gedenkt, der der entsagenden Gottesstreiterin vor andern Weibern be schieden ist? Daß die Gottheit durch die Zusicherung kriegerischer Ehren die Jungfrau loden wollte, fann natürlich nicht angenommen werden. Kriegsruhm ist vielmehr nur die notwendige Folge der Er: füllung des Berufes, der Johanna auferlegt wird. Ein Mädchen, das sein Vaterland befreit und seinem König die Arone erringt, es kann ja kriegerischen Ehren gar nicht entgehen. Wenn man aber mit Valentin annimmt, daß die spätere Erzählung den wahren Sachverhalt wieder: spiegle, während der Bericht des Monologs durch Eitelkeit und Ruhmsucht tendenziös gefärbt erscheine, wie erklärt es sich dann, daß dieser an erster und nicht vielmehr an leßter Stelle steht? Muß nicht Jos hanna durch den glänzenden Erfolg ihres erstmaligen Auftretens auf der Kriegsbühne berauscht werden, wenn sie der Ehrsucht zugänglich ist; muß nicht das Hochgefühl, von einer jubelnden Menge als ,,Erretterin" gepriesen zu werden, die Reinheit ihres Herzens gerade in dem Augenblic trüben, in dem sie sieggekrönt zum erstenmal vor den König tritt? Warum nun gerade in diesem Moment des Siegesrausches der bescheidene, sachgemäße Bericht über ihre Berufung? Ist es erklärlich, daß die ,, Unwandlung selbstgefälligen Empfindens untertaucht, sobald sie vor dem Dauphin steht“? Sollte nicht vielmehr gerade jegt ihre Hybris zum Durchbruch kommen? Ist es denkbar, daß fie, deren Herz schon im Vorspiel von Stolz und Ruhmsucht vergiftet erscheinen soll, plößlich ihre verlorene Herzensreinheit und Bescheidenheit wiederfindet, um sie alábald wieder einzubüßen? Wie stimmt das zu der sicheren Folge: richtigkeit“, die Valentin dem Dichter nachrühmt?

Wie scharfsinnig die Kombination des Frankfurter Gelehrten, wie bestechend seine Beweisführung auch sein mag, einer schärferen Prüfung dürften sie kaum standhalten. Der Doppelbericht bedarf einer einfacheren Erklärung. Eine solche giebt z. B. Gaudig. Nach ihm haben wir thatfächlich zwei verwandte Erlebnisse zu unterscheiden. Zuerst ist der Hirtin die heilige Jungfrau wiederholt erschienen, um sie zum heiligen Werke

zu mahnen. Nach anfänglichem Widerstreben beugt sich Johanna als demütige Magd" dem göttlichen Willen. ,,In diesem Zustande innerer Bereitschaft empfängt fie aus dem Rauschen der Eiche heraus den Be fehl Gottes." Mit dem Höchsten selbst schließt sie den Bund, wodurch ihr das Gelingen ihres Befreiungswerkes zugesichert wird, wenn sie den Regungen irdischer Liebe widersteht.-) Bei dieser Auffassung muß es gerade für Johannas bescheidenen Sinn {prechen, daß sie vor dem König und seinem Hofe ihre Berufung durch die heilige Jungfrau schlicht erzählt, von jener höchsten Gnade aber, deren sie gewürdigt worden, der Anrede Gottes und von seiner Verheißung schweigt.

Nach Valentins Meinung besteht die tragische Schuld der Heldin nicht in ihrer Liebe zu Lionel, sondern darin, daß fie, von Eitelkeit und Ruhmsucht angestachelt, den ihr erteilten Auftrag willkürlich umdeutet und damit von der ihr zugewiesenen Bahn abirrt. Dies soll sich zunächst in der Scene (II, 4) zeigen, in der ihr La Hire zuruft: ,, Den Weg des Siegs bezeichne du dem þeer. Die Fahne trag uns vor in reiner Hand, doch nimm das Schwert, das tödliche, nicht selbst, versuche nicht den falschen Gott der Schlachten, denn blind und ohne Schonung waltet er." Diese Worte umgrenzen nach Valentins Meinung ganz richtig das, was fie thun foul. Aber dagegen ist vor allem zu erinnern, daß die Mahnung La Fires (ähnlich wie die voraufgehenden Worte des Bastards) von zärtlicher Besorgnis um Johannas Leben eingegeben ist und vornehmlich den Zwed hat, sie vor den Gefahren des Nahekampfes zu warnen. Um nicht selbst ein Opfer des Hampfes zu werden, soll sie nicht selbst das Schwert führen. So faßt denn auch Johanna die Worte auf, wenn sie entgegnet: „Nicht heut, nicht hier ist mir bestimmt zu fallen.“ Die Schroffheit, womit sie hier den um sie besorgten Helden in seine Schranken zurückweist, ist nicht die Folge von Dünfel, sondern entspringt dem vollkommen richtigen Bewußtsein, daß er wie Dunois in ihr mehr das Weib als die Gottesstreiterin sieht. Sie muß infolgedessen das empfinden, was sie später (III, 4) in die Worte faßt: „Der Männer Auge schon, das mich begehrt, ist mir ein Grauen und Entheiligung!" Und so muß fie fühlen, wenn sie dem Bunde mit Gott treu bleiben will; denn dieser heischt ein blindes Werkzeug: „Der Pfeil muß fliegen, wohin die Hand ihn seines Schüßen treibt." Sie darf sich in ihrem Thun durch andere nicht beirren lassen. Wenn La Hire später die Jungfrau ob ihres „bescheidenen þerzens" rühmt und ihr das Zeugnis giebt, ,, sie strebe nicht schwindelnd irdischer Hoheit nach“, so beweist er damit aufs

1) Aus deutschen Lejebüchern V. BD., 3. Abt., S. 164.

klarste, daß Johannas persönliches Eingreifen in das Handgemenge für ihn kein Zeichen ihres eitlen Trachtens und ihrer Ruhmsucht ist. Gerade diese Thatsache läßt erkennen, daß Valentin den Worten: „Die Fahne trag uns vor in reiner Sand" eine Bedeutung beilegt, die sie dem Wortlaute nach wohl haben könnten, aber hier offenbar nicht haben, indem er auf das Wörtchen „rein", das hier nur schmüdendes Beiwort sein kann, besonders starken Nachdrud legt.

Noch schärfer soll dieses ,, Überschreiten ihrer Aufgabe" in der Scene mit Montgomery (II, 7) hervortreten. Valentin behauptet, der Erfolg, der nie versagende Sieg, der im Einzelkampfe stets errungene Triumph habe ihre Seele immer mehr verblendet, und in dieser Verblendung schreibe sie sich eine Aufgabe zu, die ihr nicht gestellt sei, wenn sie sage: Dem Geisterreich, dem strengen unverleßlichen, verpflichtet mich der furchtbar bindende Vertrag, mit dem Schwert zu töten alles Lebende, das mir der Schlachten Gott verhängnisvoll entgegenschidt." Das Finmorden der Feinde ist Johanna niemals geboten worden“, sagt Valentin. Den Beweis für diese Behauptung bleibt er uns freilich schuldig. Die Worte der Dichtung aber beweisen das Gegenteil. Ist der Jungfrau in der That nichts anderes geboten, als das französische Heer zum Siege und den Dauphin zur Krönung nach Rheims zu führen? Ist ihr nicht vielmehr die persönliche Teilnahme am Kampf, die Führung des Schwertes gerade nach dem Berichte befohlen, den Valentin als die Darstellung des thatsächlichen berganges der Berufung ausdrüdlich anerkennt? ,,Dieses Schwert umgürte Dir!" sagt die ģimmelskönigin, ,, damit vertilge meines Voltes Feinde." Wenn Johanna gemäß jener Mahnung La Hires ,, das Schwert, das tödliche, nicht selbst“ nehmen fou, warum wird von diesem Schwerte in unserem Stüc so viel Aufhebens gemacht? Warum wird namentlich so viel Gewicht darauf gelegt, daß das richtige Schwert, dem Gott den Sieg verheißen, das Schwert von Fierboys, gefunden wird? (I, 10). „Die Waffe", wird man viel: leicht entgegnen, ,, hat hier nur die Bedeutung eines Symbols." Aber bedurfte es denn eines solchen zweiten Symbols? Reichte als solches nicht die Fahne aus? Wenn das Schwert nicht als wirkliche Waffe dienen soll, warum der Heldin dann ein unnüßes Dekorations: stüd andichten? In der elften Scene des fünften Aufzuges, wo sie in schweren Fesseln, aber geläutert und innerlich frei, feiner Schwachheit fich bewußt, die höchste Not der Ihrigen vernimmt, wo ihr in heißem Gebet die Wunderkraft wiederkehrt, wo sie die Ketten zerbricht, da greift sie wiederum zum Schwerte. Die tödliche Waffe schwingt sie in ihrem leßten und herrlichsten Kampfe. Mit ihr befreit sie ihren König, erringt sie ihrem Volke den Sieg, sich selbst den Heldentod fürs Vaterland. Solen wir etwa von der Verklärten scheiden mit dem bitteren Gefühle des Unmuts darüber, daß fie, die wir bekehrt geglaubt, hier wiederum , ihre Aufgabe überschritten" hat? – Nach meiner Empfindung ist es völlig klar, daß nach Gottes Willen Johanna dieses Siegesíchwert im Rampfe chwingen soll. Auf eine gegenteilige Auffassung kann man überhaupt nur dann verfallen, wenn man unsere moderne, sentimentalere Auffassung vom Wollen und Wirken der Gottheit willtürlich an die Stelle der naiveren und derberen Auffassung des Mittelalters seßt. Schiller aber hat seinen oftbewährten historischen Sinn in unserm Stüđe unter anderm auch dadurch bewiesen, daß er die Vorstellung vom Wesen Gottes dem Geiste der Zeit anbequemt, in der die Handlung spielt. „Vertilge meines Volkes Feindel" gebeut die Mutter Gottes. Die Gottheit nimmt also Partei für den rechtmäßigen Erben des allerchristlichsten Königs. Wie einst das Volk Israel mit dem Feldgeschrei: ,,Hier Schwert des Herrn und Gideon!" und die Kreuzfahrer mit dem Rufe: „Gott wil es!" in den Vernichtungskampf gegen die Feinde Gottes fich stürzten, so hier die Franzosen unter dem Schlachtrufe: „Gott und die Jungfrau!" Die Gottheit ist — sit venia verbo gleichsam persönlich interejjiert. Sie betrachtet die Engländer als persönliche Feinde und will deren Vertilgung durch das Schwert. Ihr auserwähltes Rüstzeug darf fich diesem Bertilgungsbefehle am alerwenigsten entziehen. Es bedarf einer sehr gefünstelten Deutung, um den klaren Befehl der Himmelskönigin so zu entkräften, daß nichts bestehen bleibt als das Gebot, den Feind ,,kollektiv“) zu besiegen und den Dauphin zu krönen. Johanna handelt vollkommen im Sinne ihres Auftrags, wenn sie im Kampfe die einzelnen Gegner erbarmungslos ihrem Schwerte opfert. Es ist durchaus feine Phrase eitler Überhebung, sondern bittere Wahrheit, wenn sie dem zagenden Waliser zuruft: ,,Die heil'ge Jungfrau opfert dich durch mich“ (II, 6). Der Einfluß Homers, dessen Götter im Heldentampfe persönlich Partei ergreifen und dessen Einwirkung gerade in der Montgomeryscene so greifbar hervortritt, mag Schiller in dieser Auffassung noch bestärkt haben. Daß die Härte des göttlichen Blutbefehls in diesem Auftritt zu einem unserm sentimentalen Empfinden fremden Ausdrud kommt, will ich nicht im mindesten leugnen, aber gerade dieser Umstand ist mir ein Beweis dafür, daß der Dichter dieser ,,romantischen“ Tragödie bei dem Zuschauer, dem er ein Versenken in den Wunder

1) Diesen Ausdrud gebraucht Evers in einem Aufiaße dieser Zeitschrift (Band IX, S.55 Anm. 1). Aus den daselbst gegebenen Andeutungen scheint mir hervorzugehen, daß seine Anschauung mit der Valentins im wesentlichen über: einstimmt.

glauben des Mittelalters zumutet, auch die Fähigkeit vorausseßt, fich die naive mittelalterliche Vorstellung vom persönlichen Walten der Gottheit im Völferkriege anzueignen. Wem diese Fähigkeit gebricht, der mag die historische Auffassung Schillers als für sein modernes Empfinden anstößig immerhin bedauern, aber er hat kein Recht, der Heldin aus einem Verhalten ein Verbrechen zu machen, das jener historischen Auffassung durchaus entspricht.

Merkwürdig ist es übrigens, daß, während Johanna den meisten Erklärern bei dieser Gelegenheit zu grausam erscheint, andere sie allzugroßen Mitleidz für den Walliser zeihen. In der That, aus den oben angeführten Worten, womit sie Montgomery zum Kampfe mahnt, spricht deutlich der geheimnisvolle Schauder, den der Heldin menschliches nnd weibliches Gemüt bei der Ausübung ihres ,,furchtbaren Berufes“ empfindet. Das tragische Motiv des Konflikts zwischen menschlichem Fühlen und übermenschlicher Pflicht klingt hier leise aber merklich an. Denn gerade darin liegt die erschütternde Tragit des Stüdes, daß das zartempfindende Weib') in hoher Begeisterung einen Beruf auf sich lädt, der sie zwingt, in gewissen Momenten ihre innerste Natur zu verleugnen, weil sie aus dem dem Weibe bestimmten natürlichen Wirkungskreise heraustreten muß.

Bei solcher Betrachtung erscheint denn auch Johannas bitterer Vor: wurf gegen die Gottheit verzeihlich: „Mußtest du ihn auf mich laden, diesen furchtbaren Beruf? Konnt' ich dieses Herz verhärten, das der Himmel fühlend schuf ?“ (IV, 1). Ich sage, dieser Vorwurf erscheint ähnlich wie die Klage der Kassandra, wenn auch nicht volberechtigt, so doch verzeihlich. Denn es ist menschlich, daß der Mensch, wenn er im Volbringen einer edlen That, zu der er sich berufen glaubt, scheitert, wider die Vorsehung murrt, da er vermöge seines gebundenen Sinnes die Weisheit des göttlichen Ratschlusses nicht sofort erkennt. Es ist die selbe erschütternde Klage der schuldbelasteten Menschenseele, die uns aus den Worten des þarfners entgegentönt: ,,Ihr führt ins Leben ihn hinein, ihr laßt den Armen schuldig werden; dann überlaßt ihr ihn der Bein, denn alle Schuld rächt sich auf Erden." Es ist das dem menschlichen Verstande unfaßbare und unlösbare Rätsel des Widerstreites zwischen menschlicher Willensfreiheit und göttlicher Schidung, das dem Schuldigen die Seele verwirrt. Die Auflehnung Johannas gegen den göttlichen Willen, die uns das Selbstgespräch zu Anfang des 4. Aufzugs erkennen läßt, ist allerdings eine – wenn auch inenschlich leicht begreifliche

1) Vgl. hierzu die vortreffliche Ausführung Bellermanns (Schillers Dramen. II. Band, S. 251 flg.).

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