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Nach Sajö (Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten 1901, S. 92) soll sich in Ungarn das Peronosporajahr durch Mangel an Südwestund Westwinden, durch höhere Temperatur und höheren Druck des atmosphärischen Wasserdampfes auszeichnen. Für unsere deutschen Verhältnisse sind diese Angaben nicht zutreffend. Im Rheingau wenigstens herrschen nach den Aufzeichnungen der Geisenheimer Station im Sommer im allgemeinen die Winde mit westlicher Richtung vor, während Ostwinde mehr auf die Wintermonate beschränkt sind. Während der letzten zehn Jahre war die Verteilung der westlichen Winde in den Monaten Mai, Juni, Juli und August im Rheingau (Station Geisenheim) folgende:

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Auch die Angaben Sajös über die Temperatur stimmen mit unseren Beobachtungen, wie aus den später folgenden Tabellen und Kurventafeln hervorgeht, nicht übet ein. Im Rheingau war während der letzten Peronospora-Epidemie (1906) die Temperatur im ganzen eine niedrigere wie die derselben Zeit des Vorjahres; nur der Monat Mai war 1906 rund ein Grad wärmer wie im Jahre 1905. Über den Druck des atmosphärischen Wasserdampfes im Rheingau während der letzten drei Jahre gibt die nachstehende Tabelle Aufschluß:

Druck des atmosphärischen Wasserdampfes.

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Aus derselben ist zu ersehen, daß der Wasserdampfdruck nur in den Monaten Mai und August ein größerer gewesen ist, wie in denselben Zeiten des Vorjahres; der Wasserdampfdruck im Juni und Juli war ungefähr derselbe, wie der der nämlichen Monate des Jahres 1905. Im Jahre 1904 war dagegen der Wasserdampfdruck im allgemeinen ein sehr viel höherer, wie in den beiden letzten Jahren.

Die Untersuchungen von Sajö erstrecken sich nur auf zwei Jahre — 1899 und 1900 — und er ist selbst der Ansicht, daß diese kurze Zeit nicht hinreichend ist, um aus ihr sichere Schlüsse über das Verhalten der Peronospora der Witterung gegenüber zu ziehen. Sajö versuchte, wie die meisten andern Forscher vor und nach ihm, nur den Einfluß des Wetters auf die Entwicklung und Verbreitung des Pilzes festzustellen, die Veränderungen, welcho durch dasselbe an den Reben selbst entstehen, wurden von ihm nicht berücksichtigt Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß auch dieser Umstand bei der Suche nach der Ursache einer Peronospora-Epidemie Beachtung verdient und sind der Ansicht, daß deshalb auch andere Witterungsfaktoren mit in der Untersuchung einbegriffen werden müssen. Zur Lösung beider Fragen, des Einflusses der Witterung auf die Peronospora und die Reben, haben wir unsere eigenen Untersuchungen zunächst auf den Rheingau beschränkt und dabei die Höhe der Niederschläge, die Zahl der Ta ge mit Niederschlägen, das Mittel derrelativen Feuchtigkeit, das Mittel der Temperatur und die Dauer des Sonnenscheines in den Monaten Mai, Juni, Juli und August während der letzten 10 Jahre in Vergleich gestellt. Die dabei in Betracht kommenden Zahlen sind in den nachstehenden Tabellen zusammengestellt. Die beiliegenden graphischen Darstellungen sollen den Überblick über den Verlauf der einzelnen Witterungsfaktoren erleichtern.

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Aus diesen Tabellen und Kurventafeln geht hervor, daß im Rheingau im Peronosporajahre 1906 die Höhe der Niederschläge im Monat Mai das 10jährige Mittel bedeutend überschritt, im Juni hinter demselben weit zurück blieb, und im Juli und August wieder das Mittel überstieg.

Im Jahre 1905, in dem sich der Pilz im Rheingau nicht weiter ausbreitete, blieb in allen vier Monaten die Höhe der Niederschläge weit unter dem 10jährigen Mittel.

Die Zahl der Tage mit Niederschlägen war im Jahre 190b' in allen vier Monaten größer, im Mai sogar sehr viel größer wie im 10 jährigen Mittel, 1905 dagegen bis auf den August geringer wie dieses.

Das Mittel der relativen Feuchtigkeit war 1906 in allen Monaten, außer dem August, höher wie im 10jährigen Durchschnitt, 1905 dagegen in allen vier Monaten geringer.

Die Temperatur war 1906 im Mai einen Grad wärmer, im Juni um einen Grad, im Juli um 0,5 Grad und im August um 0,2 Grad kalter wie im 10jährigen Mittel. 1905 war sie im Mai dem 10jährigen Mittel gleich, während sie im Juni, Juli und August dieses überstieg.

Die Dauer des Sonnenscheines erreichte 1906 in keinem Monat außer dem August, das 10jährige Mittel, sie blieb in den anderen Monaten weit hinter diesem zurück. 1905 waren die Monate Mai und August sonnenscheinärmer, die Monate Juni und Juli dagegen sonnenscheinreicher wie im 10 jährigen Mittel.

Im Mai 1906 waren somit, und dies ist aus unserer graphischen Darstellung besonders deutlich zu erkennen, die günstigsten Bedingungen — große Wärme und Feuchtigkeit — für die Entwicklung und Verbreitung der Peronospora im Rheingau vorhanden. Auffallend groß ist die Zahl der Tage mit Niederschlägen und die relative Feuchtigkeit; beide gehen hoch über das 10jährige Mittel hinaus und auch von der Temperatur wurde dieses um einen Grad überschritten. Ganz anders lagen im Jahre 1905 die Verhältnisse im Rheingau. Die Zahl der Tage mit Niederschlägen und die relative Feuchtigkeit waren damals geringer, wie im 10jährigen Mittel, und die Temperatur war diesem gleich. Diese Verhältnisse in Verbindung mit dem geringen Sonnenschein, dessen Einfluß auf das Auftreten des Pilzes später besprochen werden wird, setzten damals der Weiterausbreitung der Peronospora ein Ziel.

Aber auch auf die Entwicklung der Rebe war 1906 die Witterung von großem Einfluß. Infolge der großen Wärme und Feuchtigkeit war ihr Austrieb ein ungemein früher und das Wachstum der Triebe und Blätter ein so schnelles, daß nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden waren, sie rechtzeitig zu heften. Bei diesem üppigen Wachstum der Reben fehlte jedoch ein Faktor für ihre normale Ausbildung: der Sonnenschein. Infolge der geringen Dauer desselben blieben die grünen Rebteile weich und zart, so daß sie den Angriffen des Pilzes keinen Widerstand entgegensetzen konnten. Ihre Ausbildung war eine so wenige feste, daß sie, worauf wir schon einmal hingewiesen haben, die zur Bekämpfung des Pilzes angewendeten Kupfermittel nicht mehr vertrugen und durch dieselben verbrannt wurden. Im Mai dieses Jahres schien die Sonne 35,3, im Juni sogar 62,6 Stunden weniger wie dies normalerweise der Fall ist, und daß diese geringe Sonnenscheindauer nicht ohne Einfluß auf die grünen Pflanzenteile war, ergibt sich nicht allein aus den an den Reben infolge der Behandlung mit Kupfermitteln hervorgerufenen Verbrennungen, sondern auch daraus, daß sich derartige Schäden auch an anderen Pflanzen, nach Muth z. B. an Apfelbättern zeigten. Der Einfluß des Lichtes auf die Ausbildung der verschiedenen Gewebeformen der Blätter ist namentlich von Stahl klargelegt worden. Nach ihm wirkt dasselbe nicht allein umgestaltend auf das Assimilationssystem ein, sondern es ruft auch histologische Veränderungen an der Epidermis der Blattoberseite hervor: bei Schatten blättern ist ihre Außonmembran dünn und zart, bei Sonnenblättern dick und fest.

Infolge der abnorm frühen und starken Belaubung der Reben hatten 1906 natürlich am meisten die Gescheine unter Sonnenmangel zu leiden und an ihnen kam infolgedessen die Krankheit auch am ersten und am heftigsten zum Ausbruch. Es herrschten damals in den Weinbergen ähnliche Verhältnisse wie sie zuweilen in Anzuchtkästen oder eng bestandenen Sämlingsbeeten obwalten. Und wie hier infolge zu großer Wärme und Feuchtigkeit die Entwicklung anderer Peronospora-Arten begünstigt wird, und die Pflanzen seibst aus Lichtmangel besonders empfänglich für diese Pilze werden, so waren damals in den Weinbergen infolge der nämlichen Witterungsverhältnisse und der von diesen veranlagten Prädisposition der Reben auch der Peronospora viticola die günstigsten Bedingungen für ihre Ausbreitung gegeben.

Wenn diese unsere Anschaunng richtig ist, so müssen sich in früheren Jahren, die ähnliche Witterungsverhältnisse aufwiesen, wie das vergangene, auch ähnliche Erscheinungen im Auftreten der Peronospora viticola wiederfinden. Leider läßt sich eine solche Untersuchung nicht lückenlos durchführen, weil die Weinberge, sobald sich der Pilz stärker zu zeigen beginnt, im darauffolgenden Jahre eine sehr viel intensivere Behandlung mit Kupfermitteln erfahren, wie vorher, wodurch der Parasit in seinem normalen Auftreten behindert wird. Dazu kommt dann noch, daß die Berichte über die Ausbreitung von Rebkrankheiten meist sehr lückenhaft sind. Am brauchbarsten sind für unseren Zweck noch die Angaben, welche im Jahresbericht der Anstalt enthalten sind. Sie haben auch

lleisenheimer Bericht 1906. 9

den Vorzug, daß sie nur von zwei Beobachtern (Zweifler und Seufferheld) niedergelegt sind, weshalb wir auch uns ihrer bedienen wollen.

1897/98 S. 43: „Allein recht bald sind die vielversprechend stehenden Aussichten herabgemindert worden, einerseits durch die um Mitte August beginnende Erkrankung der Blätter durch Peronospora in den nicht bespritzten Weinbergen, andrerseits aber durch eine Periode regnerischer und rauher Witterung, welche bis Ende September anhielt."

Ebenda S. 46: „Peronospora schädigte den Rheingau zum erstenmal in ganz empfindlicher Weise, trotzdem sie erst nach Mitte August um sich zu greifen begann."

1898/99 S. 30: „Infolge der übermäßigen Feuchtigkeit ist zu alledem noch die Peronospora zu einem bis dahin im Rheingau noch nicht beobachteten Termin aufgetreten; man fand am 7. Juni davon heftige Ansteckungen, welche ein sofortiges Eingreifen erheischten und die in diese Zeit fallenden Grab- und Heftarbeiten zurücktreten ließen, weil mit aller Arbeitskraft an die möglichst rasche Bespritzung gegangen werden mußte. Mehrfache starke Regengüsse erschwerten recht sehr den Fortgang dieser Arbeit, schwemmten teilweise auch die frisch aufgetragene Bespritzung ab und machten so eine Wiederholung derselben Behandlung notwendig. Unterdessen wuchs der Stock heraus, aber auch das Unkraut machte sich in einer Weise breit, daß man mit Aufgebot der nun wieder frei gewordenen Kräfte kaum im stande war, alle Arbeit rechtzeitig zu bewältigen. So kam es, daß in üppig wachsenden, Boden beschattenden und feucht bleibenden Quartieren, wie z. B. im DechaneyWeg zu Eibingen, mittlerweile die Peronospora Zeit fand, die unteren Stockteile zu befallen, wobei auch die nur selten vorkommende Erscheinung beobachtet wurde, wonach blühende Gescheine von der Krankheit ergriffen wurden. Der Monat Juli ließ von einer Besserung des Witterungscharakters nichts merken: vielmehr hielt die veränderliche, an Niederschlägen reiche und kühle Periode an, setzte sich auch noch im August fort, so Verhältnisse schaffend, welche für die Entwicklung der Trauben ebenso störend, wie für das Umsichgreifen der Peronospora und des Oidiums, das sich dieser noch zugesellte, günstig waren."

1899/1900 S. 37: „Anfang September trat zuerst in diesem Jahre die Peronospora auf, ohne sich weiter zu verbreiten."

1900/01 S. 64: „Am 4. Juli wurde zum ersten Male die Peronospora bemerkt, sie kam jedoch infolge der heißen, trocknen Witterung nicht zur Wirkung. Erst Anfang September trat sie wieder auf und nahm in der Rebschule so überhand, daß nochmals gespritzt werden mußte."

1901 S. 13: „Ende August, Anfang September trat die Peronospora ziemlich stark auf, doch konnte dieselbe keinen nennenswerten Schaden anrichten."

1902 S. 12: „Die Peronospora trat den 13. Juni zum erstenmal auf, griff aber nicht weiter um sich. Mit den Bespritzungen wurde am 14. Juni begonnen."

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