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daß sie, auch gegenüber den leßten gewöhnlichen Ausgaben der 5. Schrift, ganz bedeutend der Sprache der Gegenwart angenähert ist. )

Zunächst sind die veralteten, nicht mehr verstandenen oder wenigstens schwer verständlichen Wörter fast sämtlich ausgemerzt (ein vollständiges, über 400 Wörter umfassendes Verzeichnis, von Fr. Jehle zusammengestellt, f. in der Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins Beiheft IV), ebenso die durchaus veralteten Formen, wie eilf, jahe, geweiset, und Fügungen, wie bei mit dem Accusativ, sich bekümmern mit jemand statt um jemand. Auch die ießt altfränkisch klingende lateinische Biegung in Evangelium und in Eigennamen (ausgenommen in Jesus und Christus, wo sie eingebürgert ist) hat man mit Recht aufgegeben.

Was an Altertümlichkeiten stehen geblieben, ist mit wenigen Ausnahmen (wovon später) auch jeßt noch verständlich und findet eine Stüße an der edlen, insbesondere der dichterischen Sprache unseres Jahrhunderts. Überdies sind die meisten dieser Ausdrüde in dem der Bibel angehängten Verzeichnis schwierigerer Wörter erklärt (in der hier folgenden Aufzählung mit * bezeichnet). Dahin gehören:

a) Wörterschaß. *Elend (Ausland, Verbannung), die Faste (Fastenzeit), Fehl (Fehler, Fehltritt) * Freund nebst Freundschaft (Verwandter, Verwandtschaft), * Hinde (Hirschkuh), Marmel (Marmor), * Schnur (Schwiegertochter) - einig (einzig), * Königischer (föniglicher Beamter), rauch (rauh) - 1o (welcher, welche, welches; wie; wenn), * etwo (irgendwo) – fahen nebst empfahen, spüßen, * wallen in der Fremde sein), (hin und her) * weben (bewegen), * zerlechen (led werden) lich als umstands. wörtliche Endung in ewiglich, feftiglich u. a., * risch (rasch),

risch (rasch), * ichier (bald) dieweil, fintemal.

Einiges ist auch formelhaft gebunden, wie Greuel und Scheuel (Hej. 7, 20), bei dessen Änderung der Reim zerstört würde, 9) leben und *weben (sich bewegen) – wegen (= bewegen) und wiegen (Stabreim, Eph. 4, 14); anderes ist sprichwörtlich geworden, wie das ,, unverschämte * Geilen" (ungestüme Betteln Luk. 11, 8), „wider den Stachel löđen" (Apostelgesch. 9,5), oder es ist durch allbekannte Sprüche festgehalten, wie * ärgern (zum Argen, Bösen verleiten).

1) Von den nahezu 3000 Verbesserungen der Lutherschen überseßung (Engelhardt, Unsere deutsche Bibel S. 26 flg.), sehen wir hier natürlich ab, so sehr auch durch diese der Wert der Arbeit erhöht wird.

2) Vergl. Paul Heyse, Siechentrost: „als ob ein Scheuel und Greuel fich am hellen Tage blicken lasse".

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b) Formenlehre.
Der Angel (statt die A.) – derselbige – nadet

zween, z wo, zwei

-et (Präsens, Imperativ, Partizip z. B. gehorchet, zu: gesellet), beut, fleucht, fleugt, zeuch u. f. w.-), hub nebst erhub, kommen (statt ge-), worden (statt ge-), stund.

c) Saßlehre. Der Teilungsgenitiv: „des Wassers trinken“, „Raums genug“, , viel Volts" u. 1. w. – die starke Biegung des Eigenschaftswortes im Genitiv: ,,träges Herzens", ,,voll füßes Weins" – die doppelte Verneinung: ,, nie keinmal" u. a.

Die bis ießt aufgezählten Wörter, Formen und Fügungen werden meist noch ohne weiteres verstanden; wo aber eine Nachhülfe etwa nötig sein möchte, wie bei Elend, Freund u.s.m., da ist sie durch das erwähnte Verzeichnis von Sach- und Worterklärungen in ausreichendem Maße gegeben.

Im übrigen finden sich diese altertümlichen Ausdrücke größtenteils nicht nur bei den Klassikern, sondern auch bei den besten Dichtern unseres Jahrhunderts bis zur Gegenwart, bei Uhland, Platen, Rückert, Geibel, Freiligrath, v. Schad, Paul Heyse, Rudolf Baumbach, Hans Hoffmann u. a.

nicht zu vergessen die ältere und neuere kirchliche Lyrik, was fich alles leicht im einzelnen belegen ließe. Hier ist also „das alte Sprachgut" in angemessener Weise gehütet".

Einiges lebt auch im Volfsmunde (in Mundarten) fort, wie der Angel, Freundschaft = Verwandtschaft, rauch = rauh, die Geschlechtsunterscheidung bei zwei (in fast allen oberdeutschen Mundarten), die doppelte Verneinung u. a., und somit dürfte die Bemerkung im Vor: wort der Bibel gerechtfertigt sein, daß man auf die lebendige Volkssprache Rüdsicht genommen habe. Auch die Auslassung eines Fürwortes an Stellen, wo es leicht aus dem Vorhergehenden ergänzt werden fann, gemahnt vielfach an den Volkston, wie z. B. 1. Moj. 4,14: „Siehe, du treibest mich heute aus dem Lande, und muß mich vor deinem Angesicht verbergen."

Soweit wäre die durchgesehene Bibel" wohl gerechtfertigt; denn ganz auf den Boden des gewöhnlichen täglichen Geredes" durfte die

Sprache der Propheten und Apostel", die ,, ehrwürdige Kraft der Luthersprache" nicht herabgedrückt werden, es mußte ihr immer, gegenüber der Politur des modernsten Schriftdeutsch", ein edler altertümlicher þauch verbleiben.')

1) Es ist ein Verdienst der Kommission, daß sie diese schönen, vollklingenden Formen, für die auch I. Grimm in dem D. W. eintritt, wieder hergestellt hat (1. meine Schrift ,,Gut Deutsch" VII. Aufl. S.56).

Einiges freilich ist noch übrig geblieben, wobei eine Änderung wünschenswert gewesen wäre. Hier ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis dieser Ausdrüde: *Besem, Dativ der Mehrzahl Besemen, nur Luk. 11, 25: ,,mit Besemen

gekehret", wo bisweilen selbst Gebildete Besêmen lesen. * Blid statt: Bliß, Glanz'); *umbliden Apostelg. 22, 6: ,, umblidte

mich schnell ein groß Licht vom Himmel". (Freilich kommt Bliß von Blick her, mittelhochd. blicken, bliczen, bligen, noch

jeßt mundartlich Blix=Bliß.) *dürfen: 1) brauchen, Ursache haben. 1. Moj. 47, 22. Hiob 33,7 u. Ö.

2) sich erdreisten, wagen 3. Moj. 26, 37. Röm. 10, 20 u. ö. -ete in dem Imperfekt wäre manchmal wohl besser durch die jeßt allein

übliche fürzere Form ersekt worden, z. B. in hoffeten, Ge

falbeten, Auserwähleten. * Fahr: Apostelg. 19, 40: ,,wir stehen in der Fahr", 1. Thess. 5,3: ,, es

hat keine Fahr", allenfalls verständlich, doch besser durch Gefahr ersekt (troß Schillers ,,aus jeder Fahr und Not“ Tell III, 1,

und Rücerts ,,ohne Fahr"). *Gebräme: Säume des Gewandes Nah. 3,5. *Gedinge: Mietwohnung Apostelg. 28, 30. gegen mit dem Dativ (an einigen Stellen z. B. Psalm 5, 8). gelingen Spr. 28, 13: „dem wird nicht gelingen“ (es nicht od. nichts.) helfen in dem Sinne von nüßen, fördern mit dem Accusativ: Hef. 33, 12

,,so wird's ihn nicht helfen", Matth. 16, 26 ,,Was hülfe es den Menschen, so er die ganze Welt gewönne?" Vereinzelt noch bei den Klassikern (Goethe, Schiller), doch iegt veraltet, höchstens

in einzelnen Mundarten weiter lebend. heulen Pf. 22,2 u. ö. unedel statt klagen, wehklagen – doch in der

häufigen Verbindung „Heulen und Zähnklappen" sprichwörtlich

und dadurch festgelegt. hinnen – hie innen, drinnen 1. Kor. 5, 12 (wenn auch aus dem Gegensat

im folgenden Verse ,, die draußen sind“ der Sinn allenfalls

entnommen werden kann). ihm statt sich, meist geändert, aber doch noch hie und da stehen geselbst, selber: 1. Moj. 1, 11 (,, bei ihm selbst“), Psalm 15, 4.

blieben, freilich, wie es scheint, nur in der Verbindung mit

1) S. die von der Kommission angenommenen Grundfäße, welche Rudolf v. Raumer und Karl Frommann für die sprachliche Behandlung des Lutherschen Bibeltextes aufgestellt hatten, insbesondere § 3—5 und 15.

2) Habakul 3 (4), 11, wo es freilich schwer zu erseßen - war.

Matth. 27, 42. Apostelg. 12, 11. (nicht) kennen mit dem Genitiv. Matth. 25, 12: ,, ich kenne euer nicht",

Mark. 14, 71: „ich kenne des Menschen nicht“ statt des sonst auch in der durchgesehenen Bibel angewendeten Uccusativs. ,,Der Genetiv ist in alter Weise abhängig von nicht". (Hilde

brand in Grimms D. W.). *löden: Bjalm 29, 6: ,,löden wie ein Kalb" - hier doch besser durch

hüpfen erseßt, wenngleich das Wort in dem sprichwörtlich gewordenen ,wider den Stachel löden“ (ausschlagen, Apostelg. 9, 5)

beibehalten werden mußte. *Ort statt Ende, Jes. 11, 12: ,, von den vier Örtern des Erdreichs". rufen schwachformig: rufete statt rief, an einigen Stellen z. B. Matth. 22, 3.

25, 14. Die schwachen Formen (vom mhd. rliefen) find längst

vollständig erloschen. spotten mit dem Accusativ Matth. 27, 29: ,, Die Kriegsknechte spotteten ihn." * Teiding sleute statt Schiedsmänner 2. Moj. 21, 22. (Teiding

leeres Gerede, Hiob 35, 16 ist eher zu halten wegen des noch

üblichen Narrenteidinge). *Überjaš statt Überforderung 3. Moj. 25, 36, 37. Spr. 28,8. Hef. 18, 17

– hier überall parallel mit Wucher. Wucher, wo es nur Zins (ohne üblen Nebensinn) bedeutet, wie Matth. 25,27

(róxos), durch diesen Ausdruck zu ersetzen, um bedenkliche Miß

verständnisse von vornherein abzuschneiden. Das wird im wesentlichen alles sein, was etwa noch zu ändern gewesen. Es ist im Verhältnis zum Ganzen (1404 Seiten) äußerst wenig. Dazu kommt noch, daß auch hiervon das Meiste immer noch entweder an sich oder aus dem Busammenhange verstanden werden kann, oder wenigstens in dem Wörterverzeichnis erklärt ist, vieles überdies nur an sehr wenigen Stellen (3. T. nur an einer Stelle) vorkommt, wie z. B. Besem, Blid, Fahr, Gedinge, hinnen u. a.

Ist da nun wohl das Urteil, daß die Sprache dieser Bibel eine Leiche jei", daß fie in eine „, Altertumssammlung" gehöre und den Spott herausfordere, gerechtfertigt?

Aber Heyne führt einige Belege für seine Behauptungen an; diese haben wir nun zu prüfen.

Er sagt: „Wie läppisch wirkt schon die gehäufte Anwendung der volleren oder breiteren Verbalformen: er siehet, bescheret, lobet, du hörest, er reisete, gelernet u.s. w., und man weiß nicht, warum auf der andern Seite z. B. Matth. 17,1 führte, Matth. 5, 2 lehrte (bei Luther füret, leret), Luk. 1, 40, 41 grüßte, hörte, hüpfte (Luth. grüßet, höret, hüpfet) u. f. w. geseßt worden ist.“ Hier ist zuzugeben, daß die Imperfekt- Endung -ete (z. B. hoffete) statt -te noch in mehr Formen hätte beseitigt werden können (1. das vorhin darüber von mir Bemerkte). Was aber die Formen auf -et (Präsens, Imperativ, Partizip) und auf -est betrifft, so sind diese auch in der Sprache der Gegenwart keineswegs ganz erloschen, sie leben noch in der Dichtung und der Kanzelberedjamkeit, welche leştere şeyne selbst als sprachliches Muster für eine erneute Bibel hinstellt. (S. darüber meinen Aufsaß in der Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins, Jahrg. VII., Sp. 85 flg., wo viele Belege aus beiden Gebieten gegeben sind.) Um so weniger kann selbst die häufige Beibehaltung dieser Formen in der Lutherbibel befremden und unangenehm berühren. Nur hätte man vielleicht hie und da auf den Rhythmus noch mehr Rücksicht nehmen können; so wäre z. B. ,, vergeht“ ein besserer (kräftigerer) Schluß des 1. Psalms, als vergehet.

Heyne fragt weiter: „Wenn die Herren Rüdficht nahmen auf die flüssige Grammatik der lebendigen Volfssprache, warum dann nicht das Luthersche redten beibehalten und die Form antwortet in antworte wie Luthers füret in führte? Das Volk spricht ja doch so." Aber es soll in der Bibel doch nicht die jeßt als nachlässig geltende Redeweise des gewöhnlichen Lebens (redte, antworte oder vielmehr antwort'te), sondern das Deutsche in sorgfältiger Aussprache und Schreibung wiedergegeben werden, wie jeßt auch schwerlich noch jemand gericht statt gerichtet schreiben würde. Und wenn die þerausgeber der revidierten Bibel sagen, man habe auf die flüssige Grammatik der lebendigen Vortssprache Rücksicht nehmen müssen, so ist damit doch auch nicht gesagt, daß man sich in jedem einzelnen Punkte danach richten wolle und gerichtet habe. In andern Punkten ist es zur Genüge geschehen, z. B. in dem Belassen der doppelten Verneinung (1. das vorhin Bemerkte).

Und was foll die Beibehaltung des relativen und korrelativen so, das längst der komischen Rede anheimgefallen ist?"

Zunächst steht so als Ersat des Relativs in mehreren Stellen des kleinen Lutherschen Katechismus: 1. Þauptstück (Schluß) ,, über die, to mich hassen", ,, denen, jo mich lieben", 3. Þauptstück, 3. Bitte „jo uns den Namen Gottes nicht heiligen" u. s. w. Schon dies würde genügen, um das relative so in der Bibel zu rechtfertigen. Solange von der ganzen deutschen Schuljugend, soweit fie lutherisch ist, Luthers Ratechismus gelernt wird, fann die Beibehaltung des jo kein Bedenken erregen. Dasselbe ist jedoch auch in der zweiten Blütezeit unserer Litteratur noch geläufig, namentlich bei Klopstock, Bürger (,,von Aden, so da kamen" Lenore), Hölty – und noch in diesem Jahrhundert findet es sich, bis in die Gegenwart herein, z. B.:

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