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perimentirt noch und Preussen wie Deutschland hat nur die Verhältnisse der jugendlichen Arbeiter bezüglich ihres Alters und der Arbeitsdauer in der Gewerbe-Ordnung geregelt. Dagegen berücksichtigt die neuere Gesetzgebung einiger Schweizer-Cantone die Frauen sehr verständig, indem die Tagesarbeit auf 10 Stunden mit Instundiger Pause normirt und den Müttern eine je öwöchentliche, grösstenteils salarirte Arbeitsfreiheit vor und nach der Entbindung zugestanden ist. Freilich ist die Controle des Aussetzens und Wiederbeginns der Arbeit schwer und trotz der Krippen siechen die von den Frauen daheim gelassenen Kinder, woraus folgt, dass verheiratete Frauen (Mütter) überhaupt nicht zur Fabrikarbeit herangezogen, vielmehr häuslich beschäftigt werden sollen, letzteres aber nur in Industriezweigen, die nicht giftig wirken. — Eine Specialisirung der Gifte, für welche die fabrikmässige Frauenarbeit zu verbieten, wird das Gesetz wegen des Wechsels der Verwendung nicht, vielmehr nur allgemeine Directiven aufzunehmen, die Ausführungsbestimmungen den Fabrik-Inspektoren zu überlassen haben.

Referent empfiehlt die bekannten Hirt'schen Normen („über die gewerbliche Thätigkeit der Frauen vom hygienischen Standpunkte") als Ausgangspunkt der Gesetzgebung, welche er aber noch durch den Nachweis der Revaccination, das Verbot der Beschäftigung in giftigen Industrien, den gänzlichen Ausschluss der verheiratheten Frauen gesteigert wissen will. —

Hirt bestätigt zunächst auf Grund seiner Untersuchungen in Fürth die Thatsache, dass das Weib durch Fabrikarbeit mehr gefährdet sei als der Mann. In den dortigen Spiegelmanufacturen erkrankten an Hydrargyrismus 35 Frauen gegen 6 Männer bei fast gleicher Zahl. Die fabrikliche Gefährdung der Weiber erstreckt sich aber auch auf ihre Nachkommenschaft, indem z. B. 50 — 60 pCt. der Kinder von Eltern, welche mit Giften fabrikmässig beschäftigt sind, starben. —

Demnächst zum gesetzlichen Schutz der jugendlichen Fabrikarbeiter übergehend, fixirt er den Begriff Kind als Knabe oder Mädchen unter 14 Jahren. In Betreff jenes hat die Gesetzgebung zu berücksichtigen und zu bestimmen: 1) Die Altersgrenze. Vor 1833 bestand in England keine Regelung derselben; man beschäftigte ungenirt und unbestraft Kinder von 4— 6 Jahren in Bergwerken, bei Tag und Nacht, bis eine UntersuchungsCommission das Alter erst auf 9, später auf 8 Jahre festsetzte. Die Alterscontrole wurde aber illusorisch, weil man theils den Angehörigen gestattete, das Alter der resp. Kinder selbst anzugeben, theils das Alter nach der Körpergrösse feststellte; ein 3' 10" grosses Kind galt z. B. noch nicht 8, ein solches von 4' 3£" noch nicht 13 Jahre alt. Die plumpen Täuschungen der Aufsichtsbeamten schildert Referent recht drastisch. Im Allgemeinen ist der Gesundheitsschutz der jugendlichen Arbeiter in englischen Fabriken noch recht ungenügend trotz verschiedener Act's und Bill's. Hirt fand z. B. in einer (Jhromkali-Fabrik zu Glasgow die Nasenscheidewand eines Kindes bereits zerstört; ein Schicksal, dem alle dort beschäftigten Kinder wahrscheinlich entgegengehen.

In Deutschland regelt §. 128 der Gewerbeordnung die Altersverhältnisse der kiudlichen Fabrikarbeiter. Die Fassung desselben, dass Kinder unter 12 Jahren zu regelmässiger Fabrikarbeit nicht angenommen werden dürfen, ist indess elastisch nnd verschieden, im Interesse des Arbeitsgebers und zum Schaden des Arbeiters, zu interpretiren. — Die Schweiz allein fixirt gesetzlich den Beginn der Fabrikarbeit der Kinder auf das vollendete 14. Jahr im wohlverstandenen hygienischen und pädagogischen Interesse. Trotz der Opposition der Fabrikherren und wohl auch der Eltern muss die schulpflichtige Jagend von der Fabrikarbeit ferngehalten, allenfalls bis zur Ueberleitung der Sache nicht unter die Grenze von 12 Jahren gegangen werden.

2. Die Arbeitsdauer. Der Normalarbeitstag läuft in England von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends mit 1-'. stündiger Unterbrechung; in Deutschland dürfen die Arbeitsstunden nicht vor 5j Uhr Morgens beginnen und nicht über 85 Uhr Abends dauern, und die noch nicht 14jährigen nicht über 6 Stunden täglich beschäftigt werden. Referent zieht die englische Arbeitsdauer vor.

3. Ohne den Nachweis der körperlichen Tüchtigkeit zur Fabrikarbeit durch ein Gesundheits- resp. Revaccinationszeugniss darf kein Kind angenommen werden. —

4. Gewisse Beschränkungen für einzelne Fabrikzweige bezüglich der Altersgrenze und der Grösse des Arbeitstages hat das Gesetz aufzunehmen.

5. Von gewissen Fabrikarbeiten (Glasstampfereien, Nadelschleifereien, Shoddy -, Bronzefarben -, Mühlstein -, Chlorkalkfabriken, Glasätzereien, sind jugendliche Arbeiter überhaupt auszuschliessen. —

Hirt schliesst mit einer Bemerkung Yirchow's, dass noch sehr viel Detailarbeit auf diesem Gebiete nöthig, jede dankbar anzunehmen sei, denn ihr Inhalt ist ein Cardinalpunkt der künftigen Gesetzgebung. —

Die Discussion bleibt der nächstjährigen Versammlung, für welche als Mitglieder der die Tagesordnung vorbereitenden Gommission: Beneke, Gauster, Mosler, Sachs, Spiess sen., Virc.how und Wasserfuhr gewählt werden, vorbehalten. —

Die Arbeiten und Resolutionen der Section fallen vielleicht günstig mit den an massgebender Stelle aufgestellten Entwurfsvorschlägen zusammen. Aeusserem Vernehmen nach hat die Reichä-Cholera Gommission und die Reichs-Commission für Medicinal- Statistik vor Kurzem ihre Arbeiten vollendet; letztere betreffen u. A. auch die Mortalitäts-Statistik mit Unterscheidung der Todesursachen im Anschluss an die obligatorische Leichenschau.

Kreisphysikus Dr. Winkel.

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IV. Literatur.

Statistische Sanitätsberichte über das XII. (Königlich Sächsische) Armeecorps für die Jahre 1872 und 1873. Bearbeitet von der Königlichen Sanitätsdirection in Dresden 1875. 4. 50 S. mit 2 ehromolithogr. Tafeln. Verlag von Conrad Weiske in Dresden.

Diese Berichte enthalten in einer Form, mit welcher diejenige der König! Preuss. Armea-Sanitätsberichte der Vergleichbarkeit wegen nachgeahmt worden ist, die tabellarischen Darstellungen der Krankenbewegung, der Ursachen der Dienstuntauglichkeit, der Ursachen der Halb- und Ganz-Invalidität, des Bestandes, Zugangs und Abgangs des militärärztlichen, pharmaceutischeu und rossärztlichen Personals, ferner anhangsweise die der stattgefundeneu Impfungen und Wiederimpfungen, der Krankenbewegung bei den Dienstpferden und endlich die des Arzneimittelverbrauchs für die erkrankten Personen des Soldatenstandes.

Um nur einen Augenblick bei den allerwichtigsten Ziffern dieser Berichte — bei den Sterblichkeitsziffern — zu verweilen, so finden wir, dass die Sterblichkeit des Königl. Sachs. Armeecorps sich im Jahre 1872 auf 131 = 6,4 pCt. und im Jahre 1873 nur auf 108 = 4,95 pCt. der Iststärke belaufen hat, — Verhältnisse, welche denjenigen der meisten Preussischen Armeecorps annähernd entsprechen und welche, im Hinblick auf die im Gange befindliche bauliche Herstellung zeitgemässer Unterkunftsräume für das Sächsische Militär, voraussichtlich weitere günstige Wandlungen erfahren werden.

Es bezeichnen diese Berichte einen Schritt weiter zu der eher oder später nothwendigermassen sich vollziehenden Einheit der Deutschen Militär- und Medicidalstatistik, d. h. derjenigen wissenschaftlichen Forschungsraethode, welche die Wege eröffnet, auf welchen der Militärmedicinaldienst seiner höchsten Aufgabe — der Hebung der nationalen Wehrkraft — näher gerückt wird.

Topographisch-anatomischer Atlas. Nach Durchschnitten
an gefrornen Cadavern herausgegeben von Dr. med. Wilh.
Braune, Professor an der Universität Leipzig. Mit fünfzig
Holzschnitten im Texte. Leipzig 1875. Fol. 218 S. und
XXXI. Tafeln Abbildungen. Verlag von Veit u. Comp, in
Leipzig.
Bekanntlich ist Professor Braune zu dem Zwecke, die Bestandteile

des menschlichen Körpers in grösster Naturtreuc bildlich veranschaulichen zu können, so verfahren, dass er menschliche Leichen in gefrornen Znstand übergeführt, dann die aufzunehmenden Theile in den interessantesten Richtungen blossgelegt und die Zeichnungen auf den gefrornen Präparaten durchgepaust hat. Die Hauptergebnisse dieser Arbeiten hat Prof. Braune in seinem in 2. Auflage erschienenen „Topographisch-anatomischen Atlas nach Durchschnitten an gefrornen Cadavern" — mit 33 colorirten Tafeln Imp.-Fol. und mit 50 Holzschnitten im Text (120 Mark) niedergelegt, um diese werthvollen Ergebnisse allgemeiner zugängig zn machen, hat der Verfasser die anthropotomische Literatur mit dem Eingangs erwähnten kleineren Atlas, der die Abbildungen des grossen Atlas in photographischer Nachbildung verkleinert wiederbringt, bereichert. Es ist dieser Atlas in der That nicht bloss eine gewöhnliche Vermehrung, sondern zugleich eine Bereicherung, eine bedeutende Ergänzung unserer anatomischen Lernmittel. Und zwar muss diese Bereicherung grade auf dem Gebiete der angewandten Medicin um so freudiger begrüsst werden, als die Ausübung der letzteren nicht mehr mit isolirten anatomischen Präparaten, mit in sich homogenen Einheiten, sondern vielmehr mit topographischen Proportionen zu rechnen pflegt, und als ferner namentlich die verantwortungsschweren Arbeiten der Staatsmedicin diejenigen topographischen Veranschaulichungen am meisten begehren müssen, welche sich durch die grösstmögliche Naturtreue auszeichnen. Um den Inhalt dieses kleinern Atlas nur nach seiner Vielseitigkeit zu kennzeichnen, so finden wir Flächen-Darstellungen von medianen, transversalen, sagittalen, frontalen und schrägen Schnitten durch den ganzen Körper, durch den Kopf, den Hals, die praktisch wichtigsten Bezirke der Brust- und Bauch-Eingeweide, durch die Gliedmassen und ihre Gelenke, ja selbst durch den Körper einer Hochschwangern und durch die untere Hälfte des Körpers einer Gebärenden, — alle mit erläuterndem Zwischentexte und ausserdem mit auf den Tafeln selbst seitlich eingefügten anatomischen Benennungen versehen. In wenigen Minuten ruft dieser Atlas, dieser gleichsam auseinandergelegte Menschenleib, die gesammte Anatomie in das Gedächtniss zurück und lässt auf den ersten Blick schon erkennen, dass man in ihm für zumal gutachtliche Arbeiten einen unentbehrlichen Rathgeber besitzt. ,j prxijcu

Die Lage der Bauch-Organe des Menschen von' Hubert v. Luschka. Mit 5 Tafeln. Carlsruhe, 1873. An das Braune'sehe Werk schliesst sich eine Arbeit des hochverdienten, leider schon verstorbenen Anatomen v. Luschka an, welche für den gerichtlichen Arzt von besonderem Interesse ist, da sie auf eine lichtvolle Weise den Situs viscerum vor Augen führt.

Elbg.

Y. Amtliche Verfügungen.

I. Verf. des Ministers der geistlichen etc. Angelegenheiten, betreffend die Series medicaminum, vom 13. Juli 1874. (I. V. Sydow.)

Auf den Bericht vom 22. Mai er. eröffne ich der Königlichen Regierung, dass nicht nur Acidum citricum, Zincum oxydatum purum und Liquor ferri sulphurici oxydati, sondern auch Acctum Scillae, Emplastrum lithargyri simplex, Sacbarum pulveratum und Hydrargyrum sulphuratum nigrum in der bei den Apothekenrevisionen zu verwendenden Series medicaminum mit einem Stern bezeichnet werden müssen. Ausserdem sind Hydrargyrum sulphuratum rubrum, Succus liquiritiae crudus, Liquor hydrargyri nitrici oxydulati, Oleum phospboratum und Ferrum jodatum, Präparate, welche durch längere Aufbewahrung sich zerseizen und nach der Pharmacopoea Germanica nur ex tempora angefertigt werden sollen, irrthümlicher Weise in die Series aufgenommen, Castoreum sibricum, Castoreum sibricum pulveratum und das Wort pulveratum bei Semen sinapis aber aus Versehen ausgelassen, auch Emplastrum „fuscum" als Emplastrum „fusum" bezeichnet.

Was dagegen die Prüfung derjenigen Tincturen anbetrifft, welche nach der Pharmacopoea Germanica aus frischen Pflanzen angefertigt werden sollen, so giebt es für dieselben, wie bei allen übrigen galenischen Mitteln ausser der Farbe und dem Gerüche kein Kriterium. Auch sind Differenzen, welche sich bei den in nassen Jahren dargestellten Tincturen herausstellen, überhaupt nicht zu vermeiden und wird der Apotheker demnach dergleichen Tincturen, wenn er selbst sie anzufertigen ausser Stande ist, von anderen anerkannt tüchtigen und zuverlässigen Apothekern entnehmen müssen.

Die Königliche Regierung wolle das Vorstehende für die Zukunft beachten und thunlichst bald zur Kenntniss der Apotheker und Physiker des dortigen Verwaltungs-Bezirkes bringen.

II. Verf. der Ministerien der Finanzen (I. A. v. Lentz), der Justiz (I. V. Friedberg), der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten (Dr. Falk), sowie der landwirtschaftlichen Angelegenheiten (I. A. Schellwitz), betreffend den §. 5. des Gesetzes vom 9. März 187Z,

vom 18. Juli 1874.

Das Gesetz vom 9. März 1872, betreffend die den Medicinal - Beamten für die Besorgung gerichtsärztlicher, medicinal- oder sanitätspolizeilicher Geschäfte

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