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,,D þarffeweis Orpheus, ießumal kompt widerumb hoche
Dein artige Reimeweis, zu ihrigem ersten Preis
Da du ein Tracier von Geburt vnd Teutonischer Sprache,
Der erst solch unterwies Frembd Völkern allermeist.
Dieselbigen lange zeit haben mit unserer kunste
Alleyn sich stolßiglich Gepranget unbilliglich
Jeßumal nun baß bericht't', wollen wir den fälschlichen dunste

Ihn' nehmen vom angesicht, ons nehmen zum Erbgedicht.“ Daß Fischart die volkstümliche Epit fannte und liebte, erkennen wir daraus, daß er 1572 den ,, Eulenspiegel" in Reime brachte. Daß er an volkstümlichen Festen Vergnügen hatte, sehen wir aus dem ,,Glückhaften Schiff“, in dem er ein Schüßenfest feiert. Ebenso äußert er mehrfach wohlthuende und achtende Anerkennung gegen den zeitgenössischen Boltsdichter Hans Sachs. Wie innig vertraut er mit der volkstümlichen Litteratur seiner Seit war, erkennen wir überall in seinen Werken. Bereits im Volksmunde lebende Lieder flocht er ohne Bedenken in seine Schriften ein, wie es z. B. in der Geschichtstlitterung“ und in der „, Flöhhag" geschehen ist. Ebenso ist die Rüstkammer seines þumors mit volkstümlicher Spruchweisheit reich gefült, sodaß er z B. im „Podagrammischen Trostbüchlein“ das lateinische „Nosce te ipsum“ mit nicht weniger als dreißig deutschen Sprichwörtern zu umschreiben vermag und am Schlusse sogar noch ein ,, etc." anbringt.

Blättern wir in der Geschichtstlitterung" weiter, so begegnen wir einer begeisterten Verherrlichung der Buchdruckerkunst als einer vaterländischen Erfindung. Es heißt daselbst:

Gelobet sey der löblich Fund
Der edlen Truderey.

Þätt' Welschland diesen Fund ergründ,
Seins rühmens wär kein End',
Nun hats euch Teutschen Gott gegünnt,

Deshalb ihn wohl anwendt. In Beziehung auf Seb. Brant, dem wir einen ähnlichen Lobpreis der Buchdruderkunst in lateinischen Versen verdanken, sagt Barnđe: ,, Die Erfindung der Buchdruđerkunst war eine Sache, die auch den fälteren Gelehrten, zumal er der Zeit der Erfindungen noch um so viel näher stand, zum Vaterlandsgefühl erwärmen mußte."

Um wieviel mehr mußte also unser Fischart, der kein tälterer Ges lehrter, sondern ein warm empfindender Dichter war, die neue Kunst zu würdigen wissen. Trat er doch auch für die deutsche Kunst überall mit warmen Worten ein. Am deutlichsten sehen wir dies aus der Vorrede zu dem 1573 erschienenen Bilderwerke „Accuratae effigies pontificum maximorum“, sowie aus den Widmungsschriften und Vorberichten zu den 1576 erschienenen ,, Figuren biblischer Historien" und den ,, Emblemen Matthias Holzwarts" (1581).

Gegenüber der Anmaßung französischer und italienischer Maler, die die falsche Meinung zu verbreiten suchten, als ob die Kunst allein in Frankreich und Italien zu Hause sei, sucht der wadere Fischart Kunstsinn und Kunstfertigkeit seiner Landsleute in Schuß zu nehmen. Im Gegensaß zu der Ansicht des Georgius Vasaris, der in seinem „Großen Tractatus" die Erfindung der Kunst des Kupferstechens einem Florentiner Maso Finiguerra (t ums Fahr 1470) zugeschrieben hatte, weist Fischart nach, ,, daß ein Hochteutscher, Martin Schön genannt, umb das 1430. Jahr solche Kunst hab' in ein übung, ruff und gang gericht.“ Auch die Erfindung des Formenschneidens in þolz schreibt Fischart einem Deutschen zu.

Weiterhin folgt ein Lobpreis des berühmten Albrecht Dürer, ,, der eine solche Anzahl fürnehmer Maler hin vnd wider in Hochteutschland hat erwecket, daß sie an Menge und Kunst gewißlich keiner Nation, wie kunstkünstlich sie sich auch verschrey, dißfalls werden Plaß räumen.“ Hieran schließt sich die Aufzählung von nicht weniger als 35 deutschen Künstlern, welche ,, die bestendige und ware Geschidlichkeit und Art des rechten Malens durch ihre Monumente erhalten und sich der frembden Welschen art zu malen (die heut' der mehste theil nachäfft, und doch nicht für die beste weiß gründlich bestehen und beschüßet fann werden) entschlagen." Welch warmer Batriotismus spricht aus dieser waderen Ehrenrettung deutscher Kunst!

Nach alledem darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden, daß Johann Fischart an allen Zeit- und Streitfragen seines Jahrhunderts lebendigen Anteil nahm, daß er sich immer auf den nationalen Standpunkt stellte und so wohl geeignet erscheint, in einer Zeit, in der unser Volf um seine nationale Wiedergeburt ringt, als nachahmenswertes Vorbild zu dienen.

Der deutsche Unterricht in der pädagogischen Presse

des Jahres 1894.

Von Kud. Dietridh in Kandern. Es stand zu erwarten, daß das Jahr 1894 auch unter den Volks: schullehrern viele veranlassen werde, Rudolf Hildebrand mit der Feder zu feiern. Diese Erwartung ist jedoch nicht erfüllt worden, ver: mutlich deshalb, weil des Meisters persönliche Verhältnisse zu wenig bekannt gewesen (erst nach seinem Tode in weiteren Kreisen bekannt geworden). So hat uns die pädagogische Presse 1894 überhaupt nur zwei ) tüchtige Auffäße über Rudolf Hildebrand gebracht, und zwar stammt der eine nicht von einem Lehrer der Volksschule. Auf diesen (Rudolf Hildebrand im Dienste der Wissenschaft und der Schule, von Aug. Mühlhausen, Rhein. Blätter 1894, V VI) hat schon der Herausgeber dieser Zeitschrift (1895, S. 4) kurz hingewiesen. Mühlhausen veranschaulicht die große Wirkung, welche von der Persönlichkeit des einzigen Mannes ausging auf seine Hörer und auf diejenigen, welche das Glück hatten, in engere Beziehungen zu ihm treten zu dürfen. Ich fühlte so etwas wie die Samariterin am Brunnen bekennt Mühlhausen von sich selbst -: das Brot, das ich in Hildebrands Familie gegessen, ist mir ein Brot des Lebens geworden. — Den größten Teil seines lebensfrischen Berichts aber widmet Mühlhausen dem trefflichen Lehrer – dem Grammatiker, dem Wortkundigen, dem Erklärer dichterischer Werke und dem ,, Wörterbuchmann". Die Eigenart Hildebrandischer Arbeit, die Vielseitigkeit seines Geistes wird wirksam nachgewiesen an etlichen Einzelheiten der Wörterbuchstüde Aummer, Kirsche, Kirche, Sterl, Geist. Schließlich würdigt Mühlhausen das Buch vom deutschen Sprachunterricht. In diesem Abschnitt sind von besonderen Wert die ausführlichen Mitteilungen über die nachahmende That eines Franzosen (des Michel Bréal Quelques mots sur l'instruction publique en France, zuerst erschienen 1872)). — Mühlhausens Arbeit ist etwas spät, teilweise erst nach dem Tode dessen, den sie feiert, veröffentlicht worden. Rechtzeitig dagegen als Geburtstagsgabe — kam der erste Teil des Aufsaßes von Edwin

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1) Bon Georg Berlits auch durch Sonderdruck verbreiteter Arbeit durften wir hier absehen.

2) Mühlhausen meint am Ende seiner Abhandlung: „Daß die eigene freie Persönlichkeit wachsen könne in allen unsern deutschen Schulen, wachsen, blühen und gedeihen, das ist es, was Rudolf Hil and erstrebt.“ Der Sinn dieser Worte fann für denjenigen, welcher Fildebrand kennt - und Mühlhausen lehrt ihn ja kennen nicht zweifelhaft sein. Der Unkundige freilich könnte vermuten, es handle sich – nach dem Wunsche gewisser Philosophen um die Ent: faltung der unbeschränkten Eigenheit. – übrigens ist in jenen Worten nicht das, sondern nur ein Ziel der Hildebrandischen Pädagogit genannt. Auf diese geht Mühlhausen sonst nicht ein, auch Wilfe nidt, dagegen einigermaßen Álb. Richter in einem Aufsaß, der zwar dem Jahre 1895 (Prakt. Schulmann I) angehört, aber des Zusammenhangs wegen doch schon hier angezeigt werden darf. Richters Darlegungen gipfeln in dem Saße: „Wir sind sicher, daß jeder, der Hildebrand selbst gelesen, zugeben wird: So hat mich über meine Aufgabe als Lehrer noch niemand aufgeklärt, und wenn alle Lehrer Hildebrands Mahnungen und Beispiel folgen, so muß es besser werden in der Schule, im Hause, im ganzen Volke.“ Richter fordert die Volksschullehrer auch zum Studium der Hildebrandischen Wörterbucharbeit auf; aus dieser (Richter nennt die Artikel Ge:

Wilke (Rudolf Hildebrand und seine Bedeutung für den deutschen Sprachunterricht, Pdäagogische Zeitung 1894, Nr. 10, 11, 18). Er verbreitet sich über die eigenartig schöne Schreibweise Şildebrands, zeigt, was das Buch vom deutschen Sprachunterricht will, mittelst Auszügen, erkennt im Verfasser einen „Naturpädagogen“ und „, den Evangelisten der deutschen Erziehung“. (,, Das Herz geht einem auf, wenn man nach dem Studium der Schulpädagogen einmal zu Rudolf Hildebrand in die Schule geht. Es ist, als wenn man aus der Schulstubenluft in die freie Natur tritt.") Weiter dann berichtet Wilke ausführlich über die Schriften eines selbst ständigen Mitarbeiters – des Leipziger Schuldirektors Albert Richter und etlicher Nachfolger Hildebrands: der Volksschullehrer E. Linde (Friemar bei Gotha), E. Hähnel und R. Baßig (Leipzig) und des Gymnasial: lehrers R. I. Krumbach (Wurzen). „Unsere Zeit

bemerkt Wilke am Schlusse seines Berichts — berauscht sich so gern an geschriebenen und gehörten Worten, aber sie wandelt so gern weiter in den altgewohnten Geleisen." Wohl wahr. Aber die ,,offizielle Pädagogit“, die „gegebenen Verhältnisse“ gestatten einen deutschen Sprachunterricht, der mit ,, deutscher Erziehung und Bildung überhaupt" eins ist, gar nicht. Als Ganzes gestatten sie ihn nicht. Einzelnes ist erlaubt oder läßt sich wenigstens einschmuggeln in die Schule. So haben denn auch nur einzelne Arbeitsgebiete oder Mittel des deutschen Unterrichts einen höheren Bildungswert gewonnen: nämlich Gegenstand und Art der mündlichen und schriftlichen Übungen, und hauptsächlich die Wortkunde. Diese besonders wird mit großem Eifer und Geschick in unsern Fachblättern erörtert. Ihren hohen erziehlichen Wert bezeichnet F. L. Veit treffend mit folgenden Sägen („Bortbildung und Wortbedeutung, ein Beitrag zum methodischen Ausbau der Şildebrandischen Anregungen", Allgemeine deutsche Lehrerzeitung 1894, 41–43): Die Kenntnis der Wortgeschichte verhilft zu einem tieferen Verständnis abstrakter Bezeichnungen, bietet günstige Anknüpfungspunkte für kulturgeschichtliche Betrachtungen, wedt das Interesse an der

danke, Gedächtnis, Gefühl, Geist, Gemüt) könnten jene ,,gar viel lernen, was in Lehrbüchern der Pädagogik nicht zu finden ist, dem Lehrer aber zu fruchtreichem Nachdenken über seine Aufgabe und sein Thun von großem Nußen sein könnte." - Der Billigkeit halber sei schließlich erwähnt, daß auch die Herbarts Billerischen ,, Pädagogischen Studien" (Dresden, Bleyl u. Mämmerer) nachträglich, aus der Feder ihres Herausgebers Th. Klähr, einen Aufsaß über Rudolf Şildebrand gebracht haben (1895, II), der zwar keine Bereicherung der Hildebrandschriften bedeutet, aber ein wohlthuendes Zeugnis ablegt von der tiefen Berehrung, welche der Verfasser, der Vertreter einer bestimmten, ihren eigenen Weg wandelnden ,,Schule", dem Gefeierten gegenüber hegt.

Mundart (die mancherlei sprachgeschichtliche Aufschlüsse zu geben vermag) und lehrt sie schäßen als ein Mittel zur Belebung und Vertiefung des Sprachunterrichts, fördert wesentlich das Verständnis der dichterischen Sprache, leistet der Stilbildung bedeutende Dienste, ist insbesondere ein Prüfstein und Wertmesser für die Reinheit und Wahrheit des Ausdrucs. Die Durcharbeitung des erklärten (in ,,Wörterhefte" eingetragenen) Wortidaßes dentt fich Beit so: Das Gesammelte wird verglichen und in Gruppen gebracht, die schließlich ihren Platz in zwei þauptabteilungen erhalten: die eine zeigt ,,etymologische Zusammenhänge", in Wortsippen – die andere birgt sachlich Verwandtes, „sprachliche Lebensgemeinschaften“. Diese Wörterhefte liefern auf der Oberstufe auch den Stoff für die Schreibübungen. — Fr. Borstel (,,Wortdeutung und Sprachbildung", Pädagogische Reform (Hamburg) 1894, 52; Fortseßung: 1895, 2—4) erklärt es als ,, eine unserer Hauptforderungen für die Hebung der Sprachbildung in der Schule, daß in allen Unterrichtsfächern auf allen Stufen, wo nur irgend die Möglichkeit fich darbietet, Wortdeutung getrieben werde, nicht schablonenmäßig, etwa ausschließlich nach Wort: familien, sondern wo es der fachliche Zusammenhang mit sich bringt." Borstel bietet gut gewählte Beispiele aus dem Lesebuche, der Kulturgeschichte, der Natur- und Erdkunde. Um ergiebigsten findet er (natürlich) die Lesestunde; und werde sie für die Wortkunde ausgenußt, dann müsse „das geistlose Herlesen aufhören; die Kinder erlesen sich etwas." Die Verwertung der Mundart fordert er noch dringlicher als Veit. Er weist u. a. darauf hin, daß in Gegenden, wo die unverfälschte Mundart noch die Sprache der gesamten Bevölkerung ist, die Leistungen der Shule in der deutschen Sprache, hinsichtlich der ,,Richtigkeit" größer sind als etwa in der Großstadt. Sie können auch wohl leicht größer sein; denn die Kinder, welche eine reine Mundart vom Vaterhaus in die Schule mitbekommen, haben das Bedürfnis (wie Borstel sagt), bis zum finnlichen þintergrund der Wörter oder Redewendungen vorzubringen, und fie befißen ein ungetrübtes Sprachgefühl auch für das Schriftdeutsche, oder erwerben es sich leicht.-)

1) Man höre dagegen den Rektor einer Großstadt (W. Köhler in Breslau). Dieser nennt den , alt eingewurzelten Dialett" auf dem flachen Lande - den ,, Dialekt der Bormütter“, also eine wirkliche und als solche berechtigte Mundart eine ,,torrumpierte Sprechweise", die flar zeige, ,, wie der Dialett darauf ausgeht (!), die Sprache in vollständig unerklärbarer (3) Art zu verstümmeln.“ Die Schule hat nach Herrn s. die Mundart , nur insoweit zu berüdsichtigen, als sie ihr entgegentreten muß". Zu den „vornehmeren Formen der Schriftsprache“ rechnet Herr &. Ausdrüde wie „in Anbetracht, auf Grund, zufolge 2c."'; sie klingen ihm ,, im Munde des Boltskindes“ nicht unnatürlich (,, nicht geziert"), selbst wenn es sie

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