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XXI.

Preußische Annexion
von Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt,

17. August 1866.

So oft ein preußischer Staatsmann die Karte seines Vaterlandes ansah, mußte es ihn unangenehm berühren, daß sich Hannover und Rurhessen mitten in das Königreich hineinlagerten und Rheinland und Westphalen von dem übrigen Preußen abtrennten. Seit den wiener Congreß trug man sich in Preußen mit dem Mißbehagen über diese vom Congreß gezogenen unnatürlichen preußischen Grenzen; aber es zeigte sich keine europäische Complication, welche eine Aenderung in Aussicht gestellt hätte, und eine solche herbeizuführen, dazu dachten die preußischen Könige, nach den schweren Niederlagen in der napoleonischen Periode, zu friedlich. Erst der Minister Graf Bismard scheint die gdee gefaßt zu haben, einen Krieg hervorzurufen, welcher, wenn auch Preußen nicht in den völligen Besit dieser Länder bringen, doch dieselben in ihrer Politik von Preußen abhängig machen, fie unter preußisches Protectorat stellen sollte, und es gelang ihm, ben Rönig Wilhelm für diese Idee zu gewinnen. Die Verhältnisse lagen für die Ausführung eines solchen Planes ziemlich günstig. In Deutschland hatte die deutsch-nationale Idee, das langjährige Verlangen nach einem großen, mächtigen Deutschland, die Anhänglichkeit an die einzelnen particularistischen Souveränetäten ziemlich abgeschwächt; gerade in den Ländern, welche Preußen zu seiner Arrondirung bedurfte, in Hanno: ber und Kurheffen, waren die Regenten sehr unbeliebt; von den Kurhessen zumal konnte man mit Sicherheit erwarten, daß sie sich mit Freuden an Preußen anschließen würden. Desterreich war in seinem Inneren zerfallen, dazu in großer finanzieller Bedrängniß ; der Krieg, ber mit ihm jedenfalls geführt werden mußte, ließ nur einen günstigen Ausgang für Preußen erwarten. Es handelte sich also nur darum, die

Kabinete von England, Frankreich und Rußland zu bestimmen, sich bei dem kriegerischen Vorgehen Preußens neutral zu verhalten. Was England betraf, so konnte auf dessen Neutralität gerechnet werden. Dieses Inselland, bei seinem Werbsystem ohne bedeutende Landmacht, hatte sich seit seinem ostindischen Kriege in einer gewissen Abhängigkeit von Frankreich befunden und mußte es gerne sehen, wenn sich Preußen in einer Weise vergrößerte, daß es der französischen Heeresmacht, durch die Napoleon eine Art Dictatur über Europa übte, gewachsen war. Die preußische Kronprinzessin ferner war eine Tochter der englischen Königin, und von Seiten des englischen Hofes schien also kein besonderer Wider: stand gegen die preußisden Vergrößerungspläne zu befürchten. Außer: dem hatte das englische Kabinet seit längerer Zeit die weise Politik befolgt, sich in keine Händel zu mischen, die England nicht näher berührten, und es war also auch schon deßhalb unwahrscheinlich, daß es sich bei seiner kostīpieligen und dabei doch sehr beschränkten Heer: verfassung an einem europäischen Continentalfrieg betheiligen würde. Was Rußland anlangt, so waren es vielleicht alte freundschaftliche Beziehungen des preußischen und russischen Hofes und baneben auch die Ueberzeugung, daß Preußen kein russischer Rival in der orientali: schen Frage sei, was das russische Kabinet zu einer neutralen Haltung bestimmte. Desterreich, an die Türkei angrenzend, war augenscheinlich der gefährlichste Gegner Nußlands bezüglid, der russischen Absichten auf Ronstantinopel, und eine Schwächung Desterreichs durch Preußen daher den russischen Interessen förderlich. Außerdem waren die russischen Finanzen noch vom Krimkriege her sehr geschwächt; Rußland hatte Urfadye, seine Kräfte für die orientalische Frage zu sparen; auch wäre im Kriegsfall zu fürchten gewesen, daß Preußen, wie es in Böhmen und Ungarn gethan, die Bestrebungen der Nationalitäten zu Hülfe gerufen, Posen frei gegeben und die Polen zum Siampfe für ein selbständiges polnisches Königreich aufgerufen hätte. Dies waren für Rußland Gründe genug, Preußen gewähren zu lassen. Mait konnte überhaupt darauf rechnen, daß, mit Ausnahme des kriegsruhmsüchtigen Frankreichs, jede Macht sich lange besinnen werde, bis sie sich an einem kostspieligen Kriege betheiligte, der ihre Interessen nicht direct berührte; die Zeiten der europäischen Allianzen für Eroberungen und Gebietstheilungen waren vorüber; jede Macht suchte ihre Finanzen und militärischen Kräfte für nothwendige Zwecke zu Rathe zu halten. Mit Rußland und England scheint das preußische Rabinet bezüglich der Aufrechthaltung der Neutralität aud gar keine besonderen Verhandlungen gepflogen zu haben; wohl aber wurde dies dem Kaiser Napoleon gegenüber nöthig. Graf Bismard war deßhalb wiederholt im Bade Biarriß und in Paris; die Haltung des französischen Kaisers während des Krieges und

bei den Friedensschlüssen zeigte auch, daß Preußen die Zustimmung des französischen Sabinets zur Annexion Norddeutschlands bis an den Main hatte. Was den französischen Kaiser zu dieser Begünstigung Breußens bewog, ist nicht ganz klar. Man jagte, er fürchtete einen Krieg mit Deutschland, der bei einem ungünstigen Ausgang seinen Thron in Frage stellen konnte, aber auch im Falle des Sieges immerhin der Bedent: lichkeit Raum gab, es möchte der eine oder der andere sieggekrönte fran: zösische General den Kaiser von der Spiße der Nation zu verdrängen suchen. Napoleon zog es daher vor, die Rolle des Friedensvermittlers zu spielen und sich die Gunst der beiden deutschen Großmächte für seinen Kronprinzen zu bewahren. Preußen (äumte auch nid)t, diesen jungen Prinzen, noch bevor es die Einleitungen zum Kriege, traf, durch die Ertheilung des schwarzen Adlerordens auszuzeichnen (16. März 1866). Ei Compensation an Gebiet hatte Preußen dem französischen Kaiser nicht zugesagt. Einmal (6. August 1866) verlangte derselbe zwar die Wiederherstellung der französischen Grenzen des ersten pariser Frie: dens vom 30. Mai 1814, nach welchem Frankreich einen kleinen Theil des füdlichen Belgiens, von Preußen das Gebiet von Saarlouis und Saarbrücken und von Bayern die festung Landau hätte erhalten müssen; allein auf die Vorstellung des französischen Gesandten in Berlin, Benedetti, daß eine Abtretung deutichen Gebietes in Deutschland die größte Aufregung hervorrufen würde, stand der Kaiser von dieser Forderung wieder ab. Bezüglich einer französischen Gebietsvermehrung scheint Graf Bismarck gegen den Kaijer nur so viel geltend gemacht zu haben, daß Preußen sich seinerzeit der Einverleibung Savoyens und Nizza's in Frankreich auch nicht widerseßt habe; im Uebrigen hatte er, wie die Folge zeigte, jede Zusicherung vermieden. Napoleon seinerseits mag allerdings erwartet haben, daß ihm Preußen wenigstens Luremburg als Preis der Neutralität überlassen werde.

Das preußische Rabinet hatte vor dem Ausbruch des Krieges keine förmliche Einverleibung Hannovers, Kurhessens, Nassaus und Frankfurts in nächster Abfidit. Nur bezüglich Schleswig-Holsteins war das preußische Ministerium zur gänzlichen Einverleibung entschlossen, seitdem die Erfüllung der preußischen Forderungen vom 21. Februar 1865 allseitig Widerstand gefunden hatte. In Betreff Hannovers u. s. w. ging das Verlangen Preußens auch bei der Kriegserklärung vorläufig nicht weiter, als daß genannte Staaten sich einem neuen deutschen Bunde unter dem Protectorate Preußens anschlössen und ihre Kriegsmacht unter preußischen Oberbefehl stellten. Erst nachdem diese Bedingungen ver: weigert, von diesen Staaten selbst durch Mobilmachung ihrer Heere der Kriegszustand angekündigt und die Länder von Preußen erobert waren, kam das preußische Kabinet auf den Gedanken, daß man, nach dem

seit unvorbentlichen Zeiten zwischen Fürsten und Völkern gültigen Er: oberungsrecht, diese für die preußische Monarchie so günstig gelegenen Staaten am besten jeßt gleich ganz behalten und dem Königreich völlig einverleiben sollte. Es ist möglich, daß das preußische Rabinet die völlige Einverleibung dieser Länder schon seit mehreren Jahren im Stillen projectirt hatte; aber dieselbe wäre nicht ausführbar geworden, wenn die betreffenden Höfe der preußischen Sommation vom 15. Juni 1866 entsprochen hätten. Das Verfahren, daß Fürsten von einem andern Fürsten mit Gewalt vertrieben wurden, war in Deutschland neu; seit 50 Jahren, seit der napoleonischen Periode, war Dergleichen nicht mehr erlebt worden: es würde in der deutschen Presse der größte Lärm über schreiendes Unredyt und unerhörte Gewaltthätigkeit entstanden sein, wäre man nicht an die Entthronung von Regentenhäusern von Seiten der Völker bereits gewöhnt gewesen und hätten die deutschen Einigungsbestrebungen nicht auf dergleichen Acte die Gemüther längst vorbereitet gehabt. Die „depossedirten" Fürsten fanden bei der deutschen Nation wenig Theilnahme; sie waren in ihren eigenen Ländern nicht beliebt. Im Augemeinen erkannte man in dem Vorgehen Preußens einen wich: tigen und dankenswerthen Schritt für die Einigung des zerstüđelten Deutschlands; die auswärtigen Höfe aber wiesen auf ftalien hin; so wenig die europäischen Mächte für die vertriebenen italienischen Fürsten eingeschritten seien, so wenig könnten sie sich jeßt der Deutiden annehmen.

Für die Rurheisen war die Einverleibung in Preußen ein er: sehntes Ereigniß. Seit einem Jahrhundert befand sich die Bevölkerung dieses Landes im Kampf mit ihren Fürsten; so unter dem Kurfürsten Wilhelm I. (1785-1821), Wilhelm II. (1821–1847) und Friedrich Wilhelm (1847-1866); sie war den Preußen dankbar für die Erlösung von dieser Dynastie. Nachdem der Kurfürst Friedrich Wil: helm dem Bundesbeschluß vom 14. Juni 1866 für Mobilmachung gegen Preußen beigestimmt hatte, verwahrte sich die kurhessische Rammer fdon am 15. Juni gegen die Ausführung besselben und verweigerte jede Geldbewilligung. Am 16. Juni rückten die Preußen unter General v. Beyer in das Land, und ihre Proclamation verhieß bessere Zeiten. In einer zweiten Proclamation vom 21. Juni 1866 erklärte Beyer die Autorität des Rurfürsten für suspendirt, die bisherigen Minister ihrer Function enthoben; das Staats- wie das Privatvermögen würden gewissenhaft geachtet und Einleitungen getroffen werden zur baldigen Beseitigung der verfassungswidrigen Verordnungen des Kurfürsten und zur Herbeiführung der wünschenswerthen Verbesserungen. An dem nämlichen Tage (21. Juni) wurde der Rurfürst, welcher auf seinem Schlosse Wilhelmshöhe geblieben war, als in preußischer Kriegsgefangenschaft

befindlich erklärt. Der Commandant der kurhessischen Truppen, General v. Loßberg, dagegen erließ am 24. Juni eine Bekanntmachung, welche den kurhessischen Beamten bei Strafe der Verantwortung befahl, den Anordnungen des preußischen Generals keine Folge zu geben. Mit dem gefangenen Kurfürsten wurde inzwischen auf dem Schlosse Wilhelms: höhe noch einmal wegen Annahme der preußischen Bedingungen verhan: delt; er sollte die Einhaltung der kurhessischen Verfassung von 1831 versprechen, sich der neuen Bundesreform anschließen, seine Truppen (beiläufig 4000 Mann) vom Bundesheere abrufen; unter diesen Bes dingungen wollte ihm Preußen seinen Thron garantiren. Als er diese Anträge wiederholt ausschlug, führte man ihn am 26. Juni 1866 als Gefangenen nach Stettin ab und stellte das Land unter preußische Verwaltung. Die Annexion des Kurfürstenthums an Preußen war hiermit entschieden. Am 17. August 1866 wurde die königliche Einver: leibungsbotschaft den preußischen Kammern vorgelegt und am 8. September von denselben angenommen. Hierauf wurde am 3. Oktober das Besißergreifungspatent publicirt und am 8. Oktober 1866 die Einver: leibung vollzogen. Der Kurfürst, ohne successionsfähige Leibeserben und mit dem präsumtiven Thronerben, dem Landgrafen Friedrich (geboren 1820) aus der Linie Hessen-Philippsthal, nidt auf dem besten Fuße stehend, fand sich nach und nach bereit, auf seinen Thron zu verzichten. Er verglich sich mit der preußischen Regierung, entband von Stettin aus am 18. September 1866 seine Unterthanen des Eides ber Treue und kehrte als Privatmann nadi Hessen zurück, wo er in Hanau sei: nen Wohnsit aufschlug.

In Hannover zeigte fich für den entthronten Regenten etwas mehr Theilnahme als in Kurhessen, freilich auch hier nur auf Seite des Adels, der Befoldeten und der Einwohnerschaft der Residenzstadt Hannover, deren Interessen durch den Verlust des Hofes empfindlich beeinträchtigt wurden. Von anderen Seiten dagegen traten unzweideutige Beweise an die Deffentlichkeit, daß der Bevölkerung ein Anschluß an Preußen erwünscht sei. Am 25. Juli 1866 traf eine Deputation aus den Städten Stade und Leer in Berlin ein, um die völlige Einverleibung in Preußen zu verlangen; dieselbe Bitte wurde in den ersten Tagen des August in einer Adresse von der Stadt Hildesheim gestellt; am 17. August hatten Abgeordnete aus verschiedenen hannöver: schen Städten Audienz beim König von Preußen in der nämlichen Angelegenheit. Der König antwortete zujagend; die Entthronung der alten Fürstengeschlechter in Hannover und Kurheijen, erklärte er, die noch außerdem mit dem preußischen Hause verwandt seien, habe ihm zwar reifliche Ueberlegung gekostet und sei ihm schmerzlich gefallen; aber er habe sich schließlich doch dafür entscheiden müssen, da Preußens und

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