Abbildungen der Seite
PDF

Fast \ aller Blattern-Sterbefälle trifft auf das erste Lebensjahr, fast ausschliesslich ungeimpfte Kinder. Von da an fällt die Mortalität rasch bis zum 10. Lebensjahre, erhobt sich dann langsam wieder und erreicht ihr Maximum im Alter von 50 bis GO Jahren, um dann wieder, namentlich vom 70. Jahre an, rasch zu sinken. Dass aber die Blattern immer gefährlicher werden, je älter die von ihnen befallenen Individuen sind, geht daraus hervor, dass im Verhältnisse zur gleichalterigon lebenden Bevölkerung die höchste Sterblichkeit erst auf das Alter von 60 bis 70 und von 70 bis 80 Jahren fällt. In diesem hohen Alter war die Zahl der hämorrhagischen Fälle eine sehr grosse. — Zu bemerken ist noch, dass von sämmtlichen im Jahre 1871 an Blattern Gestorbenen 3967 oder 73 pCt. während ihrer Krankheit ärztliche Hilfe nachgesucht haben. Im Jahre 1872 war dies bei 2255 oder 76 pCt. der Fall — ein ziemlich gleiches Verhältniss, welches auf die Richtigkeit dieser Angaben schliessen lässt.

Was das Verhältniss der Geimpften zu den Nichtgeimpften unter den im Jahre 1871 an Blattern Erkrankten und Gestorbenen betrifft, so ist das Ergebniss dieser Erhebungen folgendes: Von 30742 Blatternkranken, welche zur Anzeige kamen, waren 29429 oder 95,7 pOt. geimpft und nur 1313 oder 4,3 pCt. nicht geimpft Von den geimpften Erkrankten sind 3994 oder 13,8 pCt., von den nichtgeimpften Erkrankten dagegen 790 oder 60,1 pCt. gestorben. Von der Gesammtzahl der Blatternkranken waren 776 oder 2,8 pCt. revaccinirt und von diesen Revaccinirten sind 64 oder 8,2 pCt. gestorben.*) Das sind unzweifelhaft Verhältnisse, die über den Wertn der Impfung wie der Revaccination keinen Zweifel mehr übrig lassen.

Wie sehr übrigens Bayern durch die seit dem Jahre 1807 gesetzlich geregelte Zwangsimpfung bezüglich der im Jahre 1871 herrschenden Blattern-Epidemie begünstigt war, zeigt namentlich im Vergleich mit Preussen, welches in demselben Jahre und unter den gleichen erschwerenden Umständen der Einschleppung durch französiche Kriegsgefangene von den Blattern heimgesucht worden ist. In Preussen sind nach Dr. GutMadt**) im Jahre 1871 59838 Personen an den Blattern gestorben, d. i. 8,13 pCt. sämmtlicher Gestorbenen und 2,43 pCt. sämmtlicher Lebenden. In Bayern starben in demselben Jahre 5070 Personen an den Blattern und kamen auf je 100 Verstorbene 2,95 und auf je 100 Lebende 1,04. In den seit 1866 zu Preussen gehörigen Provinzen Hannover, Hessen und Nassau, wo schon seit 50 Jahren die Zwangsimpfung für alle Kinder eingeführt ist, war auch das Sterblichkeitsverhältniss an Blattern ziemlich gleich wie in Bayern; von je 100 Gestorbenen waren den Blattern erlegen in Hannover 2,99, in Hessen-Nassau 3,29. Dagegen treffen in den altpreussichen Provinzen, wo die Zwangsimpfung nur für den Fall des Pockenausbruches zulässig ist, von je 100 überhaupt Gestorbenen auf solche an Blattern: in der Provinz Brandenburg 10,99, Preussen 7,66, Pommern 9,85, Posen 15,05, Schlesien 6,84, Sachsen 9,32, Holstein 7,34, Westphalen 7,85. Wird diese Statistik auf kleinere Bezirke ausgedehnt, so ergeben

*) „Die Blattern-Epidemie des Jahres 1871 und die Impfung in Bayern, nach amtlichen Quellen zusammengestellt von Obermedicinalrath Dr. Klinger." Friedreich's Blätter für gerichtliche Medicin und Sanitätspolizei 24. Jahrg. S. 100—152.

**) „Die Blattern-Epidemie in Preussen, insbesondere in Berlin, 1870 — 72." Zeitschr. des pr. Statist. Bureaus 1873 S. 151 u. ff.

sich noch ungünstigere Resultate. In Berlin starben 1871 mehr Menschen an Blattern (5086 oder 15,71 pCt. aller Sterbefälle) als im ganzen Königreiche Bayern. Im Stadtkreise Königsberg betrug die Sterblichkeit 9,25, im Landkreise 22,78 pCt.; im Stadtkreise Danzig 18,89, im Landkreise 27,36 pCt.; im Stadtkreise Posen 22,75, im Landkreise 26,90 pCt.

G. Typhus. Hieran starben im Jahre 1872 3ÜG5 Personen - gegen 3954 im Vorjahre — und 3042 im Durchschnitte 1863 — 70. Die Zunahme des Typhus im Jahre 1871 ist hauptsächlich dea Kriegsereignissen und der durch sie veranlassten Einschleppung typhöser Kranken zuzuschreiben, welche im Jahre 1872 weggefallen ist, weshalb die Typhus - Sterblichkeit wieder das Normalmass erreicht hat. Am häufigsten ist der Typhus in Oberbayern (1872 mit 905 Sterbefällen oder 108 auf 100,000 Seelen), am seltensten in Oberfranken (mit 225 Sterbefällen oder 41 auf die angegebene Seelenzahl). In München allein starben 407 Personen am Typhus oder 46 pCt. der gesammten TyphusMortalität des Kreises, während die Bevölkerung der Hauptstadt nur 20 pCt. der Kreisbevölkerung beträgt.

Häufig wurden wieder Orts - und Hausepidemien beobachtet, welche sich auf schlechtes Trinkwasser, fehlerhafte Anlage der Aborte, Verunreinigung des Bodens mit organischen Abfallstoffen, ungünstige Ortslage u. s. w. zurückführen Hessen. — Am meisten vom Typhus heimgesucht ist immer das Alter von 20 bis 30 Jahren, in welchem im Jahre 1872 über 20 pCt. gestorben sind (im Vorjahre sogar 25 pCt., darunter viele Militärpersonen). Im Vergleich mit der Gesammtzahl der Lebenden jeder Altersclasse steigt jedoch die Sterblichkeit am Typhus bis zum Alter von 60 bis 70 Jahren. — Die Anwendung der Kälte zur Verhütung der nachtheiligen Folgen des Fermentationsprocesses wird nach und nach eine allgemeine. — Von sämmtlichen am Typhus Gestorbenen wurden fast 93 pCt. ärztlich behandelt. Kaum bei einer anderen Krankheit können die statistischen Angaben einen solchen Grad von Genauigkeit und Wahrheit beanspruchen, als beim Typhus.

7. Brustentzündungen (Pneumonie, Bronchitis, Pleuritis). Hieran starben im Jahre 1873 9702 Personen gegen 11713 im Vorjahre und 10668 im Durchschnitte. Diese Krankheiten haben in dem milden Jahre 1872 entschieden abgenommen. Am häufigsten sind dieselben immer im Februar, März und April (1872 mit 37 pCt.), am seltensten im Juli, August und September (kaum 15 pCt.). Am verderblichsten treten sie in Mittelund Unterfranken auf (267 bezw. 269 Sterbefälle auf je 100,000 Seelen im Jahre 1872), am gelindesten in Niederbayern und in der Oberpfalz (154 bezw. 172 Sterbefälle auf die erwähnte Seelenzahl).

Beide Geschlechter waren im Jahre 1872 ziemlich gleiehmässig an dieser Todesart betheiligt; im Vorjahre hat aber die Sterblichkeit des männlichen Ge

[ocr errors]

schlechtes die des weiblichen um 10 pCt. übertreffen. Sicher haben damals die Kriegsgefangenen einen ansehnlichen Beitrag dazu geliefert, was schon daraus hervorgeht, dass im Alter von 20 bis 30 Jahren 552 männliche und nur 222 weibliche Personen gestorben sind, eine Geschlechtsdifferenz, wie sie in keiner anderen Altersperiode beobachtet wurde. Auf das erste Lebensjahr allein trafen im Jahre 1872 25,6 pCt. der Gestorbenen, wahrscheinlich ist aber in diesem zarten Alter die Sterblichkeit an Brustentzündungen noch grösser als in den Todtenscheinen angegeben ist, da mancher Fall von Bronchitis zum Keuchhusten gerechnet werden wird. Auch in der folgenden Altersclasse vom 2. bis 5. Lebensjahre ist die Sterblichkeit an Entzündungen der Respirationsorgane noch gross (15 pCt.). Nun fällt aber dieselbe rasch bis zum 20. Jahre (von 10 bis 20 Jahren beträgt sie nur 2 pCt.). Von da an hebt sie sich wieder und erreicht ihr zweites Maximum im Alter von 60 bis 70 Jahren (17 pCt.), um dann wieder stetig zu fallen. Im Verhältnisse zu der Zahl der Lebenden jeder Altersperiode steigt aber die Sterblichkeit an Pneumonie — und um diese handelt es sich hier vorzugsweise — bis in das höchste Greisenalter, in welchem bekanntlich nur sehr wenige von dieser Krankheit Befallene mit dem Leben davon kommen. — Aerztlich behandelt wurden 77 pCt. der Gestorbenen. Die ohne vorhergegangene ärztliche Behandlung Gestorbenen werden grösstentheils den ersten Lebensjahren angehören.

8. Lungentuberkulose. Hieran starben im Jahre 1872 10893 Personen gegen 10993 im Vorjahre und 9515 im Durchschnitte. Diese Krankheit hat demnach im Vergleich mit der Durchschnittsperiode zugenommen. Aber auch bei dieser Todesart ist der Einfluss der Militärbevölkerung bemerkbar, namentlich im Jahre 1871, wo im Alter von 20 bis 30 Jahren 1322 männliche und nur 945 weibliche Personen der Krankheit erlegen sind. Ueberhaupt ist das männliche Geschlecht weit mehr zum tuberkulösen Processe disponirt als das weibliche (im Jahre 1872 im Ganzen 6044 männliche und nur 4849 weibliche Sterbefälle). Dieses Vorwiegen des männlichen Geschlechtes ist besonders nach dem 40. Lebensjahre stark ausgeprägt, während im Alter unter 20 Jahren absolut und relativ mehr weibliche Personen der Tuberkulose erliegen als männliche; besonders scheint die Pubertätsentwicklung beim weiblichen Geschlechte die Ausbildung der Tuberkeln zu befördern.

Die Tuberkulose nimmt am häufigsten einen letalen Ausgang in den drei Monaten März bis Mai (im Jahre 1872 3090 Sterbefälle = 31 pCt.), am seltensten in den Monaten August bis Oktober (2232 Sterbefälle = 20 pCt.). Die Differenz zwischen Maximum und Minimum der Sterblichkeit ist daher bei der Lungentuberkulose nicht so gross als bei der Lungenentzündung. — In Oberbayern ist die Sterblichkeit an Lungentuberkulose um das Doppelte grösser als in Niederbayern. Auf die hohe Sterblichkeit in Oberbayern hat die Hauptstadt München den grössten Einfluss, da chronische Lungenleiden in allen grossen Städten mehr oder weniger heimisch sind: in den ländlichen Bezirken Oberbayerns dagegen dürfte die Tuberkulose nicht besonders häufig sein, am wenigsten in den Bezirken des Alpengcbietes. Die niederbayerische Bevölkerung, ein im Durchschnitte sehr kräftiger Menschenschlag,, dabei wohlhabend und fast bloss voin Betriebe der Landwirthschaft lebend, aber bigott und abergläubisch und ziemlich indolent gegen jeden geistigen Fortsehritt, ist von der Lungentuberkulose am meisten verschont. — Diese Krankheit ist im ersten Lebensjahre eine Seltenheit (dann angeboren, hereditär), sie nimmt von da ab bis zum Alter von 20 bis 30 Jahren (1872 mit 20 pCt.) zu und bleibt nun fast auf gleicher Höhe bis zum Alter von 50 bis 60 Jahren; von da an nimmt ihre Häufigkeit merklich ab und nach dem 80 Jahre kommen nur noch vereinzelte Fälle vor. Im Verhältnisse zur Zahl der Lebenden jeder Altersclasse steigt aber die Sterblichkeit bis zum Alter von 60 bis 70 Jahren, wenn gleich diese Steigerung eine geringere ist als bei der Lungenentzündung. Jedenfalls führt die Tuberkulose in jüngeren Jahren, wo der Lebensprocess ein rascherer ist, schneller zum Tode als im höheren Alter. — Aerztlich behandelt wurden 80 pCt. der Gestorbenen. Wirklich auffallend ist das Gleichbleiben dieses Verhältnisses in den einzelnen Jahren.

Ausserdem sind an allgemeiner Tuberkulose (die ihren Sitz nicht bloss in den Lungen, sondern zugleich auch in anderen Organen — dem Gehirn, dem Darme, dem Bauchfelle, der Leber etc. — aufgeschlagen hat) im Jahre 1872 1288 Personen gestorben gegen 2015 im Vorjahre und 1539 im Durchschnitte. Im Vergleich zum Vorjahre hat sich diese Todesart erheblich vermindert; es ist jedoch wohl zu beachten, dass es in manchen Fällen zweifelhaft ist, welche von beiden Diagnosen — Lungentuberkulose oder allgemeine Tuberkulose — bei der Leichenschau zu adoptiren ist. Es dürfte daher zweckmässig sein, beide Todesarten zusammenzufassen; in diesem Falle treffen auf je 100,000 Seelen im Jahre 1872 251, im Jahre 1871 268, im Durchschnitte 229 Sterbefälle, wonach sich in den beiden letzten Jahren eine Zunahme der tuberkulösen Affectionen ergeben hat. Auch die allgemeine Tuberkulose eulminirt in den Frühlingsmonaten und wird im Sommer und Herbst seltener; doch ist der bezügliche Unterschied nicht so bedeutend wie bei der Lungentuberkulose. Die allgemeine Tuberkulose ist im Alter unter 20 Jahren i verhältnissmässig etwas häufiger, als die Lungentuberkulose, was darauf schliessen lässt, dass sie öfter als diese eine angeborene, hereditäre Krankheit ist.

9. Chronische Krankheiten des Herzens und der grossen Gefasse. Hierher gehören namentlich die Todesfälle an Hypertrophie und an Klappenfehlern des Herzens, Aneurysmen der Aorta und der grossen Gefässe, wohl auch Herzbeutelwassersucht. Es sind dies Todesarten, die meist nur von wissenschaftlich gebildeten Aerzten während des Lebens richtig diagnosticirt werden können; ohne Zweifel sind sie daher in der Wirklichkeit häufiger, als sie bei der Leichenschau, die noch oft genug vom niederärztlichen Personale und sogar hie und da von Laien gehandhabt wird, constatirt werden, wogegen die Sterbefälle an mehreren anderen Krankheiten, namentlich an Wassersucht, Altersschwäche etc. in zu grossen Zahlen sich repräsentiren. Demungeachtet ist es merkwürdig, in welchen engen Grenzen die Zahlen der in einzelnen Jahren an Herzleiden Gestorbenen sich bewegen; im Jahre 1872 starben hiervon 2211, im Jahre 1871 2187, in der Durchschnittsperiode 2033 Personen, auf je 100,000 Seelen beziehungsweise 46 — 45 — 42.

Der Tod durch Herzleiden scheint zu jeder Jahreszeit fast gleich häufig vorzukommen; in örtlicher Beziehung findet sich aber eine grosse Verschiedenheit. Die grösste Sterblichkeit fällt alljährlich auf Oberbayern (im Jahre 1872 auf 100,000 Seelen 73), die geringste auf die Pfalz und auf Oberfranken (je 35 und 29). Ohne Zweifel sind Herzkrankheiten in Gebirgsgegenden häufiger als in weiten Ebenen. In Oberbayern mag übrigens auch die Stadt München einen verhältnissmässig hohen Beitrag hierzu liefern, zumal als hier Herzkrankheiten fast ohne Ausnahme in ärztliche Behandlung gelangen und sicher auch ärztlich diagnosticirt werden. Das weibliche Geschlecht ist diesen Leiden etwas mehr ausgesetzt als das männliche. Das Contingent der Todesfälle an Herzfehlem jeder Art steigt bis ins höchste Alter, namentlich wenn man deren Zahl mit den im gleichen Alter Lebenden vergleicht. — Ueber 80 pCt. der Gestorbenen werden alljährlich ärztlich behandelt.

10. Hirnschlagfluss. Hieran starben im Jahre 1872 4233 Personen gegen 4775 im Vorjahre und 4251 im Durchschnitte. Der Schlagfluss ist in der kalten Jahreszeit durchschnittlich etwas häufiger als in der warmen. Grösser ist auch hier der locale Unterschied; immer ist der Schlagfluss in Oberund Niederbayern häufiger (im Jahre 1872 je 109 und 116 Sterbefälle auf 100,000 Seelen), als in der Pfalz (63), was sich einfach daraus erklären lässt, dass in den erstgenannten Regierungsbezirken verhältnissmässig mehr Lebende des höheren Alters sich befinden, als in der Pfalz. Es treffen nämlich im Jahre 1872 mehr als 77 pCt. der Gestorbenen auf das Alter über 50 Jahren, noch über 61 pCt. auf das Alter über 60 Jahren und noch über 32 pCt. auf das Alter über 70 Jahren.

Beim männlichen Geschlechte ist der Schlagfluss fast um 20 pCt. häufiger als beim weiblichen, was darin begründet ist, dass organische Abnormitäten des Gehirns, die nicht selten einen plötzlichen letalen Ausgang bewirken, dem männlichen Geschlechte öfter zukommen als dem weiblichen — im Gegensatze zu den

« ZurückWeiter »