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in dieser Beziehung bei uns in Dentscbland. Noch immer hält sich darin allerdings dem Beispiel der Regierung folgend die Presse der grossen Frage der öffentlichen Gesundheits-Pflege gegenüber ziemlich neutral; weiss sie doch, dass die öffentliche Meinung selbst noch keinesweges zu der Ueberzeugung von der fundamentalen Wichtigkeit dieser Frage gekommen ist. Nur zu bald wird daher bei uns, kam es wirklich einmal zu einer lebhaften öffentlichen Erörterung, die Debatte geschlossen, meistens in der Presse durch die Redaktionen der Zeitungen selbst, die zu erklären pflegen, nachdem sie eine Anzahl von Zuschriften in der That abdruckten, sie seien nunmehr nicht in der Lage Weiteres aufzunehmen, während sie keinesweges die Frage an einer andern Stelle etwa zum Abschlnss zu bringen für nothwendig halten. In diesen Erörterungen, wie in den Vereinen, ist nicht wie in England hauptsächlich das Bestreben massgebend, eine sachliche Einsicht zu erhalten; es gilt nicht, wie das verlangt werden muss, die Autorität des erfahrenen Sachverständigen, sondern es kommt, wie man leider nicht leugQen kann, vielmehr auf eine interessante Unterhaltung, ja, auf Skandal u. s. w. hinaus. Massgebend pflegt dabei nicht die anerkannt grössere Kenntniss, sondern vielmehr das Interesse und sogar die Leidenschaft der Partei zu sein. Es bestehen freilich noch andere, nicht minder wichtige Unterschiede. Zu ihnen rechnen wir vor Allem die so gänzlich verschiedene Auffassung über das Wesen und die Bedeutung der Polizei in England und auf dem Continent; eine Verschiedenheit, die sich allerdings gerade durch die Entwickelung der politischen und socialen Gesetzgebung hier und dort zur Genüge erklärt. In England hat die Polizei fast nie den Charakter verloren, den sie in einem Rechtsstaate haben muss, den nämlich der Wohlfahrtspolizei. Bei uns ist das leider nicht der Fall gewesen. Jahrhunderte lang im Gegentheil war die Polizei lediglich ein Werkzeug der geistlosesten und drückendsten Reaktion, selbst wo es sich zweifellos nicht um die Politik, sondern nur um die Interessen der öffentlichen Wohlfahrt, der Gesundheitspflege handelte, vermochte der continentale Staat von seinen falschen Anschauungen nicht abzugehen und raubte seiner Thätigkeit selbst dort den Erfolg, wo er sich im Reohte befand, weil es ihm an der nöthigen Unparteilichkeit gebrach. Hiervon hat der englische Staat sich fast jederzeit frei gehalten und die Wohlfahrtspolizei niemals benutzt, um seinen politischen Einfluss zu vergrössern. Aus diesem Grunde war es auch möglich, ihm die weitgehenden Befugnisse nicht vorzuenthalten, wenn sie sich aus sachlichen Gründen im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege rechtfertigen Hessen. Man darf in dieser Beziehung z. B. nur an die überaus strengen und weitgehenden Bestimmungen der Licensing Act von 1872 erinnern. Wie sonst bei praktischen Fragen hat die englische Gesetzgebung sich nicht gescheut, in tief in die Theorie des Freetrade eingreifenden Massregeln Schutz vor der zunehmenden Trunksucht zu finden. Es wäre das bei uns vorläufig unmöglich, so lange noch die Erinnerung daran lebendig ist, dass unsere Regierung Jahre lang ähnlich gesetzliche Vorschriften zu politischen Zwecken bei Wahlen etc. benutzt hat. Demungeachtet steht es fest, dass die Polizei bei uns dieselbe Stellung wie in England erbalten muss, soll die öffentliche Gesundheitspflege prosperiren.

Eine andere Differenz zwischen den englischen und unsern heimischen Verhältnissen besteht darin, dass bei uns die Aerzte es gewesen sind, welche am unermüdlichsten für die Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege eintraten, im Stich gelassen von den Behörden und Communen, ja oft im Kampfe mit denselben. Aus dieser Isolirung des ärztlichen Standes auf diesem Gebiete erklärt es sich, dass die öffentliche Gesundheitspflege bei uns nicht vorwärts kommt. Die theoretische Erkenntniss reicht gerade bei ihr am wenigsten hin, um die Schwierigkeiten der praktischen Ausführung zu verbinden. In England ging die Agitation dagegen aus von Mitgliedern der städtischen Corporationen und ergriff bald die Politiker des Parlaments wie der Regierung. Unter den englischen Aerzten erwarben sich allerdings nicht Wenige grosse Verdienste, die medicinischen Corporationen bleiben, soweit ich erkennen kann, als solche den Bestrebungen für die öffentliche Gesundheitspflege fern. Für unsere deutschen Verhältnisse ist nun bei der hervorragenden Stellung, welche die Aerzte in Sachen der öffentlichen Gasundheitspftege einnehmen, die Organisation dos ärztlichen Standes geradezu nothwendig; nur wenn die Aerzte als Corporation eintreten, werden sie das nöthige Gewicht in die Wagschale werfen können, welches ihnen nach Maassgabe ihrer Einsicht und ihrer rastlosen Thätigkeit auf diesem Gebiete unzweifelhaft gebührt. Diese Organisation ist, darin stimme ich Beneke bei, geradezu eine nothwendige Vorbedingung.

Aus Allem, was ich mir erlaubt habe hier vorzulegen, geht nun freilich hervor, dass noch eine Reihe sehr beträchtlicher Schwierigkeiten zu überwinden wären, ehe die Hoffnung auf eine schnellere Erledigung der Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege gerade auf den unteren Stufen der Organisation Raum gegeben werden kann. Demungeachtet muss der Versuch auch bei uns zwar möglichst bald gemacht werden. Es kann nicht meine Absicht sein, auf Einzelheiten hier einzugehen. Die Reformbedürftigkeit unserer preussischen Medicinalverfassung wird wohl allgemein anerkannt, und noch jüngst hat Herr Finkeinburg dieser Ueberzeugung einen ebenso scharfen als berechtigten Ausdruck gegeben. Es ist mir sehr wohlbekannt, dass eine Reihe angeblicher Vorzüge gepriesen werden, die Wirkungslosigkeit in der Praxis wird auch von den Anhängern nicht verkannt.

Ein allgemeines Einverständniss scheint darüber zu bestehen, dass der obligatorische Zusammenhang zwischen der gerichtlichen Medicin und der Sanitätspolizei im weiteren Sinne aufzuhören hat.

Ebenso ist es nothwendig, dass für die Angelegenheit der öffentlichen Gesundheitspflege Kreis-Physiker ernannt werden. Ueber die Grösse der Distrikte, für die sie zu fungiren hätten, gehen die Meinungen auseinander; als unbedingt erforderlich darf man erklären, dass diese Physiker eine genügend grosse Besoldung erhalten, um der Notwendigkeit, Praxis zu treiben, enthoben zu sein. Geschieht dies nicht, so werden Conflikta nicht ausbleiben, die in hohem Grade geeignet sind, die gesondheitspolizeiliche Wirksamkeit des deutschen Medical Officer of Health zu compromittiren. Bedenkt man die Menge der amtlichen Verpflichtungen, die dem Physikus auferlegt werden müssen, so kommt man leicht zu der Ueberzeugung, dass die Distrikte, besonders in unsern Ost-Provinzen auch nicht allzu gross gemacht werden dürfen. Hiermit hängt zusammen, dass die Besoldung des Physikus eine ausreichende zu sein hat. Die gänzliche Unabhängigkeit von der ärztlichen Praxis ist für den von uns postulirten Bezirksphysikus aber auch nothwendig in Bezug seiner Stellung zu den Aerzten seines Bezirkes, er wird dann der angemessenste Vertreter ihrer Interessen sein, und bei der Organisation des ärztlichen Standes, die doch unzweifelhaft zu Corporationen führen könnte, ist seine Rolle eine sehr wichtige und bedeutungsvolle. Diese Stellung müsste erheblich leiden, träte der Physikus als Concurrent der übrigen Aerzte auf. Zur Seite müsse ibm, wie in England der Inspector of Nuisances, ein technisch geschulter Beamter stehen, ein Wohlfahrtspolicist in unserem Sinne.

Ueberaus schwierig ist nun aber, wie schon weiter oben erwähnt wurde, die Einfügung dieser Beamten in die bestehende Organisation. Wie ist seine Verbindung mit dem Kreisausschuss-, mit den Communalbehörden za denken? Soll er fungiren in der Art der technischen Mitglieder unserer Regierungen? soll er in dringenden Fällen direct eingreifen und befehlen dürfen, während die übrigen Mitglieder der Ortsgesundheitsräthe mehr eine berathende Stellung einnehmen? Wo liegt die höhere Instanz, soll sie mit den jetzigen Regierungen zusammenfallen oder provinziell sein? Wie ist das Oberaufsichtsrecht der Centralbehörde zu organisiren? Ist ein deutsches Centralgesundheitsamt nothwendig, und wenn, welches sind seine Befugnisse?

Das sind nur einige der Fragen, welche erörtert und entschieden werden müssen; denn dass die jetzigen Zustände nicht dauern können, darüber besteht nirgendwo ein Zweifel. Auch darüber, unserer Ansicht nach, nicht, dass die öffentliche Gesundheitspflege schliesslich Sache des Reiches sei.

Die Medicinalpolizei gehört der Verfassung nach dem Reiche an, ebenso hat dasselbe, darin stimmen Alle überein, den Epidemien gegenüber die nöthigen Massregeln zu treffen und ist allein im Stande dazu. Nnn sind aber die Vorkehrungen gegen Epidemien unter keinen Umständen von den Massregeln zu trennen, die der öffentlichen Gesundheitspflege angehören; man kann vor Epidemien sich nur dann schützen, gegen die ausgebrochenen wirksam vorgehen, wenn man die öffentliche Gesundheitspflege fördert. Wer daher den Kampf gegen die Epidemien für Reichssacbe hält, muss diesem auch die Aufsicht über die Organisation der öffentlichen Gesundheitspflege zuerkennen.

Das Impfgesetz vom 8. April 1874 ist unzweifelhaft ein sehr bedeutender Fortschritt nach dieser Richtung hin, und es ist nur nöthig auf diesem Wege fortzubauen, um zu weiteren Resultaten zu gelangen. Gleichzeitig finden sich in ihm die Grandzüge für die Art und Weise, in der das Oberaufsichtsrecht des Reiches zu organisiren sein würde. Bei Gelegenheit des Impfgesetzes ist wiederholt auch im Reichstage die Nothwendigkeit eines Centralamtes für öffentliche Gesundheitspflege hervorgehoben worden, und hat man besonders die medicinische Statistik genannt als denjenigen Gegenstand, zu dessen Förderung ein solches Amt vorwiegend zu schaffen sei. Es ist nun aber zweifellos, dass die medicinische Statistik nicht geschaffen werden kann, ehe nicht eine Organisation der Öffentlichen Gesundheitspflege in den Distrikten und Kreisen, als ihrer territorialen Grundlage, voranging. Die Nothwendigkeit der Eruirung der Todesursachen, der Leichenschau, wird nirgendwo bestritten. Die Schwierigkeiten, und sie sind keineswegs gering, beginnen aber sofort, wenn es sich handelt um die Ausführung, um die Persönlichkeiten, denen die Todtenschau als verantwortliches Amt zu übertragen ist, die dieselben respective zu beaufsichtigen verpflichtet sind.

Zur Durchführung der Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege und ihrer Organisation ist auch bei uns eine intelligente und nachhaltige Agitation nothwendig. Bis jetzt ist dieselbe noch viel zu flüchtig und unbeständig. Die öffentliche Meinung muss noch viel mehr aufgeklärt werden, als bisher geschehen ist. Wäre dies der Fall gewesen, so war es unmöglich, dass selbst in dem neuen Reichslande Elsass-Lothringen die gerechtesten Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege keineswegs erfüllt sind. Hier hatte man ein freies Gebiet, eine wohlwollende Regierung und Organisatoren, die wie z. B. Herr Wasserfuhr die Bedürfnisse der öffentlichen Gesundheitspflege anerkannten und stets verfochten haben. Der bei dieser Gelegenheit zu Stande gebrachten Organisation sollen nun erhebliche Vorzüge nicht bestritten werden.

Aber wenn man mit Recht dem Kreisgesundheitsrathe einen besonderen hygieinischen Specialisten, den Kreisarzt, beiordnete, der ungefähr die Functionen des englischen Medical officer of health hat, so sind 400 Thlr. Gehalt und 100 Thlr. Pauschquantum für Reisen etc. absolut unzulänglich, und diese falsch angebrachte Sparsamkeit wird dort wie so unzählig oft die besten Absichten vereiteln. Eine rechtzeitige Agitation würde zweifellos bei gehöriger Aufklärung der öffentlichen Meinung, besonders durch dio Presse, einen derartigen Fehlgriff verhindert haben.

Vierteljihrsschr. f. ger Med. N. F. XXII. 1. 13

(Sitzung vom 19. Mai 1874.)

Berathung und Annahme des Impfentwurfes, von Prof. A. Hirsch, Dr. Börner, Prof. Skrzeczka, Generalarzt Böger, Geheimrath Meitzen unter Zuziehung des Geheimraths Eulenberg entworfen.

Vorstellung der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege in Berlin, betreffend „die Einrichtung der Impflisten und Impfscheine nach den Forderungen des Impfgesetzes vom 8. April 1874 und deren Verwerthung für die Zwecke der medicinischen Statistik."

An
das Reichskanzler-Amt zu Berlin.

Dem hohen Reichskanzler-Amt beehrt sich die unterzeichnete Deutsche Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege in Betreff der Ausführung des Impfgesetzes vom 8. April 1874 folgende Wünsche für die Einrichtung des Impfgeschäfts, der Impflisten und Impfscheine ganz gehorsamst zu unterbreiten.

Dieselbe sieht in der gesetzlich angeordneten Impfung und Besichtigung aller Kinder und der im 12. Lebensjahre stehenden Jugend eine Gelegenheit, Aufgaben von grösster Tragweite zur Lösung zu bringen. Sie hält es für vollkommen ausführbar, durch zweckmässige Einrichtung der betreffenden Listen und Scheine, den Gesundheitszustand der Bevölkerung im jugendlichen Altir zu beobachten und zugleichtdie Möglichkeit herbeizuführen , für jedes Individuum gewisse Umstände seiner ersten Entwicklung zu constatiren, deren beweisfähige Kenntniss in verschiedenen Fällen seines späteren Lebens sowohl für den Einzelnen selbst, wie für das öffentliche Leben von der grössten Wichtigkeit werden kann. Die Gesellschaft hat sich bemüht, die für die Verwerthung dieser Sachlage sich darbietenden Gesichtspunkte aufzusuchen. Sie ist dabei von «lern Grundsatze ausgegangen, dass, bei aller Bedeutung des vorschwebenden Zieles, dasselbe gleichwohl nur soweit verfolgt werden dürfe, als das ohne irgend erhebliche Erschwerung des Impfgeschäftes und ohne fühlbaren Aufwand an Mühe, Zeit oder Kosten erreichbar sei, dass es aber auch innerhalb dieser Beschränkung eine öffentliche Pflicht ist, dasselbe mit den zweckdienlichsten Mitteln anzustreben.

Die Wünsche, welche sich aus diesen Erwägungen ergaben, hat die Gesellschaft geglaubt, in der Formulirung einer Impf- und Revaccinationsliste, sowie eines Impf-Revaccinationsscheines, in einem dieselben erläuternden Berichte und einem Entwurfe der Bestimmungen über die zur Ausführung des Impfgesetzes vom 8. April 1874 erforderliche Listenführung zum Ausdrucke bringen zu sollen.

Einem hohen Reichskanzler-Amt erlaubt sich die Deutsche Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege in den Anlagen diese Schriftstücke mit der Bitte ehrerbietigst zu überreichen, die darin ent

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