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aedificare (= aedes facere) auf den Bau von Schiffen u. 1. f. anwandte, das darin stedende aedes vollständig in den þintergrund des Bewußtseins gedrängt worden war, sodaß dem Redenden der Gedanke daran überhaupt nicht kommen konnte.

An Beispielen für diesen Vorgang sind alle Sprachen außerordentlich reich. Wenn die Inder das Wort goshta, Kuhstal in allen erdentlichen Zusammenseßungen für Stall überhaupt gebrauchten und 3. B. sinhagoshta, Löwenstall oder acvagoshta Pferdestad sagten, so war ihnen zu der Zeit, als sie diese Neubildungen schufen, die Grund: bedeutung von goshta nicht mehr gegenwärtig oder der Gedanke an das bestimmende Glied Ruh so sehr aus der Vorstellung gerüdt, daß es als vollständig verblaßt gelten konnte. Ähnlich ist es im Griechischen. Wie wäre es möglich gewesen von einem tonous terpánovş zu reden, wenn damals, als das Eigenschaftswort terpánovs hinzugefügt wurde, noch die Dreifüßigkeit des Geräts als der wesentlichste Zug dem Bewußtsein vorgeschwebt hätte? Dasselbe gilt von den Wortverbindungen ó éri του ελέφαντος ιππεύς (pergl. ίππος, RoB), κυνέη κτιδέη (φuιδάς) Haube aus Wieselfell, tolúzopdos aviós, Flöte mit vielen ,,Saiten". Auch das Lateinische ist reich an solchen Erscheinungen. Außer dem oben genannten equum aedificare führe ich noch an solarium ex aqua (Wasseruhr - Sonnenuhr von Wasser), lorica ex cratibus (eigentlich Leder: panzer aus Flechtwert), atramentum rubrum (vergl. ater), exercitus tiro (vergl. exercere), auspicia ex quadrupedibus (vergl. auspicium avi-spicium, Vogelschau), iaculari pilis, lapidare glebis; im Französischen findet sich être à cheval sur un âne, le cheval est ferré d'argent, un pavé en bois u. a.') Alle diese Beispiele bestätigen die Wahrheit der Worte des Gellius (N. A. 16, 5: pleraque sunt vocabula, quibus vulgo utimur neque tamen liquide scimus, quid ea proprie ac vere significent, sed incompertam traditionem rei non exploratae secuti videmur magis dicere quod volumus quam dicimus. Die Worte gleiten uns über die Zunge wie Münzen durch die Hand; wir sehen uns selten ihr Gepräge genauer an.

Und nun zum Deutschen! Hier gilt es, eine größere Reihe von Fällen zu betrachten. Eigentlich ist es ein Unsinn, von einem alten Junggesellen oder einer alten Jungfer zu reden; denn da augenscheinlich alt dem in den genannten beiden Wörtern liegenden ersten Begriffe widerspricht, so liegt eine contradictio in adiecto vor, aber nur scheinbar. Denn die Grundbedeutung von jung tritt hier so zurüd, daß man in den Begriffen Junggeselle und Jungfrau nur noch die Unvermähltheit als wesentliches Merkmal findet. Ebenso thöricht muß es auf den ersten Blid erscheinen, wenn wir von einem silbernen Hufeisen oder von einer Stadt Düsseldorf sprechen. Denn so wenig ein Eisen von Silber sein kann, so wenig kann auch eine Gemeinde zugleich Stadt und Dorf sein. Denselben scheinbaren Verstößen gegen die Logit begegnen wir bei Bachszündholz, Papierwäsche und Eisenbahnknotenpunkt. Kann es wohl Hölzer von Wachs geben oder wird das Papier gewaschen und der in Frage stehende Punkt wie ein Garnknoten geknüpft? Ist es ferner nicht merkwürdig genug, daß man ein Mahl auch dann noch Abendmahl nennt, wenn es am Tage (in der Kirche) stattfindet, und daß man eine Münze, der kein Kreuz aufgeprägt ist, noch als Kreuzer bezeichnet oder einen Gegenstand noch mit dem Namen Wärmflasche belegt, der einer Flasche nicht im mindesten mehr ähnlich sieht? So nennen wir auch ein Lehr: buch jegt einen Leitfaden, ohne uns daran zu erinnern, daß dieser Brauch auf den Faden zurüdzuführen ist, mit dessen Hilfe fich Theseus aus dem Labyrinthe wieder herausfand. Wir sprechen ferner von einem Messinghorn (vergl. Kuhhorn), einem Blechasch (ursprünglich aus Eschenholz hergestellt und daher dich genannt), einem Rosenkranz (ber keine Rosen enthält), einem Reibeisen (obwohl es ießt meist aus Blech her: gestellt wird). Zupfen ist aufgekommen zu der Seit, als man noch jedermann am Zopfe fassen konnte, also im Zeitalter König Friedrich Wilhelms I. von Preußen, und taufen damals, als man den Täufling noch in die ,, Tiefe" tauchte. Daß die Fenstertafeln ehemals rund waren, lehrt uns der Ausbrud Fensterscheibe. Von Bleistiften konnte eigentlich bloß im 14. bis 17. Jahrhundert die Rede sein, wo die Maler solche aus wirklichem Blei bestehende, meist aus Italien bezogene Stifte gebrauchten; seitdem man aber den 1664 in Cumberland entdeckten Graphit zu diesem Zweck verwendet, ist der Ausdruck im Grunde genommen unberechtigt. Und wie wir uns kaum noch des Widersinnigen bewußt werden, das in der Wortverbindung vierblättriges Kleeblatt liegt, jo finden wir auch nichts mehr darin, wenn eine Frau sagt: ,,Ich kann meinen Mann stellen“ oder ein Mädchen: „Ich bin in der Schule drei Mann hinaufgekommen"'), ,,ich will schon seiner (über ihn) Herr (statt Herrin) werden" oder gar: „Ich bin ein Esel.“ Þaben wir doch auch noch niemals gehört, daß die Eselin als Sinnbild der Dummheit gedient hätte! Wenn solche Redeweisen durch den Sprachgebrauch geheiligt werden, wer wollte es da dem Geistlichen verargen, daß er am Grabe eines eben beerdigten Mannes ausruft: ,,Friede seiner Aschel" oder den Bewohnern der Stadt Leipzig, daß sie den Namen des alten Konzerthauses einfach auf das neue übertragen haben und von einem neuen Gewandhause sprechen, obwohl in diesem niemals eine Gewandniederlage gewesen ist?

1) Jn gleicher Weise d. h. durch Verwischen der zu Grunde liegenden Vor: stellung erklärt sich die Wiederholung eines Begriffes in den Ausdrüden Bowv επιβουκόλος, Rimberbirt Ber Riither, βοών ώμο βόεια, οδόν οδοποιείν, postridie eius diei, tripertito exercitu diviso.

1) Vergl. Lessing, Nathan V, 5 von einem Mädchen: „Ob diese mädchen: hafte Seele wohl Manns genug ist, den Entschluß zu fassen.“

Selbstverständlich leisten Fremdwörter dieser Art scheinbar logischer Mißgriffe ganz besonders Vorschub, weil ihre Grundbedeutung für die der fremden Sprache unkundige große Masse noch viel weniger durch sichtig ist.) Der ursprüngliche Sinn von Equipage – Schiffsausrüstung (von niederdeutsch skip, Schiff mit französischer Endung: eskipage équipage, vergl. estoile - étoile von stella, espée - épée von spatha) oder von Bouquet Gehölz kommt den wenigsten beim Aussprechen des Wortes noch in den Sinn. Bei Bantrott (= banco rotto, zerbrochene Bank, vergl. lat. ruptus) denkt man faum noch an den früheren Brauch, den betreffenden Geldwechselern thatsächlich die Bank zu zerbrechen, ebensowenig bei Himbeerlimonade an die ursprünglich zur Zubereitung verwendeten Limonen oder bei Kumpan (Brotgenosse) an panis – pain, Brot. Büchse ist eigentlich ein Gefäß aus Buchsbaumholz für Arzneien (ahd. buhsa – avis) - Salbenbüchle, dann jedes ähnlich geformte Gefäß auch aus anderem Stoff, endlich eine Büchle zum Schießen (Handbüchle, Steinbüchse schon mhd.). Dragoner waren im 16. Jahrhundert Schüßen zu Pferde, die einen ,,Drachen" in ihrer Standarte führten, Grenadiere von þaus aus Soldaten, die Granaten warfen, und Hartschiere Bogenschüßen (italienisch arciere von arcus, Bogen). Wörter wie Tragödie (Bodsopfergesang) und Hostie (Opfertier) brauchen wir unbefangen für Trauerspiel und geweihte Oblate. Ähnliches gilt von Kandidat; denn wenn wir auch dahinterkommen, daß eigentlich nur jemand so heißen kann, der in weißen Kleidern (candidatus von candidus) umhergeht, so fühlen wir uns dadurch nicht im mindesten in unserem Sprachgefühle verleßt. Und wer denkt bei stopfen noch an das Werg (stuppa) oder bei kaufen noch an den Weinschenken (caupo), von denen sich diese Begriffe herleiten? Stredenzen gemahnt uns an die traurigen Zeiten, wo der Mundschent, der Überbringer der Getränke an fürstlichen Höfen, vorkosten mußte, um Vertrauen (ital. credenza) wegen etwaiger Vers giftungsgefahr zu geben, Ballade (von ballare, tanzen) daran, daß solche Lieder ursprünglich zur Begleitung der Tänze gesungen wurden, Elogen (Lobeserhebungen elogia, Grabschriften) an die löbliche Sitte, von den Toten nur Gutes zu sagen (de mortuis nil nisi bene). Der Gedanke an plumbum, Blei ist bei dem Ausdruck Goldplombe gänzlich geschwunden, ebenso der an die Papierdüte (charta) bei Kartusche. Soldaten sind nicht bloß Söldner, sondern auch ausgehobene Truppen, Kelner nicht mehr Kellermeister, sondern Aufwärter in Gasthöfen. Kelter ist zunächst eine Vorrichtung zum Stampfen des Weins mit den Füßen (calcatura von calcare, vergl. calx, Ferse), dann aber auch eine Weinpresse. Der Name Indianer (= Rothäute) beruht gleich dem Ausdrud Ostindien auf der irrtümlichen Auffassung, daß Kolumbus in Amerika das lange gesuchte indische Land gefunden habe. Magnet kann eigentlich nur ein aus Magnesia, Kupfer nur ein aus Cypern (aes Cyprium=cuprum) stammendes Metall genannt werden. Das Kalkulieren wurde bei den alten Römern mit calculi, Steinchen, vollzogen, die Brille bestand ursprünglich aus zwei Berylen (berylli), die man, um besser lehen zu können, vor die Augen hielt. Kapelle bezeichnet zunächst einen kleinen Mantel (capella von capa, Kappe), dann den Raum, in dem der Mantel des heiligen Martinus mit andern Reliquien aufbewahrt wurde, schließlich jedes kleine Bethaus, aber auch den Sängerchor in der Kirche und überhaupt jede Vereinigung von Musikern. Protokoll ist nach mittelalterlicher Anschauung der formelhafte Eingang der Urkunden im Gegensaß zum Eschatokol, dem Schlusse, und der Formel, d. h. dem Terte des Schriftstüds. Bei Kalender denkt man schwerlich noch an die Grundbedeutung ,, Liste der Kalenden", ebensowenig bei Salair an Salzgeld. Flor ist von Haus aus ein Stück dünnes, blumig (ital. fiore, Blume – latein. flos, floris) gewebtes Zeug und Firma die feste (latein. firma), bindende Unterschrift, dann das bandlungshaus, das damit zeichnet, endlich das Schild an einem solchen. Und halten wir es nicht mit dem gesunden Menschenverstande vereinbar, von einer fünfzehntägigen Quarantäne zu reden, als ob quarante nicht vierzig bedeutete? Oder lassen wir uns etwa im Genusse des Punsches durch die Beobachtung stören, daß der Trant jeßt nicht mehr aus fünf Bestandteilen hergestellt wird, wie der Name besagt"), sondern schon zu Schillers Zeit aus „vier Elementen, innig gesellt“ d. h. ohne Zimt bereitet wurde? Endlich will ich noch an die Grundbedeutung von Rubrik (von lat. rubrica, Rötel), Vignette (Weinranke), Bule (lat. bulla, Knopf, dann Kapsel), Kanapee (lat. conopeum, Mückennep), Papier (lat. papyrus, Papyrusstaude), Bombast (lat. bombyx, Baumwolle) erinnern.

1) Bei vielen von ihnen hat sich der Sinn schon in der Grundsprache in der angegebenen Weise verschoben.

Aus alledem ergiebt sich, daß die Wortbedeutung und darin liegt ihr außerordentlicher Wert für uns häufig zugleich eine Quelle

1) Wenn Bunsch wirklich, was zweifelhaft ist, vom indischen pantschan, fünf hertommt.

kulturgeschichtlicher Belehrung ist. Denn sie zeigt uns in vielen Fällen, wie unsere Altvordern dachten, fühlten und handelten, überhaupt, welches Maß der Gefittung sie hatten. So finden wir, um nur dies eine noch zu erwähnen, daß bei ihnen nicht selten falsche naturwissenschaftliche oder physiologische Vorstellungen herrschten, die längst über Bord geworfen worden sind, die sich aber gleichwohl im sprachlichen Ausdrud vielfach bis zum heutigen Tage erhalten haben. Wohl ist die Anschauung längst überwunden, daß die Erde eine Scheibe sei, aber sie lebt noch fort in unserer Sprache: denn wir reden noch gegenwärtig vom Erdkreis, entsprechend der schon bei Griechen und Römern vertretenen Auffassung eines orbis terrarum d. h. einer auf dem Meere schwimmenden Scheibe; und wer zweifelt jeßt noch daran, daß sich die Erde um die Sonne dreht? Troßdem ,geht" für uns noch immer wie vor Jahrtausenden die Sonne täglich ,, auf und unter". Wir wissen ferner ganz genau, daß die Elektricität durch Ätherschwingungen erklärt werden muß, aber doch halten wir noch an dem alten Sprachgebrauche fest, und lassen sie als galvanischen ,,Strom" durch die Drähte fließen. Auch ist das Geseß der Schwerkraft schon längst entdeckt; gleichwohl lassen wir noch Körper auf die Erde niederfallen.

Durch Einwirkung des Mondes auf den menschlichen Körper erklärte man früher die Mondjucht, wie denn auch das launische Wesen auf einen Vergleich mit der Veränderlichkeit dieses Himmelskörpers (Laune luna, Mond) zurüdzuführen ist. Und wenn wir heutigen Tages noch von Heißblütigkeit oder Kaltblütigkeit reden, so macht uns dieser Ber: stoß gegen die Lehren der Wissenschaft kein Kopfzerbrechen; doch sehen wir aus den Bezeichnungen, daß unsere Vorfahren die menschliche Gemütsstimmung (Temperament) mit der Körperwärme (Temperatur) in Verbindung gebracht haben. Ferner lehrt uns das Wort Humor (von lat. humor, Feuchtigkeit), daß die alten Ärzte das Wohlbefinden des Menschen von der richtigen Verteilung der Feuchtigkeit abhängig machten. Und welche merkwürdige Anschauung von der Thätigkeit der Leber ist in den Worten: ,,Frisch von der Leber weg" ausgedrückt?

Wohl läßt sich die Zahl solcher Ausdrücke, bei denen man sich die ursprüngliche Bedeutung ganz aus dem Gedächtnis schlagen muß, um einen befriedigenden Sinn zu erhalten, noch stark vermehren, aber schon die vorgeführten Beispiele zeigen zur Genüge, welche eigenartigen Wege die Sprache oft wandelt und wie sich in ihr dem gesunden Menschenverstande zum Troß allerhand Sinnesveränderungen und Bedeutungsverschiebungen vollziehen, die sich nur aus geschwundenem Sprachbewußtsein erklären lassen.)

1) Im übrigen verweise ich auf meine Schrift: Unsere Mutteriprache, ihr Werden und ihr Wesen, 2. Aufl. Leipzig, Teubner 1895, S. 226 — 246.

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