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siens zugenommen, aber der Vergleich mit den Söhnen Irlands hat noch immer in mehr als einer Hinsicht viel Zutreffendes.

Ein zweiter sehr wesentlicher Factor der grossen KinderSterblichkeit im Kreise Beuthen ist die mangelhafte Pflege und Ernährung der Kinder, die mit der hohen Fruchtbarkeit im engen Zusammenhange steht; und hier ist es eine auf den ersten Eindruck auffallende Erscheinung, dass das Leben der Kinder im 1. Lebensjahre nicht wesentlich mehr gefährdet ist als im Gesammtstaate trotz der Ueberhäufung der Wohnungen, schlechter Luft, mangelnder Reinlichkeit u. s. w., während das 2. Lebensjahr, ja sogar schon die zweite Hälfte des ersten eine weit über das Niveau des Staates hinausgehende Sterblichkeit zeigen, da sonst Länder mit hoher Kinder-Sterblichkeit, wie Bayern und Würtemberg, ein gerade entgegengesetztes Verhalten darbieten. Wer indess die industrielle Landbevölkerung des Kreises Beuthen kennt, dem liegt die Erklärung nahe.

Die Mütter stillen Alle selbst und so lange das Kind die Muttermilch erhält, ist der ganze Ausbau seiner Organe ein so naturgemässer und solider, dass es eine bedeutende Widerstandskraft gegen äussere Schädlichkeiten zeigt und diese gewissermassen überwindet. Anders nach dem Entwöhnen: da3 Kind erhält ganz dieselbe Nahrung wie der Erwachsene, also Sauerkraut, Kartoffeln, Zur, schlechte Wurst u. s. w., auch dieselben Getränke; barrass und mit einem schmutzigen Hemde bekleidet wird es, nachdem es gehen gelernt, sich selbst überlassen. Katarrhe der Verdauungsund der Athemorgane sind die Folgen. Das oberschlesische Weib aber schreibt diese „den Würmern" zu und an dieser Wurmtheorie gehen Hunderte von Kindern zu Grunde. So sterben von 1000 Kindern, welche das 1. Lebensjahr überstanden haben, bis zum 6ten in Preussen ca. 40, im Kreise Beuthen ca. 80.

Die Frauen der Arbeiter und Bauern des Kreises stehen überhaupt noch einige Culturstufen niedriger als ihre Männer, unter 100 von ihnen dürften kaum 5 lesen und schreiben können.

Die für den Kreis Beuthen zu ergreifenden sanitätspolizeilichen Anordnungen.

Ein Landestheil, in welchem Gesundheits- und SterblichkeitsVerhältnisse so ungünstig liegen, wie im Kreise Beuthen, verdient in hohem Masse die Aufmerksamkeit der Staats- und VerwaltungsBehörden; er muss so zu sagen unter sanitätspolizeiliche Aufsicht gestellt werden.

Durch die Theilung des Kreises ist diesen Verhältnissen Rechnung getragen, auch die neue Kreis-Ordnung wird neue Organe und Kräfte für das Wohl desselben heranziehen, doch werden alle Massnahmen und Anordnungen zur Besserung des Gesundheitszustandes in den Kreisen Beuthen, Kattowitz und Zabrze so lange nur einen beschränkten Erfolg haben, als die Leitung der GemeindeAngelegenheiten in den grossen bis zu 20,000 Einwohnern umfassenden Landgemeinden in den Händen unwissender, stumpfer, polnischer Bauern liegt. Die Gemeinde ist es, der die öffentliche Gesundheitspflege in erster Linie obliegt, und darum ist für jene grossen industriellen Ortschaften mit ihrer rapiden Bevölkerungszunahme und ihrer excessiv hohen Sterblichkeit die gegenwärtig zu Recht bestehende Landgemeinde-Verfassung, die nur kleinen Ackerbau treibenden Dörfern angepasst ist, nicht am Platze. Bis zur Aenderung derselben würden wir vorschlagen, für die einzelnen Amtsbezirke ständige Sanitäts-Kommissionen einzusetzen, deren ausführendes Organ der Amts - Vorsteher sein würde und die in ihrem Bereich sich zunächst mit der eingehenden Erforschung des Standes der öffentlichen Gesundheit, sodann mit den weitgehendsten Massnahmen zur Beseitigung der Missstände auf diesem Gebiete zu befassen hätten. Den Königlichen Berg-Polizeibehörden, deren Hauptaufgabe ja in der Sicherung des Lebens der Arbeiter besteht, wäre die Aufsicht über die Anlage von Arbeiter-Colonien und Wohnungen und die Controle derselben nöthigenfalls unter Zuziehung von Sachverständigen zu übertragen. Den Medicinalbeamteten wäre die fortdauernde sanitätspolizeiliche Ueberwachung der industriellen Werke, besonders des Betriebes der Zink- und Bleihütten aufzugeben, die sie aber nicht „bei Gelegenheit von Dienstreisen" auszuüben hätten, zur Pflicht zu machen; denn wenn auch ein derartiges Etablissement nach Zeichnung und Betriebsplan allen erreichbaren Anforderungen genügt, so ist hiermit die Art der Einrichtung und der möglichst wenig schädliche fortdauernde Betrieb noch nicht gewährleistet.

Auf die allgemeinen klimatischen Verhältnisse des Kreises ist ein Einfluss schwer auszuüben, die Entwaldung schreitet mit dem Wachsen der Industrie und der Zunahme der Bevölkerung vor,

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Baumpflanzungen an Wegen und Plätzen haben nur geringen Bestand; zu sorgen wäre für die möglichst beschleunigte Wiedergewinnung der durch Schlackenhalden verschütteten und durch den Bergbau zu Bruche gegangenen Felder für Ackerbau und Vegetation. Um die Verunreinigung der atmosphärischen Luft durch Hütten- und anderen Rauch zu verhüten, wäre darauf Bedacht zu nehmen, dass Hütten-Anlagen möglichst an der Ostseite bewohnter Orte gebaut würden, dass die Feuerungseinrichtungen für Dampfkessel vollständige Verbrennung des Materials bezwecken und dass insbesondere die polizeiliche Erlaubniss zur Anlage von neuen Zinköfen nur gegeben würde, wenn dieselben statt direct mit Kohle nach dem Siemenischen Gasregenerations - Princip mit Gas betrieben würden.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Zusammensetzung der Luft üben innerhalb von Städten und Dörfern Lage und Beschaffenheit der Plätze und Strassen. Wenn im Kreise Beuthen die letzteren bei dem bedeutenden Wagenverkehr bei regnerischer Witterung einen Morast, bei trockener ein Staubmeer darstellen, so verschlechtern sie den Gesundheitszustand einerseits, indem mit dem Staube derselben Zink- und Bleioxyd, Kohlenstaub und Abfallsproducte des thierischen Haushalts in die Athemorgane und die Augen gerathen, andererseits indem sie das Verlassen der Wohnungen und die Bewegung in freier Luft erschweren, ja für Kinder oft unmöglich machen; einen negativ volkserziehenden Einfluss hat eine versumpfte Strasse auch dadurch, dass Niemand Anstand nimmt, alle Unreinlichkeiten derselben einzuverleiben und damit die Luft zu verderben, und dass die Unsauberkeit der Strassen sich in Hofräume und Häuser weiter erstreckt.

Die Wasserversorgungsfrage ist für den Kreis Beuthen eine brennende: Ueberall wo Bergbau getrieben wird, entziehen die Wasserhaltnngsmaschinen, welche die Wässer aus den Grubenbauten zu entfernen haben, nicht bloss diesen, sondern nahezu sämmtlichen Quellen und Brunnen in beträchtlichem Umkreise ihr Wasser, um es als Grubenwasser, welches auf seinem Wege durch Gestein, Kohlen, Erze und Grubenstrecken fremde Bestandtheile, wie schweflige Säure, Schwefelsäure, schwefelsaure und andere Salze, Metalloxyde und organische Unreinigkeiten aufgenommen und Kohlensäure abgegeben hat, wieder zu Tage zu bringen.

Die Brunnen werden nachgeteuft, verlieren jedoch ihr Wasser auch dann wieder in kurzer Zeit, so dass schliesslich mehrere tausend Einwohner auf einige wenige Brunnen angewiesen sind und mit Besorgniss dem Zeitpunkte entgegensehen, wo auch diese trocken liegen werden. Die Beschaffenheit des Trinkwassers ist fast durchweg eine schlechte. Bei der grossen Bedeutung des Wassers für die Gesundheit und den menschlichen Haushalt müssten Bestimmungen getroffen werden, dass diejenigen Gewerkschaften, deren Bergwerke die Ortschaften entwässern, gehalten seien, durch Leitungen und Hebewerke für genügendes Wasser in denselben zu sorgen.

Auch wären Commissionen von Aerzten und Chemikern mit der Untersuchung der Grubenwässer, deren Zusammensetzung eine sehr -verschiedene ist, und der Angabe von Mitteln zu beauftragen, wie jene vielleicht für das Haus brauchbar gemacht werden könnten.

Zur Reinhaltung des Bodens und damit des Wassers von organischen Beimischungen müssten Abtritt- und Dünger-Gruben in Cement ausgemauert oder mit einer undurchlässigen Lettenschicht umgeben werden; eine Einrichtung, deren Kosten der landwirthschaftliche Vortheil derselben decken würden

Neubauten von Häusern wären nur zu genehmigen, wenn Zimmer, Fenster und Thüren in hinreichender Grösse und Höhe veranschlagt würden; ein vorzeitiges Beziehen wäre zu verbieten, auch Bestimmungen zu treffen, dass die Häuser möglichst früh mit einem Abputz versehen werden. Kellerwohnungen sollten wenigstens da, wo die Behörden hierauf Einfluss haben, wie in den fiscalischen und gewerkschaftlichen Arbeiterhäusern, nicht gestattet werden.

Bauzeichnungen von Schulhäusern müssten den Sanitätsbehörden vorgelegt und ihre Bestimmung über die Grösse der Schullocale, Lage und Glasfläche der Fenster, Ventilations- und Heizungsvorrichtungen, Einrichtung der Schulbänke u. s. w. eingeholt werden.

Dem Schlafburschenunwesen, welches gesundheitlich und sittlich vom Uebel ist, muss kräftig gesteuert werden.

Nächtliche polizeiliche Revisionen einzelner Wohnhäuser und Abhängigmachen der Erlaubniss zum Uebernachten fremder Personen von örtlichen und persönlichen Vorbedingungen ist erforderlich.

Zur Verminderung der hohen Ziffer wie der Sterblichkeit überhaupt, so auch der Kinder-Sterblichkeit in den Kreisen Beuthen, Tarnowitz, Kattowitz, Zabrze wird die Ausführung der hier gemachten Vorschlage beitragen, das Leben der Kinder liegt jedoch hauptsächlich in den Händen der Hütter, Ernährung und Pflege derselben kann nicht auf dem Verordnungswege geregelt werden; auch sind schriftliche Belehrungen unnütz, so lange die Frau des oberschlesischen Bauern und Arbeiters des Lesens nicht kundig ist und so lange zwischen der Wissenschaft und ihren Ergebnissen für's Leben und der Denkweise des slavischen Theils der oberschlesischen Bevölkerung eine weite Kluft besteht. Hier ist es die Culturaufgabe des preussischen Staates, für die Erziehung der niederen Stände und insbesondere der Frauen bezüglich ihres Berufes Sorge zu tragen.

Kindergärten, welche zugleich die Kleinen möglichst zeitig den sie umgebenden schädlichen Einflüssen entziehen werden, auf Anschauung und folgerichtigem Denken basirter Schulunterricht, welcher auch das Notwendigste über Gesundheitspflege in sich zu schliessen haben wird, Lehrer-, Schul- und Volks-Bibliotheken, Fortbildungsschulen und alle Förderungsmittel der geistigen und sittlichen Bildung müssen dazu beitragen, die Denk- nnd Lebensweise und damit auch die Gesundheitsverhältnisse des Kreises gedeihlicher zu gestalten.

Schlusssätze.

1. Die Gesundheitsverhältnisse des alten Kreises Beuthen sind wegen der schädlichen Einflüsse der Bergwerks- und HüttenIndustrie, der dichten Bevölkerung und ihres niedrigen Culturgrades, des Wassermangels und der schlechten Beschaffenheit des Trinkwassers ungünstige.

2. Die Sterblichkeitsziffer desselben ist in allen Altersklassen, besonders aber bei den Männern nach dem 40. Lebensjahre, erheblich grösser als die des Staates und des Regierungsbezirks, die der Landgemeinden, besonders derer mit über 2000 Einwohnern, grösser als die der Städte. Verunglückungen sind häufig.

3. Die Monate Jnli, August und September weisen die grösste Todtenzahl auf.

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