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Zutritt in den Uterus verschafft wurde. Acceptiren wir aber diese gewiss natürlichste Deutung als die richtige, so müssen wir auch bei einer heimlichen verzögerten Geburt mit einer solchen Möglichkeit rechnen, sobald erwiesen ist, dass während des Entbindungsaktes analoge Manipulationen in den Geburtswegen stattgefunden haben. Dass Derartiges vorkommen kann, lässt sich nicht in Abrede stellen. Eine verheimlichte und in kindsmörderischer Absicht verheimlichte Entbindung schliesst die Mitwirkung von Complicen nicht aus; warum sollte es nicht einem solchen einfallen können, durch Eingriffe die Geburt beschleunigen zu wollen. Man kann auch Laien Solches zumuthen, wenn man liest, dass schon Schneider mit ihrer Scheere und Friseure mit ihren Brenneisen den Abortus provocirt haben; und man wird die Möglichkeit nicht zurückweisen können, dass der Complice auch — ein Sachverständiger sein kann.

Für solche Fälle hätten die beschriebenen Beobachtungen entschiedenen Werth und bei der Beurtheilung des Befundes lufthaltiger Lungen würde jedenfalls die Möglichkeit eines im Uterus stattgefundenen Luftathmens mit in das Bereich der Erwägungen gezogen werden müssen.

Dasselbe müsste geschehen, wenn erwiesen wäre, dass die Entbundene selbst aus irgend einem Grunde sich während der Entbindung Gegenstände in die Genitalien eingeführt hätte, die geeignet waren, bis zutu Muttermund einzudringen und dort den normalen Verschluss aufzuheben oder zu lockern. Auch solche Fälle sind möglich; denn einestheils zeigt die Erfahrung beim verbrecherischen Abortus, dass Schwangere mit Instrumenten verschiedener Art in den eigenen Uterus einzudringen versucht haben und wirklich eingedrungen sind*), andrerseits ist es weder unbegreiflich noch ganz unlogisch, wenn eine Gebärende, bei welcher sich die Geburt verzögert, auf die Idee geräth, die Entbindung durch Einführung eines Instruments zu beschleunigen.

Von ungleich grösserer forensischer Bedeutung wären aber die mitgetheilten Fälle, wenn zugegeben werden müsste, dass auch ohne mechanische Einwirkungen der erwähnte Verschluss während eines verzögerten Entbindungsaktes insufficient werden kann.

*) Einen solchen neueren auch des Verlaufes wegen interessanten Fall von Gravea vide Virckow's Jahresbericht, 1869. II. Bd. 3. p. 608.

Leider existirt aber keine einzige Beobachtung, bei welcher mit Bestimmtheit behauptet werden könnte, dass die Insufficienz am Os spontan aufgetreten wäre; denn bei allen 4 hier in Betracht gezogenen, sowie bei den zahlreichen anderen analogen Fällen, in welchen geburtshülfliche Operationen vorgenommen worden waren, wird man immer einwenden können, dass die Luft nicht in den Uterus gekommen wäre, wenn die betreffenden manuellen oder instrumenteilen Eingriffe nicht stattgefunden hätten. Wenn man jedoch in Folge der mitgetheilten Beobachtungen gegenwärtig zugeben muss, dass entgegen den bisherigen Anschauungen, wenn sonst die Umstände günstig sind, schon unbedeutende Eingriffe, wie das Touchiren mit dem Finger, genügen, den physiologischen Verschluss am Os zu überwinden, so wird man die Möglichkeit, dass in einem gleichen Falle eine solche Insufficienz spontan sich einstellen kann, nicht mehr unbedingt zurückweisen können.

Jedenfalls schliesse ich mich der Ansicht Hecker's (1. c. 538) an, dass dem Luftathmen in utero nicht blos ein klinisches, sondern auch ein forensisches Interesse zukommt, und bei der Meinung, dass sobald in einem forensischen Falle sich aus den Erhebungen ergiebt, dass die betreffende Entbindung nicht glatt verlief, sondern eine unregelmässige, besonders eine verzögerte Geburt stattfand, der Gerichtsarzt verpflichtet ist zu erwägen, ob, wenn lufthaltige Lungen gefunden wurden, nicht Bedingungen vorhanden waren, welche ein Luftathmen während des Entbindungsaktes wenigstens möglich erscheinen lassen.

Ich bin weit entfernt zu läugnen, dass Fälle, in denen Grund zu solchen Erwägungen besteht, ausnehmend selten in der forensen Praxis vorkommen dürften, glaube aber, dass eben bei der gerichtsärztlichen Beurtheilung solcher Ausnahmsfälle besonders rigoros und kritisch vorgegangen werden soll.

Anwendung der §§. 222. und 230. des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich auf Medicinal

personen.

Sanitätsrath Dr. Jacobs,

Kreisphysikus in Colli.

Nomina sunt odiosa.

Die §§. 222. und 230. des Deutschen Strafgesetzbuches fangen an, ihre Wirkung auf die Medicinalpersonen auszuüben, indem vor wenigen Wochen eine Hebamme und vor wenigen Tagen ein ärztlicher College „wegen Fahrlässigkeit", erstere mit Gefängniss von 2 Monaten, letzterer mit Gefängniss von 4 Wochen betraft wurden. Die Hebamme hatte die Herbeiholung eines ihr vorgeschlagenen (wahrscheinlich ihr nicht befreundeten) Geburtshelfers abgelehnt, und war dadurch die Wendung so erschwert worden, dass das Kind starb. Da ich in letzterem Falle als Sachverständiger fungirt habe, so halte ich mich verpflichtet, den Fall zur Warnung und Beherzigung in Kürze mitzutheilen. Diese Warnung soll darin bestehen:

„Möge kein Arzt eine Geburt ohne Hebamme übernehmen!" Befolgen wir diesen Rath nicht, so wird uns früher oder später dasselbe Loos wie den verurtheilten Collegen treffen, weil es jedem nur einigermasseu beschäftigten Arzte unmöglich ist, dem Geburtsgeschäfte von Anfang bis zu Ende beizuwohnen und die Kreissende vom Beginn der Geburtsthätigkeit bis zur Vollendung derselben nicht mehr zu verlassen. Können wir das nicht, so laufen wir bei jeder Uebernahme einer Geburt ohne Hebamme Gefahr, uns der Fahrlässigkeit schuldig, d. h. der unabsichtlichen Nachlässigkeit, Unvorsichtigkeit, des Leichtsinns oder der Unbesonnenheit schuldig zu machen. Der Grund, weshalb in diesen Paragraphen des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich eine Verschärfung der in den §§. 184. und 198. des Prenssischen Strafgesetzbuches enthaltenen Sträfbestimmungen stattgefunden, ist nicht recht ersichtlich, namentlich dem ärztlichen Stande gegenüber, dem man wenig giebt, aber von dem man viel verlangt. Das Gesetz ist einmal gegeben und de lege lata lässt sich nicht mehr streiten. Bekanntlich lautet der §. 222. des Deutschen Strafgesetzbuches: „Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Gefängniss bis zu drei Jahren bestraft. — Wenn der Thäter zu der Aufmerksamkeit, welche er aus den Augen setzte, vermöge seines Amtes, Berufes oder Gewerbes besonders verpflichtet war, so kann die Strafe bis auf fünf Jahre Gefängniss erhöht werden."

Der §. 184. des Prenssischen Strafgesetzbuches heisst einfach: „Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen herbeiführt, wird mit Gefängniss von zwei Monaten bis zu zwei Jahren bestraft.« Man fragt nun: was ist Fahrlässigkeit? Man antwortet: Fahrlässigkeit ist gar kein medicinischer Begriff. Aber das öffentliche Ministerium verlangt, wie wir unten sehen werden, von dem Gerichtsarzte nicht blos ein bestimmtes Urtheil, „ob in einem gegebenen Falle Fahrlässigkeit vorhanden war", sondern sogar, „ob nach unserer Ansicht gerade durch die Fahrlässigkeit des Dr. N. der Tod des Kindes herbeigeführt worden sei." Hiernach erscheint denn wirklich die von gewisser Seite aufgeworfene Frage: Wie können Juristen über ärztliche Fahrlässigkeit urtheilen? nicht unberechtigt und keineswegs mit der Gegenfrage beantwortet: Warum sollen Juristen nicht darüber urtheilen können, da eben Fahrlässigkeit für sich von jedem beliebigen Menschen unter beliebigen Verhältnissen ausgeübt werden kann?

Der College Dr. N. war nach seinem eigenen Bericht vom 7. Mai d. Js. Morgens gegen 8 Uhr zu der Mehrgebärenden X. gerufen worden. Er fand den Muttermund von der Grösse eines Fünfgroschenstücks und die Wehen noch schwach, weshalb er sich wieder entfernte. Um 10 Uhr wurde er wieder geraten, weil die Wehen stärker geworden waren. Er untersuchte und sagte der Frau, sie möge von nun an im Bette liegen bleiben, weil die Nabelschnur sonst leicht vorfallen könnte. Um 12 Uhr wurde er wieder gerufen. Bei der Untersuchung fai d er — „den Muttermund 2 Thaler gross und die Blase durch ihn ins Becken hineinreichend." — Gegen 3 Uhr wurde Dr N. wieder gerufen, weil nach Aussage mehrerer Zeugen die Wehen und das Schreien der Gebärenden sehr arg waren. Dr. N. gab dem Rufe keine Folge, weil er nock Kranke abzufertigen hatte. Hierauf eilte der Mann der Gebärenden selbst zum Arzte und forderte ihn, wie es schien, in heftigem Tone auf, sofort mit ihm zu gehen, was denn auch geschah. Bei der Untersuchung fand Dr. N. die Nabelschnur vorliegend und den Kopf in sogenanntem „Einschneiden". Das Kind war ein Knabe. Die angestellten Belebungsversuche mit Einblasen von Luft von Mund zu Mund blieben ohne Erfolg. Auf die Frage des betrübten Vaters (der 3 Mädchen und noch keinen Knaben hatte), woran das Kind gestorben sei, erwiederte Dr. N.: das Kind sei erstickt und habe, auch wenn er eher gekommen wäre, nicht gerettet werden können, weil die Nabelschnur vorgelegen habe. Nachdem Dr. N. sich entfernt hatte, holte der Ehegatte der Niedergekommenen einen zweiten Arzt zur Besorgung der letzteren herbei. Als diesem die Aussage des Collegen über die Todesursache des Kindes mitgetheilt worden war, sagte dieser: „dann hat der College sich selbst hineingeritten." Der Gatte wurde klagbar, und erhielt ich am 8. Mai von Seiten des öffentlichen Mnisteriums unter Beifügung der vom Collegen N. selbst eingelieferten Krankheitsgeschichte den Auftrag, „die Kindesleiche zu besichtigen und mich darüber zu äussern, ob durch zeitigere Anwesenheit oder Verbleiben des Dr. N. bei der Gebärenden das Kind am Leben hätte erhalten werden können."

Mein Gutachten nach der am 9. Mai von mir vorgenommenen Leichenbesichtigung war ein negatives und lautete:

„die Leichenbesichtigung hat kein Zeichen einer gewaltsamen Todesart ergeben; ebensowenig Thatsachen, welche die Annahme ausschliessen, dass das Kind in Folge eines Vorfalls der Nabelschnur an Erstickung gestorben sei." Die mir gestellte Frage: „ob durch zeitigere Anwesenheit oder Verbleiben des Dr. N. bei der Gebärenden das Kind am Leben hätte erhalten werden können", ist nicht zu beantworten. Jedenfalls aber durfte der betreffende Arzt die Gebärende, ohne einen Stellvertreter (Arzt oder Hebamme) zurückzulassen, nicht mehr verlassen, sobald nach seiner eigenen Angabe „der Muttermund 2Thaler gross und durch ihn die Blase in's Becken hineinreichend war".

Hierauf wurde die Obduction der Kindesleiche von Seiten des öffentlichen Ministeriums verfügt, welche von mir und dem Kreiswundarzt am 10. Mai im Beisein der gesetzlichen Gerichtspersonen vorgenommen wurde. Unser Gutachten geben wir dahin ab:

1) das Kind ist lebensfähig zur Welt gekommen;

2) dasselbe hat geathmet und ist an Erstickung gestorben, ad 1. Dass das Kind lebensfähig zur Welt gekommen, folgt

aus den von uns angegebenen Zeichen der Reife desselben u. s. w.

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