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Der Zweig, so jüngst voll Reifes hing." (Annette von DrosteHülshoff.)

Das Opfer, so mir Gott bestimmt.“ (Rud. Baumbach, Bate des Todes.)

Aber auch das forrelative jo (statt wie) kann nicht Anstoß geben, in Stellen wie: „So er spricht, so geschieht's"; ja, man könnte sagen, es tritt durch dieses jo – jo die Gleichzeitigkeit des Sprechens (Wollens) und Geschehens noch schärfer hervor, als bei dem jeßigen wie - fo.

In dem Verzeichnis der alttestamentlichen Bücher hätte man allerdings statt: ,,Bücher, so man Apokryphen nennet" (,,eia, wie erbaulich flinget das!" þeyne) besser einfach: Apokryphen geseßt.

Ebenso wäre Fahr besser durch Gefahr, fährlich durch gefährlich erseßt worden (1. vorhin). Doch Fährlichkeit, welches Heyne hierbei nicht erwähnt, also wohl gelten läßt, wird hinreichend wieder durch den Katechismus gedect (1. Artikel Erklärung: „wider alle Fährlichkeit beschirmet“), ganz abgesehen von der neueren und neuesten Litteratur (Rosegger, Hans Hoffmann u. a.).

Ferner tadelt Heyne, daß man wesch haftig (Sir. 7, 15) durch schwäßig und nicht durch waschhaft gegeben habe, da doch Sir. 10, 25 „, der jähe Wäscher" beibehalten sei. Nun, geändert mußte doch einmal werden, und so nahm man hier und in Rap. 25, 26 das verständlichere schwäßig daß waschhaft noch überall verstanden werde, bezweifle ich - ebenso wie Schwäßer für Wäscher: Þiob 11, 2. Pred. 10,11. Jerem.5,13. Dagegen konnte Sir. 10, (9), 25 Wäscher nicht gut durch Schwäßer ersekt werden, weil dieser Ausdruck schon im ersten Gliede des Verses verwendet ist.

Weiter mißbilligt Heyne, daß Sir. 9, 4 statt Singerin Sängerin gesegt ist; denn Sängerin sei heutigen Tages eine technische Bezeichnung und sogar ein Titel geworden, und in Rücksicht darauf sei die Änderung „ganz schlimm". Daß Sängerin, welches übrigens längst auch an dieser Stelle in neueren Bibelausgaben stand, heutzutage nur technische Bezeichnung sei, muß ich bestreiten, es wird ebenso wie Sänger auch in allgemeinerem Sinne gebraucht.

In Psalm 3,7 habe man Luthers: „ich furchte mich nicht für viel hundert tausenten" verwässert in „vor viel tausenden".

„Nun, Luthers Ausdrud hätte ja bleiben können; aber man sollte meinen, viel tausende wären einem gegenüber immer noch genug. Þeyne ruft: ,Was sind uns heute tausende, wo wir täglich tausend Dank und tausend Grüße bringen?" Ja, hier heißt es aber: ,,vor viel tausenden." Und wenn wir uns leider häufig in Übertreibungen ergehen, so ist es jogar zu loben, daß hier zu größerer Einfachheit zurüdgekehrt ist. Wenn aber Heyne auf das Griechische der Septuaginta verweist, anò uvpiádwv laoû, so sind doch uvoiá des, als Überseßung des hebräischen risa? (rebhabhoth), nicht „, Millionen“, auch nicht hunderttausende, sondern nur zehntausende.

Auch daß man Sir. 11, 31 Luthers ,, Lodvogel auf dem Mloben" durch einen solchen im Rorbe erseßt hat, ist traurig, wenn man auch hierfür den Tert der Septuaginta anführen wollte; denn hier ist ein schönes, von Luther mit Absicht gewähltes Bild zerstört worden.“ Mag sein, ein zu Luthers Zeiten schönes Bild; wenn man sich aber dieses Bild nicht mehr recht vorstellen kann? Denn wie hat man sich hier einen „ Kloben“ zu denken? Auch şeynes Erklärung (in seinem Wörterbuch): „Gerät des Vogelfängers" hilft mir nicht weiter. Eher kann ich mir einen Korb als Fangmaschine vorstellen, wie denn das Griechische auch lautet: népdig Onpevth's įv naprándo.

Ein entschiedenes Versehen aber begeht Heyne in Betreff des Wortes endelich Luk. 1, 39: ,, Maria ging auf das Gebirge endelich." Er sagt: ,,Das legte Wort mußte durch ein anderes erseßt werden, da es schon seit dem 17. Jahrh. nicht mehr verstanden wird. Die revidierte Bibel nimmt eilends - so übel wie möglich; denn eilends ist bei uns noch ein Wort von frisch sinnlicher Bedeutung, man sieht gleichsam die Füße des Eilenden sich bewegen, und diese Bedeutung wohnt dem schon zu Luthers Zeit verblaßten endelich nicht inne; es durfte daher nur alsbald genommen werden.“ Daß endelich nicht bleiben konnte, giebt Heyne selbst zu; wenn nun ein Ausdruck, zumal ein solcher, der an mehreren Stellen in verschiedener Bedeutung vorkam, gänzlich zu beseitigen war, so ist die Kommission mit Recht, auch im Geist und Sinne Luthers, auf den Grundtext zurüdgegangen. Demgemäß ist endelich in den Sprüchen Sal. 21,5 (hebr. ram charûz) durch emsig, 22, 29 (hebr. 7 mahîr) durch behend gegeben. In der neutestamentlichen Stelle steht jetà orovdñs; daß dieses hier nicht mit alsbald übersekt werden konnte, würde Heyne wohl selber gesehen haben, wenn er den Text nach seinem Zusammenhange genauer verglichen hätte: das „ in diesen Tagen" steht dem im Wege. So haben es denn alle mir bekannten neueren Ausleger mit eilends, in Eile überseßt: Gerlach , in Eile“, Meyer ,, mit Eile“, und Holzmann') sagt: ,,Einige Tage nachher (εν ταϊς ňuépais taútais schließt wenigstens fofortigen Aufbruch aus) macht sich Maria auf und besucht, in wörtlicher Erfüllung des isoù V. 36, mit von Hoffnung beschwingten Schritten (uard

1) Hand- Kommentar zum Neuen Testament, bearbeitet von Holßmann u. a. Die Synoptiker, bearbeitet von Holzmann. 1892.

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Grovdñs) ihre Freundin." Damit wird eilends" wohl gerechtfertigt sein, wie dieses auch längst in anderen deutschen Bibeln steht.

Auffallend ist es in Heynes Kritik, daß er seine Belege zu einem unverhältnismäßig großen Teile einem apokryphischen Buche, dem Sirach, entnommen hat, während es doch auf die Apokryphen weit weniger antommen kann, als auf die kanonischen Bücher. Ja, man dürfte den Revisoren kaum zürnen, wenn sie die Apokryphen überhaupt von ihrem Revisionswerk ausgeschlossen hätten. „Das sind Bücher, so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten sind "1) - nun, dann gehören sie eben auch nicht in die Bibel hinein, sie würden besser ganz ausgeschieden, wie in den von der britischen und ausländischen Gesellschaft verbreiteten deutschen Bibeln.

Somit sehen wir denn wohl, daß Heynes Ausstellungen teils nicht begründet sind, teils, soweit vielleicht begründet, nur Geringfügiges betreffen. Jedenfalls reichen sie nicht hin, um sein verwerfendes Urteil auch nur entfernt zu rechtfertigen, da müßten erst noch ganz andere Beweise geliefert werden. Es sind ja nicht alle Wünsche erfüllt; aber unleugbar ist die durchgesehene Bibel ein höchst bedeutender Fortschritt gegen die bisherigen Bibelausgaben, und die Männer, welche dieser mühsamen, dornenreichen Arbeit einen großen Teil ihrer Zeit und Kraft gewidmet haben, verdienen nicht herben Tadel, sondern Anerkennung und Dank. In demselben Sinne hat Prof. Dr. Schott schon über die Probebibel, welche doch namentlich durch Ausscheidung von Archaismen noch sehr verbessert worden, das Urteil gefällt, daß diese durch einträchtiges Zujammenwirken der evangelischen Kirchenregierungen und der Bibelanstalten nach mehr als zwanzigjähriger Arbeit vollendete schöne und schwierige Werk ein Denkmal sei deutscher Gründlichkeit und Gelehrsamkeit, freier Unbefangenheit und echter Bietät gegen den Überseper, dessen Namen unsere deutsche Bibel seit mehr als 300 Jahren trägt.

Zum Schluß noch eine Bemerkung! Wenn M. Heyne gegen die sprachliche Form der revidierten Bibel so starke Bedenken hatte, warum hat er dann nicht seine Stimme erhoben, während die Probebibel, von der Buchhandlung des hallischen Waisenhauses (1883) herausgegeben, ausdrüdlich zu dem Zwecke vorlag, vor dem endgiltigen Abschluß des ganzen Revisionswerkes „jedem ein Urteil über die Arbeit zu ermöglichen und Bedenten geltend zu machen"?

Schreiber dieser Zeilen hat seine Bedenken gegen die sprachliche Seite der Probebibel in einem Aufsage des „, Evangelischen Monatsblattes für die deutsche Schule" ausgesprochen (Jahrg. 1885, woselbst auf

1) Wegen ihres anerkannt ungeschichtlichen Gepräges und wegen ihrer ganz äußerlichen Wertgerechtigkeit (,, Almosen erlösen von allen Sünden“ u. ähnl.)

S. 263 – 69 ein alphabetisches Verzeichnis der noch zu ändernden Formen und Fügungen), er hat diesen Aufsatz vertrauensvoll an die Kommission eingesendet und hat die Genugthuung gehabt, daß mindestens 7 dieser Bedenken Berüdsichtigung gefunden. Direktor Dr. Fric schrieb mir unter dem 18. Juni 1887: „Nachdem wir heute unsere erste Sißung (fünftägig) beschlossen haben, teile ich Ihnen ergebenst mit, daß fast alle Ihre Wünsche S. 263 flg. Ihres Aufsages über die Probebibel berücksichtigt worden sind. Der Aufsaß, der mir selbst sehr wohl bekannt war, ist uns in dem freundlichst übersandten Exemplar sehr zu statten gekommen.“

Wenn nun schon das Urteil eines wenig bekannten Gymnasiallehrers Beachtung gefunden hat, so wäre doch sicher die Stimme eines so hervorragenden Germanisten und Lexikographen nicht wirkungslos verhalt.

Übrigens hat die durchgesehene Bibel schon in weiten Kreisen Anerkennung und Eingang gefunden. So in Baiern, wo die Generalsynode im Herbst 1893 ihre Zustimmung dazu erklärt hat, daß diese Ausgabe der Lutherbibel ,, allmählich und mit thunlichster Schonung der bestehenden Verhältnisse eingeführt, und daß deren Text den Unterrichtsbüchern bei neuen Auflagen derselben zu Grunde gelegt werde.“ Und wie in Baiern, so ist fast überall von den Bibelgesellschaften beschlossen worden, von ießt ab die durchgesehene Lutherbibel zu drucken und zu verbreiten. Selbst die fächsische Fauptbibelgesellschaft, die früher unentschieden war und der Revision abgeneigt schien, hat fürzlich die revidierte Bibel angenommen.

Geschwundenes Sprachbewußtsein.

Von D. Weise in Eisenberg.

Die Worte einer Sprache gehn in der Entwicelung ihrer Bedeutung nicht einen schnurgeraden Weg; wer sie über das Gerüst eines logisch entworfenen Schemas spannen wollte, der würde sie zu Tode martern, den Geist frischen, leichtfertigen, teden Lebens, ihre eigentliche Seele, verscheuchen."1) In der That ist es oft wunderbar, was für Gedankensprünge das leichtbeschwingte Volk der Wörter während seines oft wechselvollen Daseins vor uns aufführt. Þat man) doch sogar behauptet, es gäbe faum zwei noch so weit voneinander abliegende Begriffe, die nicht doch möglicherweise geschichtlich betrachtet durch eine Reihe von Mittelgliedern miteinander verwandt wären und entweder der eine aus dem andern oder beide von einem gemeinsamen Grundbegriffe herstammten! Wie himmelweit verschieden sind nicht an sich Gold und Papier; und doch treten beide in nahe Beziehung zu einander in dem Ausdruck Gulden, der zunächst eine Münze von Gold, dann aber auch durch Übertragung ein gleichwertiges Stück Papier (Papiergulden) bezeichnet; ebensowenig hat von Haus aus die Vogelfeder etwas mit dem Stahle zu schaffen; aber seitdem der Gänsekiel einen metallenen Nebenbuhler gefunden hat, kennt man auch Federn von Stahl. Wie dort kein Mensch mehr an die dem Golde eigentümliche Farbe, feine Schwere, seinen Klang und andre Merkmale denkt, so ist hier gleichfalls nur die Verwendungsart von entscheidendem Einflusse auf die Entwidelung der Bedeutung gewesen. Die alten Grammatiker nannten diese Erscheinung abusio oder catachresis, Mißbrauch, was sie sicherlich nicht gethan hätten, wenn sie sich darüber klar gewesen wären, daß sich aller Bedeutungswandel nur auf diese Weise erklären läßt: Das Sprachbewußtsein schwindet, man läßt von den ursprünglich dem Gegenstande zukommenden und anhaftenden Merkmalen eins oder mehrere fallen und hält nur ein bestimmtes fest, das die Brücke zu der neuen Verwendungsart des Wortes schlägt. L'esprit, frappé d'abord du rapport que le second objet présente avec le premier, après les avoir embrassés dans un même regard et désignés sous le même nom, s'attache

1) Vergl. Litterarisches Centralblatt 1852 S. 484. 2) Whitney, Die Sprachwissenschaft überseßt von Jolly S. 163.

peu

છે peu au second, identifie avec lui de plus en plus complètement le nom emprunté du premier, et finit à la longue par faire de ce nom le signe exact, le représentant fidèle du nouvel objet. C'est donc l'habitude seule qui amène cet oubli du sens primitif et cette adoptation complète de l'ancien nom à la chose nouvelle. La catachrèse est fille de l'usage et du temps.) Für die Weiterentwidlung der Wortbedeutung ist also das Verblassen der Grundanschauung entschieden erforderlich. Nur dadurch, daß sie allmählich zu bloßen Zeichen für Begriffe herabsinken und sich ihr ursprüngliches Gepräge start verwischt, ist es ermöglicht, daß sich neue Vorstellungen daran anknüpfen, die nun allerdings oft in direktem Gegensaße zu der Grundbedeutung stehn. Quintilian VIII, 6, 34 führt als Beispiel dafür die Stelle aus Vergils Äneide II, 15 an: equum divina Palladis arte a edificant und knüpft daran die Bemerkung: abusio natáxenois necessaria, quae non habentibus suum nomen accommodat; mille sunt haec. Aber er unterscheidet diese Art des Bedeutungswandels sorgfältig von der translatio. Sicher ist, daß zu der Zeit, wo man den Ausdruck

1) Bergl. A. Darmsteter, La vie des mots étudiée dans leurs significations. Paris 1887 S. 68 fig.

Zeitsbor. f. b. deutschen Unterricht. 10. Jahrg. 2. Beft.

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