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gierung hat übrigens bereits die tierärztliche Untersuchung des ausgeschlachteten Pferdefleisches angeordnet. Während Wasserfuhr von der Resolution abräth, da die Uebertragung auf Menschen durch den Genuss zubereiteten rotzigen Pferdefleisches noch zweifelhaft sei, verlangt Strahler eine bessere Präcisirung derselben. Dam mann replicirt, dass die Gefahr für die beim Schlachten beschäftigten Personen gross sei, in Preussen jährlich circa 70 Menschen au übertragenem Rotz erkranken. Nach Ullrich wurden in der Thierarzneisckule zu Berlin wiederholt secirende Eleven (in einem Semester 3) rotzig inficirt.

Die Resolution Dammann's wurde trotz eines von Friedberg (Breslau; auf Grund der Statuten der Versammlung erhobenen Protestes angenommen.

Darauf rcferirt Beneke (Marburg) über: »welche Massregeln müssen genommen werden, um eine allgemeine MortalitätsStatistik, event. eine allgemeine Todtenschau durchführen zu können?

Die Mortalitätsstatistik bildet die Basis und den Wegweiser für eine rationelle Gesundheitspflege, eineThatsache, die die Engländer unter John Simon's Initiative neben der Mortalitätsstatistik längst als vorteilhaft erkannt und ausgenutzt haben. Eine praktisch und wissenschaftlich brauchbare Unterlage zu einer Mortalitätsstatistik zu geben sind die Civilstands-Register in Preussen geeignet; aber die gesetzgebenden Factoren lehnten ihre Verwerthung ab. Traurig sieht es in Deutschland in dieser Beziehung aus und nur in einigen kleineren deutschen Staaten wird die Mortalitätsstatistik zu hygienischem Nutz und Fiommen gepflegt auf Grund einer mehr oder weniger allgemeinen Leichenschau. Hamburg, Bremen, Sachsen, Baden besitzen bereits gutfungirende einachlägige Organe, theils ärztliche, theils Laiensachverständige für die Leichenschau. In den genannten Hansestädten werden wöchentlich resp. monatlich die Todtenscheine durch den Medicinal- Inspektor statistisch zusammengestellt und verwerthet, desgleichen in Holland, wo der MedicinalInspektor für Süd-Holland, Dr. Egeling, monatlich die Mortalitätsstatistik von 12 Städten seines Districts veröffentlicht und in grösseren Zeitabschnitten eine graphische Darstellung der Mortalität amtlich erscheinen lässt. In Sachsen sind 62 pCt. der städtischen, 40 pCt. der ländlichen Todesfälle durch die Todtenfrauen unter Beihülfe der Aerate constatirt worden. England, in 2195*) statistische Districte eingetheilt, vermochte 1873 durch seine Registrar's 86 pCt. aller Todesfälle sicher zu constatiren, Schweden und Norwegen ohne diese Beamten 1871 42 pCt. Die Statistiken iu Oesterreicb, Bayern nnd Würtemberg haben keinen besondern Werth. — In Preussen, wo jetzt die Civilstands Register für eine Mortalitätsstatistik recht gut zu verwenden wären, nahm sich bereits seit einiger Zeit der niederrheinische ärztliche Verein der Sache au und interessirte für die Ausfüllung geeigneter Zahlblättchen die Äerzte und Bürgermeister. Gutbezahlte Civilstandsbeamte werden sich in Zukunft gewiss eine möglichst präcise Erforschung der Todesursachen angelegen sein lassen; sicherer ist aber doch eine obli

*) Nach Finkeinburg (öffentliche Gesundheitspflege Englands pag. 94) 2202.

gatorische allgemeine Leichenschau mit Einzeichnnng der Todesursache durch den Arzt selbst. Wichtig ist die Frage der Formulare, die zwar eine bestimmte Nomenclatur der Todesursachen normiren, gleichwohl den Aerzten eine gewisse Freiheit in ihrem Gebrauche gestatten müssen; sehr empfehlenswerth erscheint ihm das niederrheinische mit seinen 25 Rubriken. Von diesen Erwägungen geleitet schlägt Beneke der Section eine Petition an den Reichstag vor, des Inhalts, dass ein Roichsgesetz erlassen werde, wonach eine allgemeine Leichenschau durch wohl instrnirte und besonders concessionirte Leichenschauer in sämmtlichen deutschen Bundesländern eingeführt und die Leichenschauer verpflichtet werden, in jedem Falle für eine möglichst genaue Ermittelung der Todesursache, event. für Eintragung derselben in die Todtenscheine durch die behandelnden Aerzte Sorge zu tragen und dass ein gleichförmiges Schema für die Todesbescheinigungen eingeführt werde, die bei den statistischen Bureaus gleichmässig zu verarbeiten und in ihren Resultaten zu veröffentlichen seien.

Im Anschluss an dies Referat motivirt Oldendorf (Berlin) seine bereits in der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege in Berlin gestellte (und ausführlich im I. Heft 1874 dieser Vierteljabresschrift mitgetheilte) Resolution, betreffend die durch ein neues Versicherungsgesetz zu regelnde Benutzung des in den jährlichen Rechenschaftsberichten der Lebens -Vereicherungs- Gesellschaften dargebotenen Materials für eine Mortalitätsstatistik.

Bei der Discussion der Frage über die Nothwendigkeit der Einführung einer obligatorischen Leichenschau nach bestimmten Normen schildert Varrentrapp (Frankfurt) in der dritten Sitzung die günstigen Ergebnisse der dortigen Leichenschau, indem fast sämmtliche Todten durch den Physikus besichtigt und der sogenannten Engelmacherei erfolgreiche Grenzen gesetzt werden; etwaige Zweifel über die wahre Todesart löst dort die sehr häufige (42 pCt.) Section. Deber solche Kräfte wie in Frankfurt a. M. und andern grössern Städten werden aber das flache Land und kleinere Stadtgemeinden nicht verfügen können nnd es ist die Forderung einer gleichwerthigen Mortalitätsstatistik für letztere unbillig. Das Gesetz wird daher einen Unterschied zwischen beiden Gruppen von Gemeinden machen müssen; denn die Annahme eines Durchschnittssatzes entwerthe die Statistik.

Wasserfuhr bestreitet die Nothwendigkeit einer Petition zu Gunsten der Leichenschau als einer vom * Reichstage bereits abgethanen Sache. Sie soll nur vor dem Lebendigbegrabenwerden schützen, nicht aber statistisches Material liefern. — Auch die Hinterbliebenen sind qualificirt, die Todesursache hinreichend genau anzugeben, da es viele Krankheiten mit auch den Laien durchsichtigen Diagnosen gibt; specielle Diagnosen bedarf es für statistische Zwecke nicht. Eine gesetzliche Theilung der Mortalitätsstatistik für Stadt und Land erscheint aus sachlichen Gründen unzulässig. — Der Beneke'sche Petitionsentwurf wurde hierauf trotz des erneuten Protestes von Friedberg einstimmig angenommen.

Roth (Dresden) referirt demnächst über: „welche Grundsätze hat die öffentliche Gesundheitspflege bezüglich der Begräbnissplatze zu adoptiren resp. in der Gesetzgebung zur Geltung zu bringen?"

Die Kirchhofsschädlichkeiten, Folgen der Fäulniss und Verwesung, äussern sich auf das Wasser, Luft und Boden. — Das Grundwasser wird durch die Kirchhöfe nothwendig, wenn es steigt und die Leichen auslaugt, verschlechtert, mit stickstoffigen Substanzen verunreinigt; ihm mischt sich das Aufschlagswasser (circa 28 pCt.) zu, dessen Quäle und Quantum von dem durchlaufenen Wege abhängt. Diese Verunreinigung des Kirchhofswassers ist durch die Versuche bei drainirten Kirchhöfen und künstlichen Gräben sicher constatirt und wird überdies gesteigert durch andere organische, auf und im Boden faulende Körper. Gleichwohl gibt es Begräbnissplätze mit relativ reinem Wasser, und spielen hierbei der Untergrund, Grundwasserrichtung, Verdünnung und schnelle Zersetzung der organischen Substanzen mit.

Der jedenfalls vorhandene Einfiuss der Kirchhöfe auf die Luft wird im Allgemeinen überschätzt. Die Leichengase, welche durch den Boden nicht absorbirt werden, vielmehr emporsteigen, bilden mit der atmosphärischen Luft ein Gemenge (? d. R.), welches wegen der stetigen Verdünnung nicht schädlich wirkt. Vergiftungen durch Leichengase können nur bei Oeffnung lange geschlossener Grüfte auftreten. Von Professor Fleck (Dresden) angestellte Versuche mit der Luft künstlicher Gräber (gewonnen aus Röhren, welche die Atmosphäre von der Ober- und Unterfläche des Leichnams nach oben leiteten) constatirten in den resp. Gasen nur Kohlensäure, kein Ammoniak und Schwefelwasserstoff.

Die Frage des nachtheiligen Einflusses der Kirchhöfe auf den Boden lässt sich nur in der Praxis lösen, da die verschiedenen Bodenarten sich mit verschiedenen grossen Mengen organischer Substanzen sättigen: als Sättigungsgrenze gilt im Allgemeinen, dass ein aufgegrabener Kirchhofsboden nicht rieche und auch noch keine stinkende Gase entweichen lasse. Daher muss die Fähigkeit des Bodens, organische Substanzen zu assimiliren, den Turnus der Beerdigung bestimmen; empfehlenswerth hiernach ist bei Sand eine 10-, bei feinkörnigem Lehm eine 20-, bei fettem Lehm eine 30—40jährige Rotation.

Die Gesetzgebung hat festzustellen, dass 1) jede Kirchhofsanlage individuell, nicht schematisch beurtheilt werde: es ist deshalb vorher ein genauer Situationsplan mit Durchschnitten der verschiedenen Bodenschichten einzureichen, nötigenfalls nach Beobachtung der Vorkommnisse in Probegräbern; 2) wenn nöthig, werde der Kirchhof drainirt, keinesfalls aber das Drainagewasser als Nutzwasser verwendet, auch der Weg für die Aufschlagswässer durch aufgeschüttete Grabhügel verlängert; 3) die Lage sei möglichst entfernt von Wohnungen und hoch, wobei die tiefstliegenden Stellen zuerst zu besetzen; 4) die Wirthschaft mit dem Räume rationell; 5) Massengräber und Grüfte sind zu verbieten; 6) der Schluss des Kirchhofes hat zu erfolgen, wenn der Boden gesättigt ist; ein Zeitpunkt, der durch üppige BanmpBanzungen hinausgerückt werden kann.

Bei der Debatte räth Wasserfuhr bezüglich der Entfernung der Friedhöfe von Wohnstätten die bisherigen Distanzen von wenigstens 50 Ruthen festhalten zu wollen.

In der letzten Sitzung wiederholte zunächst Professor Iliinefeld (Greifswald) Beine am Schluss der dritten Sitzung bereits einigen Mitgliedern demonstrirten Versuche Über die bequemste, schnellste und sicherste Blutprobe. In einer Verreibung von Blut mit gepulvertem Guajakharz, welcher demnächst Weingeist, Chloroform, Terpenthin- oder Spiköl zugesetzt wird, zeigt sich bald das Blutroth intensiv blau gefärbt, eine nur dem letzteren eigentbiimliche Reaction. Darauf setzt er des Weiteren das Wesen der Kohlendunstvergiftung auseinander, die fälschlich dem Kohlenoxyde zugesprochen werde, während doch Kohlensäure die Intoxication veranlasse. Der Grund dieser falschen Anschauung liegt in dem bisherigen Mangel eines empfindlichen und sicheren Reagens auf Kohlenoxyd; als solches fand er Palladiumchlorür, welches durch Kohlenoxyd zu fein vertheiltem, schwarzen Palladium reducirt werde.

In das letzte Referat: „welche Anforderungen sind vom hygienischen Standpunkt bezüglich der Beschäftigung von Frauen und Kindern in Fabriken an die Gesetzgebung zu stellen?" hatten sich Göttisheim (Basel) und Hirt (Breslau) getheilt.

Einleitend betont Göttisheim, dass die ältere Gesetzgebung über Gesundheitsschutz in Fabriken sich nur mit den Männern und zwar mit ziemlich allgemeinen Vorschriften beschäftige, nachdem sie durch die relativ grosse Untauglichkeit der Fabrikarbeiter zum Militärdienst aufmerksam geworden; nach und nach fing sie an, sich um die in Fabriken beschäftigten Frauen und Kinder zu bekümmern, hauptsächlich aus Gründen der grossen Sterblichkeit derselben. Das Streben der Industrie, die wohlfeilere Frauenund Kinderarbeit zu benutzen, zeigen u. A. die Personenstands-Verhältnisse der Baseler Seidenarbeiter: 1870 waren in Basel-Stadt bei einer Bevölkerung von fast 45000 2075 (= 30 pCt.) Männer, 4763 (= 70 pCt.) Weiber, 382 (5,6 pCt.) Kinder unter 15 Jahren, auf dem Lande (mit Hausindustrie) 4125 Männer und 8606 Weiber fabrikmässig beschäftigt.

Die Gesetzgebung wird die Wirkungen der Frauenarbeit in Fabriken im Allgemeinen unter den besonderen Verhältnissen des Individuums und die Gesundheitsschädigung durch gewisse Industriezweige zu berücksichtigen haben.

Der weibliche Organismus ist wegen seiner feineren Körperanlage weniger resistent und wenn er durch Energie der Seele gleiche oder grössere Arbeitspensa als der Maun leistet, so reagirt er mit Störungen des gesundheitlichen Gleichgewichts. Es coneurriren ferner die verschiedenen geschlechtlichen Phasen und das vorherrschende Gemüthsleben bei den Folgen der Frauenarbeit. Wie stellt sich nun die fabrikliche Frauenarbeit als solche, abgesehen zunächst von speciellen Industrien, zu diesen Verhältnissen? Das Zusammensein vieler Frauen durch längere Zeit in einem Räume deteriorirt durch die physiologischen Ausscheidungen der Haut und Lungen um so mehr die Luft, als bei jedem Fabrikbetriebe, selbst dem unschädlichsten, Staub erzeugende Maschinen und Weikzeuge, Erwärmungsund Beleuchtungsmittel, Rohmaterialien und ihre Abfälle mitspielen und die Atmosphäre abnorm machen. Ans Gründen der weiblichen Organisation muss die Arbeit in Fabriken als grossen Versammlungslocalen, d. h. der Massenbetrieb, Weiber mehr als Männer gesundheitlich schädigen. Die Hygiene hat also zu fordern, dass die Fabrikarbeit auf eine bestimmte Anzahl Stunden beschränkt und speciell die Nachtarbeit möglichst vermieden werde.

Noch zwei Hauptfactoren kommen bei jedem Fabrikbetrieb in Betracht: die Rohprodnete mit ihren oft complicirten, gegen die Gesundheit der Arbeiter mehr oder weniger differenten oder indifferenten Umsetzungen und die körperliche Anstrengung, der Kräfteconsum. — Erfahrungsgemäß wirken alle Industriezweise durch die Natur und Metamorphosen des in Samroellocalen zu verarbeitenden Rohstoffes gesundheitsschädlich theils durch den fein vertbeilten Staub, theils durch die bei hoher Temperatur verdunstenden Flüssigkeiten, theils durch Ausdünstungen und Gase. Ergiebige Ventilation in den Fabrikräumen wird aus Betriebsrücksichten häufig nicht zu ermöglichen und die Frau aus oben mitgetheilten Gründen mehr als der Mann gefährdet sein, was u. A. die Seidenbandweberei in Basel bestätigt, eine relativ unschuldige Industrie. Trotz der günstigsten Raumverhältnisse der Räume, in denen die Luft durch das Weben an Stühlen staubig wird, starben 1870 (bei 570 todten Erwachsenen) 26 männliche, 40 weibliche Fabrikarbeiter, von letzteren 17 an Phtbisis, 1871 (bei 705) 36 resp. 49, darunter 21 an Phthisis.

Gefährlicher für die fast ausschliesslich dabei beschäftigten Frauen ist die Floretspinnerei nicht nur wegen des Staubes, sondern der Ausdünstungen der massenhaften Cocons. Bei dieser Industrie erkranken die Arbeiterinnen in bestimmten Perioden an einer eigenthümlichen, schwer definirbaren Affection, von den Baseler Aerzten nach dem Namen der grössten, 600 Frauen beschäftigenden Fabrik Morbus Rumpelii benannt, von der sie sich in 1—2 Wochen bei frischer Lnft und guter Kost zu erholen pflegen. —

Gesnndheitsscbädigungen der Arbeiterinnen als Folgen der körperlichen Anstrengung allein sind zwar durch die vervollkommneten Maschinen und Werkzeuge in den meisten Industrien seltener geworden, doch werden durch die Einseitigkeit der Arbeit oft gewisse Körpertheile alterirt, missbildet, verkrüppelt; Referent erinnert an die Zeugdruckereien. Bei der Fabrikarbeit leiden schwangere und stillende Frauen für sich und die Kinder, und hat mit der gesteigerten Industrie die Kindersterblichkeit in Basel nm 12 pCt. zugenommen.

In Fabriken, wo Stoffe, die entweder directe, oder durch ihre Umwandlungen Gifte sind resp. so wirken (Blei, Quecksilber, Phosphor, Arsenik, Kupfer, Anilin), ist die Frauenarbeit entweder ganz zu verbieten, oder höchstens unter sicher schützenden Vorrichtungen zu gestatten. —

Im Allgemeinen ist die Gesetzgebung zum Schutze der Fabrikarbeiterinnen dürftig. In England beträgt der gesetzliche Arbeitstag derselben 12 Stunden, von Morgens 6 bis Abends 6 mit 11istündiger Mittagspause, ausdrücklich ist Nacht- und Bergwerksarbeit denselben nntersagt, welche letztere eider noch in Belgien existirt. Der neue französische Gesetzentwurf von 1872 schliesst Frauen von gewissen Industrien ganz aus. Oesterreich ex

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