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gegeben hat und wer würde es gleichwohl wagen, der großen fran zösischen Nation den Vorschlag zu machen, im Interesse der Ruhe Europas die Grenzen Frankreichs zu beschränken?" Am 19. Januar 1860 erließ der Pabst eine Encyklika an sämmtliche Bischöfe der katholischen Kirche, worin er erklärte, er wolle die härtesten Prüfungen erdulden, ja lieber sein Leben opfern, als daß er auf einen Theil des Kirchenstaates verzichtete. Die Bischöfe von Deutschland, Oesterreich, Großbritannien, Belgien, Holland und der Schweiz antworteten auf diese Zuschrift im Februar in einem gemeinsamen Schreiben, worin fie sagten, der Angriff auf den Kirchenstaat sei ein Angriff auf 200 Millionen Katholiken; der Pabst übe seine weltliche Herrschaft in Frieden und Gerechtigkeit, mit der sorgsamsten Beachtung aller wahren Bedürfnisse des Volkes; nicht die Macht eines Staates, sondern sein Recht müsse entscheiden; dürfe der friedliche Thron des heiligen Vaters gestürzt werden, so sei die Rechtsbasis aller Throne zerstört; wolle man das Recht der Nationalitäten zur Geltung bringen, so müßten die mächtigsten Reiche Europa's auseinanderfallen. Die französischen Bischöfe hatten sich zwar in Gesammtheit aus Rücksicht für den Kaiser dieser Erklärung nicht angeschlossen; desto heftiger eiferten aber einzelne, wie der Bischof von Orleans Düpanloup, in Hirtenbriefen und Predigten gegen die Broschüre und die Ansichten des Kaisers. Die ultramontanen französischen Journale fingen an, eine sehr heftige Sprache gegen die italienische Politik des französischen Kabinets zu führen, und daneben wurden im Volke große Massen aufregender Schriftchen verbreitet. Nachdem das französische Ministerium, dieser clerikalen Agitation einige Wochen ruhig zugesehen hatte, erließ es am 29. Januar 1860 ein Verbot gegen das clerikale Journal Univers, da dieses Blatt das Hauptorgan einer Partei sei, deren Prätensionen von Tag zu Tag in entschiedeneren Widerspruch mit dem Staate träten, einer Partei, deren unermüdliche Anstrengungen darauf abzielten, den französischen Clerus zu beherrschen, die Gewissen zu verwirren und das Land in Aufregung und Unzufriedenheit zu sehen. Am 17. Februar 1860 erhielten sämmtliche Präfecten den Befehl, der Propaganda die Vertheilung von aufregenden Broschürchen, die bisher zu hunderttausenden unter das Volk gebracht worden waren, nicht länger zu gestatten. Die 42 Pe= titionen, welche aus verschiedenen französischen Städten für die Aufrechthaltung der weltlichen Macht des Pabstes eingelaufen waren, wies der französische Senat am 29. März mit 116 gegen 16 Stimmen ab. Auf die Italiener und Römer selbst machte übrigens diese Agitation der Elerikalen in allen Staaten Europas nicht den geringsten Eindruck ; fie that den nationalen italienischen Bestrebungen nicht nur keinen Eintrag, sondern hatte im Gegentheil, da man sich nun der Beistimmung

bes französischen Kaisers versichert glaubte, ein noch entschiedeneres Hervortreten der nationalen Forderungen zur Folge. Am 22. Januar 1860 versammelte sich eine große Masse Volkes in Rom auf dem Colonnaplah und rief: Nieder mit der Priesterregierung! Nieder mit Antonelli! Es lebe Victor Emanuel! Es lebe Napoleon! Zu der näm lichen Zeit war eine Deputation angesehener Männer aus Rom und dem Kirchenstaat nach Paris abgegangen, um an den Kaiser Napoleon in einer Audienz (am 24. Januar 1860) die Bitte zu stellen, er möge die Einwohner des Kirchenstaates von den Mißständen der Priester: herrschaft befreien.

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Modena, Parma und die Romagna, die ein zusammenhängendes Gebiet bildeten, kamen überein, zum Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit vom 1. Januar 1860 an den gemeinsamen Namen Emilia zu führen. Es hatten diese Landschaften seit Konstantin dem Großen das ganze Mittelalter hindurch von der berühmten Strasse, der via Aemilia, welche von Rom durch diese fruchtbaren Gegenden führte und den Wohlstand derselben zu besonderer Blüthe gebracht hatte, diesen Namen getragen. Die neue Emilia wählte zu ihrem Dictator den früheren Arzt in Ravenna Farini, der 1850 einige Zeit hindurch sardinischer Minister des öffentlichen Unterrichts gewesen und ein entschiedener Anhänger der Politik des Grafen Cavour war. Das Militärwesen des neuen Staates organisirte der aus dem Modenesischen ges bürtige fardinische General Fanti auf sardinischem Fuße; er numerirte auch die Regimenter sogleich in einer Weise, daß sich die Nummer an die der sardinischen gleichen Waffengattung anschloß. Am 20. Januar 1860 wurde in der Emilia und in Toscana die sardinische Verfassung eingeführt. Wenige Tage später (27. Januar 1860) er= klärte der sardinische Minister Graf Cavour in einer Circulardepesche an die diplomatischen Agenten Sardiniens den auswärtigen Mächten ganz offen, die Staaten Mittelitaliens hätten jezt lange genug auf die Ordnung ihrer Angelegenheiten durch einen europäischen Congreß ge= wartet; es zeige sich keine Aussicht, daß ein solcher Congreß zu Stande komme; die Einwohner müßten sich also ihre Regierung selbst wählen; Toscana und die Emilia hätten sich daher freiwillig an Sardinien angeschlossen. Inzwischen hatte England einige Tage vorher, am 22. Januar 1860, eine Note an das französische Kabinet gerichtet, worin vorgeschlagen wurde, daß es in den mittelitalienischen Staaten einer Volksabstimmung anheimgegeben werden solle, ob sich dieselben mit Sardinien vereinigen wollten oder nicht. Es sei der Wunsch des englischen Kabinets, daß sich in Zukunft weder Frankreich noch Desterreich für sich allein in die italienischen Verhältnisse einmischten, sondern daß die Großmächte gemeinsam die Angelegenheiten der Halbinsel ordneten.

Napoleon, der sich damals gerade mit der Annexion Savoyens und Nizzas beschäftigte, billigte diese Vorschläge und theilte sie dem wiener Kabinet unter der Bemerkung mit, Frankreich habe sich weder in den Präliminarien von Villafranca, noch im züricher. Frieden verpflichtet, die Dynastien von Toscana, Parma und Modena um jeden Preis zurückzuführen (dies war auch richtig; der Passus des Friedens stipulirte aber, daß an den Territorien keine Veränderung ohne Zustimmung der wiener Congreßmächte vorgenommen werden dürfe), und das französische Kabinet stimme vollkommen mit dem englischen überein, daß Italien für die Zukunft von dem rivalisirenden Einflusse Desterreichs und Frankreichs befreit bleiben müsse. Hierauf antwortete das österreichische Ministerium am 17. Februar 1860 ablehnend; Desterreich könne nimmermehr beistimmen, daß das Schicksal einer zur Regierung berechtigten Dynastie durch eine Volksabstimmung entschieden werde; das wiener Kabinet sei auch überzeugt, daß die Pacification der Halbinsel am sichersten durch die Wiedereinsehung der vertriebenen Dynastien und die Herstellung einer italienischen Conföderation bewerkstelligt werde. Diese Erklärung gab dem Gange der Ereignisse jedoch keine andere Wendung; Frankreich und England waren einig, und in den ersten Tagen des März 1860 wurde daher, unbekümmert um den Widerspruch Desterreichs, in Toscana und in der Emilia zur Volksabstimmung geschritten. Die Zahl der Stimmberechtigten in der Emilia betrug 526,258, von diesen gaben 427,512 Stimmen ab; 426,006 erklärten sich für den Anschluß an Sardinien, 766 für die Bildung eines besonderen Staates, 750 Stimmen waren ungültig. In Toscana stimmten 386,445; von diesen waren 366,571 für die Einverleibung in Sardinien, 14,925 für die Aufrechthaltung des Großherzogthums, 4949 Stimmen waren ungiltig. Am 18. März 1860 überbrachte Farini das Resultat der Abstimmung der Emilia, am 22. März Ricasoli das von Toscana dem König Victor Emanuel nach Turin. Der König erklärte sich bereit, dem Wunsche der Be völkerung zu entsprechen; die sardinische Kammer sanctionirte den Anz schluß am 13. April 1860; die Abgeordneten aus den annektirten Ländern nahmen sofort an den Kammerverhandlungen Theil.

Als es mit der Abstimmung in der Romagna Ernst wurde, schrieb Pius IX. (14. März 1860) an den sardinischen König, sein Verfahren dem päbstlichen Stuhle eine Provinz zu entreißen, sei eines christlichen Königs unwürdig; Pius sei sehr betrübt über das Unheil, welches der Seele Victor Emanuels bevorstehe. Am 16. März folgte ein zweiter Brief, worin der Pabst erklärte, daß er alle Beziehungen zur königlichen Familie abbreche. Das österreichische Kabinet protestirte gegen die Einverleibung und theilte seinen Protest am 29. März

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dem deutschen Bunde mit. Von Seiten der entthronten Fürsten erfolgten die Proteste am 22. März (Modena) am 24. (Toscana) und am 26. März (Parma). Der König Franz II. von Neapel änderte am 19. März sein Ministerium und befahl die Mobilmachung der neapolitanischen Armee, um dem Pabste die verlorene Provinz wieder zurückzuerobern. In Rom dagegen stimmten die Studenten am 19. März in ihrer Kirche ein Tedeum wegen der Vereinigung Mittelitaliens mit Sardinien an, und auf dem Corso versammelte sich des Abends eine große Volksmasse, welche der Annexion und Garibaldi ein Hoch brachte. Reitende Gensdarmen sprengten die Menge auseinander. Am 29. März ließ der Pabst in Rom eine Bulle anschlagen, in welcher über Victor Emanuel zwar nicht namentlich, aber doch über die sardinische Regierung (gubernium subalpinum) und über Alle, welche sich bei der Abtrennung der Romagna vom Kirchenstaat be= theiligt hatten, die Excommunication verhängt wurde. Auf sar= dinischem Gebiet durfte die Bulle nicht bekannt gemacht werden. Die päbstliche Curie schritt nun aber auch noch weiter zu kriegerischen Maßregeln, um wieder in den Besitz der Romagna zu gelangen. Sie war mit dem französischen General Lamoricière wegen Uebernahme des Oberbefehls über die päbstlichen Truppen in Verhandlung getreten, und lezterer, welcher seit seiner Verbannung durch Napoleon (1851) in Belgien gelebt hatte, ließ sich durch seinen Freund, den belgischen Grafen Merode, der zu gleicher Zeit zum päbstlichen Kriegsminister ernannt wurde, bestimmen, dem Rufe des Pabstes zu folgen. Er übernahm das Commando am 7. April 1860. Mit Emphase kündigte er in einem Tagesbefehl an, daß er, gerufen durch den Pabst und die Stimme der katholischen Welt, nicht gesäumt habe, seinen Degen wieder zu ergreifen. Das Christenthum sei die Seele der Civilisation; wie einst von dem Islam, so werde dasselbe jezt von der Revolution be droht; die Sache des heiligen Vaters sei die der Civilisation und der Freiheit. Die civilisirte Welt selbst aber war freilich anderer Meinung, als der General; sie wußte zwischen Christenthum und päbstlicher Hierarchie zu unterscheiden. Der neue päbstliche Feldherr rechtfertigte das große Selbstvertrauen, das er in diesem Tagsbefehl kund gegeben hatte, in dem kurzen Feldzug, der jet folgte, keineswegs. Von Neapel war vor der Hand kein Beistand zu hoffen, da in diesem Lande die Revolution jezt gleichfalls zum Ausbruch kam, welche den König Franz II. (6. Sept. 1860) nöthigte, seinen Thron preiszugeben. Die Provinz Romagna selbst aber, welche Lamoricicre erobern sollte, war in allen Bestandtheilen ihrer Bevölkerung dem bisherigen päbstlichen Regiment so entschieden feindlich gesinnt, daß selbst der Clerus nicht mehr unter die römische Herrschaft zurückkehren wollte. Als der König Victor

Emanuel auf der Rundreise, welche er in der zweiten Hälfte des Monats April 1860 in die neu erworbenen Landestheile unternahm, wo ihn überall auch die Geistlichkeit ehrfurchtsvoll empfing, am 1. Mai nach Bologna kam, stimmten die Geistlichen der Stadt in der Kathedrale ein Tedeum an. Ehe wir nun aber den Gang der Ereignisse in Mittelitalien weiter berücksichtigen, müssen wir auf die Zustände von Neapel zu sprechen kommen, wo sich in der Zwischenzeit, in den Sommermonaten von 1860 nämlich, welche Lamoricière benüßte, um für seinen beabsichtigten Angriff auf die Romagna das päbstliche Heer mit Ausländern zu verstärken und die schwierigen päbstlichen Provinzen Umbrien und die Marken im Gehorsam zu halten, eine Nevolution abspann, die mit der Vertreibung der regierenden bourbonischen Dynastie und dem Untergang des Königreichs endigte.

Im Königreich Neapel war die Unzufriedenheit mit der Regierung nicht geringer, als in den mittelitalienischen Staaten, und sie hatte hier noch eine weit größere Berechtigung. Die Verhaftungen politisch mißliebiger Personen, welche in diesem Lande seit 1847 gar niemals aufgehört hatten, gewannen unter den neuesten Vorgängen in Ober- und Mittelitalien, die natürlich ihre Wirkung auf die neapolitanische Bevölkerung nicht verfehlten, wieder eine furchtbare Ausdehnung. Der König Ferdinand II. war am 22. Mai 1859 gestorben. Sein junger Sohn Franz II. (geboren 1836), der eine bigott-jesuitische Erziehung genossen hatte und von seinem Beichtvater geleitet wurde, sette das System seines Vaters fort, aber nicht mit dessen Verstand und Energie. Victor Emanuel hatte ihm kurz vor der Schlacht bei Magenta das Anerbieten gemacht, sich mit ihm gegen die Desterreicher zu vereinigen; er schlug es aus; dagegen vermehrte er sein Heer auf 120,000 Mann in der Absicht, dem Pabste zu Hülfe zu kommen und die revolutionären Bestrebungen im eigenen Lande mit Gewalt zu erdrücken. Seit dem Tage von Solferino, wo die italienische Bewegungspartei das Uebergewicht in Italien erlangte, sandte sein Polizeidirector Ajossa mehrere hundert mißliebige Persönlichkeiten in die Verbannung, und einige tausend wurden durch Gefangensetzung unschädlich gemacht. Am 1. März 1860 wurden im ganzen Königreiche plötzlich wiederum gegen 1000 Personen verhaftet; die Regierung, hieß es, sei einer großen Verschwörung auf die Spur gekommen, die damit umginge, Neapel mit dem Königreich Sardinien zu vereinigen. Dieser Gewaltact versette in einem Zeitpuncte, we ganz Italien bereits siegestrunken in seinen Freiheitsideen schwärmte, das ganze Land in die größte Aufregung. Daß die Absicht eines Anschlusses an Sardinien in der Gesinnung eines großen Theiles der Bevölkerung bestand, war richtig; aber durch Verhaftungen ließen sich diese Bestrebungen jezt, wo sie in Mittelitalien bereits siegreich zur

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