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Zur Verminderung der hohen Ziffer wie der Sterblichkeit überhaupt, so auch der Kinder-Sterblichkeit in den Kreisen Beuthen, Tarnowitz, Kattowitz, Zabrze wird die Ausführung der hier gemachten Vorschläge beitragen, das Leben der Kinder liegt jedoch hauptsächlich in den Händen der Mütter, Ernährung und Pflege derselben kann nicht auf dem Verordnungswege geregelt werden; auch sind schriftliche Belehrungen unnütz, so lange die Frau des oberschlesischen Bauern und Arbeiters des Lesens nicht kundig ist und so lange zwischen der Wissenschaft und ihren Ergebnissen für's Leben und der Denkweise des slavisehen Theils der oberschlesischen Bevölkerung eine weite Kluft besteht. Hier ist es die Culturaufgabe des preussischen Staates, für die Erziehung der niederen Stände und insbesondere der Frauen bezüglich ihres Berufes Sorge zu tragen.

Kindergärten, welche zugleich die Kleinen möglichst zeitig den sie umgebenden schädlichen Einflüssen entziehen werden, auf Anschauung und folgerichtigem Denken basirter Schulunterricht, welcher auch das Nothwendigste über Gesundheitspflege in sich zu schliessen haben wird, Lehrer-, Schul- und Volks-BibliothekeD, Fortbildungsschulen und alle Förderungsmittel der geistigen und sittlichen Bildung müssen dazu beitragen, die Denk- und Lebensweise und damit auch die Gesundheitsverhältnisse des Kreises gedeihlicher zu gestalten.

Schlusssätze.

1. Die Gesundheitsverhältnisse des alten Kreises Beuthen sind wegen der schädlichen Einflüsse der Bergwerks- und HüttenIndustrie, der dichten Bevölkerung und ihres niedrigen Culturgrades, des Wassermangels und der schlechten Beschaffenheit des Trinkwassers ungünstige.

2. Die Sterblichkeitsziffer desselben ist in allen Altersklassen, besonders aber bei den Männern nach dem 40. Lebensjahre, erheblich grösser als die des Staates und des Regierungsbezirks, die der Landgemeinden, besonders derer mit über 2000 Einwohnern, grösser als die der Städte. Verunglückungen sind häufig.

3. Die Monate Jnli, August und September weisen die grösste Todtenzahl auf.

4. Die Kinder sind in ihrem 1. Lebensjahre nicht wesentlich gefährdeter, dagegen ihre Sterblichkeit im 2. bis incl. 5. Lebensjahre doppelt so gross als im Staate Preussen, noch erheblicher in den Landgemeinden, bedingt durch Häufigkeit der Geburten und mangelnde Erziehung Seitens der Mütter.

5. Ueberwachung der Anlagen und des Betriebes der industriellen Werke, Sorge für gute Wohnungen und Strassen, reines Trinkwasser, Beseitigung des Schlafburschenunwesens, sowie bessere Volksbildung sind die nächsten Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege in den Kreisen Beuthen, Kattowitz und Zabrze, welche ihre Aufmerksamkeit ganz besonders den grossen industriellen Landgemeinden zuzuwenden hat.

Quellen.

Chr. Bernoulli, Handbuch der Populationistik. 1841.

J. E. Wappaeus, Allgemeine Bevölkerungs-Statistik. 1859.

Fr. Oesterlen, Handbuch der medicinischen Statistik. 1865.

Preussische Statistik. (Blaubücher.) Bd. X. XVI. XVII.

Felix Triest, Topographisches Handbuch von Oberschlesien. 1864.

Hugo Solger, Der Kreis Beuthen in Oberschlesien. 1860.

R. Holtze, Artikel in der Breslauer Zeitung vom 3. Juli 1870.

Rud. Virchow, Ueber die Sterblichkeits-Verhältnisse Berlins. 1873.

3.

Die Sterblichkeit nach Todesursachen in Bayern während der Jahre 1871 und 1872.

V D

Dr. med. Carl IHaJer.

Mitarbeiter am K. statistischen Bureau zu Hauchen.

Die amtliche Veröffentlichung der Sterbefalle nach Todesursachen datirt in Bayern vom Jahre 1839,40 an. Sie ist nach mehrmals abgeänderten Schematen veranlasst worden. Leider wird jedoch dieses so detaillirte Material zu einer Mortalitäts - Statistik in seinem Werthe dadurch sehr geschwächt, dass die hierbei in Anwendung gekommene Classification der Krankheiten weder in nosologischer noch in hygienischer und statistischer Beziehung den Anforderungen der Neuzeit mehr entspricht. Es wurde daher im Jahre 1866 eine Verbesserung resp. Umarbeitung des bis dahin giltigen Krankheits-Schema's vorgenommen, wobei das von der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen in Preussen verfasste Schema, mit einigen nicht wesentlichen Modificationen, zu Grunde gelegt, die bisherige Aufnahme der Todesursachen nach Geschlecht, nach Altersclassen und nach Monaten aber beibehalten wurde. Nur wurde die Einrichtung getroffen, dass die Sterbefälle des ersten Lebensjahres in weitere kürzere Perioden zu scheiden seien, nämlich unter 1 Monat, im 2. und 3. Monat, im 4. 5. und 6. Monat, im 7. bis 12. Monat. Auf diese Weise lassen sich die Ursachen der in Bayern so grossen Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre besser erkennen, als es früher der Fall war.

Dieses'neue Mortalitäts-Schema kam im Jahre 1867/68 zum ersten Male in Anwendung und hat noch gegenwärtig seine volle Giltigkeit —, obwohl es zweckmässig sein dürfte, wenn bald wieder einige Abänderungen vorgenommen werden.*)

*) Dem in Bayern dermalen giltigen Mortalitäts-Schema ist hauptsächlich der (schnellere oder langsamere) Verlauf der Krankheiten als Eintheilungsprinzip zu

Die Hauptbedingung, um zu einer möglichst genauen Statistik der Todesursachen zu gelangen, ist aber eine mit Umsicht und Sachkenntniss durchgeführte Leichenschau. Dieselbe wird in Bayern seit 1839 nach einer für das ganze Königreich gleichlautenden Instruction durchgeführt. Aerzte, Wundärzte, Bader und in wirklichen Nothfällen (die jedoch in Bayern selten vorkommen) andere gehörig instruirte Männer sind die Leichenschauer. In den gedruckten Leichenscheinen ist ausser den Personalien auch der Name der Krankheit und die Dauer derselben und zwar von behandelnden Aerzten selbst, wenn ein solcher beigezogen worden ist, ausserdem nach Angabe der Hinterbliebenen, einzusetzen. Keine Leiche darf ohne diesen Todtenschein begraben werden. Die von den Todtenschauern ausgestellten Todtenscheine gelangen nun durch die Pfarrämter an die Bezirksärzte, welche sodann die Mortalitäts - Tabellen alljährlich nach dem vorgeschriebenen Formular zusammenstellen und an die Kreisregierungen einsenden; von dort gelangen sie durch das Staatsministerium des Innern an das statistische Bureau, in welchem die Tabellen aus dem ganzen Königreiche zusammengestellt werden. .Nun ist freilich wohl zu beachten, dass ein grosser Theil der Sterbefälle ohne vorhergegangene ärztliche Behandlung sich ereignet (etwa 45 bis 46 pCt.), dass daher die Einträge der Krankheiten in den Todtenschein mitunter willkürlich, d. h. nach der ungenauen Angabe der Hinterbliebenen gemacht werden. Dagegen ist jedoch zu erinnern, dass nicht die Todtenschauer, welche allerdings nicht immer den erforderlichen Grad ärztlicher Vorbildung besitzen, sondern die Bezirksärzte die Mortalitäts - Tabellen zusammenstellen, und wenn diese immer mit der erforderlichen Kritik verfahren, so wird es ihnen nicht schwer werden, auch solche Krankheitsbezeichnungen, welche im Schema nicht enthalten sind und deren sich die Todtenschauer, wie die Nichtärzte überhaupt, noch hie und da bedienen, richtig zu classificiren. Wünschenswerth wäre es übrigens, wenn die Leichenschau

Grunde gelegt. Es dürfte aber viel natürlicher sein und auch den Zwecken der öffentlichen Gesundheitspflege besser entsprechen, wenn die Eintheilung in allge meine und örtliche Krankheiten — letztere nach den befallenen Organen weiter specialisirt — vorgenommen würde. Ein solches Schema der Todesursachen ist schon seit vielen Jahren in der Stadt Frankfurt giltig und scheint sich dort bewährt zu haben.

nach und nach in die Hände der promovirten Aerzte gelangen würde, was freilich das Vorhandensein eines hinreichenden ärztlichen Personales einerseits und eine entsprechende Honorirung für diese Function andererseits voraussetzt.*)

Ehe wir jedoch zur Statistik der Todesursachen selbst übergehen, erscheint es zweckmässig, eine kurze Darlegung der Gesammtsterblichkeit für das Jahr 1872 im Vergleich mit dem Vorjahre vorauszuschicken:

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Die Gesammtzahl der Gestorbenen hat demnach im Jahre 1872 im Vergleich mit dem Vorjahre um 12166 oder 7 pCt. abgenommen. Die grosse Sterblichkeit im Jahre 1871 ist hauptsächlich dem deutsch-französischen Kriege zur Last zu legen, welcher eine grössere Mortalität an gewissen Krankheiten, wie Typhus, ßuhr, Lungentuberkulose — abgesehen von den an Ver

*) Es ist allerdings keinem Z weifel unterworfen, dass eine Beschränkung der Sterblichkeits-Statistik nach Todesursachen auf die Bevölkerung der Städte ein weit zuverlässigeres Ergebniss liefern würde, als wenn diese Statistik auch auf die ländlichen Bezirke ausgedehnt wird, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die in den Städten Gestorbenen nur selten es unterlassen haben, während ihrer letzten Krankheit einen Arzt herbeizurufen. Nur waltet in diesem Falle das Bedenken ob, dass hieraus kein wichtiger Schluss auf die Gesammtbevölkerung eines Landes sich ziehen lässt, weil die Bewohner der Städte und besonders der grossen Städte in ganz anderen Lebensverhältnissen sich befinden, als die Bewohner des platten Landes.

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