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Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege.

(Ordentliche Sitzung vom 23. Juni 1874.)

Vorsitzender: Herr Born er; Schriftführer: Herr Falk.

Tages-Ordnung: Herr Oldendorff: „Ueber die Jahresberichte der deutschen Lebens-Versicherungs-Gesellscbaften und ihre Bedeutung für die Medicinal-Statistik." (Der Vortrag ist bereits in der Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin, Jahrg. 1874 veröffentlicht.)

Herr Börner schlägt im Einverständniss mit dem Vortragenden vor, die wichtige Angelegenheit einer Commission für Medicinal-Statistik zu unterbreiten; zugleich macht er u. a. auf das reichhaltige, interessante, aber bislang ungenügend verwerthete Material der Renten-Versicherungen aufmerksam.

(Ordentliche Sitzung vom 24. October 1874.)

Vorsitzender: Herr Börner; Schriftführer: Herr AI. Müller.
Tages-Ordnung:

Hr. Börner:
„Ueber die Verhandlungen des deutschen Vereins für
öffentliche Gesundheitspflege in Danzig."

Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege bat sich, besonders in Folge seiner zweckmässigen Zusammensetzung, schon während der kurzen Zeit seines Bestehens eine nicht geringe Bedeutung erworben. Die öffentliche Gesundheitspflege ist, wie dies in dieser Gesellschaft mehr als einmal von competentester Seite hervorgehoben wurde, eine angewandte Wissenschaft. Schwerlich wird man in ihr zu den gewünschten Resultaten kommen, will man sich darauf beschränken, in theoretischen Untersuchungen die Lösung der Aufgaben zu erstreben, welche hier vorliegen. Natürlicherweise müssen solche Untersuchungen vorhergehen, damit es gelingt, die nöthige Basis zu gewinnen, zum allergrössesten Theil gehören sie aber den exacten Wissenschaften an, der Physik, der Chemie und Physiologie. Um das Gewonnene ins Leben zu führen sind andere Factoren nothwendig. Dio Schwierigkeit liegt viel weniger in den Forderungen, welche besonders Seitens der Aerzte gestellt werden müssen und gestellt worden sind, als in ihrer Durchführbarkeit, realen, oft unüberwindlichen Mächten gegenüber. Da gilt es, die Widerstände zu besiegen, welche die bestehende Gesetzgebung, die Regeln und Usancen der Verwaltung den Massregeln gegenüberstellen, welche doch im Interesse der öffentlichen Hygiene nicht entbehrt werden können. Versammlungen nnd Vereine demnach, die, einseitig zusammengesetzt, gewisse Elemente überwiegen lassen, wie z. B. die Aerzte, werden daher niemals in der Lage sein, zu einer so segensreichen Wirksamkeit zu kommen wie diejenigen, deren Zusammensetzung den oben erwähnten Schwierigkeiten von vornherein Rechnung trägt. Unter den Vereinen zur Förderung der öffentlichen Hygiene hat schon aus diesem Grunde die „Niederrheinische Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege" mit vollem Recht eine bedeutende Stellung sich erwerben können. Derselbe Grundsatz ist bei der Gründung unserer eigenen Gesellschaft massgebend gewesen und es wird nur einer noch regeren Betheiligung bedürfen, um auch unsere Erfolge, deren wir uns übrigens keineswegs zu schämen haben, da sie auf vielen Gebieten hervorragend genug sind, noch augenfälliger zu machen, als es bisher geschehen ist.

Ein sehr bedeutungsvoller Anstoss ist für die Entwicklung der öffentlichen Gesundheitspflege in Deutschland ausgegangen von der hygienischen Section der Deutschen Naturforscher-Versammlung, wie sie sich unter dem Einflusse sehr angesehener Hygieniker von Jahr zu Jahr immer sachgemässer entwickelt hat. Demungeachtet machte sich bekanntlich, besonders auf der Naturforscher-Versammlung zu Leipzig, mit aller Entschiedenheit das Bedürfniss geltend, die Section von der allgemeinen Naturforscher-Versammlung abzulösen und selbstständig zu gestalten. War doch innerhalb der Naturforscher-Versammlung selbst die Ansicht aufgestellt worden und hatte vielfachen Beifall gefunden, dass die praktischen Bestrebungen der hygienischen Section nicht in den Rahmen hinein passten, den hervorragende Mitglieder der allgemeinen Versammlung, trotz seiner etwas beengenden Umgrenzung, dennoch glaubten festhalten zu müssen. In der hygienischen Section war man andererseits der wohlerwogenen Ueberzeugung, dass es nicht angehe, eine Existenz zu führen, die schliesslich nur durch die Duldung der Naturforscher-Versammlung fortbestehen konnte. Diese Erwägungen haben zu der Bildung des Deutschen Vereines für öffentliche Gesundheitspflege geführt, dessen erste Versammlung im Jahre 1873 in Frankfurt a. M. stattfand. Ihr folgte die in Danzig vom 12. bis zum 15. September dieses Jahres, über die ich mir erlauben will zu referiren.

Dio Zusammensetzung des Vereins, deren schon in Kürze Erwähnung geschah, war schon bei seinem Beginn eine vielversprechende und hat sich im Laufe der Zeit in bester Weise consolidirt. Die Mitglieder gehören selbstverständlich zu einem grossen Theil dem Stand der Aerzte an, denn trotz aller Verkonnungen und Ableugnungen ist es leicht nachzuweisen, dass ihnen der Hauplruhm in Bezug der Entwicklung und Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege gebührt. Ihnen treten zur Seite die Techniker, Stadtverordnete, Verwaltungsbeamte, sei es im Dienste des Staates oder der Commune, Mitglieder parlamentarischer Versammlungen, Juristen, Naturforscher und Männer, die den verschiedenen Berufen des öffentlichen Lebens angehören, ohne grade eine öffentliche Stellung zu bekleiden. Die so differenten Gesichtspunkte, welche bei Massregeln in Frage kommen, die im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege erforderlich sind, finden daher naturgemäss in einer solchen Versammlung grade ihre volle Vertretung, so dass die gefassten Beschlüsse schon um deswillen von grosser Nachwirkung sein mussten. Danzig übte nun, abgesehen von diesen allgemeinen Gesichtspunkten, noch dadurch eine bedeutende Anziehungskraft aus, dass es seit einigen Jahren eine sanitäre Massregel von allergrösster Bedeutung durchgeführt hat; ich meine seine Canalisation durch Schwemmkanäle in Verbindung mit Berieselung und einer neuen grossartigen Wasserleitung. Es ist bekannt, dass die erwarteten Erfolge in hygienischer Beziehung schon während des kurzen Bestehens dieser wohlthätigen Reform ziemlich deutlich hervorgetreten sind, und die Möglichkeit, das hier Angeführte und Durchgeführte persönlich prüfen zu können, war um so einladender, als sich in Danzig nicht wenige Vertreter von Städten eingefunden hatten, denen in der nächsten Zukunft unzweifelhaft ähnliche Aufgaben vorliegen.

Es mag, ehe ich in das Referat über die einzelnen Verhandlungen eingehe, noch gestattet sein, einige allgemeine Bemerkungen zu machen. Die Leitung der Versammlung zuvörderst war eine ganz musterhafte und trug sehr viel zu der guten Haltung derselben bei. Dagegen war in der Vorbereitung Manches versäumt worden. Die Seitens des Ausschusses gewonnenen und ernannten Referenten über die einzelnen Fragen, welche der Ausschuss auf die Tagesordnung gesetzt hatte, hatten nicht ihre Referate, ja nicht einmal die Resolutionen, welche sie vorschlugen, die Schlussfolgerungen, zu denen sie gelangt waren, vorher veröffentlicht. Selbstverständlich wurde dadurch die Debatte überaus erschwert, da Niemand in der Versammlung sicher wusste, nach welchen Zielen die Referate hingingen, Niemand also sich vorher vorbereiten und schlüssig machen konnte, und es kam hinzu, dass der Ausschuss sich bei der Wahl der Referenten in einem, meiner Meinung nach, viel zu engen Kreise bewegt hat. Die Folgen der Nichtveröffentlichung der Thesen traten während der Verhandlungen so deutlich hervor, dass der Wunsch nach einer Aenderung von vielen Seiten ausgesprochen wurde und sicherlich erfüllt werden wird. Sehr dankbar würde ich dem Ausschusse dagegen gewesen sein, wenn er eine gute englische Sitte, die jenseits des Canals bei allen wissenschaftlichen Wanderversammlungen geübt wird und in Frankreich ebenfalls aufgenommen ist, auch bei uns eingeführt hätte. Ich meine die Berichterstattung über die Errungenschaften des letzten Jahres in wissenschaftlicher und praktischer Beziehung in denjenigen Fragen, deren Erörterung die Versammlung sich zur Aufgabe gestellt hat und deren Lösung sie zu fördern gedenkt.

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Ein solcher Jahresbericht führt so recht in medias res ein, zeigt die Lücken, die auszufüllen, die Ziele, die zu verfolgen sind; er lässt von vornherein anknüpfen an reale Verhältnisse und ertheilt dadurch den Verhandlungen solcher Vereine das allein zutreffende Gepräge. Ein solcher Jahresbericht ist die Aufgabe des ständigen Sccretärs und vielleicht gelingt es durch diese Hinweisung, den Ausschuss zu bestimmen, eine Lücke auszufüllen, deren Bestehen für mich und sehr viele Besucher der Danziger Versammlung die Ursache eines, meiner Ansiebt nach, berechtigten Bedauerns gewesen ist.

Ich gehe nunmehr zu der speciellen Berichterstattung selbst über. (Im Einverständnisse mit dem Herrn Vortragenden geben wir aus diesem Theile des Referats nur einen kürzeren kritischen Auszug, da die Verhandlungen selbst schon durch anderweite frühere Veröffentlichungen zur Kenntniss weiter Kreise und auch wohl zu der unserer Leser gelangt sind.)

In der ersten Sitzung am Sonnabend den 12. September kam, nachdem die Externa abgemacht waren, zunächst No. 1. der Tages-Ordnung zur Verhandlung.

„ Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege an die Baupolizei in Bezug auf neue Stadttheile, Strassen und Häuser."

Der Referent, Herr Dr. Wolfgang Strassmann aus Berlin, gab eine sehr detaillirte Schilderung der in seiner Heimathstadt auf diesem Gebiete vorhandenen Uebelstände im Anschlusse an die Fublication der Herren Schwabe und Bruch. Er tadelte, dass die baupolizeilichen Verordnungen fast lediglich dem Interesse der Sicherheit vor Bränden gegeben seien und dass man andere Gesichtspunkte, wie speciell die Forderungen der Hygiene, durchaus vernachlässigt habe. Mit einer gewissen Herbigkeit kritisirte er die Wirkungen des Berliner Bebauungsplanes, den er für eine Reihe der von ihm gekennzeichneten Missstände verantwortlich machte. Die von ihm vorgeschlagenen Resolutionen bewegten sich nach derselben Richtung hin. Es waren sechs Thesen, die abgesehen von allem Anderen, meiner Ansicht nach, eine viel zu detaillirte Gestalt erhalten hatten:

1) Die Ansiedelung in der Nähe der Städte ist zu begünstigen; dabei ist von der Festsetzung detaillirter Bebauungspläne abzusehen und sind nur die grossen Verkehrswege auf öffentliche Kosten freizulegen.

2) Für neue Stadttheile ist ein den Anforderungen der Gesundheitspflege entsprechender Bebauungsplan festzustellen.

3) Die Errichtung freistehender Gebäude und Gebäudegruppen ist zu befördern, und

4) für Strassen, welche nicht Hauptverkehrsadern bilden, sind massige Strassenbreiten statthaft.

5) Die Höhe der Gebäude darf das Mass der Strassenbreite nicht überschreiten und in keinem Falle über vier Stockwerke, einschliesslich des Erdgeschosses, hinausgehen.

6) Der dritte Theil eines jeden Grandstücks muss von der Bebauung frei bleiben. Der Correferent, Stadtbaumeister von Haselberg aus Stralsund, schloss sich dem in einem ebenfalls sehr eingehenden Vortrage an. Er betoute besonders das Normalprofil und die Strassenbreite, sodann die Beschaffenheit des zu bebauenden Bodens, die wenig wünschenswerte Anlage von Kellern und einige andere wichtige Punkte und gelangte schliesslich zu folgenden Resolutionen:

1) Vor jeder Umfangswand eines Gebäudes, in welcher sich Fenster von Wohnräumen befinden, muss in der Regel ein von Bauwerken und Bodenerhebungen freies Normalprofil vorbanden sein. Dasselbe besteht:

a) Aus dem ganzen Flächenraume oberhalb der Diagonale des Quadrats.

b) Ans einem unterhalb der Diagonale befindlichen Isolirungsraume.

c) Aus einem ebenfalls unterhalb der Diagonale befindlichen Raume, dessen Breite von örtlichen Umständen abhängig bleibt.

Das freie Normalprofil ist im Allgemeinen auch für die nach den Höfen hinaus belegenen Wohnräume zu verlangen.

2) Wohn- und Schlafräume, deren Fussboden ganz oder theilweise unterhalb der umgebenden Erdoberfläche liegt, sind nur dann zulässig, wenn sie in Bezug auf Entwässerung, Lage über dem höchsten Grundwasserstande, Hohe im Lichten, Lüftung nnd Erhaltung, sowie seitliche Trennung ihrer Wände vom Erdboden mindestens den für Wohnungen überhaupt zu stellenden Anforderungen entsprechen.

Es bleibt jedoch den einzelnen Orten überlassen, noch fernere Bedingungen für Kellerwohnungen hinzuzufügen oder auch dieselben ganz zu untersagen.

3) Es ist wünschenswerth, dass der Fussboden der Wohnungen von dem Baugrunde getrennt werde.

Die Debatte litt sehr unter den vorher erwähnten Uebelstäuden, die hier allerdings umsomehr zu Tage traten als die Referate, wie bemerkt, mehr als billig in Specialitäten sich bewegt hatten, so dass die Discutirenden gewissermassen frei ihre Themata auswählen konnten. Zu erwähnen ist unter allen Umständen eine sehr energische Darlegung des Oberbürgermeisters von Winter, der besonders scharf die Notwendigkeit hervorhob, zwischen dem Bau neuer und den baulichen Veränderungen alter Strassen zu unterscheiden, und den Berliner Bebauungsplan, welcher von ihm und dem Baurath Hobrecht herrühre, besonders von dem Gesichtspunkte aus in Schutz nahm, dass er s. Z. eine anerkennenswerte Leistung gewesen sei, wobei er gern zugeben wolle, dass derselbe mit den Fortschritten der öffentlichen Gesundheitspflege, wie so viele andere sanitäre Massregeln, wesentlich überholt worden sei. Es soll nicht geleugnet werden, dass die Discussion mancherlei interessante

Vicrteljahrsschr. I. ger. Med. N. F. XXII. 2. 24

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