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ad 2. Dass dasselbe geathmet habe, beweisen die Beschaffenheit der Lungen und die Eesultate der Lungenprobe. Dass dasselbe an Erstickung gestorben sei, folgt aus der Blutfülle der Kranzgefässe des Herzens und des rechten Herzventrikels, dem Erguss im Herzbeutel, dem blutig-serösen Erguss in der Unterleibshöhle, dem Blutreichthum der grossen Gefässe des Unterleibes u. s. w.

Am 1. Juni wurde Dr. N. in meinem Beisein vom Herrn Instructionsrichter mündlich verhört. Er widerrief die in seinem Krankheitsbericht geäusserte Meinung, „dass das Kind bei seiner Ankunft schon eine Stunde todt gewesen sei, was er aus der gelb gefärbten Beschaffenheit der Nabelschnur geschlossen habe, weil eine spätere Beobachtung ihn belehrt habe, dass eine solche gelbe Färbung sofort nach Unterbindung der Nabelschnur auch bei einem lebenden Kinde eintrete." Er erklärte ferner: „Obgleich der Muttermund um 12 Uhr bis zu 2 Thalergrösse erweitert und die Blase durch denselben in das Becken hineinragend gewesen sei, so habe er doch eine so schnelle Entbindung nicht erwartet, weil die vorhergehende Entbindung eine schwere gewesen sei." Auf die Bemerkung des Untersuchungsrichters, „dass er dem Vater .des Kindes durch den Dr. Z. 50 Thaler habe anbieten lassen, wenn er die Sache auf sich wolle beruhen lassen", erwiederte Dr. N.: „dass er dies gethan habe, um dem Gerede der Leute ein Ende zu machen."

unter dem 15. Juni wurden wir durch den Untersuchungsrichter ersucht, „uns mehr in positiver Weise, als dies nach Ansicht des öffentlichen Ministeriums bisher geschehen sei, darüber gutachtlich zu äussern: ob nach unserer Ansicht gerade durch die Fahrlässigkeit des Dr. N. der Tod des Kindes herbeigeführt worden sei." — In Erwägung, dass nach Dr. Schürrnayer'a Erfahrungen*) zu Anklagen gegen Medicinalpersonen am meisten die unbesonnenen, wissenschaftlich anmassenden oder ausser dem Gebiete ihrer Competenz sich bewegenden Urtheile der gerichtlichen Sachverständigen beigetragen, lautete unser Gutachten hierauf:

Diese Frage kann nicht beantwortet werden, bevor der Begriff „Fahrlässigkeit" feststeht. Diese Begriffsbestimmung ist aber, da

*) cf. dessen Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. Erlangen, Verlag von Ferd. Enke.. 1874. S. 404.

Fahrlässigkeit kein medizinischer, sondern ein juristischer Begriff ist, nicht Sache des Gerichtsarztes, sondern des Juristen resp. des Richters. Aus diesem Grunde hat Caspar sich auch auf keine Definition von „Fahrlässigkeit" eingelassen. Dennoch wollen wir dem Wunsche des öffentlichen Ministeriums, soviel wir dies vermögen, willfahren und näher treten. Als der Muttermund, nach dem eigenen Berichte des Dr. N., bis zur Grösse eines 2Thalerstücks erweitert war und die Blase in den so erweiterten Muttermund eintrat, hatte das Geburtsgeschäft nicht nur begonnen, sondern dasselbe war in voller Thätigkeit. Hiermit stimmen auch die Aussagen der Zeugen, dass alle fünf Minuten eine Wehe erfolgt sei, vollkommen überein. Unter diesen Umständen durfte Dr. N. die Kreissende ohne Stellvertretung nicht mehr verlassen. Geschah letzteres dennoch, so handelte er gegen Pflicht und Schuldigkeit, d. h. sein Verlassen der Kreissenden war nach unserer unmassgeblichen Ansicht unter den obwaltenden Umständen ein gesetzwidriges, d. h. eine Fahrlässigkeit. Alle üblen Ereignisse, d. h. gesetzwidrige Erfolge, welche nach seiner Entfernung die Mutter oder das Kind trafen und welche durch zeitige Hülfe (z. B. Zurückbringen der vorgefallenen Nabelschnur, Beschleunigung der Geburt durch die Zange oder die Wendung u. s. w.) hätten vermieden oder wenigstens vermindert werden können, sind, da sie ohne Absicht des Handelnden herbeigeführt, als durch Fahrlässigkeit entstandene zu betrachten.

Hiernach glauben wir dem Wunsche des öffentlichen Ministeriums möglichst thunlich nachgekommen und der Beantwortung der Frage, „ob gerade durch die Fahrlässigkeit des Dr. N. der Tod des Kindes herbeigeführt ist", möglichst nahe getreten zu sein.

Noch wurde mir die in den Akten geäusserte Ansicht der beiden Aerzte: „dass im vorliegenden Falle die Lungenprobe trügerisch sei, indem Dr. N. bei dem Wiederbelebungsversuche dem Kinde von Mund zu Mund Luft in die Lungen geblasen habe", zur Aeusserung vorgelegt.

Meine Erwiederung lautete: Abgesehen davon, dass ein solches Einblasen von Mund zu Mund bei einem todten Kinde in den seltensten Fällen gelingt, unterscheidet sich auch eine aufgeblasene Lunge von einer solchen, die geathmet, dadurch, dass eine auf diese Weise eingeblasene Luft zwar die Lungen schwimmfähig machen, keineswegs aber dieselben rosenroth färben kann; dass ferner die so eingeblasene Luft wohl beim Einschneiden der Lungen ein knisterndes Geräusch hören lassen, keineswegs aber bewirken kann, dass ein schaumiges Blut, untermischt mit Luftbläschen, beim Einschneiden und Drücken hervordringt.

Am 28. September wurde ich im hiesigen allgemeinen ärztlichen Verein von verschiedenen Seiten um Mittheilung des bereits in der Kölnischen Zeitung veröffentlichten Falles ersucht. Mit Verwahrung gegen Discretion und Nennung von Namen theilte ich den Fall in Kürze mit. Gegen Erwarten fand eine Discussion statt, in welcher von gewichtiger und deshalb auch leicht für competent angenommener Stelle folgende Behauptungen aufgestellt wurden:

1) Durch die vorschriftsmässig angestellte Lungenprobe könne nicht bewiesen werden, dass das Kind gelebt resp. geathmet habe.

2) Eine aufgeblasene Lunge könne nicht von einer Lunge, welche geathmet habe, unterschieden werden.

3) Caaper sei in gerichtlich - medicinischer Beziehung durchaus ■ keine Autorität.

Wir suchten eine nach unserer Ansicht unfruchtbare, leicht zu Persönlichkeiten führende Fortsetzung der Discussion zu vermeiden, um so mehr, als die Beweisführung in einem Fachblatt in Aussicht gestellt wurde, uns erinnernd des Homeisehen:

IL Oeffentliches Sanitätswesen,

i.

Beobachtung einer Epidemie von Typhus exanthematiens mit Berücksichtigung ihrer Entstehungs- und Verbreitungsweise.

Vom

Kreisarzt Dr. YonH zu Gedern (Hessen).

i)er exanthematische Typhus war in Deutschland und namentlich in unserer Gegend lange Zeit eine seltene Krankheit. Ich bin elf Jahre lang recht beschäftigter Arzt gewesen, ohne je eine derartige Erkrankung gesehen zu haben, und die Rücksprache mit viel älteren Collegen bestätigte mir auch ihrerseits das Gesagte. Aber seit mehreren Jahren wird diese Affection, sowie der allem Anschein nach mit ihr in näherer Beziehung stehende recurrirende Typhus, abgesehen von den grösseren Epidemien, wieder häufiger beobachtet. So hatte auch ich Gelegenheit, im Winter 1872—.73 eine kleine Epidemie in meinem Wohnorte Gedern zu sehen, die in ihren Erscheinungen, ihrer Entstehungs- und Verbreitungsweise manches klinische und hygieinische Interesse bietet und deren Veröffentlichung deshalb um so eher gerechtfertigt erscheint, als gerade der Flecktyphus in neuester Zeit Veranlassung zur Aufstellung eines Gesetzes über die Entstehungs- und Verbreitungsweise der contagiösen Krankheiten gegeben hat, als durch die in dieser Zeitschrift erschienenen Aufsätze von Zülzer und Robinski an jeden, namentlich die Practiker auf dem Lande, die indirecte Aufforderung ergeht, einschlägige Beobachtungen mitzutheilen, und dann auch, weil bei unseren heutigen socialen Verhältnissen und ganz ungemein raschen Verkehrsvermittelungen das Erscheinen dieser Infectionskrankheit überall so leicht ermöglicht wird.

Die Zeit von der Infection bis zum eigentlichen Beginn der Krankheit betrug durchschnittlieh 8—14 Tage. Prodromalerscheinungen waren wenig oder gar nicht vorhanden; der eigentliche Krankheitsanfang markirte sich immer durch einen mehr oder minder stark entwickelten Frost, nach welchem sich rasch ein Krankheitsbild entrollte, das in seinen Hauptzügen ähnlich, jedoch je nach der mehr oder minder hohen Körperwärme, nach der Ausprägung der nervösen Erscheinungen und den Veränderungen auf der Haut resp. den Schleimhäuten eine individuell verschiedene Gestaltung erlangte. Der Puls hatte 100, 120, 140 Schläge, die Temperatur des Abends 39, 40, 41" und mehr mit morgendlicher Remission um 5 und mehr Zehntel Grade. Am Ende der 2. oder Anfangs der 3. Woche trat, in der Regel mit reichlichen Schweissen und einem oft 24 — 36ständigem Schlafe verbunden, manchmal unter kurz vorhergehenden sehr stürmischen Erscheinungen, ein jäher Abfall der Temperatur und damit dauernde Entfieberung ein. Am frühesten erschien die Defervescenz am 10. Krankheitstage, zusammentreffend mit profusen Blutungen und Abortus bei einer im 5. Schwangerschaftsmonat befindlichen Erstgeschwängerten, die sehr hochgradiges Fieber und ein über die ganze Körperdecke (auch das Gesicht) entwickeltes Exanthem zeigte, während an dem Foetus nicht die Spur einer Hautveränderung zu entdecken war.

Von der Höhe des Fiebers allein hing nicht immer die Schwere des Krankheitsfalles ab; auch verhältnissmässig niedrige Temperaturgrade (38,5—39,5) zeigten mitunter ein so ungewöhnliches Ergriffensein des ganzen Organismus, dass man sich zur Erklärung solcher Veränderungen an die gewaltige Einwirkung halten muss, welche die Einverleibung des Krank'heitsgiftes ausüben kann. So habe ich das Temperaturverzeichniss der Frau eines Postschaffners vorliegen, dessen Maximum nur an einem Tage 39,6 erreichte, während der ganzen Krankheitsdauer bewegte sich die Körperwärme zwischen 38 und 39". Dabei bot aber die Patientin ein so schweres Bild der Erkrankung, wie es manche Kranke mit Temperaturen von 40" und darüber nicht zeigten.

Die Hautveränderung, die sich im Allgemeinen als Roseola charakterisirte, trat vom 2.—7. Tage in die Erscheinung und erlitt oft nach 2—3 Tagen eine petechiale Umwandlung. Zuerst erschien sie am Stamm, besonders am Rücken, dann über die

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